Ein Bauernschicksal aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges

Sebastian Vrancx - Soldaten überfallen ein Fuhrwerk mit Reisenden. zwischen 1600 und 1647

Man schrieb das Jahr 1622. Auf Johann Rügges Hofe in Langenholzhausen ging es heute hoch her. Man hatte den Emtehahn eingeholt, hatte dem Herrgott einen feierlichen Dank dargebracht, und nun wollte auch der Frohsinn sein Recht. Es war ein gutes Jahr gewesen, und der Bauer zeigte sich nicht knauserig. Seine Knechte und Mägde, die Heuerlinge, seine Kinder und auch die Nachbarn alle, heute sollten sie mal ihren guten Tag haben. Und so hatte man denn ein Kalb und ein Schwein geschlachtet, große Weizenstuten gebacken, den Braukessel gefüllt und auch ein kleines Fäßchen mit Branntwein bereitgestellt. Auf der großen Diele schmauste das junge Volk, während die Alten mit den Nachbarn und dem Pastor in der Stube saßen, wo man zu süßem Kuchen und süßem Schnaps auch einen Buddel Muskatwein hatte.

Musik war auch da, der Dudelsackpfeifer aus Rinteln, und als erst der mächtige Holzkrug mit Bier die Runde machte, da wurde zum Tanze aufgespielt. Hei, wie den jungen Kerls die Leinenkittel flogen, wie die Mädchen aufblühten in ihren schmucken Miedern und flatternden Röcken, vom Fackelschein malerisch beleuchtet! Die alten Bauerntänze erklangen, jung und alt machte mit, und in hellen Jauchzern schlug die Lebensfreude empor.

Plötzlich wurde die Dielentür aufgestoßen. Auf der Schwelle stand ein Offizier mit breitem Federhut, gelbem Lederkoller und hohen Reiterstiefeln. Ein mächtiger Schnauzbart stand ihm im wettergebräunten Gesicht, eine blaue Schärpe zeichnete ihn als einen Parteigänger des Braunschweiger Herzogs, den man den tollen Christian nannte. Gefolgt von ein paar wild ausschauenden Gesellen, so trat er unter das Bauernvolk, das betreten Platz machte, während der Dudelsack quäkend einen letzten Seufzer tat.

„Das geht ja hoch her!“ rief er lachend, „da sieht man, wie der Bauer praßt, während wir armen Kämpfer fürs reine Wort am trockenen Brotknust kauen! Tischt auf, wie’s für frumbe Soldaten der Brauch! Und dann macht weiter, Leute, wir sind mit dabei!“

Was half da Sträuben? Man machte gute Miene zum bösen Spiel. Die Kerle fraßen und soffen sich voll, schlugen Radau, priesen den Burschen das freie Soldatenleben und spannten ihnen derweil beim Tanz die Mädchen aus. Indes besprach Rittmeister Heuwinkel mit dem Pastor Freundt fromm und gelehrt die Händel der Welt. Er warb für den tollen Christian eine Kompanie Reiter, und dieses Bauernfest hier paßte ihm gut in seine Pläne.

Noch in der Nacht zogen die Werber weiter. So allerlei Speck und Würste hatten sie heimlich mitgehen heißen, und Nagels Knecht und ein Heuerlingssohn waren auch verschwunden. In Kalldorf aber wurden in der gleichen Nacht zwei Pferde gestohlen.

Lange noch schimpften die Bauern auf das freche Soldatenvolk, aber Berndt, Johann Rügges 11 jähriger jüngster Sohn, Berndt bekam in der Folgezeit noch oft Gelegenheit, um das fremde Volk herumzustreichen. Denn der Krieg kam unseren Bauern bald mit Wucht auf den Hals. Das Erntefest von 1622 sollte für lange Zeit das letzte gewesen sein auf Rüggen Hofe. Schon in den nächsten Wintermonaten ging es los. Herzog Christian hielt in Rinteln sein Heerlager, und die Bauern mußten die Fresser füttern. „Da fliegt unser Emtehahn hin!“ sprach bitter der Bauer, als sie die prallen Hafersäcke nach Rinteln bringen mußten. Berndt aber bekam blanke Augen beim Anblick des bunten, wirbelnden Soldatenlebens.

Das war im Frühjahr. Im Herbst aber saß ihnen der Tilly im Nacken. Seine plündernden Rotten durchstreiften die einst so friedlichen Dörfer. In Stemmen wurde in wildem Geschieße die ganze Schweineherde des Dorfes abgeknallt. In Erder ging’s über die Gänse her, bei Brandts im Faulensiek wurden 46 Hühnern die Hälse abgedreht. In Langenholzhausen lagen alle Höfe und Kotten voll von fremdem Volk. Dem Pastor Freundt wurden seine vier guten Milchkühe gestohlen. Der Krüger Wistinghausen mußte Freibier geben. Auf dem Meierhofe ging alles Eßbare drauf. Zum Dank zerschlugen die Unmenschen alles Hausgerät, und die Soldatenweiber plünderten Kisten und Kammern. Dem Bauern Eilebracht zogen sie die neuen Stiefel von den Beinen. Der Brandsmeier mußte ihnen bei flackerndem Kienspan seine Erbsen dreschen. Dem Schmied schnitten sie das kostbare Leder vom Blasebalg. Der Kramer wurde mit seiner ganzen Familie auf die Straße gesetzt, und die wilden Kerls holten fremde Weiber heran zu wüstem Gelage.

Rüggen Bauer mußte seinen Hafer ausdreschen und einsacken. Die Frauen backten die ganze Nacht Brot. Pferde und Kühe hatte man ja noch rechtzeitig in den Haiberg bringen können, aber die Schweine, Hühner und Gänse liefen den Soldaten gerade in den Hals. Der Knabe Bemdt war immer um die Soldaten herum, tränkte die Pferde, putzte das Lederzeug, stocherte das Feuer, holte Essen heran und saß mit den Kerls am Tische. Sie klopften ihm wohlwollend auf die Schulter, prosteten ihm zu und meinten, er werde noch mal ein tüchtiger Reitersmann. Er wäre auch am liebsten gleich mitgelaufen als Troßbube. Doch als er so etwas laut werden ließ, da haute ihm der Alte eine saftige Maulschelle herunter, packte ihn am Krips und sperrte ihn auf die Bühnenkammer, bis die Völker abgezogen waren.

