Eigentümlichkeiten im Charakter der Lipper

Oma Wolf aus Leopldstal 1925.

Wer stets an seiner heimischen Scholle geklebt hat, wird nicht leicht zu einem unbefangenen Urteil über seine Landsleute gelangen. Weil der höhere Gesichtspunkt zur Beurteilung fehlt, wird die Perspektive nur zu leicht eine unrichtige sein: Die Vorzüge sowohl wie die Schwächen der Stammesgenossen erscheinen zu groß, ähnlich wie in der Optik ein Gegenstand, der aus zu großer Nähe betrachtet wird, in seinen Verhältnissen nur schwer erkannt wird.

Zu dieser Betrachtung fühlte ich mich veranlaßt, als in einem thüringischen Universitätsstädtchen eine hochgebildete und vielgereiste Dame mit mir ein Gespräch begann über die Charaktereigenschaften des lippischen Volks. Sie zog zwischen diesen und den Thüringern eine Parallele. Sie fasste ihr Urteil dahin zusammen, dass ungeachtet einiger hervorstechender Mängel der Charakter des unverdorbenen lippischen Landvolks ein hochsympathischer und achtunggebietender sei. Dies entschiedene Lob meiner Stammesgenossen aus vorurteilslosem und berufenem Munde erfreute mich und gab mir Anlass, ihm weiter nachzudenken bei meinem Aufenthalte sowohl in der Heimat wie auch unter anderen deutschen Volksstämmen.

Alter Lipper

Das Leben der Neuzeit mit seinen so unendlich vermehrten und verbesserten Verkehrsbedingungen hat nivellierend auf die Stammesunterschiede der deutschen Völker eingewirkt; wir haben Gutes sowohl wie Schlechtes von anderen Volksstämmen, ja auch vom Auslande angenommen. Trotz alledem aber dürfte die Bemühung, charakteristische Besonderheiten bei unseren Lippern herauszuheben, nicht ganz vergeblich sein.

Da tritt für Lippe und die angrenzenden Gebiete sogleich die Neigung zur Absonderung hervor. Hierin ist es bei uns geblieben, wie es zur Zeit des Tacitus war.

„Wo eine Quelle, ein Stück Ackerland, ein Wäldchen ihnen zusagt, siedeln sie sich an.“

Wir haben Gelegenheit genommen, den Beweggründen nachzuforschen, die zu solchem Anbau in der Einsamkeit, zu solcher Absonderung von den bisherigen Dorfgenossen geführt hat. Fast immer war der Hauptbeweggrund der, dass die Ansiedler da, wo sie ihre neue Wohnstätte errichteten, ihr Grundeigentum an Ländereien besaßen. Landschaftlich schöne Lage und günstige Quellwasserverhältnisse begünstigten den Entschluss.

In einem Falle fand die Ansiedlung an einem von den Verkehrsstraßen abgesonderten, in völliger Einsamkeit gelegenen Platz statt, es kam hier zu den anderen angeführten Beweggründen derjenige von Misshelligkeiten mit den früheren Dorfnachbarn hinzu.

Mit dieser Neigung zur Absonderung hängen andere Eigenschaften des Lippers innig zusammen: es ist das eine gewisse Verschlossenheit dem Fremden gegenüber, sowie eine Art von Ernst und Gravität, die auf den oberflächlich urteilenden Fremden oftmals unangenehm einwirken. Wer sich eine Weile in Mitteldeutschland aufgehalten hat, wird wissen, wie unendlich gesellig, geschwätzig und naiv-offenherzig diese Leute sind. So hatte ich einmal in der Nähe von Rinteln in einem Dorfgasthause Gelegenheit, mit einem mir völlig ungekannten Fabrikarbeiter ins Gespräch zu kommen. In der kurzen Zeit unseres Zusammenseins hatte der vollkommen nüchterne Mensch mir eine solche Menge der allerintimsten Mitteilungen aus seinem Privatleben gemacht, dass ich, wenn ihn seine Sprache auch sonst nicht verraten haben würde, notwendig auf einen außerhalb

