Eine Reisebeschreibung Lippes aus dem Jahre 1821

Im Besitze des Herrn Erich Weisser in Hillegossen, Heeperstraße Nr. 60, Papieringenieur der Feldmühle, Papier- und Zellstoffwerke A. G., Werk Hillegossen bei Bielefeld, befindet sidi aus dem schriftlichen Nachlaß seines Urgroßvaters Karl Friedrich Weisser, zuletzt Kanzleidirektor des Geheimen Rats in Stuttgart (geb. 25. September 1796, gest. 7. Juli 1873) ein zweibändiges „Tagebuch auf einer Reise durch die Rheinlande, das Bergische, die Niederlande nach Holland, von da durch Westphalen, Kurhessen, das Königreich Hannover, den Harz und die Mark Brandenburg nach Berlin und zurük über Dresden, Leipzig und Nürnberg nach Würtemberg, angefangen den 19ten Mai 1821, beendigt den 8ten October d. J.“

Nach dem von der „Königlichen Direction für die Haupt- und Residenz-Stadt Stuttgart“ ausgestellten Reisepaß vom 15. Mai 1821 war er damals „Referendaire“ bei dem Königlichen Finanz-Ministerium, „welcher den 18ten Mai von Stuttgart ab durch Heidelberg, Frankfurt, die Rheinlanden nach den Niederlanden und von dort über Hamburg nach Berlin zu in der Absicht, eine wissenschaftliche Reise zu machen, reist und bei Knittlingen das Königreich verläßt“. Alter 24¾ Jahre, Größe: 6 Fuß, 3 Zoll; Statur: schlank, Gesichtsform: ovale, -farbe: gute; Haare: braune; Augenbraunen: dito. Augen: graue; Nase, Mund: mittlere; Wangen: halbvolle; Zähne: gute; Beine: gerade (!), ledig.“ Ein kleines Ölgemälde, ein Aquarell und eine Photographie bestätigen die Beschreibung.

Nicht weniger als 258 Orte nennt der Verfasser in seiner Reisebeschreibung. Als er in die Niederlande einreiste, kaufte er sich einen Hut, weil er erfuhr, daß man bei Barhäuptigkeit dort für einen Bettler gehalten werde.

Er hat die im Reisepaß angegebene Reiseroute allerdings etwas abgeändert: Er reiste, um nur einige Hauptorte zu nennen, von Stuttgart über Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Koblenz, Bonn, Köln, Elberfeld, Jülich, Aachen, Lüttich, Löwen, Brüssel, Mecheln, Antwerpen, Rotterdam, Delft, Haag, Scheveningen, Leiden, Haarlem, Amsterdam, Amersfort, Apeldoorn, Deventer, Burgsteinfurt, Münster, Bielefeld, Detmold, Paderborn, Kassel, Göttingen, den Harz, Magdeburg, Berlin, Königsberg (Neumark), Küstrin, zurück über Dresden, Leipzig, Bamberg, Erlangen, Nürnberg, Ulm nach Stuttgart. Er besuchte überall Bekannte und Personen, an die er z. T. Empfehlungen mitgebracht hatte, und besichtigte insbesondere landwirtschaftliche Betriebe und Fabrikanlagen.

Die Zeitschrift „Westfalen-Spiegel“ 12. Jahrgang, Heft 1, Januar 1963, S. 5—6, druckte aus diesem Tagebuch bereits seinen Besuch der Stadt Bielefeld am 24. und 25. Juli 1821 ab und hat die Absicht, weitere Teile, die die Bereisung Westfalens betreffen, zum Abdruck zu bringen. Hier soll derjenige Teil wiedergegeben werden, der seine Reise durch das damalige Fürstentum Lippe betrifft. Sie schloß sich im 2. Bande auf den Seiten 44—56 unmittelbar an seinen Besuch Bielefelds an. Es ist erstaunlich, wie oft es in Lippe im Gegensatz zu anderen beschriebenen Landschaften regnete.

Den 25ten Juli [1821].

Kolorierte Landkarte der Grafschaft Lippe aus dem Jahr 1762.