Große, dauernde Kriegslasten, Kontributionen, wurden den Bauern aufgepackt. Die Varenholzer Amtsdiener trieben sie mit rücksichtsloser Strenge ein, um nicht selbst angefaßt zu werden. Und schon zogen neue Horden heran, in den ausgeplünderten Dörfern die Nachlese zu halten. Um Weihnachten lagen spanische Völker in den Häusern. Die vielen Weiber und Kinder und Troßbuben, die sie mitführten, kehrten alle Winkel aus. Ein andermal waren es „Türken und Krabaten“, die Tilly hier auf die Weide schickte. Wein wollte es saufen, das Tatemgesindel. Hatte der Bauer nichts Trinkbares; so sollte er Geld geben, oder man haute ihm die Reitpeitsche durchs Gesicht. Auf Rüggen Hofe stehen 20 Pferde im besten Wiesenheu. Was sie nicht fressen, trampeln sie unter die Füße. Was sonst noch draufgeht, ist nicht zu zählen.

Im nächsten Herbst wieder ein solches Einlager. Ganz unerwartet waren aus dem kahl gefressenen Dorfe Exten sechs Kompanien in Langenholzhausen eingefallen. Da war kein Stall zu niedrig, keine Hütte zu klein, überall wimmelte es von Soldaten, Jungen und Weibern, Pferden und Wagen. Wilde Flüche in fremden Zungen schallten zum Himmel, Männer liefen herum mit blutenden Köpfen und zerschlagenen Gliedern, überfallene Frauen schrien um Hilfe. Schüsse knallten durch den Abend, angeschossene Schweine rannten quiekend umher, Federvieh stob in wildem Geflatter vom Wiemen. „Eine Kriegerjagd!“ so nannten die Bauern ein solches Getümmel: Beim Krüger Wistinghausen lag wieder der Stab. Die große Brauerei wurde ausgeraubt, Faustschläge hagelten auf den Krüger nieder, der sein Eigentum zu schützen suchte. Hilfeheischende Bauern kamen jammernd zum Kommandeur gerannt, die Fußtritte der Diener brachten sie wieder ins Freie. Auf fast 100 Taler bezifferte Johann Rügge diesmal seinen Schaden, dem gesamten Kirchspiel hatte diese eine Nacht 2400 Taler gekostet. Von den Greueln und Gewalttaten aber sagen diese Ziffern nichts.

Das Land war abgegrast, Tilly führte sein Volk auf andere Plätze. Doch die Kriegssteuem blieben und waren schier unerschwinglich. Der Bauer Rügge sollte jede Woche 1 Taler 9 Groschen bezahlen. Soviel kostete ein Stangenschwein oder ein Zentner Korn! Dazu all die übrigen Lasten und Dienste und Abgaben. Es war ein erbärmliches Dasein geworden, das Bau- ernleben!

Dann jagte der Schwedenkönig seine Gegner durchs Land. An der Weser, zwischen den Festungen Minden und Hameln, rissen sich die Parteien hin und her. Unser Ländchen dazwischen, ein Spielball nur!

In diesen Jahren wuchs Berndt Rügge heran. Seine Lust am Soldatenspiel war geblieben. Was bot ihm die Heimat auch? Den Hof bekam sein ältester Bruder, für ihn blieb nur Knechtsarbeit und ein ärmlich Leben. Sein Entschluß stand fest, und bald fand sich auch die Gelegenheit, den Bauernkittel abzustreifen.

Im Februar 1633 rückten große schwedische Truppenmassen auf Rinteln zu. Wieder begann die Drangsal für die ausgesogenen Dörfer. Berndt aber sah seine Zeit gekommen. Es waren doch Glaubensgenossen, diese Soldaten, und ob gleich im Vorjahre der große Schwedenkönig gefallen war, der Glanz seines Namens zog auch jetzt noch die evangelische Jugend zu seinen Fahnen. Am Abend des 27. Februar 1633 nahm Berndt Rügge im Dorfkruge das Handgeld vom schwedischen Werbeoffizier. In allen Häusern des Dorfes aber loderten die Herdfeuer, da saßen die Soldaten und brieten und tranken und lärmten.

„Feuer!“ Plötzlich lief dieser Notschrei um. Das Kramerhaus brannte! „Helft! Rettet!“ Aber die Soldaten lachten nur. Die Winternacht war kalt, und alles Holz, alle Zäune waren schon verfeuert. Mochte es brennen, dann wurde es warm! Der Wind blies, Hanken Stätte fing Feuer, und schon züngelte es auch aus Eilbrachts Speicher empor. Nun aber wurde es ernst. Die Soldaten faßten zu und schwenkten mit den Bauern zusammen die Löscheimer. Man dämpfte die Flammen und legte sich schlafen. Am Morgen ritten die Reiter fort, und Berndt Rügge zog mit.

Als er aber am Abend seine erste Wacht hielt auf der Rintelner Schanze, da war der Westhimmel in lodernde Feuersglut getaucht. Sein Heimatdorf ging in Flammen auf!

Wild hämmerte sein Herz. „Hin!“ war sein erster Gedanke. Er wollte fortrennen. Doch sein Kamerad faßte ihn an der Kehle und rüttelte ihn. „Bist du wahnsinnig? Soll ich dich über den Haufen knallen? Jetzt bist du Soldat und hast Order zu parieren, und was sonst in der Welt geschieht, das geht dich den Teufel noch an!“

Fast das ganze Dorf Langenholzhausen brannte nieder. Das nur halb gedämpfte Feuer war aufs neue aufgeflammt und hatte bei wachsendem Winde um sich gegriffen, schneller als die wenigen Hände löschen konnten. Nur einige abgelegene Stätten fraß die Flamme nicht. Sie brach sich auch am Steinbau der alten Kirche, und die herrschaftliche Mühle wurde durch die Tatkraft und Umsicht des Müllers Heinrich Rügge gerettet. Aber alles andere lag platt.

Wer könnte die Tränen zählen, den Jammer und die Not!

In Erdhöhlen bargen sie den Leib, in Reisigpferchen das letzte Vieh, im Kirchturm die Reste des Saatkorns, in den Kirchenstühlen Truhen, Betten und Kleider. Ein Teil von ihnen aber zog in die Wälder, sich dort, fern der Heerstraße, mit den Trümmern der Habe zu verkriechen.

