Eisregen-Katastrophe 1988

Eiskruste um das Geäst eines Strauches nach Eisregen. Barfooz at the English language Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Das spektakulärste Wetterereignis des Jahres bahnte sich am 30. November ähnlich an wie knapp zwei Jahre zuvor, am 2. März 1987: Luftmassen extrem unterschiedlicher Temperatur trafen aufeinander, auf sehr kalte bodennahe Luftschichten glitt wesentlich wärmere, feuchte Luft auf, und es kam zu ergiebigen Eisregenfällen. Anders als im März 1987 setzten sich diesmal immer dickere Eispakete auf Ästen und Zweigen der Bäume ab, während die Straßen zunächst passierbar blieben.
Die eigentliche Katastrophe trat in den späten Abendstunden ein: Wind kam auf und begann, das oft tonnenschwer mit Eis behängte Geäst der Bäume zu bewegen. Etwa ab 22 Uhr war den Bewohnern waldnaher Häuser die Nachtruhe genommen; das laute Splittern der Stämme, der dröhnende Aufschlag niederbrechender hochstämmiger Buchen raubten die ganze Nacht hindurch den Schlaf.
Am folgenden Morgen, dem 1. Dezember, wurde die Katastrophe in ihrem ganzen Umfang deutlich. Die schweren Schäden lösten in Lippe und ganz Ostwestfalen Katastrophenalarm aus. Schon am Abend vorher hatten Feuerwehren und Katastrophenhelfer versucht, die Straßen von umgestürzten Bäumen freizuräumen. Diese Versuche mussten am Morgen wegen Lebensgefahr für die Helfer durch ständig niederstürzende Bäume eingestellt werden. Die Bundesstraße B 239 (Beller Holz) und B 66 (Rieper Berg zwischen Lemgo und Dörentrup) mussten ebenso gesperrt werden wie zahlreiche Land- und Kreisstraßen. Der Regierungspräsident rief die Bevölkerung auf, in den folgenden Wochen wegen Lebensgefahr die Wälder nicht zu betreten. Auch den Forstleuten wurde aus Sicherheitsgründen das Begehen der Wälder untersagt.

Eisbildung an Kiefernnadeln am 1. Dezember 1988. Quelle: Heimatland Lippe

Millionenverluste entstanden auch den Energieversorgungsunternehmen. Selbst große Hochspannungs-Gittermasten waren unter der Eislast zusammengeknickt, einzelne Dörfer und Ortsteile, vor allem in Nordlippe, mussten tagelang ohne Strom auskommen.
Erst nach Monaten stellte sich in abschließenden Schadensberechnungen heraus, dass bisher noch keine andere einzelne Wettererscheinung in Lippe so schwere Schäden verursacht hatte wie dieser Eisregen. In den Forsten waren hochstämmige Buchenbestände auf Osthängen besonders betroffen. Die am weitesten hangaufwärts stehenden Buchen hatten beim Niederstürzen Dominosteinen gleich alle tiefer stehenden mit zu Fall gebracht, so dass ganze Hänge fast völlig baumfrei wurden, wie am Bielsteinhang oberhalb des Forsthauses Heidental bei Hiddesen oder auf der Ostseite der Gauseköte, entlang der Kreisstraße Erlen verloren häufig sämtliche Äste, so dass nur noch der Hauptstamm stehen blieb. Die Wipfel der meisten Birken wurden durch die Eislast bis fast zum Boden gebogen, bis die Bäume schließlich in 3 – 5 Meter Höhe brachen.
Dem Schadensbericht des Landesverbandes Lippe über die Forstschäden 1988 sind folgende Angaben zu entnehmen:

Die Schäden übertrafen die schon starken Schnee- und Eisbruchkalamitäten des Frühjahrs 1987 um ein Vielfaches.
Am schwersten geschädigt wurden die Waldbestände der Forstämter Hörn und Schieder.
Nach grober Schätzung wurden insgesamt 53 000 Festmeter geworfen oder gebrochen, davon ca. zwei Drittel flächenhaft.
Da zu Anfang des Winters erst geringe Mengen Holz geschlagen waren, lag der sogenannte Kalamitätsanfall noch innerhalb der für das Jahr vorgesehenen Einschlagsmenge und konnte daher noch ausgeglichen werden.
Der Schwerpunkt der Schäden lag bei den 40 – 80-jährigen Beständen.
Weitaus am stärksten waren Buchen, Eschen, Ahorn betroffen.
Der grob geschätzte vorläufige Schaden liegt bei ca. 6,7 Millionen DM für den Landesverband; darin nicht enthalten sind erhebliche Folgeschäden (Ausfall der Naturverjüngung, Nachfolgeschäden durch Sturm und Sonnenbrand in Nachbarbeständen, erhebliche Qualitätsverluste u.v.a.).