Vor dem Lehrerhaus in Hörstmar 1910

Niedersachsens Geborenen hätte schließen müssen. Auf meine Frage wurde mir denn auch bestätigt, dass er ein Thüringer sei. Es würde jedoch nicht zutreffend sein, wenn man unsere Lipper für finster und verschlossen halten wollte. Sie sind es im ganzen nur dem Fremden gegenüber, den sie mit Zurückhaltung, wenn nicht mit Misstrauen zu behandeln pflegen. Hat man einmal nähere Bekanntschaft gemacht und Vertrauen gewonnen, so pflegen sie mit großer Herzlichkeit und Innigkeit sich zu geben. Sie sind dann auch keineswegs mehr übermäßig schweigsam, sondern reden gern und viel, und meist in einer biederen, man möchte sagen, von Ethik und Lebensphilosophie getragenen Weise.

Als bedeutsam für  unser Volk,  namentlich  auch  für unsere Lipper, möchten wir noch die Art hervorheben, wie sich das Liebesleben des Volkes darstellt. Es würde ja leider der Wahrheit widersprechen, wenn wir behaupten wollten, jene Keuschheit und Sittlichkeit, von der Tacitus in solch hohen Tönen zu reden weiß, sei auch heutigestags noch ein besonderes Merkmal des Niederdeutschen, zumal des Lippers. Dennoch aber ist es wahr, dass man, wenn man die Begriffe Keuschheit und Sittsamkeit nicht allzu eng umgrenzen will, unserem Stamme gewisse Vorzüge nicht nur vor anderen Nationen, sondern auch vor anderen deutschen Volksstämmen zuschreiben darf.

Eine scheinbare Kleinigkeit, aber doch von nicht geringer Bedeutung ist z. B. der Umstand, dass es dem Volke für eine Schande gilt, Zärtlichkeiten unter Liebenden, seien sie nun Ehegatten oder Verlobte, öffentlich auszutauschen. Hierin ist unser gemeines Volk zartfühlender als wir sogenannten Gebildeten. Dass Personen, die am Bahnhofe sich bewillkommen oder verabschieden, einander umarmen und küssen, erscheint uns nicht anstößig; die sogenannte gute Gesellschaft erlaubt sich das unbedenklich. Der Ziegler aber, wenn er vielleicht für sechs bis acht Monate Abschied von den Seinigen  nimmt,  würde sich einer Umarmung, eines Kusses auf dem Bahnhofe, wenn er nicht bloß den Kindern, sondern auch der Gattin gegeben würde, schämen. Die Zärtlichkeit des Abschiedes und der Bewillkommung gehört ins Haus, nicht aber vor die Öffentlichkeit.

Auch führt der gemeine Mann seine Gattin, seine Braut in der Öffentlichkeit nicht am Arme, mit der einzigen Ausnahme des Ganges zum und vom Traualtar. Man geht wie ein paar gute Freunde nebeneinander, aber getrennt. Und dies ist nicht etwa ein Zeichen mangelnder Hilfsbereitschaft gegen die schwächere Frau; im Gegenteil, wenn es sich um das Tragen schwerer Lasten, oder auch nur um die Erleichterung der Gattin von der Bürde eines unmündigen Kindes handelt, so wird man hierzulande die Hilfsbereitschaft des stärkeren Mannes nie vermissen.
Der Ehebruch, wenngleich nicht mehr von der Strenge der Staatsgewalt und harten Gesetzen bedroht, ist bei unserem Landvolke im ganzen selten, noch seltener die Ehescheidungen. Dem ernsten, gemütvollen Sinne des Norddeutschen entsprechend, gilt dem lippischen Landmann, dem Handwerker, dem Arbeiter das Familienleben heilig.

Quelle: Lippe Anno dazumal

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