Aber die Kriegsnot nahm kein Ende Durch schwelende Trümmer drang eine Rotte in die Mühle ein und räumte sie aus. Der Müller und seine beiden Knechte wurden fast zu Tode geprügelt. Einige Wochen später wurde auch die Kirche ausgeraubt. Zerschlagene Koffer, zerfetzte Kleider, verstreutes Korn! Anklagend rief der in diesen Zeiten furchtbar heimgesuchte alte Pfarrer: „Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht!“

Dennoch versuchte man, an den Aufbau zu gehen, und fand man auf alles Bitten nirgendwo Hilfe, so mußte man sich selber zu helfen suchen, so gut es ging. Als im Herbst des nächsten Jahres endlich die ersten Häuser gerichtet wurden, da ließ Hermann von Bexten, genannt der Wehrmann, in seinen Torbalken die Worte hauen:

„WO DIN GESETTE NICH MIN TROST GEWEST / WERE IK VERGANGEN IN MINEN ELEND“.

Der Bauer Johann Rügge aber saß auf seiner leeren Hofstatt und wehrte sich mannhaft gegen das Unheil. Als ihm im Juli 1633 seine vier Pferde geraubt wurden, eilte er den Plünderern nach und brachte die Tiere zurück, wenn_ auch nur gegen schweres Lösegeld. Mit zäher Verbissenheit bestellte er seine Äcker und hielt sein Vieh zusammen, so gut es ging. Einen ärmlichen Notbau konnte er noch aufführen, dann warf ihn der Tod um, und in den nächsten Jahren zerrann der Rest seiner Habe.

Denn der Krieg ging weiter! Zuviel, über all das Elend zu berichten, das die nächsten Jahre wieder brachten! Bis dann 1636 die Pest ins Land kam und den größten Teil der noch verbliebenen Bewohner des Dorfes auf die Bahre streckte. Auch von Rüggen Hofe mußten alle dahin, die Mutter und die Kinder. Die den Sterbfall heischenden Amtsdiener aber konnten als letzten Bestand des einst so reichen Hofes nur verbuchen: „Zerschlagen Gerät, zerrissene Kleider, 2 Betten ohn Beuren, ein köpfern und ein isem Kohlpott, ein halber Wagen, ein Pflug und eine Kuh. Was noch an Korn dagewest, davon seindt bezahlet die Begräbniskosten und hinterstellige Kontribution. Der Hof liegt wüste!“

2.

Wie war es dem Soldaten Berndt ergangen in diesen Jahren? Ein tüchtiger Reitersmann war aus ihm geworden, der beim Parteigehen und im Gefecht wohl zu gebrauchen war. Auf einer Streife vor Hameln verdiente er sich das erste Lob. Als man dann im Sommer den Kaiserlichen bei Oldendorf das Fell gerbte, holte er mit Kühnheit und Umsicht seinen verwundeten Rittmeister aus feindlicher Übermacht hervor. Weil er dazu immer ein gutmütiger und friedfertiger Geselle war, zu Scherz bereit und zu Dienst erbötig, war er bei Kameraden und Oberen wohl gelitten.

Dennoch war er nach ihrer Meinung nur ein halber Soldat. Wenn sie aus Übermut mal über einen sprossenden Saatacker zu galoppieren begehrten, konnte er grob werden und Händel beginnen. Und wenn sie ihre Pferde in ein grünes Weizenfeld trieben, so hütete Berndt seinen Gaul am Heckenrand. Ja, mit den dreckigen Bauern hielt er’s, und es war eine Schande, das nur anzusehen! Keiner lag gern mit ihm im Quartier; denn er duldete keine Übergriffe und aß lieber mit den Leuten aus der Krautschüssel, als auch nur einem Huhn den Hals umzudrehen. Nein, ein richtiger schwedischer Reiter wurde er nimmer. Ein Bauer war er gewesen, und ein Bauer blieb er auch im Soldatenrock.

Darum brachte er es auch zu nichts, nicht zu Stellung und nicht zu Geld. Seine Montur war abgerissen, und sein Beutel war leer. Wann wurde denn auch mal Sold gezahlt? Wann gab es mal ehrliche Kampfbeute? Wer nicht auf die Dörfer zog und mit Hauen, Stechen und schwedischem Trunk den Bauern weich machte, daß er seinen letzten Goldfuchs aus dem Wams schnitt oder den vergrabenen Schatz ausgrub, wer nicht den Weibern so zusetzen konnte, daß sie aus Angst vor Schlimmerem die letzte Wurst aus dem Stroh holten, der war kein Kerl! Zum Teufel, war man denn darum unter die Soldaten gegangen, daß man ein Bettelleben führen und dazu noch seinen Kopf hinhalten sollte? Wie lange noch, dann konnte der Krieg aus sein, und der Soldat wurde fortgejagt wie ein räudiger Hund. Sei’s drum! Aber bis dahin wollte man leben und lustig sein!

Unserm Berndt aber verging die Lust am Soldatenleben je länger, je mehr. Sein Drang in die Ferne und seine soldatische Brauchbarkeit, brachten ihn wohl weit herum im deutschen Land, aber er sah überall nur die Roheit und Gier der zuchtlosen Soldaten und die Not des gequälten Volkes.

Schließlich gab man ihn mit noch solch einem Kauz zusammen, einem alten biederen Schweden aus Gustav Adolfs Leibwache, einem frommen Mann, der auch ehrbar durch dies wilde Kriegsleben gehen wollte. Man hatte ein ruhiges Kommando für diese beiden Elitesoldaten ausgemacht. In einem kleinen Kirchdorf im Hessenlande sollten sie Schutzwache spielen, die Marodebrüder, Tatern und sonstige Vagabunden abzuhalten, damit die Bauern auch brav ihre Kriegsschatzung bezahlen könnten. Hier ging es ihnen gut, und die Bauern waren mit ihren beiden Mustersoldaten auch wohl zufrieden und versorgten sie ordentlich.

Bis eines Nachts eine Rotte von 50 Mann den Ort überfiel. Nach tapferer Gegenwehr wurden die beiden Wachen auf dem Kirchhofe überwältigt, der Kamerad von einer Pistolenkugel niedergeschossen, Bemdt aber von einem wuchtigen Knüppelhieb zu Boden gestreckt.

