Energieversorgung in Lippe

Elektrizitätswerk Wesertal bei Sonnenuntergang. By Thomas Fietzek (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH

Die Anfange einer zentralisierten Energieversorgung in Lippe
Seit den 1880er Jahren ist in Lippe die Elektrizitätsversorgung nachgewiesen. Zu dieser Zeit bestanden in Lippe einige private Energieversorgungsbetriebe, die eine geringe Anzahl von Lichtstromverbrauchern versorgten. In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts entstanden zudem einige kleine Kraftzentralen, die mit Gleichstrom ein dementsprechend kleines Netz unterhielten und von privater wie von kommunaler Hand betrieben wurden. So bestand vor 1914 bereits das „Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg“ (EMR) in Herford, das den Nordwesten Lippes mit Strom versorgte. Den Süden belieferte die „Paderborner Elektrizitätswerk und Straßenbahn Aktiengesellschaft“ (PESAG) in Paderborn. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann schließlich der Ausbau des flächendeckenden Energieversorgungsnetzes in Lippe durch die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH mit Sitz in Hameln.

Die Bauleitung des Kraftwerkes Afferde am 7. 10. 1913, dem Tag der Inbetriebnahme, vor dem Kessel 1.

Die Bauleitung des Kraftwerkes Afferde am 7. 10. 1913, dem Tag der Inbetriebnahme, vor dem Kessel 1.

Vor der Gründung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH und noch einige Zeit später waren einige kleine kommunale, mit Dampf betriebene Elektrizitätswerke in Lippe in Betrieb. Städte und Gemeinden wie Lemgo, Oerlinghausen, Salzuflen, Schötmar, Blomberg, Elbrinxen oder Gastrup verfügten über eigene Kraftstationen. Neben diesen kommunalen Kraftwerken bestanden einige private „Überlandcentralen“ in Lage, Horn, Blomberg, Bad Meinberg sowie die „Nordlippische Überlandcentrale“ in Hohenhausen (Kalletal), die Elektrizitätswerke des Mühlenbesitzers Niekamp in Helpup, das Kraftwerk der Gebrüder Meyer in Pivitsheide, das Kraftwerk des Sägewerkbetreibers Gehring in Detmold und die „Lippische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft“ (LEAG) in Detmold, die neben der Stromversorgung auch die Detmolder Straßenbahn betrieb. Die LEAG wurde im Jahre 1900 gegründet und war Nachfolgerin des „Lippischen Elektrizitätswerks“ in Detmold, dessen ehemaliger Besitzer Wessel alleiniger Vorstand der LEAG wurde. Aus dem firmeneigenen Dampfkraftwerk in Heiligenkirchen wurden neben Detmold die Orte Heiligenkirchen, Berlebeck, Hornoldendorf, Spork, Remmighausen, Schönemark, Schmedissen, Jerxen, Orbke, Heidenoldendorf, Hiddesen und Gro-tenburg zunächst mit Lichtstrom (1901), später mit Kraftstrom (um 1913) versorgt. Die LEAG scheint das einzige Energieversorgungsunternehmen gewesen zu sein, das Gewinne erwirtschaftete. Hier war ein gesicherter Absatz vorhanden, während die ländlichen Kraftzentralen besonders während des Ersten Weltkrieges in große Schwierigkeiten gerieten. Geringe Siedlungsdichte, große Entfernungen und hohe Transportkosten der Kohle sowie die wirtschaftlich hemmenden Vorschriften der Lippischen Regierung führten viele frühe Elektrizitätswerke zum Konkurs. Die Lippische Regierung erteilte den kleinen Kraftzentralen keine längerfristigen Konzessionen für ihren Stromabsatz, da seit 1909 das Vorhaben diskutiert wurde, eine eigene staatliche Elektrizitätsgesellschaft zu gründen. Die Braunkohlevorräte bei Dörentrup sollten als eine natürliche Rohstoffbasis für das Unternehmen gelten. Für ein eigenes Kraftwerk lieferten die Siemens-Schuckert-Werke 1909 ein baureifes Projekt. Die Idee einer zentralen Energieversorgung wurde in den Ministerien und im Lippischen Landtag heftig diskutiert, doch führten die Gespräche zwischen Staat und den Gemeinden zu keinem Ergebnis, das Projekt wurde fallengelassen, „nachdem die Städte Lemgo, Salzuflen, Blomberg und Lage selbständig vorzugehen erklärt haben.“ (Landtagskommissionsbeschluß vom 29. April 1910).

