Eine Schreckensnacht im Ahmser Kruge

Ahmser Krug, rechts die Grabplatte mit der Inschrift: ‘HIR RUHEN 5 PER / SONEN SO ANNO 1724 / NACHTS VOM 17 AUF DEN 18 / JUNY IM AHMSER KRUG ÜBER / FALLEN UND JÄMMERLICH / ERMORDET WORDEN. / ALS / SIMON HENRICH BECKMANN / MIT SEINER FRAU GEWES / ENER NEWEN KRÜGER / DESEN KNECHT MAGT / UND EIN SCHAEFFER. / DIE MÖRDER SEIN / NICHT ENTDECKTET’

Im äußersten Nordwesten unseres Lipperlandes, nur wenige Schritte von der Stelle, wo aus dem Werregrunde die Landwehr, der alte Grenzwall der das Gebiet der Stadt Herford von Lippe trennt, zum Ahmser Baume heraufzieht, liegt als äußerster lippischer Grenzposten der Ahmser Krug. In seinem Garten, unter
dessen schattigen Bäumen es sich im Sommer gut ausruhen läßt, lehnt ein Stein an der Mauer mit folgender Inschrift:

Hier ruhen 5 Personen, so Anno 1724
Nachts vom 17. auf den 18. Juni im Ahmserkruge
überfallen und jämmerlich ermordet worden, als
Simon Heinrich Beckmann mit seiner Frau,
gewesener Newenkrüger, dessen Knecht,
Magd und ein Schaefer.

Die Mörder sein nicht entdecket.

Was wir über diese düstere Begebenheit haben erfahren können, ist dieses: Der Krug lag damals, vor 200 Jahren, viel einsamer als jetzt. An der Nordseite der Ahmser Baum, die alte Zollstätte, im Süden, einige Minuten entfernt, das Rittergut Ahmsen, jetzt noch der Edelhof genannt, nach Osten im Grunde die Wassermühle und eine Stätte, die Mausefalle genannt — das waren die nächsten Nachbarn. Damals lebten in dem Kruge außer dem Wirt Simon Beckmanm 27 Jahre alt, und seiner Frau, 33 Jahre alt, nur noch die Hausmagd Anna Ilsabein Pahmeier, 22 Jahre alt, und der Hausjunge Joh. Hermann auf dem Schilde, 18 Jahre alt. Am Abend des 17. Juni, einem Sonntage, waren die letzten Gäste kurz vor 12 Uhr nach Hause gegangen. Am andern Morgen haben Nachbarsleute, als sie an dem Kruge vorbeigingen den Schäfer, welcher mit seinen Schafen in des Krügers Garten gelagert hat, auf dem Hofe unweit seiner Hütte ermordet aufgefunden. Als sie dieses dem Wirt anzeigen wollen, finden sie die Tür verschlossen, weshalb einer von ihnen durch das Fenster in die Stube steigt um Alarm zu machen. Da findet er die Wirtin hinter dem Ofen „jämmerlich massakrieret”· Nachdem er das Haus geöffnet und die übrigen eingelassen hat, finden sie den Wirt hinter der Haustür vor dem Kuhstalle liegend ebenfalls ermordet, ebenso nach weiterem Suchen die Magd oben auf dem Boden unter dem Dache, mit zahllosen Wunden bedeckt und tot. Zuletzt findet man auch den Jungen im Hause in einer ganz abgelegenen Kammer im Todeskampfe auf seinem Bette liegend. Er war noch imstande, zu berichten, daß des Nachts um 12 Uhr zwei Kerle, die blau gekleidet waren, aber ein gelbes Kamisol und um den Hut eine weiße Borde trugen, an die Tür gekommen wären, um im Kruge zu übernachten. Nachdem man sie eingelassen, wären um 1 Uhr noch drei andere gefolgt. Als er, der Junge, ihnen die Tür geöffnet, hätten sie ihn sogleich angefallen und ihn schrecklich zugerichtet. In der Meinung, er wäre tot, hätten sie ihn liegen lassen, nun aber die übrigen Hausbewohner und den Schäfer, welcher in seinem Karren gelegen und, wohl auf das entsetzliche Geschrei im Hause, unbekleidet herbeigelaufen kam, ebenfalls „elendiglich massakrieret”. Nachdem die Mörder fortgegangen, ist der arme Junge ins Haus zurückgekrochen, hat aus Besorgnis, sie möchten zurückkommen. mühsam die Tür verriegelt und sich dann, seine heraustretenden Eingeweide mit den Händen zurückpressend, unter unsäglichen Schmerzen in seine Kammer geschleppt. Mehr zu berichten, hat der Tod den Bedauernswerten gehindert.

Die Untersuchung durch den Physikus ergab, daß bei dem Wirt „Zwerchfell und Herzbeutel durch- und durchgestoßen”. Der braven Frau, die sich offenbar tapfer zur Wehr gesetzt, „haben die Schelme am meisten zugesehen Leber und Lunge durchgestochen”, die Milz fünfmal und die Brust zehnmal, und sonsten noch acht Wunden hin und wieder gegeben, wie ihr dann auch den Goldfinger abgeschnitten. Dem Schäfer Caspar Riesenbeck, 46 Jahre alt, hatte man vier schwere Wunden zugefügt. Auf das arme Dienstmädchen müssen die Schurken eine förmliche Hetzjagd veranstaltet haben; bis auf den Boden unter das Dach ist sie geflüchtet, wo sie nach 25 schweren Verletzungen gestorben ist.
Mit der Mordgier von Tigern haben die Unmenschen offenbar ihre Opfer angefallen; auch der Körper des Hausjungen zeigte 17 Wunden. „Es war dies,” sagt ein Bericht, „ein entsetzliches Spektakel und konnte ohne Tränen nicht angesehen werden. Wohin man kam, traf man in ihrem Blute liegende Menschen, in der Stube, auf der Tenne, auf dem Boden, auf dem Hofplatze. Das Blut lief an den Wänden hinunter”.

Auf dem Friedhofe der Münsterkirche in Herford hat man die fünf Opfer bestialischer Mordlust bestattet und ihnen den eingangs erwähnten Denkstein gesetzt. Als nach hundert Jahren der

Friedhof in einen offenen Platz verwandelt wurde, ist der Stein an den Schauplatz der entsetzlichen Tat zurückgebracht worden. Da steht er nun als ein nie verstummender Kläger über ein ungesühntes Verbrechen. Ungesühnt? Der kurze Bericht im städtischen Archiv von Salzuflen schließt mit den Worten: „Wer diese entsetzliche Tat ausgeübet, ist G o t t b e k a n n t.

Menschen ist solches verborgen geblieben.”

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1929 – Von W. Pölert.

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