Eine urgeschichtliche Wallburg in Nordlippe

Göstrup

Der Buntenberg oberhalb Göstrup besitzt auf seinem Gipfel entlang den Kanten eine Anzahl Steinwälle. In bester Erhaltung liegen sie an der östlichen Seite. Während sonst die Wälle ziemlich platt und abgetragen sind, bollwerken hier noch breite Steinlager, die sich stellenweise zu Hügelungen zusammenhäufen.

Der Berg fällt nach Osten und Westen sehr steil ab. Es gibt kaum eine Höhe im nordlippischen Raum, die ihm darin ebenbürtig ist. Die Südseite besitzt eine (terrassenförmige) Bühnenvorlagerung, die an der Südwestecke einen noch erkennbaren Wallrest aufweist. Auch der Norden und Osten scheinen derartige Vorburgen besessen zu haben, bzw. durch Doppelwälle gesichert gewesen zu sein. Am Osthang war anscheinend auch die unentbehrliche Quelle durch einen schwächeren Wall einbezogen. Der Hauptwall umzieht die Kuppe mehr oder minder gut erhalten vollständig. Der Lagerraum ist eine sanft nach Norden einfallende Ebnis, etwa 70 Morgen (17,5 Hektar) groß, also auch in diesem wesentlichen Punkte erfüllt der Buntenberg die Anfordernisse einer Wallburg der alten Zeit. Kulturliche und natürliche Befunde schenkten dem Buntenberge Wehrmerkmale für ein pulver- und dynamitfreies Zeitalter wie keinem zweiten Bergkegel im gesamten Gebiet zwischen Bega und Weser.

Zur Entdeckungsgeschichte: meine Aufmerksamkeit wurde erstmalig erregt, als wir Jungen 1919, wie so oft, ziellos durch die Wälder baselten. Die nördliche stufenförmig abgesetzte Walllinie war mir sonderbar. An eine Wallburg oder dergleichen dachte ich allerdings nicht im entferntesten, da mir jegliche Blickpunkte dazumalen noch fehlten in dieser Beziehung. Anregungen Wilhelm Teudts folgend, habe ich seit 1925 meine 1922 begonnene Suche nach Vorzeitbestattungen planmäßig durchgeführt und beschließend etwa 350 Rundhügelgräber im Gebiet zwischen Weser und Bega einerseits, Salze und Exter andererseits festgestellt. Dazu eine nicht unerhebliche Anzahl Langhügelgräber. Auf Wunsch Dr. Stiereng in Münster trug ich diese Siedlungszeugen in die Meßtischblätter ein. Es ließ sich nunmehr die Tatsache unmittelbar ablesen, daß der nordlippische Raum (wenn man ihn östlich bis Hameln, westlich bis Oeynhausen erweitert) nicht nur eine geographische, eine landschaftliche Einheit, sondern auch eine siedlungshafte für die Bronzezeit ist. Da germanische wie die (verwandten) keltischen Gaue nun stets landschaftliche Einheiten mit einem ebenso natürlichen kultischen oder politischen Mittelpunkt sind, so war für mich die Aufgabe, denselben für das umschriebene Gebiet zu finden, gegeben. Ich verfuhr im Sinne Hermann Albert Prietzes (Das Geheimnis der Deutschen Ortsnamen) rein landschaftlich. Ich umriß mit einem 10-km-Radius das Gebiet und kam mit der Zirkelspitze auf den Buntenberg oberhalb Göstrup als zentralen Gaupunkt zu stehen Das nächste war eine eingehende Besichtigung, wobei mir der oben beschriebene Befund in seinen Einzelheiten nunmehr zum sicheren Indizienbeweis einer urgeschichtlichen Fluchtburg für jene ferne Zeit wurde, während ich vorher noch mit Bauernwällen und Gemarkungsgrenzen als Konkurrenzen gerechnet hatte.

Was mich in meiner Meinung, hier die Gauburg des Gebietes gefunden zu haben, bestärkte, ist die ebenfalls aus der Gräberkarte abzulesende Tatsache, daß die Randhöhen, trotz hinreichender Höhenlage, nach den offenen Ebenen im Norden und Süden zu, nahezu gräberfrei sind, trotz fortgesetzter, heute noch vorhandener Bewaldung. Darin lag ein strategischer Hinweis. Die bronzezeitliche, bzw.· die unmittelbar folgende eisenzeitliche, war für unseren Raum eine Rückzugsbevölkerung, die, wenn sie keltischen Volkstums war, auf nördlichsten Vorposten saß, und gegen den von Norden eindringenden Germanenvetter Sicherheiten besitzen musste.