In den nachfolgenden Jahren beschäftigte sich die Regierung nicht mehr mit der Elektrizitätsversorgung des Landes. Das EMR versorgte weiterhin den Nordwesten des Landes (bis 1917 die Stadt Lage, die Gemeinden Nienhagen, Lockhausen, Biehmsen-Ahmsen und die Gutsbezirke Hovedissen, Eckendorf und Iggenhausen-Schackenburg), die PESAG den Süden (insbesondere die Orte, die durch die von ihr errichtete Straßenbahn verbunden waren: Paderborn, Schlangen, Kohlstädt, Externsteine, Hörn und Bad Meinberg), und an der Ostgrenze Lippes begann die Preußische Wasserbauverwaltung, den Flußverlauf der Weser nach Möglichkeiten zur Stromgewinnung zu untersuchen. Die Untersuchungen im oberen Quellgebiet der Weser sind auf die Initiative der „Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft“ Berlin (ELG), einer 1897 gegründeten Tochtergesellschaft der AEG, zurückzuführen, die mit den preußischen Landkreisen Hameln und Grafschaft Schaumburg sowie mit dem braunschweigischen Kreis Holzminden im Jahre 1912 Verträge zur Stromversorgung dieser Gebiete abschloß.
Nach Abschluß dieser Verträge im Juni/Juli und Spätherbst 1912 wurde die ELG mit dem Bau und dem Betrieb des Elektrizitätswerks Wesertal in der Gemarkung Afferde bei Hameln beauftragt. Dieses Kraftwerk der ELG hat später dem Gesamtunternehmen „Elektrizitätswerk Wesertal GmbH“ den Namen gegeben.
Mitte März 1913 begann unter der Geschäftsführung des technischen Direktors Seligmann und des kaufmännischen Direktors Hoch und unter der Bauleitung des Regierungsbaumeisters Kunze und des Architekten Hempel der Bau des Kraftwerkes in Afferde. Nach längeren Auseinandersetzungen mit der Stadt Hameln war dieser Standort gewählt worden, weil er weit genug von Hameln entfernt lag, das Stadtbild nicht störte und das Grundwasser in ehemaligen Kiesgruben einen ausreichenden Vorrat an Kühlwasser gewährleistete.
Das Kraftwerk wurde von vornherein für einen Betrieb mit acht Kesseln geplant. Im Jahre 1913 entstand zunächst ein Kesselhaus für vier Kessel, das Maschinen- und Schalthaus, das Pförtner- und Wiegehaus sowie die „Konveyoranlage“ (Kohlenförderanlage). Am 7. Oktober 1913 konnte das Kraftwerk bereits mit drei Steinmüller-Universalkesseln (380 m2 Heizfläche, 15 atü, 360°) und zwei AEG-Turboaggregaten (4200 kW, 6300 V) den Betrieb aufnehmen. Damit verfügte das Kraftwerk in Afferde bei Betriebsbeginn über eine Leistung von 8400 kW.
Vor Inbetriebnahme der Kohlenförderanlage waren pro 12-Stundenschicht drei Kohlenträger dafür zuständig, die Kohlen von den Eisenbahnwaggons oder dem Kohlenplatz in Tragkörben zu den Kohlentrichtern der Kessel zu tragen. Die Kessel und Maschinen wurden je Schicht von einem Heizer und einem Maschinisten gefahren. Zusammen mit anderen Arbeitern wie zum Beispiel Betriebsschlossern, Kesselmaurern und Hilfsarbeitern bestand die Belegschaft des Kraftwerks in der Anfangszeit aus etwa 27 Arbeitnehmern.
Über das 25.000-Volt-Netz des Kraftwerkes wurden zunächst 30 Ortschaften der Kreise Hameln, Holzminden und Grafschaft Schaumburg versorgt. Bis 1914 waren etwa 60 Städte und Dörfer an dieses Netz angeschlossen und über 300 km Hochspannungsleitungen errichtet.

Der 1000. Elektroherd wurde angeschlossen.

