Ein Augustdorfer Jägeroriginal

Die Senne 1865. Ölgemälde von Ludwig Menke aus dem Jahre 1865 (Lippisches Landesmuseum).

Der im 2. Weltkrieg gefallene Lehrer Karl Kelle, der vor dem Krieg Mitpächter der Augustdorfer Gemeindejagd war, berichtet in seinen mir vorliegenden Jagdaufzeichnungen von einem Augustdorfer Jägeroriginal aus den zwanziger Jahren.
In seiner Jugendzeit hatte Heuna, so wurde er von den Augustdorfern genannt, gewildert und kannte die Augustdorfer Jagdgefilde wie seine Westentasche. Später hatten ihn die Jagdpächter als Jagdaufseher angestellt. Nun konnte Heuna seiner Jagdleidenschaft auf legale Weise frönen. Die Jagdpächter aber konnten sich, wie Karl Kelle schreibt, keinen besseren Jagdaufseher wünschen. Heuna wußte, wo die Rehböcke standen, er kannte die Stellen, wo die Hasen in der Heide zu finden waren und er verstand es, Jagdherren und Gäste stets an Wild zu bringen.
In einer eiskalten Winternacht des Jahres 1929 gelang es Heuna, einen kapitalen Keiler zu erlegen. Karl Kelle berichtet darüber:
Wer stellt sich bei fast dreißig Grad Kälte nächtelang auf Sauen an? Wer riskiert dies mit einer selbstkonstruierten, einläufigen, silberbronzierten und äußerst dünnwandigen Donnerbüchse? Heuna allein bringt dies fertig. Heuna steht bei grimmiger Kälte nicht eine, zwei oder drei Stunden auf Sauen an, Heuna steht die ganze Nacht. Heuna erzählt, wie er mit den nötigen „Utensilien“ und der „Silberbüchse“ wie so manches liebe Mal am vorhergehenden Abend auf den Anstand zog. Nach stundenlangen Harren sieht und hört er den Keiler auf dem verschneiten Wechsel im Mondlicht herankommen. Heuna ist schon lange fertig. Für ihn heißt es: herankommen lassen bis auf nächste Distanz, sonst kann er nicht für den Schuss garantieren und ein Schuss muss es schon tun in Ermangelung eines zweiten. Einen groben Keiler mit einem Postenschuss auf die Schwarte zu legen, will schon etwas heißen. Der Keiler hat in dem tiefen Schnee mit sich selbst genug zu tun. Er kommt
näher und näher. Jetzt ist er schon auf fünfzig Gänge heran, als er verhofft. Heuna zuckts in den Armen, doch er bleibt ruhig, denn er weiß genau, daß er auf die Entfernung dem Bässen nichts zuleide tun kann. Und wirklich tut der Keiler ihm den Gefallen und kommt noch näher. Längst hat Heuna den Püster an der Backe. Auf fünfzehn Gänge reißt er durch und mit dem Krach  einer Kanone entlad sich die Einläufige. Nachdem Blitz und Donner sich verzogen haben, sieht unser Nim-rod den Keiler vor sich im Schnee sitzen, das Haupt hoch erhoben. Heuna beginnt in Eile, einen Patronenwechsel vorzunehmen. Aber, o Schreck, was zuvor an der Silberbüchse nie bemerkt, war nun mit einem Male eingetreten: eine regelrechte Ladehemmung. Während Heuna sich noch bemüht, wird der Keiler wieder hoch und nimmt unseren Jägersmann an. Heuna tut das Einzige, was in solchen Situationen zu tun ist, er türmt mit Windeseile. Trotz der langen Beine Heunas aber kommt der Keiler auf. Ein rettendes Bruch läuft quer zur Fluchtrichtung. Heuna landet hakenschlagend darin, der Keiler saust an ihm vorbei. Endlich gelingt es den verklammten Fingern Heunas, die abgeschossene Patronenhülse mit einer neuen zu vertauschen.  Schon steigt in Heuna wieder der Mut. Langsam pirschend nähert er sich dem im Wundbette sitzenden Schwein. Im selben Augenblick, als der Schuß kracht, ist der Keiler schon wieder auf den Läufen und nimmt den Jäger abermals an. Zum zweiten Male entrinnt Heuna mit knapper Not dem Jägertod. Der Keiler ist nun doch schon merklich matter. Es gelingt Heuna zum dritten Male, einen Schuß anzubringen. Da endlich streckt sich der  Grobian und mit drohendem Blick tritt Heuna an die stolzeste Beute seines Lebens. „Dat häwe schafft“ kommts aufatmend von seinen Lippen. Liebkosend streicht seine Hand über die „Silberbüchse“. Wenn sie auch manchmal etwas störrisch ist, tat sie aber doch immer noch ihre Pflicht. Darum schwört Heuna auf sie und duldet keinen Spott. Bald ist die alte Schiebkarre vom Haus geholt und im Schweiße seiner fünfzig Jahre erweist Heuna seinem Schwein die letzte Ehre. Die Mömke muß die Lüchten halten, während Heuna auf der Deele den Keiler aufbricht. Am nächsten Abend wurde der Keiler, der aufgebrochen über drei Zentner wog, im Dörenkrug zünftig totgetrunken.
Soweit der Bericht Karl Keiles.
Wer von den heutigen Jägern, die mit hochmodernen, mehrschüssigen Gewehren auf die Saujagd ziehen, vermag die Mühsal und Strapazen noch zu ermessen, die die geschilderte Erlegung dieses Keilers mit sich brachten.
Heuna hatte bei den Gardejägern gedient und als solcher den ersten Weltkrieg mitgemacht. An Courage mangelte es ihm nicht, wie die folgende Schilderung Karl Keiles zeigt:
Vor einigen Wochen hütet ein Junge eines Kolons, der in der Nähe des Pollmannskruges wohnt, beim sogenannten Heidehaus seine Kühe. Er hört im Heidehäuschen Brechen und sonstige verdächtige Geräusche. Der Junge ist gewitzt, läuft nach Haus, berichtet und der Alte läuft zu seinem Nachbarn Heuna. Wie erwartet, rennt Heuna sogleich mit. Unterwegs greifen sich beide Männer dicke Knüppel und schicken den Jungen zurück, um Heunas Gewehr zu holen. Am Heidehaus angelangt, brüllt Heuna den darin befindlichen Einbrechern zu: Hariutkumen, euna non annern. Wenn euna wechlaupen will, den schloh wui den Brägen in. Erst wollen es die Spitzbuben mit der Flucht versuchen, doch der furchterregende Anblick des knüppelschwingenden Heunas läßt sie immer wieder erschreckt zurückfahren. Endlich  kommt der Junge mit der Flinte. Da geben die Einbrecher auf. Einer nach dem andern kommt aus dem Haus heraus. Heuna übergibt dem Kolon die Flinte und fesselt die  Diebe kunstgerecht. Dann werden die Einbrecher, drei an der Zahl, im Triumpfzug zum Pollmannskrug gebracht und der herbeigerufenen Polizei übergeben.

Quelle: Von Friedrich-Wilhelm Schröder, Heimatland Lippe 07/1975