Seiner Waffen, seiner Montur, seiner Barschaft beraubt, fand er sich am andern Tage an einem Grabkreuz wieder. Ein erschlagener Bauer lag neben ihm. Ringsum Brandgeruch und Rauch und Flammen. Herbstlicher Sprühregen rieselte nieder. Sein Unterzeug, das die Mordbrenner verschmäht, war durchnäßt. Ihn fror entsetzlich. Dazu dies schreckliche Dröhnen in seinem Kopf. Eine mächtige Beule hatte man ihm über den Schädel gelegt.

Er erhob sich taumelnd und stolperte und kroch über die Gräber. Kleidung mußte er haben, wenn er hier nicht verrecken wollte. So zog er dem erschlagenen Bauern die Hosen und den Kittel aus, seine schlotternden Glieder darin zu bergen.

Die schwere Kirchentür war aus den Angeln gewuchtet. Auf der Schwelle lag der Pfarrer in seinem Blute. Die Kirchenfenster waren eingeschlagen, und die Räuber hatten das Blei herausgerissen, Flintenkugeln daraus zu gießen. Berndt stolperte über die Leiche des Pastors in das verwüstete Gotteshaus. In einer Ecke lag ein großer Berg ausgeschütteter Bettfedern. Da kroch er hin und sank bewußtlos hinein in die wirbelnde Federnflut.

Lange Stunden mochte er so gelegen haben. Einmal war er wach geworden, da war es Nacht gewesen, und er hatte wie im Traum das Wühlen in Kisten und Kleiderhaufen vernommen. Elendes Diebesgesindel war da wohl am Werke gewesen. Die Bauernweiber stahlen sich gegenseitig ihre letzten Brocken. Nun war er ganz wach. Im kühlen Novemberwind haschten sich draußen Sonne und Wolken. Ein Windstoß fuhr auch hin zu ihm, wirbelte die Federn hoch, in die sich Berndt hineingewühlt, er fuhr über all den armseligen verrissenen Plunder hin, den man hier vergebens zu bergen gewähnt. Er fegte auch die Blätter eines, ach, so jammervoll zerfetzten Bibelbuches vom entweihten Altar. Und eines dieser Blätter flog dem Soldaten Berndt Rügge gerade an die Nase.

Wie im Spiel nahm er das Blatt zur Hand, sinnend, wie lange es doch schon her sei, seit er gedruckte Schrift gelesen. Das Dröhnen in seinem Kopfe war sanfter geworden. War’s Neugier, war’s Schicksal, was ihn zum Lesen zwang? Als er aber zu lesen begann, da ward sein Herz aufgetan. Was dort auf dem verrissenen Blatt stand, das war seine eigene Geschichte! Es war das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der auszog, den Reichtum und den Ruhm dieser Erde an sich zu raffen, und aus dem die Fremde und die eigene Schuld nun nichts gemacht, als einen schmutzigen Bettler!

Berndt lag sinnend da, seine Gedanken flogen hin zur Heimat, die er in ihrer größten Not verlassen, sie flogen hin auf den Hof seiner Väter. Wieviel Not mochte über die Heimaterde gegangen sein in diesen letzten Jahren, seit er, vom Soldatenteufel besessen, fortgerannt war in die Welt! Wo war nun der Ruhm, wo war das stolze, freie Leben, davon er geträumt? Nun lag er hier mit zerbeultem Schädel, ausgezogen und ausgeraubt, seine Blöße bergend in den armseligen Kleidern eines erschlagenen Bauern!

Wohin nun? Er mußte zurück zum Regiment, mußte Meldung erstatten und neue Order erwarten, zu neuen Abenteuern ausreiten, neue Schandtaten schauen. Jawohl, das war sein Befehl, das war sein Los!

Aber wollte er denn das? Sollte er dieses schmachvolle Dasein so weiter führen, bis er früher oder später am Straßenrande endete? Nein, das wollte er nicht! Nein und nimmermehr! Und wurde hier auf diesem verwehten Bibelblatt nicht auch ihm sein Ziel gewiesen, sein wahres Lebensziel: „Ich will mich auf machen und zu meinem Vater gehen!“

Ohne Abschied zu nehmen, verließ der Soldat Berndt Rügge seinen Dienst und trat den weiten und mühseligen Weg in die Heimat an.

3.

Ach, es war eine traurige Heimkehr! Tief erschüttert stand Berndt Rügge im Janiuar 1637 vor den Trümmern des Hofes seiner Väter. Der Winter hatte sein weißes Tuch über den Graus gelegt. Auf der Stätte seiner Kindheit stand nur noch das alte Backhaus mit einem kleinen Anbau aus den letzten Jahren. Die roh gezimmerte Bohlentür knarrte im Winde. Ein verfallener Herd, eine zerbrochene Bettstatt, eine zerschlagene Truhe, das waren die einzigen Möbel in diesem ärmlichen Raum, auf dessen Lehmdiele Gerümpel lag und Schmutz. Durch das offene Fensterloch und das schadhafte Strohdach war Schnee geweht. Suchend irrte Berndt umher, aber keine Spur von Leben war auf dem Hofe zu sehen. Der alte Birnbaum und die mächtige Toreiche zeigten in stummer Klage ihre angekohlten Stämme und verdorrten Wipfel. Unter dem Dachüberstand des Backhauses war halb verbranntes Ständerwerk aufgeschichtet. Berndt fand den angekohlten Torbalken des alten Hofes.

„A.D. 1562 HEBBET HERM RÜGGE UN… DET HEREN HANT MAKET RICH…“

So konnte er noch lesen. Herrn Rügge, das war sein Urgroßvater gewesen. „Des Herren Hand machet reich ohne Mühe“, so hatte da gestanden. Berndt lachte bitter auf. Das waren wohl andere Zeiten gewesen damals. Heute nützte auch alle Mühe nichts mehr.

Er wandte sich ab. Irgendwo mußten doch Menschen sein. Aber auch die Nachbarhöfe lagen wüst und ohne Leben. Doch da war ein kleiner Neubau auf Herrn Bextens Stätte. Aber die Wehrmannsche wich zurück vor dem verwahrlosten Kerl, der da in ihre Stube trat. Und als Berndt sich zu erkennen gab, da sah er das Mißtrauen in den Augen des Weibes. Ein gewesener Soldat, wer wollte mit dem schon zu tun haben! Er sollte sich nur an seinen Schwager wenden, den Schmedt, von dem würde er ja schon alles hören.