Im Jahr der Inbetriebnahme des Wesertalkraftwerkes in Afferde begann das Lippische Staatsministerium Verhandlungen mit den preußischen Dienststellen in Berlin über die Möglichkeiten der Stromversorgung aus diesem Kraftwerk, die jedoch ergebnislos endeten, da keine Einigkeit über die Strompreise zu erzielen war.
Auf inoffiziellem Wege führte vor allem der Landrat a. D. von Raumer im Auftrag des Lippischen Staatsministeriums die Verhandlungen mit Wesertal und der ELG weiter, so daß am 30. Juli 1914 der „Vertrag zur Versorgung des Fürstentums Lippe mit elektrischer Kraft“ zwischen der ELG und Lippe zustande kam. Diesem Vertrag, der zudem einen Bauvertrag, einen Allgemeinen Stromlieferungsvertrag, einen Normalgemeinde-Vertrag und einen Bauausführungsvertrag enthält, ist zu entnehmen, daß die ELG auf Rechnung des Staates Lippe ein Leitungsnetz errichten sollte, das vom Staat an die ELG verpachtet wurde. Zudem hatte der Staat bestehende Privat- und Kommunalkraftwerke aufzukaufen oder stillzulegen und dafür zu sorgen, daß der Weiterverkauf von Strom an Dritte unterblieb. Deswei teren hatte der Staat Lippe die Verpflichtung, in den an das Stromnetz von Afferde anzuschließenden Gemeinden für einen Mindest-anschlußwert von 30 kW zu bürgen; für auftretende Verluste hatte er eine Ausgleichsgarantie zu leisten. Auf Seite der ELG legte der Stromlieferungsvertrag fest, daß die Gesellschaft „garantiefrei“, d. h. ohne Garantie und Zuschüsse vom Staat, ein Hochspannungsnetz in Lippe zu errichten hatte, das als Ringleitung die größeren Ortschaften des Landes verbinden und zunächst die Orte Bösingfeld, Alverdissen, Barntrup, Blomberg, Detmold, Lage, Salzuflen und später die Orte Schieder und Schwalenberg mit Strom versorgen sollte. Es wurde festgelegt, daß der Staat Lippe an dem Unternehmensgewinn beteiligt wurde. Die ELG wurde so gewissermaßen zum Verwalter eines staatlichen Unternehmens, wie es der Landrat von Raumer formuliert hatte.
Der Beginn des Ersten Weltkrieges verzögerte die Ausdehnung eines flächendeckenden Stromnetzes erheblich, der abgeschlossene Baupachtvertrag war zwar rechtskräftig, doch wurde er nicht ausgeführt. Lediglich der Ankauf von einigen kommunalen Elektrizitätswerken wurde durchgeführt. So erwarb Lippe am 1. September 1917 für 300.000 Mark das lippische Stromnetz des EMR unter der Bedingung, daß dieses „bis auf weiteres“ von dort gespeist würde. Kurze Zeit später wurde das Elektrizitätswerk Pivitsheide, bis dahin in Besitz des Detmolder Unternehmers Landwehr, für 137.000 Mark gekauft. Desweiteren gelang nach langen Verhandlungen der Erwerb des Detmolder Stromnetzes. Die Aktien der Lippischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (LEAG) wurden durch die Vermittlung Lippes an die PESAG verkauft, die daraufhin ihre Straßenbahn mit der LEAG-Bahn in Detmold verband. Weitergehende Verträge legten schließlich fest, daß dieses Stromverteilungsnetz auf Wunsch des Staates zu einem Preis von 312.000 Mark jederzeit von der PESAG abgetreten würde, und die ELG wurde verpflichtet, die Stromverteilungsanlagen zu den Bedingungen des Hauptvertrages von 1914 zu pachten, nachdem sie vom Staat erworben worden waren. Hierdurch war der Besitz des Detmolder Stromnetzes für den Staat gesichert. Als viertes Elektrizitätswerk wurde in der Kriegszeit die „Nordlippische Überlandzentrale“ der Gebrüder Tracht in Hohenhausen übernommen. Weitere Übernahmen erfolgten nicht, ebenso konnten wegen des Krieges keine neuen Stormversorgungstrassen errichtet werden.