Ein Weiteres, auch auf der strategischen Linie Liegendes, vom Kartenblatt Abzulesendes: über die Hälfte aller Bestattungen liegt entlang der Keuperkette Langenholzhausen Sternberg. Die Buntenberg-Fluchtburg war also jederzeit leicht auf dem sicher uralten Höhenwege (heute Wanderweg 2) vor nördlich oder südlich eindringenden Feinden zu erreichen. Darin mag die innere Ursache für die auffällig starke Besiedlung längs dieses „Rennsteiges“ urzeitlicher Tage liegen.

Ein Drittes: Strategisch bedeutsam ist die wunderbare Sichteignung der Berges. Von seinem Gipfel aus ist das gesamte umrissene Gebiet mit unbewaffnetem Auge leicht zu überblicken. Kein anderer Bergkegel kann darin in Wettbewerb treten

Erdenburg Moitzfeld bei Bergisch Gladbach, Foto einer öffentlichen Schautafel, Zeichnung nach Hans Schleif, Winter 2003 . German Wikipedia

Am 19. Lenzing d. J. habe ich mit den Herren Prof. Langewiesche-Bünde, der neben Schuchardt der erfahrenste Burgenfachmann Niedersachsens sein dürfte, sowie Archivrat Dr. Kiewning und Lehrer Nebelsiek-Remmighausen, den Buntenberg einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Langewiesche konnte meine Meinung bezüglich des Wesens der Anlagen und ihres hohen Alters bestätigen. Ob diese Wallburg nun Beziehungen zur bronzezeitlichen Siedlung des nordlippischen Raumes hat, das erst kann der Spaten entscheiden, wenn Fundergebnisse zu Tage gefördert werden. Für die Lippische Heimatforschung wird das Ergebnis dieser Grabung, die ausgeführt werden soll, sobald Geld und Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, von erheblicher Bedeutung werden. Burgen vom gleichen Typ kommen südlich erst im Hessischen bei Kassel vor, wo sie der keltischen Kultur zuzurechnen find, östlich gibt es ähnliche Erscheinungen im Siegerland bei Siegen, wo sie im vergangenen Sommer von Dr. Stieren gegraben wurden. Langewiesche erklärte die Buntenbergburg für eine der schönsten in Lippe, für die älteste im Gesamtgebiet. Ich möchte nicht unterlassen, auf die Gleichläufigkeit der äußeren Erscheinung dieser Burg mit der Grotenburg bei Detmold hinzuweisen Die Steinwälle machen hier wie da den gleichen Eindruck, nur mit dem Unterschied, daß das Material auf der Grotenburg, entsprechend dem geol. Vorkommen, groberes Format besitzt. Wir werden damit rechnen dürfen, daß die Burg, in der Hermann der Cherusker steht, geschichtlich vordatiert werden wird. Doch wieweit und für welches Volkstum, das sind Fragen, die allein erst der Spaten zu entscheiden vermag, wenn überhaupt.

Der gegenständliche Befund des Buntenberges, wie er heute noch vorliegt, ist ein nicht unerheblicher. Man wundert sich eigentlich, daß Männer der Wissenschaft bislang unbeeindruckt daran vorbeigehen konnten, wo Prof. Langewiesche sogar Grundrißlinien von Baulichkeiten im Getrümmer erkennen will.

Die Aufmerksamkeit und das Erklärungsbedürfnis der umwohnenden Menschen wurde schon oft durch den Buntenberg erregt. In Göstrup geht das Gerücht, da oben habe eine Kapelle gestanden. Offenbar knüpft diese Annahme an das trigonometrische Vermessungskreuz im eingelassenen Viereck des großen Steines (der für sich eine Aufgabe der Forschung werden wird!) auf dem Höhepunkt der Anlage. Es geht auch das Mutmaßen, einst habe ein unterirdischer Gang den Buntenberg mit der südöstlich bei Lüdenhausen liegenden Trotzenburg verbunden Was „Trotzenburgen“ im Lippischen zu bedeuten haben, dafür gibt Herr Pastor Ruperti, Lüdenhausen, einen geschichtlich nachprüfbaren Fall für die Ortschaft Belle. Dort bezeichnete der Volksmund das Haus eines Bewohners so, der sich von den übrigen Dorfgenossen absonderte, ihnen „trotzte“. Für die mir bekannten „Trotzenburgen“ in Varenholz, Lüdenhausen und Hohenhausen dürfte diese Erklärung gut zutreffen, da sie in diesen drei Fällen stets abseits liegen.