Hier verließ ich nun wieder das preussische Gebiet und trat in das Fürstenthum Lippe Detmold ein. Die Wege wurden nun wieder schlecht, und selten sah ich einen Menschen. So kam es, daß ich mich unvermerkt von dem rechten Wege entfernte. Ich bemerkte es zwar bald und fragte in einigen Bauerhöfen nach dem rechten Wege, der mir zwar mit vielen Worten beschrieben wurde, aber in einer Sprache, von der ich kaum ein Wort verstand, nemlich plattdeutsch. Ich wußte mir daher nicht anders zu helfen, als daß ich dem ersten Fingerzeige nachgieng und mich dann wieder anderswo weiter Raths zu erholen suchte. So kam ich endlich nach vielen Kreuz- und Queerzügen auf eine weite Heide, wo ich nur hie und da Wagenspuren, aber keinen Menschen sah. Hier wußte ich nun nicht mehr, wo hinaus, ich gieng daher auf den höchsten Punct derselben, von dem ich denn auch in der Ferne eine Kirchthurmspitze sah, der ich nun geradezu lossteuerte. Allein das Waten in tiefem Sande, das Springen über Gräben und meine bisherigen Kreuz- und Queerzüge hatten mich so ermattet, daß ich eine Viertelstunde lang unter einem Baume ausruhen mußte. Noch war aber das Maas meiner Leiden nicht voll, denn kaum war ich wieder aufgestanden, so fieng es an zu regnen und regnete immer heftiger, so daß mich mein Schirm nicht mehr zu schützen vermochte. Endlich erreichte ich, gerade als der Regen aufhörte, das Dorf Lage, nach dem ich mich schon so lange erkundigt hatte. Hier kehrte ich in einem ordentlichen Wirthshause ein. Eine artige Wirthin sorgte mir für ein gutes Mittagessen und das Trocknen meiner Kleider. Von hier aus sind es noch 2 Stunden nach Detmold. Weil aber der Weg dahin ebenfalls schwer zu finden seyn sollte, so nahm ich, um sicher zu gehen, den Knecht des Wirthshauses halbwegs mit, um mir den Weg zu zeigen, und ich hatte keine Ursache, es zu bereuen, denn der Weg gieng über Heiden und durch Wälder, wo ich mich leicht hätte verfehlen können. Zudem hatte ich auf dem
Wege nach Detmold 3 zwar kurze, aber tüchtige Platzregen auszuhalten. Endlich als eben die Sonne wieder den Sieg errungen hatte, erblikte ich am Ende eines freundlichen Wiesenthaies zwischen waldigen Bergen die Stadt Detmold, das Ziel meines heutigen Marsches. Bald war sie erreicht, mein Logis nahm ich im Gasthof zur Stadt Frankfurt bei Schröder. Nachdem ich mich hier etwas gelabt und ausgeruhet hatte, gieng ich auf das nur ¼ Stunde von der Stadt entfernte Maiereygut Johannettenthal, wo sich 2 meiner Hohenheimer Freunde, Beurlin von Stuttgart und Clemens von Frankfurt, befanden. Ich traf nur den erstem an, der sehr verwundert und erfreut war, mich
hier zu sehen. Nachdem er mir die ganze dortige Landwirthschaft, zu deren Lob ich übrigens nichts zu sagen wüßte, denn es sah hier sehr schmutzig aus, gezeigt hatte, begleitete er mich Abends nach Detmold zurük und blieb beim Nachtessen bei mir. Wir verabredeten auf den morgenden Tag einen Besuch zu Güterbrok1Küterbrok, Landgemeinde Heesten, Landkreis Detmold. , wo sich Stokmeier von Stuttgart, ebenfalls ein Hohenheimer Bekannter, befand, zu machen. Beim Nachtessen traf ich einen reisenden Kaufmann an, der, als er hörte, ich sey ein Stuttgarter, ebenfalls schon dort gewesen seyn wollte, und viel von dem verstorbenen König2Friedrich II., 1797—1816, zunächst Herzog, seit 1806 König von Württemberg. zu erzählen wußte. Übrigens log und windbeutelte er so sehr, daß ich bald seines Gesprächs satt war und die ersehnte Ruhe suchte.

Den 26sten Juli.