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden auf der Basis des Vertrages von 1914 die Vorbedingungen für eine Stromversorgung in allen Teilen des Landes Lippe geschaffen. Zur besseren Bewältigung dieser Aufgaben wurde noch 1918 die „Staatliche Überlandzentrale für Lippe“ gegründet, die die gemeinsamen Interessen der Lippischen Regierung, des Kraftwerkes Wesertal und der ELG vertrat. Die Geschäftsführer des Elektrizitätswerkes Wesertal, Bertelsmeier und Hoch, waren zugleich die Vorsitzenden dieser Überlandzentrale.
Wesentlich unterstützt wurden die Aufgaben der Überlandzentrale von der im Jahre 1918 durch die Reichsregierung eingerichteten
Demobilmachungsstelle, die einen planmäßi
gen Übergang von der Kriegswirtschaft in frie
densmäßige Zustände ermöglichen sollte. Be
sonders der für Lippe zuständige Demobilma-
chungskommissar, der Geheime Baurat Kell
ner, bemühte sich intensiv um eine schnelle
Durchführung von Baumaßnahmen, die eine
Stromversorgung des Landes Lippe möglich
machten. Im wesentlichen hatte Kellner dazu
beigetragen, den Vertrag von 1914 für die
Nachkriegssituation zu modifizieren. Bis zum
Jahre 1920 sollte auf diesem Wege die elektro-
wirtschaftliche Erschließung des Landes weit
gehend abgeschlossen sein.
Das Jahr 1919 brachte jedoch entscheidende Veränderungen mit sich, die besonders die Entwicklung der allgemeinen Stromversorgung betrafen. Die Reichsregierung hatte ein Gesetz über Verstaatlichungsmaßnahmen auf dem Gebiet der Elektrizitätsversorgung angekündigt, und die privatwirtschaftlichen Energieversorgungsunternehmen befürchteten durch diese „Sozialisierungsmaßnahmen“ erhebliche Profitverluste. Am 28. November 1919 bot die ELG daher das Kraftwerk Weser
tal in Afferde, die Hochspannungsleitungen
und den mit Lippe abgeschlossenen Vertrag den Kreisen Hameln, Holzminden und Schaumburg zu einem Preis von 8,5 Millionen Mark zum Kauf an.
Das Lippische Landespräsidium erfuhr sehr schnell von diesem Angebot. Die grundsätzliche Bereitschaft Lippes, die Energieversorgung des Landes selbst in entscheidendem Maße mitzubestimmen und mitzuverantworten, kommt vor allem in der schnellen Entschlußfähigkeit der Regierung im Dezember 1919 und Januar 1920 zum Ausdruck. Am 11. Dezember 1919 sandte das Lippische Landespräsidium folgendes Telegramm an die ELG in Berlin: „Elektronelg. Erfahren das Werk Hameln verkäuflich, wir sind ernste Reflektanten und bitten um Angebot. Lippisches Landespräsidium.“
Vier Tage später, am 15. Dezember 1919, wurde das lippische Interesse durch ein weiteres Telegramm bekräftigt: „Elektronelg. Berlin Erbitten dringend Antwort auf unser Telegramm vom 11. Dez. wegen Verkaufs des Werkes Hameln. Lippisches Landespräsidium.“ Auch die Staatliche Überlandzentrale für Lippe unterstützte das Anliegen Lippes und schrieb am 15. Dezember 1919 folgenden Brief an die ELG in Berlin: „Staatl. Überlandz. für Lippe in Hameln an E.L.G. Dir. betr. Kaufantrag für E.L.G. Wesertal
Das Lippische Landespräsidium Hess uns durch den Vorsitzenden des dortigen Elektr. Ausschusses, Geh. Rat Dr. Alter, mitteilen, dass Lippe größten Wert darauf legt, möglichst umgehend mit Ihnen über den von Lippe angebotenen Erwerb des gesamten Wesertal-Betriebes mündlich zu verhandeln und bittet deshalb vor Beendigung der schwebenden Verhandlungen mit den Kreisen eine Besprechung mit Ihnen stattfinden zu lassen, wenn angängig am Tage vor den vereinbarten Verhandlungen zwischen Herrn Direktor Hempel und den Kreisen hier in Hameln.

