Ein Augustdorfer Zieglerleben um 1900

Lemgoer Ziegler auf Kampagne

Um die Jahrhundertwende arbeitete ein großer Teil der Augustdorfer im Zieglerberuf. Die wenigen wirtschaftlichen Verdienstmöglichkeiten innerhalb des Dorfes zwangen die Männer, nach auswärts zu gehen. Die kümmerlichen Erträge des Sandbodens reichten zum Lebensunterhalt der Familie kaum aus. Überdies hatten fast alle Familien eine ansehnliche Kopfstärke. Das Bargeld für Steuern und gelegentliche Anschaffungen fehlte vollkommen. Was lag näher, als im Sommer als Zieglerarbeiter das notwendige Bargeld zu beschaffen.

Kinder beim hüten von Kühen und Ziegen. Bad Salzuflen um 1906

Das harte Leben setzte nicht erst auf der Ziegelei ein, sondern bereits im schulpflichtigen Alter. Es war durchaus üblich, 7jährige Kinder bei einem Bauern zu verdingen. Ihre Hauptarbeit bestand im Kühehüten. Da die Schule nicht eben hoch im Kurs stand, versuchten die Bauern, die Kinder stärker zur Arbeit als zum Schulbesuch anzuhalten. So kam es vor, daß man die Kinder mit Vorliebe in solche Orte schickte, in denen die Schulentlassung im Herbst stattfand. Auf diese Weise erreichte man es, daß diese Kinder den Bauern ein volles halbes Jahr zur Verfügung standen, während in anderen Orten die Kinder erst an dem darauf folgenden Ostern entlassen wurden. Herr Gaus weiß aus eigener Anschauung zu berichten, daß Kinder noch im letzten Schuljahr die Schule des Nach- bardorfes besuchen mußten, wenn diese gegenüber der Schule des Heimatdorfes die Kinder ½ Jahr früher entließ.

Es ist nicht verwunderlich, wenn die Kinder auf Grund dieser Einstellung und der äußerst ungünstigen Voraussetzungen in der Schule wenig lernten. Viele haben ihre Kenntnisse im Lesen und Schreiben später im Gesangverein vervollständigen müssen, wie Herr Gaus auch von sich selbst berichtet.

Das freudelose und entbehrungsreiche Kinderleben trieb die Kinder mit 14 Jahren förmlich in den Zieglerberuf hinein. Der erste Berührungspunkt dieser Anfänger mit dem Zieglerleben fand auf dem Knochenmarkt in Lage statt. Dort trafen sich in den Frühjahrsmonaten an jedem Mittwochvormittag die Ziegler und die Meister. Unter ihnen sah man auch zahlreiche Augustdorfer Gesichter. Alle bewegten sich zwanglos auf dem Marktplatz, die Meister gingen durch die Menge und suchten sich ihre Leute aus, wobei sie junge und erfahrene Männer bevorzugten. Für die Angeworbenen gab der Meister nach altem Brauch einen aus. Das Fahrgeld zur Ziegelei wurde nur in Ausnahmefällen erstattet, meist mußten es die Ziegler selbst tragen. Mehrere Meister aus einer Gegend besorgten auch wohl einen Extrazug. In späteren Jahren fand auch in Augustdorf bei Holzkämper (heute Multhaupt) ein Knochenmarkt statt. Hier erschien der Großmeister Hillbrink und warb Leute für eine Großziegelei bei Hannover. Das Augustdorfer Angebot war immer zahlreich, kaum ein Haus fiel aus. Einige kleinere Bauern ließen sich sogar für die Zeit bis zur Ernte anwerben.

Die Reiseziele der Augustdorfer waren recht unterschied- lich: Das Gebiet der Elbe, die Chemnitzer Gegend, Frankfurt a.M., Schleswig und Dänemark, sogar ins Baltikum sollen einige gekommen sein. Wurden diese Reisen früher in der Hauptsache zu Fuß oder mit Fuhrwerken zurückgelegt, so gab es um 1900 bereits die Eisenbahn. Allerdings mußte man von Augustdorf aus zuerst bis Herford oder Altenbeken, später nur bis Lage zu Fuß gehen. Die Ziegler trafen sich morgens in Augustdorf und zogen gemeinsam zum Bahnhof. An dem weißen Sack und der ledernen Tasche, aus der die Flasche griffbereit herausragte, waren sie als Ziegler zu erkennen.

Als Augustdorfer Ziegler eines Morgens durch Pivitsheide kamen, trug sich folgende neckische Begebenheit zu: „Wi jü up Tichelswerk?” rief die Frau eines Pivitsheider Zieglers den Augustdorfern entgegen. „Jo, jo”, erscholl es wie aus einem Munde. „Kün jü fo muinen Hermann de greuten Hansken metniehmen, de het heu vergetten.” „Gif sie man her, dat geut in Ordnung.” Ein leises Kichern und weiter gehts.

