Eine Lippische Kleinstadt um 1820

„Ordnung muß sein!“ — auch eine Städteordnung. So erließen „Von Gottes Gnaden Paul Alexander Leopold, Regierender Fürst zur Lippe, Edler Herr und Graf zu Schwalenberg und Sternberg usw.“ für das Fürstentum Lippe eine Städteordnung, die am 16. Mai 1843 verkündet wurde. Alle Städte des Landes wurden darin verpflichtet, ihrerseits wieder Statuten aufzustellen, die ihren jeweils besonderen Bedürfnissen entgegenkamen. So erhielt auch die Stadt Salzuflen damals ihr „Statut über die Verfassung und Verwaltung“,
Es bereitet immer einiges Vergnügen, in den vergilbten Blättern zu lesen und dabei manches Bild aus der Kulturgeschichte einer lippischen Kleinstadt vor dem geistigen Auge erstehen zu lassen, beleuchten jene Statuten doch sämtliche Angelegenheiten eines kleinen Gemeinwesens damaliger Zeit. Eine Vervollständigung und Erweiterung fanden die Statuten noch durch besondere „Anlagen“, die alle „Instruktionen“ für die einzelnen Organe der Verwaltung vom „Forst-Controlleur“ bis zur „Armen-Commission“ aufzeichnen.
Damals hatte der Stadtbezirk Salzuflen 245 Wohnhäuser, die in vier Stadtviertel aufgeteilt waren. Für die Erwerbung des Bürgereides mußten von den Honoratioren 75 Rthlr., von den Handwerkern 50 Rthlr. und von den Tagelöhnern 30 Rthlr. an die Stadtkasse entrichtet werden.
Zu jener Zeit war die Stadt noch von Mauern und Türmen umgeben. An den vier Stadttoren, dem Oster-, Herforder-, Schliepsteiner- und Vlothoischen Tor waltete je ein Torpförtner seines Amtes. Er mußte die Tore in den Monaten Mal bis August täglich abends um 10 Uhr schließen, ln den Monaten März, April, September und Oktober um 9 Uhr, und in den Wintermonaten um 8 Uhr.
„Den nach geschlossenem Tor einpassierenden Personen ist dasselbe unverweilt zu öffnen. Die Einpassierenden sind mit Höflichkeit zu behandeln. Es darf ihnen auch kein Trinkgeld abgefordert werden“, heißt es in den „Instruktionen“.

Ferner:

„Verdächtiges Holz, Kornfrüchte, Gras, Gartenfrüchte und dgl. ist anzuhalten und dies unverweilt dem Burgemeister anzuzeigen. Auch auf andere einpassierende verdächtige Sachen und Personen hat der Pförtner zu achten“.

Von den auf ihre Anzeige hin angesetzten und erhobenen Geldstrafen bekamen die Pförtner die Hälfte.
Für die Sicherheit während der Nacht sorgten zwei Nachtwächter, die alle drei Nächte mit dem Dienste wechselten. Im
Frühjahr, Herbst und Winter war ihr Dienst von abends 10 Uhr bis morgens 4 Uhr, im Sommer von 10 Uhr bis 3 Uhr.
Sie hatten jede Stunde durch Hornblasen und Ausrufen anzuzeigen und eine Runde durch die Straßen zu machen.
In ihren „Instruktionen“ heißt es wörtlich:

„Siehet der Nachtwächter einen bedenklichen Rauch, spürt er einen Brandgeruch, bemerkt er, daß in einem Hause auf eine ungewöhnliche Art Licht vorhanden, eine Tür oder ein Fenster geöffnet, daran eine Leiter aufgerichtet ist, läßt sich ein ungewöhnlicher Lärm, Geräusch oder Winseln hören, so muß er augenblicklich nach dem Grunde forschen, nötigenfalls auch die Bewohner des Hauses wecken, um selbst untersuchen zu können.“

Bei Feuer mußte der Nachtwächter das Hornblasen und laut „Feuer!“ „Feuer!“ rufen. Er mußte ferner die Leute in dem betreffenden Hause wecken sowie auch den Küster, daß dieser die Glocke läutete, die Spritzenmeister, den Polizei- und den Gerichtsdiener. Ein ähnliches Verhalten
galt bei Diebstählen. Und was bekamen die Nachtwächter als Entlohnung? Da heißt es:

„Hat der Nachtwächter durch seine treue Diensterfüllung einer Gemeinde Vorteil geschafft, und kann er alters- und schwachheitshalber seinem Dienste nicht weiter vorstehen, so soll demselben nach Verhältnis seiner Dienstzeit und seiner Dienste eine billige Unterstützung aus der Stadtkasse bewilligt werden.“

Allem Anschein nach hat man überhaupt an hauptamtlichen Bediensteten und damit an Besoldung gespart. Viele Posten wurden ehrenamtlich oder gegen eine ganz geringe Vergütung verwaltet.

Da waren die 16 Rottmeister, die darauf achten mußten, daß die Hecken im Felde stets kurz gehalten wurden, um den beladenen Erntewagen ungehindert Durchfahrt zu gewährleisten, die ferner auf die Grenzsteine achten, die die Wucherblumen im Felde vernichten, und die an den Sonnabenden das Almosen einziehen mußten.

Da waren die vier Probeherren, die auf richtiges Maß und Gewicht, gutes Bier und Brot zu achten hatten.
Vier Bauermeister führten die Aufsicht über den Schweine- und die bei den Rinderhirten, kauften oder verkauften den städtischen Zuchtochsen.
Ein Flurschütz hatte die außerhalb der Stadt liegenden Gärten, Äcker und Wiesen unter seiner Aufsicht.
Der Armenvogt hatte wohl die verschiedensten Ämter zu versehen. So mußte er nicht nur auf die Bettler achten, sondern hatte auch die städtischen Bekanntmachungen auf der Straße auszurufen, das Altarlaken aus der Kirche in die Wohnung des Küsters zu tragen, die Orgelbälge zu treten und schließlich noch die Schulzimmer zu heizen.
Der Totengräber bekam kein Gehalt, sondern nur die üblichen Gebühren für das Herrichten einer Grabstelle.
Der Stadtmusikus benutzte dafür, daß er an den Feiertagen vom Rathause blasen mußte unentgeltlich einen städtischen Garten hinter dem Schießhofe.

 

Acht Feuerherren hatten auf die Sicherheit feuergefährlicher Anlagen zu achten, und vier Holzwärter wachten über die Waldungen. Zur Taxation von Betten, Kleidungsstücken und dergleichen waren die beiden Schutzjuden Gottschalk Salomo Ebenbach und Markus Michaelis Schönhaus bestellt.

Daß es außer diesen allen noch einen Bürgermeister, Ratsherren, Polizeidiener, Pfarrer, Lehrer, Rentmeister usw. gab, ist selbstverständlich. Es war eben an alles und jedes gedacht!  Aus dem kleinen und unscheinbaren Ackerstädchen von damals ist nun der weltbekannte Badeort geworden, der sich in seinen alten, reichverzierten Bürgerhäusern und den putzwinkligen Straßen noch einen Hauch bewahrt hat aus jener geruhsamen und beschaulichen Zeit.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955 – Fritz Speer