Eine Jugendgeschichte aus Barntrup

Hirtenjunge und Vieh. Signiert unten links: A. Braith München. Öl auf Leinwand

Eine feuchtkalte Nacht

„Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird”. Bei diesem Satz von Christian Morgenstern erinnere ich mich an ein Jugenderlebnis in Barntrup, der Ort, in dem mein Leben entscheidend geprägt wurde, und das kam so:
Der 1830 geborene Ludwig Hartmann bewirtschaftete mit seiner Frau Karoline, geborene Hasselmeier, einen kleinen Bauernhof an der Mittelstraße gegenüber der Stenebergschen Zigarrenfabrik. Sie hatten fünf Söhne und drei Töch­ter. Heinrich übernahm als Altester den Hof. Seine Brüder wurden Handwerksmeister, während seine Schwestern aus dem Hause zogen und heirateten.
Eine hiervon, meine ge­liebte Mutter Ernestine, ehelichte 1894 nach Hörn und schenkte dort vier quicklebendigen Jungen das Leben. Als aber die Ehe des Hoferben, meines Onkels Heinrich in Barntrup, kinderlos blieb und es an einem Nachfolger man­gelte, fiel die Wahl auf mich. So siedelte ich als siebenjähri­ger Knirps in das Elternhaus meiner Mutter über.
Mein Onkel sorgte dafür, daß Barntrup zu meiner neuen Heimat wurde. Auch ließ er mich umschulen auf die „Rek­torschule” im Haxthausenschen Waisenhause, die damals nur aus den Klassen Sexta bis Untertertia bestand. Diese gründliche Schulbildung ermöglichte es mir später, Bahn­hofsvorsteher größerer Bahnhöfe zu werden, denn leider hat mich der 1. Weltkrieg aus Barntrup und dem Lipperland vertrieben. Außerdem hat mein Onkel später aus unerfindli­chen Gründen seinen gesamten Besitz an die Stadt Barntrup verkauft.
Aber ein unvergeßliches Erlebnis aus der damaligen Zeit möchte ich doch noch zum besten geben:
Im Spätherbst 1912, als der Neffe meiner Tante Auguste noch als Postillon hoch auf dem gelben Wagen täglich bis Bösingfeld fuhr, beauftragte mein Onkel den schon etwas betagten Gelegenheitsarbeiter Karl Seelemeier, ein junges Rind von einer Jungviehweide in der Nähe von Blomberg zu holen. Für den Rückweg sollte er die Landstraße benutzen.
Vermutlich kannte mein Onkel wohl Seelemeiers Hang zum Alkohol, jedenfalls mußte ich den Mann begleiten. Wir wählten den viel kürzeren Fußweg nach Blomberg durch das Barntruper Holz. Als Rückweg mit dem Rind benutzte der alte Seelemeier nun nicht die Landstraße, sondern einen stark ansteigenden Holzabfuhrweg auf der Blomberger Sei­te. Sein Ziel war der Eggeweg, der jetzt zum neuen Friedhof führt. Mir fiel auf, daß er von Zeit zu Zeit einen kräftigen Schluck aus einer flachen Brustflasche nahm, die mit echtem Lipper Korn gefüllt war. Oben im Wald endete nun der Grasweg auf einer Lichtung, aber den Anschlußweg der Barntruper Holzfahrer fanden wir nicht. Dafür war aber die Schnapsflasche leer geworden. Die Sonne war längst unter­gegangen, und die Dämmerung wich der sich schnell aus­breitenden Dunkelheit. „Bleib’ mit dem Rind hier. Ich hole unten vom Hof eine Laterne!” Mit diesen trostreichen Wor­ten verschwand Karl Seelemeier in Richtung Blomberg. Da ich mich in diesem Gebiet nicht auskannte, blieb mir nichts anderes übrig, als das Rind mit seinem Strick an einem Baum festzubinden und mich daneben zu setzen.
Ich deckte mich – so gut wie möglich – mit meinem Man­tel zu und erlebte eine feuchtkalte Nacht im Walde, die ich niemals vergessen werde. Das leise Knistern und Knacken erschreckte mich nicht, aber die unheimlichen Rufe der Eu­len und Käuze ließen mich nicht einschlafen. Und ich warte­te immer noch auf Seelemeier. Von den Bäumen tropfte der Nachttau. Mein Mantel wurde langsam naß, und die Kälte kroch mir den Rücken hinauf. Als endlich die Morgendäm­merung die Baumwipfel erhellte und das Dunkel der Nacht verdrängte, beschloß ich, eigenmächtig zu handeln. Sicherlich schlief Seelemeier irgendwo im Heu oder im Stroh sei­nen Rausch aus. Das bis dahin friedliche Rind erhob sich zwar, begann aber zu grasen. Nach einiger Zeit sprach ich ihm gut zu, streichelte und kraulte es, und das Wunder ge­schah: Ein starkes Jungrind, das bisher nur die Freiheit einer Großweide kannte, wurde lammfromm und folgte mir. Wil­lig ging es mit mir zurück, bergab nach Blomberg. Das reiz­volle Städtchen war noch nicht erwacht, so daß ich unge­stört die Landstraße nach Barntrup erreichte, die damals noch durch die Gaffel führte.
Kurz vor sieben Uhr war ich zu Hause. Meine Schulka­meraden waren schon auf dem Schulweg. Daheim hatte es eine schlaflose Nacht gegeben. Mein Onkel hatte die ganze Nacht mit Pferd und Wagen nach mir gesucht und gerufen, natürlich auf der Straße. Er konnte ja nicht ahnen, daß wir in entgegengesetzter Richtung lagerten. Niemals wieder ha­be ich erfahren können, wie treu und verständnisvoll ein gut behandeltes Rindvieh sein kann.

Quelle: Lippe Anno dazumal II, Verlag F.L. Wagener, Lemgo