Morgens holte ich Beurlin in Johannettenthal ab und gieng dann mit ihm und 2 Gymnasisten von Minden nach dem 2 Stunden entfernten Güterbrok zu Stokmajer. Der Weg führte uns durch Horn, ein lippisches Städtchen, das recht schmutzig und armselig zu seyn scheint. Güterbrok liegt sehr abgelegen und ist eine Bauerschafte oder Weiler. Stokmajer war sehr überrascht und erfreut, als er mich hier sah. Auch sein Herr, Amtmann Henrici, nahm mich recht freundschaftlich auf. Den Rest des Vormittags benuzten wir, um die Pferd- und Rindviehställe desselben zu besuchen, wo ich meist schönes Vieh und besonders auch einige hübsche Pferde fand. Nach dem Mittagessen, woran ausser uns noch einige andere Gäste, namentlich die Eltern der vorerwähnten Gymnasisten, deren Vater Stahlknecht heißt und Cassier bei der preussischen Regierung in Minden ist, Theil nahmen3Der Regierungs-Kalkulator Stahlknecht gehörte zur Erstbesetzung der ab 1. August 1816 fungierenden Preußischen Regierung in Minden. Vgl. Amts-Blatt der Königlich Preußischen Regierung zu Minden Nr. 2, 12. August 1816, S. 11.wollten wir auch die Güter in Augenschein nehmen, allein ein starker und lange andauernder Regen hinderte uns daran, was mir um so leider that, als ich von Stokmajer den Herrn Henrici als einen trefflichen Landwirth rühmen hörte und daher einen aussergewöhnlichen Stand der Felder erwartete. Allein der Regen ließ nicht nach bis Abend, wo wir dann unsern Rükmarsch wieder antreten mußten. Zwar wurde noch eine Zusammenkunft auf morgen in dem nahen Bade Meinberg verabredet, um von da aus den berühmten Badeort Pyrmont zu besuchen.

Den 27sten Juli.

Dieser Verabredung gemäs holte ich heute früh Beurlin und Clemens in Johanettenthal ab und trat sodann mit ihnen den Marsch nach Pyrmont an. In Meinberg, wo wir im Badhause mit Stokmayer und dem ältern Sohne des gestern genannten Herrn Stahlknechts zusammentrafen, fand ich auch zu meiner großen Freude einen Universitätsfreund, Stockmaier aus Brake, der nunmehr Hülfsprediger in Oerlinghausen im Lippischen ist4Karl Stockmeyer, geb. zu Brake 2. Februar 1798 als Sohn des Pastors Ludwig Stockmeyer, gest. zu Bega als Superintendent am 28. Juli 1857. Über ihn W. Butterweck, Die Geschichte der Lippischen Landeskirche, Schötmar 1926, S. 282, 321, 406, 534, 543.. Leider konnten wir aber nicht länger als eine halbe Stunde beisammen seyn, wo wir dann, er mit seiner Gesellschaft auf der einen und ich mit der meinigen auf der andern Seite Pyrmont zu, Meinberg wieder verließen. Wir wanderten nun auf einer ziemlich guten Chaussee durch fruchtbare Gegenden und einige gut gebaute und wohlhabende Dörfer hindurch nach S c h i e d e r , dem letzten lippischen Dorfe, wo wir einkehrten und uns mit Bier und trefflichem westphälischem Schinken labten. Kaum waren wir von hier aus eine halbe Stunde weiter gegangen, so überfiel uns ein starker Regen, der uns lange unterzustehen nöthigte, als er endlich etwas nachließ, giengen wir weiter, um das nicht mehr weit entfernte preussische Städtchen Lügde oder Lüde zu erreichen. An dessen Stadtthoren hörte der Regen auf, wir eilten daher durch, ohne uns aufzuhalten. Dieses Städtchen liegt ganz abgesondert von dem übrigen preussischen Gebiet und ist, obgleich von lauter evangelischen Ländern umringt, katholisch, indem es früher zum Hochstift Paderborn gehörte. Es scheint sehr verarmt zu seyn. Als wir aus dem andern Thor dieses Städtchens herauskamen, sahen wir auf einmal am Ende des Thals im Scheine der eben wieder aus den Wolken hervorbrechenden Abendsonne Pyrmont vor uns liegen, das wir auf nähern Fußwegen in einer halben Stunde erreichten. Stokmajer, der früher schon einigemale hier gewesen war, führte uns in das Wirthshaus des Herrn Herlitz, eines Kaufmanns, wo man uns 5 in 2 Zimmer einquartierte. Nachdem wir uns hier umgekleidet hatten, besuchten wir das Theater, wo heute Hedwig von Th. Körner und ein Vaudeville: der Schiffs Capitain gegeben wurden. Die Aufführung dieser Stüke war, obgleich die Gesellschaft eine wandernde ist, recht ordentlich, wozu jedoch 2 fremde Schauspieler aus Hannover viel beitrugen. Das Theater ist nicht gros, was hier auch nicht nöthig ist, das Orchester höchst mittelmäßig und die
Beleuchtung schlecht. Nach dem Theater speißten wir in unserm Wirthshaus in großer Gesellschaft zu Nacht.