Augustdorfer Arbeiter auf Zieglei in Bochum 1927

Die Augustdorfer hatten stets anständig zu tragen, denn auf zusätzlichen Speck und zusätzlicher Heimatwurst legten sie während der Sommermonate großen Wert. Die Heimat war weit und zum Schreiben und Schicken, vor allem aber zum Schreiben bestand wenig Neigung. Als Unterkunft diente ein langer Raum, in dem rechts und links reihenweise die Betten aufgestellt waren. Über jedem Bett wurden die Vorräte aufbewahrt. Außerdem gab es eine Speckbude, in der die Verpflegung für die Kommune hing, die die Meister von den Ortsschlachtern für den ganzen Sommer einkauften. Das Brot hielt sich jeder selbst, der Meister bestellt es für alle beim Ortsbäcker und heimste dafür wieder seine Prozente ein. Verschiedene Meister sollen mehr als einmal versucht haben, mehr herauszuholen als recht war. Zu Pfingsten lieferte der Bäcker als Gegenleistung für die Bestellung für jeden Ziegler einen Stuten. Die Kommune kostete zuerst M. 1.50, später M. 2.50 pro Woche. Die Mahlzeiten wurden gemeinsam in einem Eßraum eingenommen.

Ein Zieglertag
Wecken 2.30 Uhr
Arbeitsbeginn 3.00 Uhr
Frühstück 7.00 bis 7.30 Uhr
Mittag 12.00 bis 1.00 Uhr
Kaffee 4.00 bis 4,30 Uhr
Arbeitsschluß 9.00 Uhr

Wer nach diesem langen Arbeitstag noch wagte, etwas zu erzählen, wurde als Störenfried zurecht gewiesen. Als Hauptverpflegung gab es jeden Tag Erbsen mit Speck und an Sonntagen als Abwechslung weiße Bohnen mit Speck. Die Zubereitung besorgte ein Junge im ersten Zieglerjahr. Seine sonstige Arbeit bestand im Abtragen der Steine. Im zweiten und dritten Jahr mußte er ausstechen, dann auskarren und schließlich Steine machen.

In manchen Gegenden, vor allem dort, wo die geformten Steine den Witterungseinflüssen ausgesetzt waren, mußte ohne besondere Vergütung auch Sonntags gearbeitet werden. Der Meister bekam als Lohn für sich entweder einen Pauschalbetrag für jeden Arbeiter oder aber er bekam Prozente auf die Anzahl der hergestellten Steine. Für je Tausend erhielt er einen bestimmten Betrag, von dem er seine Leute im Annehmen und die Lohnarbeiter bezahlten mußte. Im Durchschnitt rechnete man auf 10 Mann oder auf einen Schneidetisch 1.000.000 Steine pro Campagne. Ob mehr oder weniger Steine hergestellt wurden, hing vielfach von der Witterung ab. Ein Steinemacher konnte wohl 10.000 Steine am Tage formen, gelegentlich auch 11 bis 12.000. Als später die Arbeitszeit kürzer wurde, konnte diese Leistung gehalten werden, weil die Leute ausgeruhter waren.

Der Samstag bedeutete in der eintönigen Arbeitswoche einen Höhepunkt. Da wurde getanzt und Musik gemacht und die Lipper waren einmal gar nicht stur. Den Jungen wurde bei dieser Gelegenheit das Tanzen beigebracht, damit sie im Winter auf dem großen Zieglerball mithalten konnten. Geld wurde wenig ausgegeben, es blieb während der ganzen Campagne beim Unternehmer stehen und brachte diesem nebenbei noch Zinsen ein. Allerdings konnte man sich sonntags Taschengeld geben lassen. Wenn ein Junge aber an zwei aufeinander folgenden Sonntagen 50 Pfennig haben wollte, hieß es gleich: „Was willst Du damit machen?”
Pfingsten war Höhepunkt der Campagne. Dieser Höhepunkt wurde mit ausgelassener Fröhlichkeit begangen. Alle, die zum ersten Mal zur Ziegelei gingen, wurden vor den Augen der ganzen Belegschaft mit einem unförmigen Messer rasiert, nachdem sie mit Ofenruß anstatt Seife eingeseift worden waren. Der Rasierer machte während dieser Prozedur tolle Späße. Alle seine Bewegungen mußten von den Anwesenden nachgeahmt werden. Der Meister saß währenddessen auf dem Tisch und notierte mit Fleiß alle Fehler und jedes Lachen. Jedes Vergehen kostete einen halben Liter Schnaps (60 Pfennig pro Liter). Die Aufrechung ergab häufig eine recht ansehnliche Menge. Davon wurde jeden Morgen zum Frühstück an alle gleichmäßig ausgegeben. War die Rasur beendet, wurde eine Karre herbeigeholt. Man lud den Jungen und den zusammengefegten Bart ein und fuhr sie in den nächsten Nesselbusch oder ins Wasser.
Jäh näher man dem 14. Oktober kam, dem Ende der Campagne, um so häufiger redete man von Augustdorf. Im Dörenkrug feierte man das Wiedersehen mit den Frauen, die inzwischen das Hauswesen und die Wirtschaft allein geführt hatten. Die meisten Ziegler sah man schon bald als Waldarbeiter oder als Weber ihrer Winterbeschäftigung nachgehen. Im Januar leuchtete noch einmal Zieglerstimmung auf im Zieglerball, auf dem bereits wieder die ersten Verabredungen für die neue Campagne getroffen wurden.
Bis zum ersten Weltkrieg waren es vor allem Lipper, die als Ziegler in allen deutschen Landschaften tätig waren. Nachdem im engeren Heimatgebiet ebenfalls Ziegeleien entstanden, zogen es die Lipper vor, auf ihnen zu arbeiten. So verlor sich auch allmählich für die Augustdorfer der Charakter als Fremdarbeiter.

Nach einem mündlichen Bericht des Zieglers Hermann Gaus, aufgezeichnet im Jahre 1950 von Werner Hüttemann.