Der Schmied, der im letzten Hause des Dorfes an der Plaßeiche wohnte, war von dem großen Brande verschont geblieben. Sein Handwerk hatte ihn auch in diesen schweren Jahren immer noch ernährt. Listig und verschlagen wußte er allen Widerwärtigkeiten zu begegnen, und trotz aller Not ringsumher hatte Hans Schmedt immer noch was hinter dem Daumen, hatte er doch allein über 400 Taler in Höfen stehen. Rüggen Gretke, die seine Frau gewesen, war in der großen Pest verstorben, und das junge Weibstück, das er nun bei sich hatte, war eine Fremde, die bei den großen Kriegszügen im vorigen Jahr hier hängengeblieben war.

Der Schmied wunderte sich über die Maßen, als er seinen Schwager Berndt in dem kümmerlichen Aufzuge sah. War das denn noch ein Kerl, der aus dem Kriege heimkam wie ein Bettler?! Er lachte höhnisch auf. „Und was willst du nun hier?“ fragte er. „Du siehst ja wohl, was ihr Soldaten aus uns gemacht habt! Hier ist nichts mehr zu erben!“

„Ich will nichts von dir!“ sprach Berndt ruhig, „sag mir nur, wo ich meine Leute finde!“ —„Ja, da mußt du schon auf den Kirchhof gehen, da sind sie alle beieinander. Das ganze Dorf ist da versammelt, du! Ein Jahr lang hat die Pest hier gehaust!“ — „Tot also, tot?“ rief Berndt fassungslos. „Ja, tot!“ schrie ihm der Schmied ins Gesicht. „Wir haben gedacht, auch du wärst längst verreckt in der Fremde. Aber geh nur wieder hin, wo du hergekommen bist, hier ist nichts mehr zu erben, sag ich dir! Oder hast du mir vielleicht den Brautschatz deiner Schwester mitgebracht, he?“ — „Wo ist Gretke“ fragte Berndt rauh. „Geh auf den Kirchhof, wenn du sie besuchen willst!“ — „Also auch tot! Alle tot!“ murmelte Berndt dumpf, als er fortging aus dem ungastlichen Haus.

Auf dem Gottesacker an der alten Kirche Hügel bei Hügel ohne Kreuz, ohne Schmuck. Ratlos irrten seine Augen. Wo mochten die Seinen ruhen in dieser weißen Wüste des Todes? Er sank auf den Rand eines Grabes in den Schnee, stützte den Kopf in die Hand und schloß müde die Augen. So saß er lange, lange . . .

Über den Steg von der Mühle her kam eine gebeugte Gestalt. Herr Mauritius Freundt war’s, der alte Pfarrer. Die Wehrmannsche hatte die Kunde von Bemdts Rückkehr gebracht. So ging er denn, nach dem Verirrten zu sehen. „Hier kannst du nicht bleiben, Berndt!“, sprach er, „steh auf und komm mit!1“ Und willenlos folgte Berndt dem Alten in seine ärmliche Hütte.

Dem treuen Seelenhirten waren seit langen Jahren Not und Leid nicht von der Seite gewichen. Ach, wie oft hatte er schwerste Drangsal und Plünderung erduldet. Beim großen Brande war auch der Wehmhof eingeäschert worden, und da die Gemeinde gänzlich unvermögend war, ein neues Pfarrhaus zu errichten, so hatte man ihm bewilligt, auf eigene Kosten für sich und seinen Sohn, der ihm als Gehilfe beigegeben, auf der Ecke des Wehmhofes an der Kalle eine Hütte zu bauen. Da wohrften nun die beiden Pfarrerfamilien eng und kärglich beieinander. Dennoch fand sich auch für Berndt noch ein Plätzchen zum Nachtlager, und ein warmes Mahl bekam er auch.

Und dann hatte der alte Pfarrer erzählt von den Leiden der Heimat und von dem schweren Sterben seiner Lieben. Die Erinnerungen an längst vergangene bessere Zeiten hatten schließlich den Alten gefangengenommen. Er erzählte von Bemdts Vorfahren, wie sie allezeit so treu und ehrbar geschafft, sich gemüht um des Hofes Wohlstand und Gedeihen und sich auch gesorgt um des Dorfes Wohl, um Kirche und Schule und alles gemeinnützige Wesen. „Ja, Berndt, das waren schon rechte Leute, deine Voreltern!“ sagte er, „und sie würden sich wohl im Grabe umdrehen, wenn sie sähen, wie hier jetzt alles in Asche liegt und Rüggen Hof zur Wüste worden. Doch das ist ja nun nicht zu ändern!“ — „Doch!“ sagte Berndt leise, aber fest, „das ist zu ändern und das wird geändert! Morgen schon fange ich an!“ — „Was? Du wolltest den leddigen Hof an- springen, Junge?“ rief der Pfarrer verwundert und schüttelte den Kopf. „Du weißt nicht, was du sagst! Hast du denn die Mittel dazu? Mir will’s doch scheinen, du bist leer und bloß wiedergekommen aus dem Elend!“ — „Ich habe nichts als meine Fäuste“, sagte Berndt fest, „aber ich will versuchen, damit Rüggen Hof wieder hochzubringen!“

Am nächsten Tage schon ging Berndt daran, das alte Backhaus auszubessern, damit er ein Dach über dem Kopfe hätte.

Essen und Trinken hatte ihm fürs erste der alte Freundt angeboten, dem er dafür die geringe Ackerwirtschaft in Ordnung zu halten versprach. In diesen Wintertagen war ja nicht viel zu schaffen auf dem Hofe, aber er räumte doch auf, steckte ein Stück als Hausgarten ab und zäunte es mit Braken ein. Den Dorfleuten ging er möglichst aus dem Wege. Er sah Mißtrauen, Verachtung, ja Haß in ihren Gesichtern lauern. Die Not schreit aus ihnen, dachte er, wie die Wölfe sind sie geworden, feige und tückisch, immer bereit, einen von hinten anzufallen.