Eiswurf im Buchenbestand am Osthang der Gauseköte. Quelle: Heimatland Lippe

Neben derartigen Katastrophenfällen rücken aber auch schleichende ökologische Schäden, die durch Wetterelemente mit verursacht werden, in das Interesse der Öffentlichkeit. „Saurer Regen ruiniert den Senne-Sand“, betitelte die Lippische Landeszeitung in ihrer Ausgabe vom 6. August einen Bericht über eine Untersuchung im Grundwasserbericht 1987 des Landesamts für Wasser und Abfall (LWA), nach dem die stark übersäuerten Niederschläge in den Sennesanden in Form von Sickerwässern in das Grundwasser vordringen. Dadurch verliert der Boden die auf seinem natürlichen Kalkgehalt basierende Neutralisierungsfähigkeit, so dass inzwischen in den oberen Schichten eine Übersäuerung des Grundwassers und damit eine Beeinträchtigung des Trinkwasserreservoirs eintritt.

Wetterelemente sind als Transporteure auch beteiligt an den schon seit Jahren beobachteten Waldschäden, von denen nach dem Waldschadensbericht 1988 der Bundesregierung wie im Vorjahr 52% der Waldflächen in der Bundesrepublik geschädigt sind. Als Protest gegen unzureichende Gegenmaßnahmen besetzten Mitglieder der Umweltschutzorganisation „Robin Wood“ am 2. November für einen Tag das Hermannsdenkmal und behängten die Kuppel unterhalb der Figur mit einem 50 Quadratmeter großen Transparent „Der Wald stirbt weiter“.
Ein international vieldiskutiertes Thema fand 1988 besondere Aufmerksamkeit: Die allmähliche Erwärmung der Erdatmosphäre. Während bereits für die vergangenen Jahre ein deutlicher Aufwärtstrend der Temperaturen zu erkennen war, wurde das Jahr 1988 weltweit zum wärmsten Jahr dieses Jahrhunderts. Die wärmsten Jahre seit 1900 waren — in dieser Reihenfolge—1988, 1987,1983,1981,1980 und 1986.

Einzelne Wetterelemente
In Bad Salzuflen lag die Durchschnitts-Jahrestemperatur 1988 bis 10.1 ° und damit um 1.0 ° über dem Mittel. Für die Wetterstation Bad Salzuflen gehört das Jahr zusammen mit 1982 und 1959 (je 10.2 °) sowie 1983(10.1 ° zu den wärmsten seit Beginn der Messungen 1949. Der Januar brachte mit 5.5 ° die auffälligste positive Abweichung vom Monats-Mittelwert; nur die Monate März, Juni, September und November wiesen geringfügige negative Abweichungen auf:

Der hohe Jahresdurchschnitt der Temperatur ist nicht auf übermäßige Sommerhitze zurückzuführen: Die Zahl der Sommertage entspricht mit 22 dem Durchschnitt, und ein heißer Tag mit 30 ° und mehr war überhaupt nicht zu verzeichnen. Wärmster Tag des Jahres war mit 29.7 ° der 23. Juli; die tiefste Temperatur wurde am 22. November gemessen (-7.8 °). Eher geht der Wärmerekord des Jahresmittels auf das Konto der Winterabschnitte mit nur 38 Frosttagen (Durchschnitt 66). Seit Beginn der Messungen war nur 1974 noch milder (22 Frosttage).
1988 fiel eine überdurchschnittlich hohe Niederschlagsmenge. Der März brachte mehr als das Doppelte seines Niederschlagssolls, und der September stand ihm nicht viel nach (196%). Außergewöhnlich trocken waren dagegen die Frühjahrsmonate April und Mai. Die höchste Niederschlagsmenge eines Tages wurde mit 25 mm am 9. Juni gemessen. Die Zahl der Sonnenscheinstunden des Jahres blieb unter der Norm; am unfreundlichsten zeigten sich unter diesem Aspekt die Monate März und Juni. Die frostfreie Periode des Jahres entsprach weitgehend den langfristigen Erwartungen: Letzter Nachtfrost am 26. April, erster des folgenden Winters am 30. Oktober.

WETTERDATEN 1988 DER WETTERDIENSTSTATION BAD SALZUFLEN

Heimatland Lippe: September 1989 von Dieter Berg