Den 28sten Juli.

Unser erster Gang war diesen Morgen an den Brunnen. Das hiesige Wasser hat viel Eisengehalt, soll in manchen Krankheiten sehr heilsam seyn und wird weit und breit versandt. Man rechnet über 300000 Krüge, die jährlich weggeschikt werden. Es entspringt aus mehreren Quellen, die vorzüglicheren heissen der Trinkbrunnen, der Brodelbrunn, der Säuerling und der Neubrunnen. Der Trinkbrunnen, der besuchteste von allen, befindet sich am obern Ende des Orts und ist mit einem leichten Gebäude bedekt, aus welchem 2 kleine Säulengänge auslaufen, worunter man, wenigstens für den ersten Anlauf, gegen den Regen gesichert ist. Auf diesem Platze befindet sich auch, aber unbedekt, die Quelle, aus der das Wasser zum Baden geholt wird. Diese quillt wie heftig kochendes Wasser gewaltsam aus der Höhe und ist so stark, daß der Ablauf ein großes Mühlrad treiben würde. An diesen Platz stoßt das große Badhaus, ein Gebäude von beträchtlichem Umfange, das dem Fürsten gehört und verpachtet ist. Die Promenade besteht aus 4 langen Reihen alter hoher Bäume, welche 3 Alleen bilden, wovon die mittlere etwa 40′  breit ist, die beiden andern aber enge sind. Der Boden ist ein sanfter Abhang und sehr troken, so daß man auch nach einem starken Regen gleich wieder hier spazieren gehen kann. Auf der einen Seite der Promenade, die beim Brunnenhaus anfängt, liegen das Badhaus, der Conzertsaal, das Schauspielhaus, auf der andern das Kaffeehaus und eine Menge Buden, die während der Zeit mit allerley Waaren gefüllt sind. Am Ende der Allee ist ein kleiner Teich mit einem Springbrunnen. Nicht weit davon liegt seitwärts das Residenz-Schloß des Fürsten von Waldek Pyrmont. Es ist nach Art eines Castells gebaut, mit Wällen und Wassergräben umgeben, jedoch von geringem Umfange und ohne Merkwürdigkeiten.

Nachdem wir einige Gläser des trefflichen Wassers getrunken hatten, machten wir der Sitte der hiesigen Badgäste gemäs einen Spaziergang in der Allee und nahmen dann in dieser an einem Tische in der Nähe des Kaffeehauses das Frühstük ein, wo wir die vorübergehenden Herrn und Damen ungestört die Revue passiren lassen konnten.

Nach dem Frühstük besuchten wir einige hübsche Punkte in der Nähe, nemlich die Schwefelhöle und das Friedensthal. Erstere ist eine Art Grotta del Cane, denn man kann nur wenige Schritte in sie hinabsteigen, weiter hinab würde man riskiren, durch die aufsteigenden Schwefeldünste erstikt zu werden. Das F r i e d e n s t h a l ist eine— in einer Thalschlucht sehr romantisch gelegene Colonie von Herrenhutern. Nachdem wir uns hier ein wenig erfrischt hatten, giengen wir auf einem andern — ebenfalls sehr angenehmen Wege nach Pyrmont zurük, das wir uns vor dem Mittagessen noch etwas näher besahen.