In Langenholzhausen entstand in den letzten Jahren eine sogenannte „Poggenburg“, sogenannt wegen der Nachbarschaft von Froschteichen. Näher kommt der Sache schon die Göstruper Uberlieferung, daß in Krieggzeiten das Vieh in den Berg geflüchtet wurde. (Auffallenderweise beurkunden Lüdenhauser Akten diese Fluchtgegend für die Wälder bei der südlich gelegenen Steinegge).

Hin und wieder wurden Schulkinder auf die Bergkuppe geführt, von einer Wallburg war schon hier und da die Rede. Meine Ermittlungen ergaben als Herd des Gerüchtes bislang das Folgende. Nach Mitteilungen von Ruperti hat der Gymnasiast Fritz Plöger, Asendorf, seinen damaligen Lehrer Prof. Weerth auf die Anlagen aufmerksam gemacht. Weerth hat den Berg besichtigt. Nach Mitteilung von Dr. Kiewning, dessen Quelle ich nicht kenne, hat Weerth „die Anlage auf dem Buntenberg gekannt“, aber „die Burganlage als solche soll er nicht anerkannt haben“. Auch Schwanold war oben, hielt aber die Steinhäufungen (wie auch ich zunächst) für bronzezeitliche Bestattungen. Die Zahl gab er in den „Mitteilungen aus der Lippischen Landesgeschichte“ mit 6 an. Der einzige, der an den Wehrcharakter der Anlage glaubte, war Herr Pastor Ruperti.

Er drang auf ähnlichem Wege (seit Plögers Hinweis) zur Erkenntnis vor, wie ich sie oben entwickelte, indem er für den Lippischen Norden eine Fluchtburg a priori annahm. Mir wurde von alledem erst nachträglich Kenntnis. Meine Ermittlungen zur Forschungsgeschichte der Anlage gehen weiter.

Es gibt auch noch eine Anzahl volkskundliche und landschaftliche Befunde, die einer Deutung aus dem Sinnzusammenhang mit der Burganlage und Umständen harren. Die mir vorliegende Karte (vom Landmesser Heimburg etwa um 1770) kennt den Namen Buntenberg nicht, der auch sonst in den älteren Akten fehlt, dagegen an der Stelle der Anlagen den Namen „Paschebruch“. Bei Lüdenhausen, weiter östlich, (20 Minuten) gibt es die noch heute übliche Bezeichnung »Paschenbrink«. Ob darin das alte Wort Pascha für Ostern oder eine Bezeichnung für Pferd steckt, bleibe zunächst zu untersuchen. Die Karte zeigt auch eine Stange im Gebiet des „Pasche-Bruchs“.

Dann steht da am Ostfuß des Buntenberges die bekannte ,,1000jährige Eiche“, deren Überbleib man unmöglich aus Bestimmungen ableiten kann, die das Fällen von Hofeichen von der Erlaubnis des Landesherrn abhängig machten. Wo derartige Urgestalten einer naturgewaltigen Zeit vorkommen, da darf man irgendwelche Beziehungen zu kultischen oder politischen Mittelpunkten mutmaßen, wohlverstanden, nur „mutmaßen“, und die Eiche zu Döhringfeld am Leistruper Walde steht auch in kultisch bedeutsamer Nachbarschaft Selbstverständlich kommen für älteste Zeiten nur ältere Vorgänger in Frage. Aber das Vorhandensein solch alter Baumriesen – in Nordlippe gibt es keine Parallelen — sind in ihrer Einmaligkeit und in derartigen Bezugszusammenhängen für denkende Menschen eine Antwort (so oder so) heischende Fragestellung.

Schließlich liegt noch südöstlich vor Buntenberg auf der Stufe des Rennsteiges der „Heerberg“, auf dessen weitschauendem Rund die Lüdenhauser seit alters her ihr Osterfeuer entzünden. Zwischen Hexenberg und Buntenberg vorbei führt der »Alte Postweg« nach Rinteln Zuwegungen gab es also in alter Zeit auch im Bereich.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1934 – Von August Meier-Böke, Hohenhausen