Ein Tie in einem Lippischen Dorfe

Der Tie von Niedernjesa bei Göttingen, Südniedersachsen, Michael Gäbler [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

In Schriften über unsere Heimat ist gelegentlich zu lesen, es sei befremdlich, daß man in Lippe nirgends mehr etwas von einem Thieplatze1Thie (in wissenschaftlicher Schreibung Tie) waren in Dörfern des Mittelalters (vielleicht auch schon in germanischer Zeit) mit Mauern eingefriedete und erhöhte grasbewachsene Plätze, auf denen ein steinerner Tisch unter Linden stand. Hier wurden Versammlungen der Bauern, Bekanntmachungen, Gerichtsverhandlungen der niederen Gerichtsbarkeit und in späterer Zeit Feste der Bauern abgehalten. Viele Plätze im ostniederländischen und nordwestdeutschen Raum, etwa bis zur Elbe, tragen noch heute den Namen Thieplatz oder Thiestätte. Der Thie (älter: das Thie) hatte lokalen Bezug und befand sich in der Regel innerhalb von Ortslagen kleiner Siedlungen, während eine Thingstätte eher regionale und überregionale Bedeutung hatte.(Wickipedia). Jetzt zog der Ohrberg auf dem linken Ufer die Augen auf sich. Da ertönte die Glocke, und das Schiff hielt rechts bei Tündern! Rasch wurde ein Blick in das Büchlein geworfen, das über alles, was bei der Fahrt berührte wurde, kurz Auskunft gab. Was mochte über Tündern gesagt sein? Da stand, hier gebe es noch einen Tie, einen alten Gerichts- und Versammlungsplatz. Es schoß mir durch den Kopf, daß es früher in unserem Dorfe Bega, ein Kolonat Tiemeier gegeben hat und daß ich einmal von einem Henrich uff dem Tie in Bega gelesen hatte. Ich mußte den Tie in Tündern sehen! Rasch nahm ich mein Fahrrad, und es glückte mir noch auszusteigen. In Tündern versuchte ich zunächst, selbst, allein den Tie zu suchen. Das mißlang. Ich fing an zu fragen und merkte daß jedermann im Dorfe den Tie kannte. Als ich den Platz erreicht hatte, fragte ich noch einmal einen alten Mann, der in der Nähe Holz zerkleinerte, ob das der Tie sei. Der freundliche Alte fing gleich an zu erzählen: »Da kamen sie sonst zusammen. Der Nachtwächter lud durch Blasen dazu ein· Wenn alle erwachsenen Mannsleute erscheinen sollten, stieß er dreimal in sein Horn. Zwei Hornstöße riefen allen Besitzern. Ein Ton bloß galt für die großen Bauern.« Ich wunderte mich über seine lebendige Schilderung und sagte: »Es lautet ja fast, als ob Sie das noch mit erlebt hätten.« »Ja,« meinte er, offenbar geschmeichelt, »man sieht es mir nicht an, daß ich schon so alt bin, fünfundsiebzig Jahre. Ja, ich weiß das noch ganz gut. Freilich habe ich es hier nicht mehr mitgemacht, aber in Ohssen. Ich diente in Hagenohsen und in Kirchohsen war auch ein Tie.« »Bis wann ist man da denn auf dem Tie zusammen gekommen?« »Bis 1866. Da wir preußisch wurden, mußten wir ins Wirtshaus«. — Ich habe mich später in Kirchohsen gelegentlich erkundigt und erfahren, daß man auch dort den Tieplatz noch kannte.

Seitdem ich in Tündern gelernt hatte, was das Wort Tie bedeutet, war mir klar, daß die Namen Tiemeier und uff dem Tie in Bega von einem Tie herrührten, und daß es auch in Bega einen Tie gegeben hat. — Wo der Tieplatz in Bega gelegen hat, kann nicht zweifelhaft sein. Das Kolonat Nr. 18, ursprünglich Tiemeier, bat natürlich am Tie gelegen. Ich vermute, daß Henrich uff dem Tie da gewohnt hat, wo heute das Hegersche Haus Nr. 37 steht, und daß dies mitten aus dem Tie errichtet ist. Das heutige Hegersche Haus ist 1850 nach dem großen Brande anstelle des abgebrannten erbaut. Die Inschrift über der großen Tür enthält außer der Angabe der Zeit der Erbauung nach der alten schönen Sitte einen Bibelspruch (Ps. 127 V. l) und die Namen des Baumeisters und der Eigentümer, die es erbauen ließen. Da lesen wir nun links: »Wwr. W. Heger« und rechts: »Bruder F. Heger.« Der letztere, der unverheiratet bei seinem Bruder lebte, hat diesem damals in der schweren Zeit treulich geholfen, das Haus wieder hoch zu bringen. So kam sein Name mit in die Inschrift, und die Familie gedenkt seiner bis heute in Dankbarkeit Der alte W. Heger hat bis an sein Ende allgemein »de Tuischnuider« geheißen und sein Bruder »Tuisrittken.« — Es erscheint mir als wahrscheinlich, daß ein Begaer Küster zur Zeit des dreißigjährigen Krieges zuerst hier mitten auf dem Tie ein Haus gebaut hat. Vielleicht ist es jener »Henrich uff dem Tie« oder dessen Vater gewesen. — Die beiden Kolonate auf dem Nordrande des Tie, nämlich Nr. 30 (jetzt Karl Schröder, davor Eilermann, früher Offel und Huto) und Nr. 25 (jetzt Schmied Vesting, früher Humke) werden älter sein. Sie mögen schon angelegt sein, als der Tie noch als Versammlungspunkt diente. — Der Tie wird seine Bedeutung verloren haben, als an die Stelle des alten heimischen Rechtes das römische trat. Dies geschah in Lippe zur Zeit der langen Regierung Graf Simons Vl.

Was bedeutet das Wort »Tie«? Kürzlich las ich in einer Zeitschrift einen Versuch, »Tie« von einem germanischen Götternamen abzuleiten. Die Erklärung hat mich nicht befriedigt. Ebenso wenig haben das die anderen Erklärungen getan, die ich bis jetzt zu Gesicht bekommen habe. Man darf wohl annehmen, daß sich in dem Namen ursprünglich der Zweck des Platzes aussprach. Sollte in dem Worte »Tie« nicht ein Wortstaumn stecken, wie wir ihn vielleicht noch in unserem »verzichten« und in unserem »bezichtigen« haben (plattdeutsch »tig«) und der so viel bedeuten mag wie »sprechen«-, »sagen«, nämlich das Sprechen in der Volksversammlung und in der Gerichtsverhandlung?

Sollte man nicht an anderen lippischen Orten noch ebenso gut wie in Bega oder besser allerlei über die alten Tieplätze ausfindig machen können?

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1926 – Von Pastor Franzmeier, Bega

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