Pyrmont ist keine Stadt, ob man es schon von einem Dorfe unterscheidet, in- dem man den untern Theil des Ortes das Dorf nennt. Einige Seitenhäuser ausgenommen, besteht es aus einer einzigen, sehr langen Gasse, und selbst in dieser sind die meisten Häuser so gebaut, daß sie auf beiden Seiten durch einen Hof, ein Gärtchen oder so etwas von ihren Nachbarn getrennt sind. Pyrmont hat eine Menge großer und ansehnlicher Häuser, die aber mit wenigen Ausnahmen sehr leicht gebaut und blos von Fachwerk sind. Alles, worauf es ankommt, ist, viel Zimmer zu vermiethen zu haben, da hier während der Badzeit die Wohnungen sehr theuer sind. Je leichter man also ein Haus bauet, je weniger Capital man hineinstekt, desto größer sind die Zinsen, die man daraus zieht. Pyrmont hat 1 Kirche, 1 Waisenhaus, 1 Hospital, 260 Häuser und 1600 bleibende Einwohner, die ihre Nahrung aus dem Brunnenbesuch, Handwerken und Krämerey ziehen. Der Badgäste sollen es jährlich zwischen 1500 und 2000 seyn.

Vor Tisch nahm ich ein Bad im Badhause Im untern Stoke desselben befinden sich viele kleine Badzimmer, wo man in einer wannenförmigen Vertiefung, die in den flotteren von Marmor, in den übrigen von Metall ist, badet und hiebei nach Belieben vermittelst Zapfen warmes oder kaltes Wasser zulassen kann. Das Wasser ist schmutzig roth und hat viel Eisengehalt. Ein Bad kostet 14 Groschen.

Nach Tisch bestiegen wir einen ziemlich steilen Berg, von wo aus man zwar keine ausgebreitete, aber in das Thal von Pyrmont eine recht hübsche Aussicht hat. Die Lage von Pyrmont wird zwar von den Norddeutschen, die noch nicht aus Norddeutschland herausgekommen sind, für wunderschön gehalten, für einen Süddeutschen ist sie diß aber bei weitem nicht, denn es fehlt ein größeres Wasser, (das Flüßchen Emmer, an dem Pyrmont liegt, ist von keiner Bedeutung), auch sind die Berge, die es umgeben, von keiner bedeutenden Höhe oder weiten Aussicht.

Nachmittags besuchten wir die hiesige Spielbank. Ob ich gleich selbst keine Lust zum Mitspielen hatte, so war mir doch das Zuschauen sehr interessant. Die Spiele, die hier gespielt wurden, waren Roulette und Rouge ou noir, Spiele, die zwar leicht zu seyn scheinen, die aber doch auch ein genaueres Studium zulassen und für solche Spieler leicht sehr vortheilhaft seyn können. Deren gibt es aber wenige, und zum Glück für die Banquiers spielt die Mehrzahl der Spieler ohne viel Nachdenken.

Abends wurde im Theater Don Juan gegeben, worin ein Sänger von München, Namens Coppello als Gast auftrat; er wurde aber von den mehrsten der Sänger der Truppe übertroffen. Im Allgemeinen war die Aufführung so gut, wie ich sie von einer wandernden Schauspielerbande, was die zu Pyrmont ist, nicht erwartethätte.

Den 29sten Juli, Sonntag.

So sehr ich gewünscht hätte, am heutigen Tage, der in Pyrmont der goldene Sonntag heißt, weil sich an ihm sehr viele Fremde und aus der Nachbarschaft hier einfinden, hier bleiben zu können, so mußte ich meinen Begleitern nachgeben, die heute noch in das Bad Meinberg, wo sie von Bekannten erwartet wurden, kommen wollten. Jedoch blieben wir noch den ganzen Vormittag in Pyrmont und sahen die Menge der Ankommenden. Mittags nahmen wir Extrapost und fuhren auf demselben Wege, den wir hergekommen waren und zum Theil bei starkem Regen nach M e i n b e r g. Auch in diesem Bade, das freilich dem Pyrmonter weit an Celebrität nachsteht, fanden wir viele Freunde, unter andern auch Stahlknechts Eltern, den Amtmann Henrici von Güterbrok und seinen Sohn. Da ich nicht am Tanzen Antheil nehmen mochte und vorher schon von einigen Eigenthümlichkeiten des Meinberger Bades gehört hatte, so ließ ich mir die hiesigen Badeinrichtungen zeigen. Neu waren mir das Schlammbad und das Gasbad. Der Schlamm, worin man badet, wird aus einem Sumpfe unweit Meinberg ausgehoben und enthält sehr viele schwefligte Theile. Ein solches Schlammbad ist zwar in vielen Krankheiten von vorzüglicher Wirkung, aber höchst unangenehm zu nehmen, da die Ausdünstung des Schlammes, den der Patient zudem noch aufzurühren hat, die Nase ganz gewaltig affizirt. Um sich abwaschen zu können, befindet sich neben dem Schlammbad ein Zuber mit reinem Wasser.