Der Kaufantrag Lippes wurde uns als ernst und dringend bezeichnet. Die von Ihnen den Kreisen genannten Kaufpreise sind anscheinend Lippe bekannt gegeben in denVerhandlungen, die zwischen Lippe und den Kreisen am 10. ds. Mts. hier stattfanden und in denen keine Einigung über ein gemeinsames Vorgehen der event. Käufer erzielt wurde.
Staatl. Überlandzentrale für Lippe
gez. Bertelsmeier gez. Hoch“

Am 18. Dezember 1919 trafen sich Vertreter der Kreise und des Freistaates Lippe zu Verhandlungen in Hameln. Am 19. Dezember 1919 gründeten sie die „Elektrizitätswerk Wesertal GmbH“, die von der ELG das Wesertalkraftwerk Afferde einschließlich der angeschlossenen Leitungsnetze und vom Freistaat Lippe bzw. seiner Staatlichen Überlandzentrale die lippischen Stromversorgungsanlagen erwarb.

Das 1924 an der Bahnhofsstraße in Hameln errichtete Verwaltungsgebäude der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH, das erst im Jahre 1974 durch einen modernen Anbau erweitert wurde.

Die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH in den ersten Jahren ihres Bestehens
Am 9. Januar 1920 stimmte der Lippische Landtag der Gründung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH zu, deren Gesellschafter damit die Kreise Schaumburg, Hameln, Holzminden und der Freistaat Lippe waren. Als allgemeine Grundlage dieser Gesellschaft der „öffentlichen Hand“ galt ein Gesellschaftsvertrag, der einen Konzessions- und Lieferungsvertrag sowie — speziell für Lippe — einen Kauf- und Übernahmevertrag und einen Ergänzungsvertrag enthielt. Dieser Vertrag, der im Prinzip die Absicht hatte, das Elektrizitätswerk Wesertal in möglichst kurzer Zeit zu einem Unternehmen werden zu lassen, das möglichst viele Abnehmer mit möglichst billigem Strom versorgt, führte in der Folgezeit zu zahlreichen, oftmals schwerwiegenden und langwierigen Auseinandersetzungen zwischen dem Unternehmen und seinen Gesellschaftern, die erst zu Beginn der 1970er Jahre geschlichtet werden konnten.
So sah der Gesellschaftsvertrag vor, daß den Gesellschaftern nicht mehr als 5 % jährliche Dividende ausgezahlt werden durfte; in den 1950er Jahren wurde sie jedoch auf 8 % erhöht.
Zudem war nur die Direktlieferung von Strom vertragsgemäß, um einen Anstieg der Strompreise durch zusätzliche Gewinnspannen zu vermeiden. Eventuelle Gewinne des Unternehmens sollten grundsätzlich reinvestiert werden oder zu Strompreissenkungen führen.
Der Freistaat Lippe schloß mit dem Elektrizitätswerk Wesertal einen Konzessions- und Lieferungsvertrag ab, der am 14. Juni 1921 zum erstenmal gültig wurde und seitdem zahlreiche Veränderungen erfahren hat. In den ersten Jahren des Bestehens des Energieversorgungsunternehmens Wesertal hatte er folgenden Wortlaut:
„KONZESSIONS- und LIEFERUNGSVERTRAG vom 14. Juni 1921, geändert unter dem 27. Mai 1927. Zur Versorgung Lippes mit elektrischer Leistung nach gemeinnützigen Gesichtspunkten wird Wesertal unter Wahrung bestehender Rechte Dritter die Erlaubnis zur alleinigen Benutzung aller Staats- und Landstraßen zur Führung ober- und unterirdischer elektrischer Starkstromleitungen und deren Zubehör, für die Abgabe elektrischer Arbeit auf die Dauer von 30 Jahren vom 1. Januar 1920 an mit der Maßgabe erteilt, daß dieser Vertrag von 5 zu 5 Jahren weiterläuft, wenn nicht 2 Jahre vor dem jedesmaligen Ablauf gekündigt wird. Der Anschluß erworbener und nichterworbener Anlagen für entgeltliche Verteilung elektrischer Leistung an Dritte als Großabnehmer ist untersagt. Eine Durchbrechung des Monopols zugunsten elektrischer Bahnen bzw. elektrischer Arbeit für sie ist möglich. Voraussetzung für die Gültigkeit des Vertrages ist die unent-geldliche Übernahme und Erfüllung der gleichen Leistungen seitens der übrigen Wesertal als Gesellschafter angehörenden Staats- und Kommunalverbände. Wesertal ist Lippe gegenüber verpflichtet, jede von Lippe verlangte Anlage für Verteilung elektrischer Leistung unter den im einzelnen festgelegten Bedingungen auszuführen. Gemeinden pp. wird der Anschluß an das Hochspannungsnetz und der Ausbau des Ortsnetzes ermöglicht, wenn sie einen Bauzuschuß leisten. Wesertal ist verpflichtet, seine Anlagen abzuschreiben . .. KAUF- und ÜBERNAHMEVERTRAG vom 17. Januar 1921 Lippe verkauft sämtliche ihm eigentümlich gehörenden in Lippe vorhandenen Anlagen zur Ergänzung und Verteilung elektrischer Leistung mit allem Zubehör,… Die Bedingungen sind im einzelnen festgelegt. Lippe behält sich bezüglich aller beweglichen und unbeweglichen Kaufgegenstände ein Wiederkaufsrecht vor, das in bestimmten Fällen geltend gemacht werden kann. Das Wiederkaufsrecht und Übernahmerecht wird zunächst für einen Zeitraum von 30 Jahren vereinbart. ERGÄNZUNGS VERTRAG vom 17. Januar 1921. Der Vertrag bezieht sich auf die Abmachungen über die Hauptleitung und die Verteilung der Kosten und ferner auf die anderen Leitungen, deren Ausbau vorgesehen war. Für die Gebiete, die durch ihre außergewöhnliche Konzentration für den Absatz elektrischer Energie besonders günstig sind, sowie zur Erleichterung des Ankaufs bestehender Werke dürfen den Abnehmerverbänden Erleichterungen der zu übernehmenden Last zuteil werden. Die Einhaltung des von Wesertal mit der Stadt Hameln
abgeschlossenen Großabnehmervertrages, laufend bis zum 1. Oktober 1928, wird gestattet. Eine Verlängerung dieses Vertrages ist unzulässig.“

