Ein Berliner Ferienkind lernt Lipper Platt

Spielende Kinder

Im März des Jahres 1917 bekam das Bergdorf Talle im lippischen Norden Berliner Ferienkinder. Auch auf dem Lande war damals schon Schmalhans Küchenmeister. Die „Oßen“ hing längst nicht mehr voller Mettwürste, Speckseiten und Schinken. Aber alle Familien, die sich entschlossen hatten, 6 Wochen so ein ausgehungertes Berliner Kind in Pflege zu nehmen, freuten sich auf „ihr Kind“, und sie nahmen sich vor, es ordentlich herauszufuttern und ihm auch sonst alles Gute zu tun. Unter den Ferienkindern befanden sich 2 Schwestern, die 13 jährige Lucie und die 11 jährige Martha Engelmann. Während Lucies Pflegeeltern Familie R. ein Textil- und Kolonialwarengeschäft oben im Dorf besaßen, kam Martha in das Lebensmittel und Schuhwarengeschäft J. im unteren Talle. Beide Mädchen fühlten sich vom ersten Tage an wohl in ihren Pflegestellen und mochten gar nicht an die Rückkehr nach Berlin denken. Als die Ferienzeit sich ihrem Ende näherte, kam Martha eines Tages recht bedrückt aus der Schule. Die 16jährige Tochter der Familie J. fragte sie: „Was ist, warum bist Du so still?“ Nach kurzem Zögern antwortete Martha mit einer Gegenfrage: „Bin ick schlecht?“ „Nein, warum fragst Du?“ „Weil Lehrer Wiemann heute gesagt hat: Menschen, die keen Heimweh kriegen, sind schlecht. Wenn ick ooch nach Berlin keen Heimweh habe, ick würde et aber janz doll nach Talle un nach Euch ham, wenn man mir wieder nach Berlin schicken tät!“ Na, vorläufig schickte man „ihr“ nicht wieder hin. Sie und ihre Schwester durften bei den Pflegeeltern bleiben, als die übrigen Ferienkinder längst mit frischen roten Backen abgereist waren. Als Zwischenbemerkung sei gesagt, Lucie blieb länger als ein Jahr in Talle und  Martha insgesamt 11 Jahre.

Das Bergdorf Talle um 1930

Nach einem halben Jahr rief ein Telegramm aus Berlin die beiden an das Sterbebett der schwerkranken Mutter. In der Nacht vor der Abreise wird die Pflegeschwester, die mit Martha in einem Bett schlief, plötzlich wach von einem Geflüster. Sie lauscht und hört dann, wie Martha langsam, aber deutlich vor sich hinspricht: „Peerköddel, Peerköddel; gluik kriegsten paar an de Schniuten.“ Einen Augenblick Stille, und die Zuhörerin glaubt schon, Martha habe im Traum gesprochen. Da geht es wieder los: „Peerköddel, Peerköddel, gluik kriegsten paar anne Schniuten!“ Als sie dann fragt: „Martha, was ist, was soll das?“, wird ihr zur Antwort: „Ick dachte, Du schläfst; egentlick sollste nischt davon wissen! Aber nu kann ick et Dir ja man verraten. Wenn ick nach Berlin komme, sollen die Jören da nich meenen, ick hätte nischt jelernt; darum übe ick mir in Platt; denn sollen die aber kieken!“

Am frühen Morgen fuhr Martha mit ihrem Sprachschatz und ihrer Schwester Lucie nach Berlin. Ich weiß nicht, welchen Eindruck das Lipper Platt auf die Berliner Jören gemacht hat. Als die Schwestern nach Talle zurückkamen, waren sie Halbwaisen. Martha bemühte sich weiterhin um Lipper Platt und Taller Sitten und Gebräuche. Später hat sie sich mit einem echten Lipper, einem Taller Jungen, verheiratet. Ob sie ihn zum Manne wählte, weil er das Lippske Platt so besonders gut sprach, vermag ich nicht zu sagen.

Quelle: Heimatland Lippe 11/1971 von Berta Plöger