Das Gasbad soll vorzüglich bei Übelhörigen, Schwadisehenden und dgl. zu Stärkung des Sinnes dienen. Es befindet sich oberhalb der Quelle und wird gebraucht, indem man einen Hahnen dreht und die aus der Quelle ausdünstende fixe Luft5Kohlensäure an den kranken Theil des Körpers ausströmen läßt. Das hiesige Wasser ist zwar nicht stark, aber angenehm zu trinken und reich an fixer Luft. Meinberg selbst ist ein kleines Dorf im Fürstenthum Lippe Detmold. Für Badegäste sind nur 2 Wirthshäuser hier und ausser einigen Alleen um diese herum keine Anlagen.

Abends verließ uns Stokmajer, der mit seinem Herrn Henrici nach Güterbrok zurükkehrte. Vorher hatte ich noch von diesem die Erlaubniß ausgewirkt, daß mich Stokmajer auf einige Zeit begleiten dürfe6Stockmeier begleitete ihn bis Magdeburg vom 30. Juli bis 17. August und kehrte dann um. Vgl. Bd. 2, S. 109.. Da der Regen, der uns heute Nachmittag überfallen hatte, nicht aufhören wollte, so nahm ich mit meinen übrigen Begleitern Exrapost. Diß war aber eine wahre Schnekenpost und der Wagen so schlecht, daß dieses Fahren auf dem holperichten Wege eine wahre Qual war. Bei Johanettenthal verließen mich meine Begleiter, und ich fuhr dann vollends nach Detmold, wo ich erst um 10 Uhr Nachts ankam, obgleich der Weg von Meinberg hieher nur 1½ Stunden beträgt und wir nach 8 Uhr dort abgefahren waren.

Den 30sten Juli.

Noch hatte ich von der Stadt Detmold beinahe gar nichts gesehen, ich verwendete daher den heutigen Vormittag dazu, wobei mich Beurlin, der hier schon etwas bekannt war, begleitete.

Detmold liegt an der Werra, ist ummauert, hat 3 Thore, eine neue Vorstadt, ein altes Residenzschloß mit 4 Flügeln, 2 reformirte und 1 lutherische Kirche, 340 Häuser und 2370 Einwohner7Nach Friedrich Wilhelm von Cölln, Historisch-geographisches Handbuch des Fürstenthums Lippe, Leipzig 1829, S. VIII war Lippe 22 bis 23 Quadratmeilen groß., die sich meist von den Ausflüssen des Hofes und der Collegien, Handwerken und Gewerben, besonders Leineweberey, Gerberey und Brauerey und der Landwirthschaft nähren.