Durch diesen Vertrag erhielt das Elektrizitätswerk Wesertal also das Recht zur alleinigen Benutzung aller Staats- und Landstraßen zur Führung von Starkstromleitungen. Der Freistaat Lippe hatte sich darüberhinaus verpflichtet, darauf hinzuwirken, daß Wesertal die gleiche Erlaubnis für die im Eigentum der Städte und Gemeinden stehenden Straßen bekäme. Für diese Erlaubnis hatte Wesertal an Lippe jährlich eine Konzessionsabgabe zu zahlen. Damit war die Basis für eine flächendeckende Energieversorgung Lippes gelegt.
Die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH wurde aus steuerlichen Gründen mit dem geringen Stammkapital von 20.000 Mark gegründet, von denen jeder Gesellschafter 5.000 Mark zu tragen hatte. Das notwendige Kauf- und Betriebskapital von fast 10 Millionen Mark wurde in Form von Darlehen beschafft, für die die Gesellschafter in Höhe des Wertes des Gesellschaftseigentums in den Gebieten des jeweiligen Gesellschafters zu bürgen hatte. Für Bau-und Erweiterungsmaßnahmen wurde die Darlehensaufnahme auf 20 Millionen Mark erweitert.

„Dieser elektrowirtschaftliche Vorstoß hat das ganze wirtschaftliche Leben in Lippe befruchtet und hat bewirkt, daß in allen Teilen des Landes gewerbliche und industrielle Anlagen neu entstanden und vorhandene ausgebaut wurden“, stellte der ehemalige Landespräsident und zeitweilige Aufsichtsratsvorsitzende der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH, Heinrich Drake, im Jahre 1965, auf die Geschichte des Energieversorgungsunternehmens zurückblickend, fest. Tatsächlich trug die flächendeckende Elektrifizierung dazu bei, den bis dahin häufig beklagten infrastrukturellen Rückstand Lippes auszugleichen und diente insofern auch einem gesamtpolitischen Ziel.

Die nach 1900 auftretenden Zentralisierungsbestrebungen der Energiewirtschaft sind auch in Lippe deutlich geworden. Nach der Gründung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH hatte die Regierung des Freistaates Lippe dafür zu sorgen, daß den privaten Kraftwerken, den Städten und Gemeinden „die Genehmigung zur Benutzung der Staatsstraßen für die Führung elektrischer Leitungen (entzogen) und zugleich nach Möglichkeit auf die Betreffenden (eingewirkt würde), daß ein angemessener Kaufvertrag zustande (käme)“, wie es in dem Vertrag zur Versorgung des Fürstentums Lippe mit elektrischer Kraft von 1914 geheißen hatte. Die Regierung stieß jedoch bei der Durchführung der „Entkommunalisierung“ auf recht erheblichen Widerstand: Im Jahre 1925 wehrte sich sogar der Lippische Städtetag gegen die Vorhaben der Regierung, anscheinend mit Erfolg, denn Städte und Gemeinden wie Retzen, Schötmar, Ehrsen-Breden oder Detmold blieben teilweise bis in die 1960er Jahre Großabnehmer bei Wesertal, und die vier Städte Salzuflen, Oeriinghausen, Lemgo und Blomberg, die bereits 1920 eigene Stromversorgungsanlagen mit eigenem Verteilernetz installiert hatten, sind bis heute Wiederverkäufer geblieben. Diese sogenannten A-Gemeinden schließen bis heute eigene Verträge mit der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH ab.