An einem schönen Märztage ging er nach seiner Wiese, die verfallenen Flößgräben nachzusehen. Hier war am ersten zu ernten, und in Lemgo und Rinteln wurde das Heu gut bezahlt. Da trat ihm sein Schwager, der Schmied, entgegen. „Was suchst du hier, du Landstreicher?“ schrie er ihn an. „Scher dich fort! Die Wisch hier habe ich in Nutzung. Und im Westerfelde hast du auch nichts zu suchen. Ist alles mein jetzt für die 160 Taler, die ich von Rüggen Hofe zu fordern habe!“ — „Geh mir aus dem Wege, du gieriger Hund!“ rief Berndt zornig, „sonst haue ich dir meine Plattschute um die Ohren!“ Wutschnaubend zog Hans Schmedt ab. Aber er brachte die Sache nun vors Amt, und wenige Tage später stand Berndt Rügge vor Winand Reinecker, dem alten Amtmann in Varenholz.

Der Amtmann war von Berndts gutem Willen und geradem Wesen gleich angetan. Aber er wiegte doch bedenklich den Kopf. „Mit nichts willst du den großen Hof anspringen?“ meinte er. „Wie soll denn das gehen? Wenn wir dir auch erst ein Freijahr geben oder zwei, wenn wir dir die hinterstellige Kontribution erlassen — was ist damit gedient? Wo nimmst du Pferde her und Vieh und Gerät und Saatgut? Wie willst du den Hausbau bezahlen?“ — Laßt mir Zeit!“ bat Berndt, so will ich’s wohl schaffen. Bin ein junger Kerl noch und will mein ganzes Leben dran setzen an den Hof!“ — „Gut denn“, sagte der Amtmann, „ich will’s den Herrn in Detmold vorstellen. Möchte dir’s wohl gönnen, daß du’s zustande brächtest. Und wann du dich’s getraust, ab und an, wann’s not, geheime Botschaft zu tragen nach Detmold, auch insgeheim zu kundschaften auf Minden oder Hameln oder anderswo, so könnte dir’s wohl manchen Taler ein tragen!“ — „Herr“, sprach Berndt,

„ich habe mich etzliche Jahr unter dem Kriegsvolk aufgehalten, und aufgeführt, wie’s einem ehrlichen und aufrichtigen, auch ehrliebenden Mann gebühret, bin oft auf Partei und Kundschaft geritten und möchte nun wohl auch zu meines gnädigen Herrn Nutz deijlei Dienste tun, wofern ihr mich schützt in meinem Recht an dem Hof!“—„Gut, das soll geschehen, Berndt!“ sagte der Amtmann fest md entließ ihn freundlich.

Ein froher Arbeitseifer kam über Berndt. Er wollte in diesem Frühjahr wenigstens das Sommerkorn in die Erde bringen, wollte dem Acker, der nun solange schon brach lag, die erste Frucht abringen. Im Herbst sollte dann eine Scheune gebaut werden. Hans Held und Herrn Sandermann, die einzigen Bauern des Dorfes, die noch auf ihren Höfen saßen, sagten ihm auch für die Saatzeit Pferde und Ackergerät zu, und Vetter Henrich, der Müller, wollte ihm das Saatkorn vorstrecken.

Soweit ließ sich alles gut an. Aber dann kam in den nächsten Wochen wieder so viel Unruhe und Not ins Land, daß Berndt doch nicht an die Arbeit kam. Schon Anfang April ließ ihn der Amtmann rufen. „Es liegt wieder so allerlei in der Luft, Berndt“, sprach er, „ich brauche dich nun etliche Zeit zu geheimem Dienst.“ Und Berndt zog auf Kundschaft nach Minden, die Absichten der Schweden festzustellen. Er zog nach Lemgo, wo die Kaiserlichen saßen. Berndt war in Detmold, in Rinteln, in Hameln, in Herford, in Bielefeld. Er ging als harmloser Bauer bald beim gemeinen Kriegsvolk beider Parteien ein und aus, besorgte den Kriegsleuten Eier, Butter und Speck und war auch den Herrn Offizieren gefällig mit allerlei kleinen Diensten und Botschaften. „Endlich mal ein anstelliger Bauer!“ meinten sie. Auch den Kaufleuten freundete er sich an und wies Schliche und Wege, Nachrichten und Waren sicher fortzubringen.

Der Amtmann war nun immer gut im Bilde über das Vorhaben der Soldaten. Gewiß, man konnte die Einlager und Räubereien nicht verhindern, aber man konnte doch Vorsorge treffen, wenn wieder ein Unwetter heranzog. Berndts Nachbarn aber erfuhren bald, daß sein heimliches Wesen auch ihnen zugute kam. Wenn seine Warnung durchs Dorf eilte, ging die Flucht in die Wälder an, und die Mordbrenner konnten dann nicht allzuviel Schaden mehr anrichten.

Es war wieder schlimm in diesem Sommer. „Die Leute können bei ihren Wohnungen nicht sicher bleiben“, berichtete der Amtmann, „sondern verstecken sich in den Bergen und Büschen, und die wenigen von Gott bescherten Feldfrüchte müssen auf dem Halm verderben. Die Langenholz- hauser Vogtei ist völlig ruiniert. Die andern Dörfer stehen auch leer. Die Leute haben sich zusammengerottet und verteidigen ihr Vieh mit gewehrter Hand.“ Im November meldete er: „Heute habe ich bei die hundert armen Weiber, welche ihr Vieh verloren und nun hier gelegen und verschmachten wollen, über die Weser bringen lassen.“ Mag der Himmel wissen, was dort aus ihnen geworden! Juli 1640: „Das Wasser will allhie über die Körbe gehen, daß schier kein Mensch mehr sicher bleiben kann. Dennoch sollen die armen Leute kontribuieren, fahren und arbeiten. Dabei sind die Kornfrüchte durch die jüngste große Wasserflut alle verderbet.“

Konnte Berndt in diesen wüsten Jahren an den Aufbau gehen? Unmöglich! Er wohnte im Backhaus, war aber nur wenig daheim. Gewiß, er stand sich nicht schlecht bei diesem Leben. So manchen Taler konnte er auf die Kante legen für den Hofbau. Aber er war doch dieses heimliche Treiben von Herzen leid. Bauer wollte er sein und kein Botengänger! Dazu hatte er im letzten Jahre ein Mädchen kennengelernt, das mal seine Frau werden sollte. Es war Catharina Voth, des verstorbenen Bauern Voth in Veltheim kluge und energische Tochter. Längst war er einig mit ihr geworden. Sie war nicht bange vor der leeren Hofstatt. Sie wollten es zusammen schon schaffen, wenn sie nur der Herrgott gesund erhielt.

