Eine Postreise durch das Lippische Land 1835

Postkutschenreise; Öl auf Leinwand. 1864

Es war am Tage vor Pfingsten 1835, als ich ermüdet von einer langen Fußtour in Herford – dem alten „Herevorden“, in lippischem Platt „Hervede“ genannt -, ankam. Am Turm der Neustädter Kirche grüßte aus der obersten Helmluke ein grüner Pfingstbaum. Vor den Türen der spitzgiebeligen Häuser fegte hier und dort eine Frau und putzte die in Blei gefaßten kleinen Fensterscheiben; Kinder, mit Birkenzweigen beladen, eilten durch die Stra­ßen. Am alten Markte stand schon das schwerfällige gelbe Turn- und Taxis’sche Ungetüm vorge­fahren, ein Pfingstbusch wehte am Deck, der „Schwager“ neben seinen angeschirrten vier Pferden zum Abschied­blasen parat.
Ich löste mir schnell den Bogen großen Fahr­schein mit Instruktionen bedruckt, dessen Paragraphen den Passagier belehrten, was er zu tun und zu lassen habe und daß er sich jetzt unter hohem Turn- und Taxis’schen Post­schutz befinde. Es überkam mich ein angenehmes Sicher­heitsgefühl. – Ich hatte Nr. 5, also einen Mittelplatz zwei­ter Güte. Acht Sitzplätze gab es – das Außen-Kabriolett für den Kondukteur mitgerechnet, der immer den Wagen begleitete, an den Stationen das Gepäck besorgen, an stei­len Wegstrecken den Hemmschuh anlegen mußte, den Pas­sagieren Anweisungen und Auskunft gab.
Wir fuhren ab, an altertümlichen Gebäuden, an den Wachtposten vorbei durch das Lübber Tor auf die staubige Landstraße. – Es dämmerte bereits, als der Wagen über das Pflaster der alten Salzestadt Uffeln rumpelte und endlich hielt. Am Posthause stiegen noch Passagiere ein, jeder Platz wurde besetzt. Die Dunkelheit im Wagen erlaubte nicht den Gegenübersitzenden zu erkennen, man fühlte nur seine Füße, mit denen man das „Chaisenrecht“ (das Wech­seln) halten konnte. Draußen über dem Bocksitze beleuch­tete das Kerzenlicht einer Laterne die vier Pferde und ein Stückchen der Wegstrecke. Im Wagen war es still, einige Passagiere schliefen, als plötzlich das Blasen des Postillons, der seine Lieder einübte, die stumme Gesellschaft ermunterte und ein alterer Reisender von seinen vielen Fahrten durch das Lippische „Rosenland“ zu erzählen begann.
In jener Zeit konnten sich nur Wenige eine längere Post­fahrt zum Vergnügen erlauben. Bisweilen sah man vor den Gasthöfen zurückkehrende Haudererwagen stehen, an denen mit Kreide geschrieben war: „Billige Gelegenheit nach Hameln oder nach Minden“. Eine Tour nach Han­nover war schon ein Ereignis.
Eine Fahrt durch das Lipperland hatte seine Freuden und Beschwerden. Zu Anfang vorigen Jahrhunderts kreuz­ten drei Hauptlandstraßen das Fürstentum; von Minden über Lemgo und Detmold nach Paderborn und von Rinteln über Blomberg und Schwalenberg nach Höxter und Kassel und über Barntrup nach Pyrmont und Hameln.
Stellenweise war die Steigung der Chaussee so stark, daß man sie pflasterte, wie solches z. B. an der „Gauseköte“ hinter Berlebeck auf Anordnung der Fürstin Pauline ge­schehen ist. Über diese Berge führte die alte Poststraße nach Paderborn, als die jetzige hinter Hörn zwischen den Eggestersteinen durchgehende neue Strecke noch nicht an­gelegt war. Noch steiler war die Chaussee nach Höxter hinter dem Dorfe Niese am Fuß des Köterberges, wo im Winter bei Glatteis die Passagiere vom Kondukteur er­sucht wurden, auszusteigen, „er könne gegen Umfallen des Wagens nicht garantieren!“.
Um die kostspielige Chaussee zu schonen, wurde sie in alter Zeit im Sommer gesperrt und alles Fuhrwerk auf den nebenher laufenden unchaussierten Fahrweg verwiesen, welcher noch jetzt Sommerweg genannt wird. In den früher schneereicheren Wintern kam es vor, daß die Post trotz eines Vorspannes in den Schnee-Wehen ausgesetzten Strecken nicht weiter konnte und ihren Weg über Wiesen und Felder suchen mußte. Die Ortspolizei der nahe liegen­den Dörfer bestellte dann die Stättebesitzer zum Schnee­schaufeln.
Gern benutzten die Passagiere die Gelegenheit, den an den Bergen langsam fahrenden Wagen zu Fuß zu begleiten, nach dem langen Sitzen sich mal zu strecken, mitunter auf abkürzenden Fußpfaden auf der Höhe die Post abzuwar­ten. Man pflückte Blumen und Beeren am Walde und freute sich über die weite Fernsicht in das schöne lippische Land.
Mittlerweile war der Postwagen heraufgekommen, der Kondukteur nannte den Passagieren die Namen der An­höhen, nach Süden hin die des Velmerstot, des Windmüh­lenberges bei Meinberg und der Grotenburg im Teutoburger Wald, über den hinaus noch kein Armin auf dem Denk­mal mit dem Schwerte winkte. Die Windmühlen sind verschwunden, so wie auch die auf dem Berge hinter Barntrup und die zu Fissenknick und die auf dem Tönsberge bei Oerlinghausen und hinter Wüsten; sie kennzeichneten gleichsam als Silhouette am Horizont die Umgegend als Reste eines veralteten Gewerbes.
Vor achtzig Jahren waren in den Feldmarken der Städte und Dörfer nur sehr wenige Ausbauten oder Neuwohner-stätten, selten leuchtete am Waldesrande ein einzelnes rotes Ziegeldach; den Städtern war der Hausbau außerhalb der Mauern untersagt. Weit hin streckende Huden und Heiden von kleinen Wäldchen und Buschwerk unterbrochen, scho­ben sich zwischen die Felder und Wiesen. Lange Pappelreihen umrahmten bisweilen stundenlang die älteren Land­straßen statt der Obstbäume. Das Obst hatte noch wenig Wert, konnte auch nicht so leicht und rasch versandt wer­den.
An den Chausseen standen in Stundenweite fünf Fuß hohe Steine mit Angabe der Entfernungen nach Postmeilen und gewöhnlich alle zwei Wegstunden eine Barriere, mit in Landesfarben rot und gelb gestrichener Schlagbaum, der des Nachts niedergezogen wurde. Zu beiden Seiten der Tür des Wärterhauses, in welchem sich oft eine Schenke befand, wiesen zwei lange Holztafeln die Preise nicht nur für Fuhrwerke und Reiter, auch für passierendes Vieh jeder Art.
Als vor Jahren die Wegsteuer auch im Lippischen auf­hörte, soll große Freude unter den Zugtieren gewesen sein, weil jetzt ihre Herren, die im Kruge beim Glase Zeit und Stunde vergaßen, sie nicht mehr so lange bei Hitze und Kälte draußen warten ließen.