Das Fürstenthum Lippe Detmold ist eines der kleinsten des Deutschen Bundes; es hat nach der offiziellen Angabe beim Bundestag 69062 Einwohner und 20 Quadrat Meilen7Nach Friedrich Wilhelm von Cölln, Historisch-geographisches Handbuch des Fürstenthums Lippe, Leipzig 1829, S. VIII war Lippe 22 bis 23 Quadratmeilen groß., im Durchschnitt also auf jeder 3349. Einwohner, Seine Producte bestehen in Getreide, Buchweitzen, Hanf, Flachs, Rübsamen, Futterkräutern usw. Es hat im Ganzen einen vorzüglichen Boden. Man theilt die Felder mit Ausnahme der Sandgegenden in 3 Felder, allein erst im 6ten Jahre wird reine Brache gehalten. In die Brache säet man Roggen, selten Weitzen und die lezte Saat machen Hafer oder Klee aus; die Zwischensaaten differiren nach den verschiedenen Gegenden. Der Akerbau geschieht meistens durch Pferde,  die im Lande selbst auf der sogenannten Senner Heide gezogen werden und dauerhaft und munter sind, so daß sie auch im Auslande gesdiäzt werden. Die Hornviehzucht ist in gutem Stande, liefert aber keinen Artikel der Ausfuhr; dagegen haben sich die Schäfereyen ausserordentlich vergrößert und hie und da veredelt. Die Schweinezucht ist ansehnlich, auch werden viele Ziegen gehalten. Der Flachs ist ein Hauptproduct des Landes, mit dessen Verarbeitung sich auch hauptsächlich der Kunstfleiß beschäftigt. Lippe Detmold bringt nur Holz, Garn, Leinwand und Wolle zur Ausfuhr, alles Übrige ist unbedeutend. Eine eigentliche Handels-Stadt hat das Land nicht.

Nachdem ich in Gesellschaft von BeurIin den fürstlichen Marstall gesehen und einige hübsche Spaziergänge um die Stadt besucht hatte, überfiel uns ein so heftiger Regen, daß wir uns halb durchnäßt in ein Bierhaus vor der Stadt flüchten mußten. Hier erhielten wir, was ich sonst noch nie gesehen hatte, eine von Stroh geflochtene Stellage zum Einschenken des Biers, wed dieses, so dik wie Honig, ganz langsam eingeschenkt werden muß. Auch dieses Bier, so wie das meiste, das ich in Westphalen versucht hatte, mundete mir nicht, weil es für einen Gaumen, der das Süd- deutsche Bier gewohnt ist, viel zu matt und fad ist. — Nachdem der Regen aufgehört hatte, giengen wir nach der Stadt zurük und sahen uns hier ein wenig um, was übrigens bald geschehen war, da Detmold ein kleines, schmutziges, nur aus 2 Hauptstraßen und einigen elenden Gäßchen bestehendes Städtchen ist, worin man ausser dem Theile, wo das Schloß liegt, nichts von einer Residenz bemerkt.

Durch das viele Regnen, das seit einigen Tagen die ohnediß schlechten Wege in dem hier vorherrschenden Thonboden noch mehr verschlimmert hatte, ward ich gezwungen, meinen früheren Plan, an dem berühmten Externstein vorbei durch das  Winnefeld, wo die Hermannsschlacht geschlagen wurde, über die Bäder Driburg und Hofgeismar nach Cassel zu gehen, aufzugeben und zum Postwagen meine Zuflucht zu nehmen, der heute noch von Detmold nach Paderborn abgieng. Um 1 Uhr setzte ich (mich) mit meinem neuen Reisebegleiter, Stokmajer, einem preussischen Dragoner-Offizier und einem Unteroffizier desselben Regiments in den Postwagen, der gleich den übrigen, die ich in Westphalen gesehen hatte, nicht in Federn hieng und daher die Passagiere tüchtig rüttelte. So lange wir uns im Lippe Detmoldischen befanden, war der Weg gut und angenehm, indem es meist im Walde, einem Theile des Teutoburger Waldes, fortgieng. Im letzten Detmoldischen Dorfe, Schlangen, kehrten wir ein. Bald darauf ward die preussische Gränze erreicht, und nun hörte der chaussirte Weg auf und eine Heide, die Senne genannt, nahm uns auf. Hier war kein eigentlicher Weg mehr zu sehen, sondern blos Wagenspuren, die einen Weg von ¼—½ Stunde Breite bildeten. So gieng es an dem einzigen Dorfe Lippspring vorbei, beinahe bis Paderborn, in dessen Nähe erst wieder ein ordentlicher Weg begann. Hier trafen wir ungefähr um ½ 6 Uhr ein, wo ich und Stokmajer unser Logis in der Post nahmen, unsere übrigen Begleiter aber uns verliessen. Den Rest des Tages verwendeten wir dazu, die Stadt und den Dom zu sehen.

An einem Tagebuch von Karl Friedrich Weisser, Mitgeteilt von Erich Sandow