Da nun der Herbst des Jahres 1640 verhältnismäßig ruhig blieb, setzte Berndt alles daran, die Wintersaat in die Erde zu bringen. Auch das Backhaus, das Catharina bei ihrem Besuch doch ein bißchen zu kümmerlich gefunden, setzte er vorm Winter noch einigermaßen instand. Fürs erste mußte es nun so gehen; denn Stallung für Pferd und Kuh, die die Braut zubringen würde, war wichtiger. Die 100 Taler Brautschätz würde er ja so bald wohl nicht kriegen. Wer hatte heutzutage denn noch bares Geld? Sie mußten eben klein anfangen.

Im Frühjahr 1641 heirateten sie. Berndt Rügge war nun wirklich ein Bauer geworden.

Ach, es sollte ihm noch schwer genug gemacht werden. Der Krieg ging weiter, mit ihm die Abgaben und Drangsale. Dazu war Berndt nun gezwungen, all denen auf die Finger zu klopfen, die in diesen langen Jahren sich so stillschweigend zu Nutznießern von Rüggen Hofe gemacht hatten. Was war ihm allein in den letzten Jahren, da er so viel auf der Landstraße lag, nicht alles abhanden gekommen! Noch letzthin hatte ihm ein diebischer Nachbar bei Nachtzeit ein paar neue Eichendielen und den einzigen Tisch gestohlen. Andere hatten sein gutes Wiesenheu weggefahren, als sei es ihr verbrieftes Recht. Am ärgsten trieb es sein Schwager, der Schmied. Berndt lag häufiger am Gericht, als ihm lieb war. Aber er mußte scharf durchgreifen.

Zu all diesen Plackereien gab es auch noch manchen Verdruß mit dem neuen Pastor. Seit 1638 der alte Freundt und auch sein Sohn verstorben, war kein Friede mehr in der Gemeinde. Der Pastor Piderit, ein Eiferer aus der Fremde, hatte sie bald alle gegen sich. Bei jeder Gerichtssitzung hatte er lange Klagen vorzubringen gegen seine Pfarrkinder, die ihm seine Äcker nicht ordentlich bestellten, ihm nicht die gebührende Achtung erwiesen und nicht regelmäßig in die Kirche kamen. „Wir können ihn ja nicht verstehen!“ klagten die Leute dawider. Aber sie wurden trotzdem bestraft; denn der gräfliche Säckel war leer und brauchte die Strafgelder!

Berndt und seine Frau gehörten auch zu den Sündern. Ach, sie waren von ihrer alltäglichen Quälerei so müde, daß sie bei dem unverständlichen Gemurmel des Pastors einfach einschliefen. Da konnten sie dann auch gleich zu Hause bleiben. Aber sie mußten zur Kirche, oder sie mußten bezahlen!

Doch langsam kamen sie weiter auf dem Hofe. Der Viehstand mehrte sich. Sogar ein zweites Pferd konnten sie anschaffen, wenn man auch an den Hofbau noch nicht denken konnte. Man kam voran, und das war die Hauptsache.

Aber die Soldaten sorgten dafür, daß der Bauer den Kopf nicht zu hoch trug. Berndt war ja mit allen Wassern gewaschen und wußte manches Unheil abzubiegen. Aber ungerupft blieb auch er nicht. Dafür sorgten schon seine Feinde und Neider, die ihm mehr als einmal schlimme Läuse in den Pelz setzten. Er war schwedischer Soldat gewesen! Diese Tatsache genügte den Kaiserlichen, ihn besonders hochzunehmen. Er war ohne Abschied wiedergekommen! Damit konnte man ihm die Schweden auf den Hals hetzen.

Im März 1645 drang unverhofft eine starke Partei kaiserlicher Reiter bei ihm ein. Schmedts Henrich war unter ihnen, sein eigener Neffe also, und Berndt wußte gleich, woher der Wind wehte. Er sei ein schwedischer Soldat, meinte der Quartiermeister, und daher ihr Feind. Man brauche zu essen, man brauche Geld, und man brauche Pferde! Berndt war klug genug, in solcher Lage nicht den wilden Mann zu machen. Er traktierte die Räuber, bestach den Quartiermeister mit einem „Geschenk“ von 3 Talern und kam mit dem Verlust eines Pferdes davon.

Aber es war doch ein Pferd, des Bauern kostbarstes Gut! Und es blieb auch nicht bei diesem einen Male. Berndt mußte im nächsten Jahre seine letzten Spargelder drangeben, sich wieder ein Pferd zu beschaffen.

Herbst 1646. Berndt schritt hinter dem Pfluge her und hatte nur Acht auf seine Arbeit. Plötzlich war er von einer Reiterschar umringt, die über sein verdutztes Gesicht in ein lautes Lachen ausbrach. Ein alter versoffener Wachtmeister sagte leutselig: „Nun, Kamerad, da staunst du wohl, daß wir dich auch mal besuchen! Hast dich dunnemalen so still davon gemacht ohne Abschiedstrunk. Aber wir sind nun mal anhänglich, weißt du. Wollen heute aber nur ein bißchen deine Pferde leihen!“ Er lachte dröhnend über seinen köstlichen Witz, indes seine Leute die Pferde ausspannten. Die Räuber waren schon lange auf und davon, da stand Berndt noch immer am gleichen Fleck und starrte vor sich hin auf den Stoppelacker, den nun keine Pflugschar mehr fraß.

Als er nach Hause kam, hatten die Kerle auch dort gründlich ausgeräumt. Sein Weib aber lag auf dem Schrägen und spie Blut.

Endlich sollte nun doch Friede werden im deutschen Land, und es kam auch der Tag, da der Pastor ihn von der Kanzel verkündete. Aber die Truppen blieben im Lande, und die Schatzung ging weiter. Jahre hindurch noch trugen sie die Last und die Angst und die Not. Und Haß und Neid und Unrecht und wüstes Wesen war unter ihnen, die der Krieg übrig gelassen und zusammengekehrt hatte auf den leeren Höfen und in den ärmlichen Hütten.