Postkutsche vor dem Gasthof Post (Lippische Postagentur)in Schlangen.

An schönen Tagen setzte ich mich – so erzählte ein Ge­schäftsreisender – neben den Schwager auf den Bock, da sich hier bessere Rundsicht und Luft als im gedrängt vollen Wagen bot. Der Postkutscher erzählte von den häufigen blinden“ Passagieren und daß die Postillone vor den Orten und Gebüschen, aus denen plötzlich ein revidieren­der Wachtmeister vortreten konnte, das Passagier-Ver­zeichnis auf ihren Schoß unter das Spritzleder legten, um nötigenfalls rasch die betreffende Platznummer ausfüllen zu können. – Mitunter wurde von jugendlichen Reisenden auf den langen Strecken Kurzweil getrieben, der belohnte Schwager erlaubte eine kleine Pause das Reiten auf den Pferden, das Sitzen auf dem Verdeck und Blasen des Post­horns, man verstopfte es auch mal heimlich und freute sich über die gewaltige Anstrengung des Postillons, um die nötigen Signale zu trompeten. Solche besondere Zeichen mußten der Posthalterei oder Postanstalt schon in Hör­weite geblasen werden, um die Extrapostpferde für die Kaserne II – in die noch gräfliche Residenz, an deren Straßen, die abends durch öllaternen an quer überge­spannten Stricken beleuchtet wurden, noch viele altertüm­lich gebaute Bürgerhäuser, welche die Aufmerksamkeit der Postreisenden erweckten – besonders der noch ganz baum-und buschfreie Schloßplatz, auf dessen mit Kies bedecktem Boden das lippische Jägerbataillon in grüner Uniform und Tschacko mit Steinschloßgewehr seine Schritte einübte.
Seitdem ist es anders geworden in unserer neuen Zeit! -Doch jetzt biegt der Postwagen um die Ecke, an dem ur­alten ersten Seminargebäude (eine frühere Patrizier-Woh­nung) vorüber zum Postamt; der „Schwager“ bläst und meldet, die Passagiere steigen aus. – In unserer neuen Zeit erreichen sie die gräfliche – jetzt fürstliche – Residenz schneller und bequemer zu mancher Stunde bei Tag und Nacht.

Allgemeine Reisebemerkungen für Lippe von 1885
Reisezeit: Sobald der Wald anfängt zu grünen, wird die Zeit zur Reise in den Teutoburger Wald passend und bleibt es bis in den Spätherbst.
Besonders schön ist der Wald in dem jungen, zarten Grün der Bäume, außerordentlich farbenprächtig aber im Herbst. Die Reisekleidung ist nach den gewohnten Bedürfnissen zu wählen. Vor allem achte man auf bequeme, aber starke Fußbekleidung.
Reisesachen: Für den Fußgänger ist eine Seitentasche, die auch zum Tragen auf dem Rücken eingerichtet ist, zu empfehlen, besser noch ein Rucksack; Plaid, Stockschirm, Schokolade.
Reisekosten je nach den Ansprüchen; man kann sich, wenn man will oder muß, recht billig einrichten. Führer sind nicht nötig. Überall gutes Bier. – Besonderheit: Hand­käse, z. B. Hornsche u. Externbroker.
Wenn der Reisende irgendwo übervorteilt oder sonstwie belästigt wird, so bitte ich um gefl. Mitteilung seiner Be­schwerde, zur Benutzung bei späteren Auflagen.

Quelle: Lppe Anno dazumal II, Verlag F.L. Wagener, Lemgo

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