Ein Barntruper Schnatgang 1801

Luftbild von Barntrup um 1963

Es hat seine besonderen Reize, einmal zu erfahren, wie sich früher die Landbevölkerung über ihre Grenzen einigte, in einer Zeit, als es noch keine Kataster im heutigen Sinne gab. Setzte man genau wie heute Grenzsteine, oder gab es auch noch andere Gedächtnisstützen? Auf diese Fragen soll die folgende Beschreibung eines Schnatgangs1Der Schnatgang oder Schnadgang, ist in zahlreichen Gemeinden, vor allem Westfalen und Niedersachsen ein wiederbelebter  alter oder seit Jahrhunderten bestehender Brauch der Grenzbegehung. „Schnade“, niederdeutsch auch „Snat“ oder „Schnaot“, ist verwandt mit „Schneise“ und bedeutet Grenze.des Jahres 1801 Auskunft geben.

Im Namen der Hochgelobten Dreifaltigkeit. Amen. Kund und zu wissen sei durch dieses offene Instrument, als im Jahre 1801, es war am Donnerstage nach dem 15. Sonntage, nach dem Feste der Heiligen Dreieinigkeit, Indictione Romanorum quarta, unter der Herrsch- und Regierung des Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten und Unüberwindlichsten Fürsten und Herrn Franz des Andern, erwählten Römischen Kaisers, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, Königs in Germanien, zu Jerusalem, etc. Seiner Römisch Kaiserlichen Majestät Herrschaft und Regierung im 10. Jahre, ich, der Notarius Kleinschmidt zu Hameln, einRequisitionsschreiben verschlossen, folgenden Inhalts erhielt.  Das an Kleinschmidt gerichtete Schreiben enthielt eine Einladung zu einem geplanten Schnatgang um das Kerßenbrocksche Jagdgebiet. Der Hamelnsche Notar Kleinschmidt hat dieser Bitte entsprechend sich am 19. September in Barntrup eingefunden. Der Schnatgang sollte am 21. September stattfinden. Nach Tagesanbruch wurde auf dem Hofe des Gutes Barntrup geblasen. Es versammelten sich daraufhin die Herrn Requirenten und eine Reihe geladener Jäger und Zeugen „mit Büchsen und Flinten bewaffnet, auch mit Pulver, Hagel, Kugeln und Hunden versehen“. Jeder Jäger führte einen „Halben Mond“, und außerdem waren noch zwei Hautboisten zugegen. Auch zwei Knaben sollten sich mit den Grenzen bekannt machen.

Bei einer Musik auf Halben Monden und Waldhörnern begab sich die ganze Gesellschaft vom Niedemhof in Barntrup aus zum Ostertore hinaus auf den Steinberg. Die Jagdgesellschaft kündigte durch eine Generalsalve ihre Ankunft an und ließ durch wechselseitiges Blasen auf Halben Monden und Waldhörnern „die ganze Gegend ertönen“. Außerdem wurden zwei Bäume, der eine mit v. K. (von Kerßenbrock), der andere mit 1801 bezeichnet. Den beiden Knaben wurde die Jagdgrenze gezeigt und zum unvergeßlichen Andenken jedem eine Ohrfeige gereicht. Der Grenzzug ging weiter bis an den Turm zu Meien in der Nähe des Litzenkruges an der Blom- berger Heerstraße, woselbst eine Generalsalve gegeben, auf den Halben Monden und Hörnern abwechselnd geblasen und in eine Buche Name und Jahreszahl eingeschnitten wurde. In eine daneben stehende Buche wurde eine Kugel geschossen und jedem der beiden mitgenommenen Knaben, damit sie sich die Grenze recht merken sollten, wieder eine Ohrfeige gereicht. Generalsalven und Musik auf den verschiedenen Blasinstrumenten lösten einander ab. Um ½11 Uhr kam die „Jagdgrenzbeziehungsgesellschaft“ beim Litzenkruge an und verzehrte unter einer Linde vor dem Hause das Frühstück.

Nach dieser kleinen Erquickung führte der Grenzzug bis auf die Graben Klus, wo der kleine Klusmeier zur Erinnerung an diesen Jagdgrenzzug einen Backenstreich erhielt. Der achtjährigen Tochter des Grabenmeier wurde die Jagdgrenze durch einen Schlag vor den Hintern und durch „einen guten Groschen ins Gedächtnis eingeschärft“. Auf einem strittigen Jagdgebiet wurde sogleich eine Jagd abgehalten. Der Grenzzug ging weiter zum Bürgermeisterstein neben dem Elkenberge. Tappen Sohn wurde mitgenommen. In die Türständer des Koppschen Hauses zu Grießem wurde wieder Name und Jahr eingeritzt, Backenstreiche für die Knaben, Jagdmusik auf Halben Monden und Hörnern und Generalsalven wechselten in einer ganz bestimmten Reihenfolge ab. In der Helle bei Alverdissen wurde der Schnatgang des ersten Tages abgebrochen, und mit einer Jagdmusik ging es in gehöriger Ordnung ins Nachtquartier im Neuen Krug an der Hauptstraße in Alverdissen, wo die Gesellschaft während der „Blasung einer Jagdfanfare sich zerstreute“, ihre Gewehre in Sicherheit brachte und sodann zur Abendmahlzeit schritt.

Die beiden folgenden Tage des Schnat- ganges verliefen ähnlich. In der Nähe des Püllenberges wurde ein vermeintlicher Wilddieb mit drei Gewehren, wovon das eine mit starkem Schießpulver geladen war, festgenommen. Nachdem die Schuldlosigkeit erwiesen, ließ man ihn wieder frei.

Auf dem Süntrupper Felde war es sogar der 23jährige, dort pflügende Christoph Gosker aus Großenmarpe, der, um sich des Jag’dgrenzzuges künftig zu erinnern, erst Branntwein und darauf einen Backenstreich erhielt, so daß er viele Tränen weinte und man vieler Worte bedurfte, um ihn zu beruhigen. Die Abendmahlzeit wurde bei Riechenmeier auf dem Riechenberge eingenommen. Es wurden bei der Tafel die gewöhnlichen Jagdgesundheiten ausgebracht. Nach Kartenspiel bei einem Glase Punsch und Tanz der Jäger mit den Bewohnerinnen des Meierhauses, begab man sich zur Ruhe.

Im Klosterholz, Bültenholz und auf dem Steinberge wurde am folgenden Tage ein nach alten Jagdregeln eingerichtetes Treibjagen vorgenommen.

Der Notar und Sekretär ritten, geführt vom Grenzweiser und begleitet von den Knaben, gefolgt von der Jagdmusik, den Kommandeuren des Jagdzuges und der übrigen Jagdgesellschaft nach Barntrup herein. Nach einem Heckenfeuer und einer Generaldecharge unter jubelndem Horrido, auf sämtlichen Halbmonden accompagniert, bei Marschmusik auf Waldhörnern, setzte sich der Zug in Bewegung.

Auf dem Niedernhofe in Barntrup war ein Wildschweinbraten zubereitet worden. „Ein Hirsch unter Eichbäumen ruhend“, war ein weiteres Symbol des heutigen Festes. Am folgenden Tage wurde noch eine Tanzpartie gegeben. Es wurde sehr eifrig getanzt. Abends beim Essen wurden noch mehrere Jagd- und andere Gesundheiten getrunken bei einem öfteren Tusch auf Halben Monden und anderer Musik. Nach Mitternacht wurde dieses Fest mit allgemeiner Freude und Zufriedenheit beschlossen.

(Aus den Akten des Landesarchivs Detmold.)

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von Herbert Stöwer