Das Dampfkraftwerk der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH in Afferde nach dem Ausbau in den Jahren 1921 bis 1923. Durch den Anbau eines zweiten Kesselhauses konnten nun insgesamt acht Kessel in Betrieb genommen werden.

Trotz dieser kommunalen Widerstände gelang es dem Wesertal-Unternehmen, sich Absatzgebiete zu sichern. Der früh gefaßte Grundsatz der „Belieferung bis zur letzten Lampe“ wurde seit 1920 konsequent verwirklicht.
Mit der Errichtung des Umspannwerkes Detmold an den Pinneichen und dem Anschluß an das Kraftwerk in Afferde über eine 25.000 Volt-Drehstrom-Leitung begann die die Landesgrenzen überschreitende regionale Versorgung. Im Jahre 1923 übernahm die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH mit der Errichtung einer Bau- und Betriebsverwaltung in Detmold die Aufgaben der „Staatlichen Über-landzentrale für Lippe“, die in den Jahren 1919,1920 und 1921, als sie noch staatliches Eigentum war, einige Hochbauten, wie die Schaltstation auf der Jerxer Heide oder in Lüg-de, und sämtliche Transformatorenstationen erbaut hatte. Zugleich begann die systematische Umstellung der Versorgung der bestehenden örtlichen Verteilernetze von Gleich- auf Drehstromversorgung.
Im Jahre 1926 legte ein Demarkationsvertrag die Grenzen der jeweiligen Stromabsatzgebiete fest. Die Verträge wurden mit der PESAG, dem EMR und den Stadtwerken Bielefeld, oft nach längeren Verhandlungen, abgeschlossen. Bis auf einige wenige Gebiete, wie zum Beispiel Ortsteile von Horn-Bad Meinberg oder von Schlangen, die Konzessions- und Lieferverträge mit der PESAG haben, beliefert die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH heute ein zusammenhängendes Versorgungsgebiet von 2814 km2 Fläche.

Blick in das Kesselhaus mit Kohlerutschen. Aus großen Trichtern gelangten die Kohlen durch die Rohre unmittelbar zur Feuerung, wobei eine selbständig arbeitende Beschickungsvorrichtung dafür sorgte, daß der Feuerung aus diesen Rohren jeweils die richtige Menge zulief.

Für ein derartig großes Versorgungsgebiet, das seit Bestehen der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH die Gebiete ihrer Gesellschafter umfaßte, war das 1913 errichtete Kraftwerk in Afferde nicht leistungsfähig genug, auch wenn die Zahl der Stromabnehmer zur damaligen Zeit bei weitem nicht die heutige Größe hatte. Aus diesem Grund wurde das Kraftwerk zwischen 1921 und 1923 auf eine Leistung von 14.400 kW gebracht. Im Jahre 1921 wurde zunächst ein vierter Kessel in Betrieb genommen.
In den folgenden zwei Jahren wurde das zweite Kesselhaus mit vier weiteren Kesseln errichtet, die bereits entscheidende technische Verbesserungen erfahren hatten und leistungsfähiger und ökonomischer als ihre Vorläufer arbeiteten. Im Jahre 1924 wurde das Wesertal-Verwaltungsgebäude an der Bahnhofstraße im Zentrum Hamelns errichtet.
Der große Kapitalbedarf des Unternehmens, der für den kontinuierlichen Ausbau des Elektrizitätswerkes und der Verteilernetze benötigt wurde und der wegen der beginnenden Geldentwertung immer mehr anstieg, konnte zunächst durch zahlreiche Kredite von Sparkassen und Banken gedeckt werden. Damit verbunden war eine sukzessive Erhöhung des Stammkapitals der Gesellschaft, das 1928 bereits 4 Millionen Mark betrug. In diesem Jahr gelang es, einen 1,5 Millionen Dollar-Kredit durch Vermittlung des Bankhauses Warburg & Co. in Hamburg zu erhalten, nachdem der Freistaat Lippe zugesichert hatte, daß er mit den lippischen Staatsforsten für diesen Kredit bürge. Lippe bürgte also mit eigenem Vermögen — teilweise auch für andere kreditnehmende Gesellschafter — für die Prosperität des Unternehmens.