Der Bauer Berndt Rügge ging still seinen Weg. Die Hand des Schicksals lag schwer auf ihm. Wo war die Freude am Schaffen geblieben? Sein mühsam errungener Besitz war dahin. Seine Frau war von dem furchtbaren Kolbenstoß vor die Brust nicht mehr ganz gesund geworden, und auch seine beiden Kinder waren kränklich und wollten nicht gedeihen. Nur ein Schwein und eine Kuh waren im Stall.

Es wollte ihm auch in den folgenden Jahren nicht mehr gelingen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, so sehr er sich auch mühte. Nirgends war Kapital aufzutreiben, und der Brautschatz seiner Frau war auch nicht zu erhalten. Er verpfändete Land und schaffte ein Pferd an, aber nach kurzer Zeit krepierte es an Kolik.

Mannhaft rang Berndt gegen sein hartes Geschick. Allerlei Botendienste nahm er wieder an. Er besorgte den Stadtleuten Brennholz, er brannte am Rodenberge Kalk und verkaufte ihn an einen Schiffer in Minden. Aber immer, wenn er das so errungene Geld in die Hofwirtschaft steckte, ging es irgendwie schief. Mißernten, Viehseuchen und Krankheit ließen ihn nicht mehr hochkommen.

Der größte Teil seiner Äcker lag wieder brach, wie auch die andern großen Höfe des Dorfes. Denn auch dort wollte sich kein neuer Bauer finden. Bis endlich im Jahre 1654 der Meierhof einen neuen Besitzer bekam. Hermann Böke aus Erder war ein junger, tatkräftiger Bauernsohn, der in rastlosem Fleiß und mit frohem Herzen den Hof hoch und das Brachland unter den Pflug brachte.

„Warum plagst du dich eigentlich so unnütz, Nachbar?“ sagte der Meier Böke eines Tages im Herbst 1656 zu Berndt. „Du kannst es doch nicht schaffen. Ohne Geld, ohne bemittelte Verwandtschaft, dazu die kranke Frau und die ungesunden Kinderl Daraus kann nie was werden! Und es ist doch schade um den schönen Hof, daß er so verkommt! Da muß schon ein ordentlicher Jungkerl drauf mit einer tüchtigen Unterlage!“ — „Na“, meinte Berndt, „so alt bin ich mit meinen 45 Jahren ja auch noch nicht. Aber recht hast du wohl, und du sprichst auch, als hättest du schon einen Nachfolger für mich bereit.“ — „Habe ich auch!“ sagte der Meier lachend, „und ist sogar noch von Rüggescher Art“. — „Den Schötker-Töns meinst du, meines Vaters Schwestersohn?“ — „Just den, den guck dir mal an! Das ist der rechte Kerl!“

Berndt ging in den nächsten Tagen in schweren Gedanken. Den Hof abgeben? Seine Aufgabe im Stich lassen? Achtzehn Jahre waren es nun her, seit er sich’s gelobt, seiner Väter Werk wieder aufzubauen. Und nun Verzicht?! Ach, es war ein harter Entschluß. Aber blieb ihm denn überhaupt noch eine Wahl? Das Amt drängte auf Leistung der Dienste und auf Zahlung der Lasten. Schließlich würde man ihn wohl noch abmeiern, und er konnte mit dem weißen Stock abziehen. Aber wenn der Schötker den Hof übernahm, blieb er sozusagen in der Familie. Und für ihn selber blieb wohl auch noch eine kleine Leibzucht auf dem Hofe.

Am nächsten Sonntag ging er nach Erder und wurde mit den Schötkers einig. Tönnies wollte den Hof anspringen. Er würde ein gutes Erbteil mitbringen, und Ilsche, seine Braut, Daubsteins Tochter aus Kalldorf, brachte außer dem vollen Brautwagen und 100 Taler Brautschatz noch 2 Pferde, 4 Kühe und 4 Schweine zu, sowie einen neuen Wagen, voll von Korn. Berndt aber und seine Frau würden eine gute Leibzucht haben, und die beiden Kinder sollten anständig abgefunden werden. Man wollte alles tun, den Hof wieder in Gang zu bringen. „Und ich werde helfen, wo ich kann!“ schloß Berndt bewegten Herzens.

Der Leibzüchter Bemdt sah unter dem neuen Bauern, der sich der Rüggemeier nannte, den Hof emporwachsen, die Saatfelder grünen und den Viehstall sich bevölkern. Er sah, wie ein neues Geschlecht mit starker Hand und frohem Herzen über die Hofstatt schritt. Er selbst war immer bereit, zu hüten, zu helfen und zu raten.

Aber das Leben in seiner kleinen Kate zerrann. Erst starb sein Sohn, und einige Jahre später auch seine Tochter. Er war allein mit seiner siechen Frau, während drüben im Bauernhaus eine blühende Kinderschar heranwuchs.

Berndt war mit seinen 57 Jahren einer der wenigen Alteingesessenen, die den großen Dreißigjährigen Krieg überstanden hatten. Er war der einzige, der noch Auskunft geben konnte über Personen und Besitzverhältnisse jener guten alten Zeit, die nun für immer dahin war. Denn der Krieg hatte alles anders gemacht. Das Leben war hart und schwer geworden und würde es wohl bleiben für lange Zeit.

Man schrieb das Jahr 1668. Auf Rüggen Hofe wurde der Emtehahn eingebracht. Es war ein gutes Jahr gewesen, und man hatte wohl Ursache, dem Herrgott von Herzen dankbar zu sein. So sang man denn zusammen ein Danklied, und der Bauer sprach ein schlichtes Gebet. Dann aber sollte nach langen, langen Jahren auch wieder ein kleiner Festschmaus sein. Man hatte einen Schafbock geschlachtet, hatte Stuten gebacken und auch etwas Bier und Branntwein herbeigeschafft. Viel Gäste waren’s ja nicht; denn Leute waren knapp. Aber man wollte doch auch mal ein bißchen froh sein nach all der Plackerei.

Der Leibzüchter Berndt hatte in der Ernte tüchtig mitgeholfen. Nun war er ein bißchen müde geworden und hatte sich auf die Bank in den kleinen Hausgarten gesetzt. Er hatte in den sinkenden Abend hineingeschaut und war dann eingenickt. Als aber der kleine Bemdt hinausging, ihn zum Essen zu rufen, da fand er ihn vor der Bank im Grase liegen. Er regte sich nicht mehr. Ohne Abschied zu nehmen, war er fortgegangen, einer neuen Heimat zu.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1950 – Von Wilhelm Süvern