Blick in die Maschinenhalle des Kraftwerks mit den A EG-Turbogeneratoren l, II und III. Der in den Kesseln erzeugte Dampf von 15 atü wurde in den Dampfturbinen von zusammen 22.000 PS in mechanische Arbeit und in den mit diesen gekuppelten Generatoren in elektrische A rbeit umgesetzt. Diese gelangte mit einer Spannung von 6000 Volt in das Umspannwerk, wo die Spannung auf 25.000 Volt transformiert wurde, um über das Hochspannungsnetz über weite Strecken transportiert zu werden.

Nach der Vermittlung dieses Kredites, der wesentlich zur Konsolidierung des Unternehmens beigetragen hatte, begann eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen dem Gesellschafter Lippe und der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH. Besonders Heinrich Drake sah sich veranlaßt, eine Veränderung der Gesellschaftsverträge — nach Drake allein im Sinne der Gemeinnützigkeit — durchzusetzen. Nach seiner Meinung hatte Lippe bereits 1919, als die „lippische Sacheinlage“ — damit ist der Sachwert der auf Kosten des Staates errichteten Stromversorgungseinrichtungen gemeint — in einen Geldwert umgerechnet worden war, durch die beginnende Inflation beträchtlichen Schaden erlitten. Dann hatte Drake festgestellt, daß das Unternehmen erhebliche Gewinne erwirtschaftete, obwohl es „gemeinnützig“ arbeiten sollte. Schließlich führte das Land Lippe als Gesellschafter seit 1929 einen Prozeß gegen die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH um die Anerkennung seiner Rechte aus den Jahren 1919 und 1920: Das Land fühlte sich als Gesellschafter deshalb so stark benachteiligt, weil entgegen den Verträgen Großab-nehmerverträger bestanden, die zur Zeit des Vertragsabschlusses nicht mehr vorgesehen waren. Nach mehreren, meist jahrelang dauernden Prozessen erreichte Lippe schließlich insbesondere die Auflösung der „Parität“ im Aufsichtsrat der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH, so daß der Einfluß, aber auch die Anteile Lippes an dem Energieversorgungsunternehmen größer wurden.
Einige Zahlen sollen das kontinuierliche Wachstum der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH und die wachsende Bedeutung des Gesellschafters Lippe während der ersten Jahre des Bestehens der Gesellschaft verdeutlichen:

Damit betrug der Gesamtwert des Unternehmens Elektrizitätswerk Wesertal GmbH Ende 1928 10.800.385 Reichsmark (ohne Kraftwerk, Verwaltungsgebäude, Gaswerk Rodenberg und Mühle Polle, inklusive einiger Anlagen in angrenzenden Gebieten der Gesellschafter), wovon Lippe den überwiegenden Anteil trug.

Neben ihrer Initiative, das Stromversorgungsnetz zu vergrößern, begann die Elektrizitätswerk Wesertal GmbH in diesen Jahren, sich auf anderen Gebieten zu engagieren. So wurde am 14. August 1924 die Beteiligung des Unternehmens am Bau der Extertalbahn beschlossen und am 11. April 1925 eine Beteiligung an der Kraftverkehrsgesellschaft Hameln. Hinzu kam die Einführung einiger sozialer Maßnahmen für die Mitarbeiter des Unternehmens wie der Bau von Werkswohnungen und die Einrichtung einer betrieblichen Altersversorgung.

Nicht die Rendite stand und steht bei der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH im Vordergrund, sondern im Sinne der Gemeinnützigkeit die Steigerung des Stromabsatzes zu einem verbraucherfreundlichen Preis. Stromtarifsenkungen, stufenweise einsetzende Rabatte und eine intensive Werbetätigkeit dienten dazu, die jährliche Abgabe an Kilowattstunden zu erhöhen. Sehr früh begann das Unternehmen damit, in den ländlichen Kreisen seines Absatzgebietes für elektrische Energie zu werben, es wurden Sondertarife für industrielle Großabnehmer gewährt, die sogar auf private Verbraucher ausgeweitet wurden. So berichtet der Jahresbericht von 1930: „Daneben wurde ein Grundgebührentarif für Licht und Kraft eingeführt, der so aufgestellt ist, daß unsere Abnehmer nunmehr auch wirtschaftlich die elektrische Energie für Kochen und Heizung benutzen können.“ Nach der Errichtung eines vollständigen und flächendeckenden Stromnetzes und durch die intensive „Werbung für stromverbrauchende Apparate“ gelanges, immer höhere Umsätze zu erzielen.

Quelle: Heimatland Lippe 03/1987 – von Andreas Beaugrand