Erder an der Weser

Das Dorf Erder an der Weser heute

Wer kennt es heute noch im Lipperlande, das Dorf Erder an der Weser? Die Autofahrer sausen hindurch und sehen kaum die schöne Hainbuchenallee, durch die sie fahren. Die Paddler auf dem Strom winken den Frauen am Ufer zu und gleiten weiter. Stolz ziehen die großen Dampfer unter dem hoch gespannten Fährseil durch, ohne zu halten. Die Eisenbahn drüben wartet auch nicht, und der Fährmann muß früh aufstehen, alle die Arbeiter, die in die Städte fahren, zeitig übers Wasser zu bringen. An schönen Sommertagen kommt ab und an eine Schulklasse durch. Die Kinder steigen aus dem Autobus, füllen das Dorf mit Lachen und Lärm und ziehen voll Neugier zur Weser hin. Da stehen sie und staunen über das große Wasser, und dann geht’s aufs Fährschiff, und Meister Fährmann bringt sie alle mal hinüber und wieder zurück. Von drüben schauen sie dann nach Erder hin, auf das Unterdorf mit seinen Bauernhöfen und das Oberdorf mit den Häusern der alten Weserschiffer.

Dorf der Pflüger

Wer wohl zuerst hier war auf dieser schönen, fruchtbaren Weserterrasse? Waren es die Bauern oder die Schiffer? Ja, wer das wüßte! In einer Urkunde vom Jahre 1151 bestätigte der Paderborner Bischof die Schenkung der Herforder Äbtissin Godesti, die ihrem Kloster eine Menge Güter vermacht hatte. Darunter waren solche in Eisbergen und Veltheim, in Stemmen und — Arthere n. So hieß Erder damals. Arthe- ren aber heißt „zu den Pflügern“, war also ein Ort, wo Bauern wohnten. Und von Bauern und ihren Höfen reden auch die späteren Urkunden über Erdere oder Erder. Das Kloster Möllenbeck, die Edelvögte vom Berge, die Herren von Kallendorp und andere Ritter waren Besitzer der Erderschen Höfe. Für diese Herren leisteten die Pflüger ihre Artdage, ihre Pflugdienste. Die Boken und die Henken sind wohl die ältesten, noch heute blühenden Bauerngeschlechter hier. Schon im Jahre 1381 werden sie genannt.

Der Einbaum

Aber das alte Schiffergeschlecht der Berbom gibt ihnen an Alter wohl nichts nach, wenn wir auch erst um 1500 von ihm hören. Die Weser floß hier, ehe eines Menschen Fuß hier wandelte. Und schon die ersten Menschen hier werden versucht haben, das Wasser in ihren Dienst zu zwingen. Die Weserau selbst gab uns Kunde von den ersten Weserschiffern. Als der Bagger auf Stocksmeiers Kiesbrink an der Weser vor 15 Jahren die Kiesmassen weg räumte, die der Strom in Jahrtausenden aufbaute, da brachte er aus fünf Meter Tiefe einen uralten Einbaum hoch, ein aus einem ausgehöhlten Buchenstamme gefertigtes Fischerboot von fast vier Meter Länge. Dr. A. Meier-Böke hat für seine Erhaltung gesorgt, im Vlothoer Heimatmuseum ist der Einbaum von Erder zu sehen. War sein Besitzer ein Urvater jener Erderschen Schiffergilde, die bis ins vorige Jahrhundert hinein ihre alten Rechte und Bräuche hochhielt?

Die gute alte Zeit

Die Bauern standen hier wie anderswo unter der Last der Hörigkeit. Bis ins 15. Jahrhundert hinein wechselte bald dieser, bald jener Bauer den Herrn. Aber zwischen 1450 und 1500 kam das ganze Dorf in die Hand der Herren de Wend zu Varenholz. Um 1470 schreibt der Chronist von Möllenbeck wehmütig über die einstigen Klosterbesitzungen in Erder: „Unse Vorfahren hebben dusse Hofe koft, doch dusses Dorp undernemet sick Frederik de Went allene und he will dar nemende to staden.“
Nach dem Aussterben der Wends aber kam im Jahre 1563 ihr ganzer Besitz in die Hand des lippischen Grafen, der damit auch der Gutsherr der Erderschen Bauern wurde. Die Nordlipper haben bis auf den heutigen Tag die Zeit der Wends als die gute alte Zeit angesehen. Waren sie doch reich und gut und nachsichtig gegen ihre Untertanen.
Mit der Gutsherrschaft der Lipper aber hielt die Bürokratie ihren Einzug in die Dörfer. Simon VI. brauchte viel Geld für seine Bauten und seine Kriegszüge. In Varenholz, wo er sich gern aufhielt, wollte er aus einem Haufen verfallener Burgställe der ausgestorbenen Rittergeschlechter einen fürstlichen Prunkbau schaffen. Da mußten die Bauern heran und fahren und fronden und zahlen! Die Höfe von Imessen, in Erders Nähe, wurden zur Domäne geschlagen. Das alte Bauerndorf Hellinghausen wurde ein Vorwerk von Varenholz. Die Lasten und Abgaben der Dörfler aber wurden nun auf das Genaueste geregelt und schriftlich festgelegt.
Dennoch herrschte in Erder größere Wohlhabenheit als anderswo. Äcker und Wiesen waren gut, Wald und Bruch boten Weide und Mast. Und wie mancher Taler ließ sich mit dem Schilfsziehen verdienen! Auf dem Leinpfad, am Ufer entlang, treckten die Pferde der Erderschen Bauern an langen Tauen die Schiffe im Strom nach Rinteln zu. Holz und Steine und Kalk wurden seit alters aus den lippischen Bergen an die Weser gebracht und nach Minden, ja bis nach Bremen verschilft.

Herr Hilker, der letzte llppische Strommeister. (Foto: Süvern)

So kam Geld ins Dorf. Die Frauen trugen goldgestickte Hauben, silberne Gürtel und Schnallen und schwere Bernsteinketten. Wenn die Schiffer heimkamen, ging’s im Dorfkruge hoch her. Wiederholt mußte die hohe Obrigkeit gegen das Glücksspiel und Würfeln, das unmäßige Zechen und den handfesten Männerstreit in Erder einschreiten. Die alten Gogerichts- akten haben uns so mancherlei aufbewahrt von den blutigen Bärenschlachten im Erderschen Kruge, wo man sich mit Gläsern schmiß und mit Messern bearbeitete. Auch der Langenholzhauser Pastor war mit den Erderschen gar nicht zufrieden. Nur selten kamen sie zur Kirche, und es kam vor, daß sie während der Predigt die Schnapsflasche herausgezogen und sich stärkten. „Der Böke, der Fromme und der Stock wollen keine Pflugdienste leisten, und der Clemens Bültemeier (Kleemann) ist sogar mitten unter der Predigt aus der Kirch gangen, sagt, es habe gedonnert, davon er krank worden“. Oh, es war schon ein rauhes, übermütiges Volk, diese Erderschen Bauern und Schiffer ums Jahr 1600.

Im großen Kriege

Die gute alte Zeit fand in den furchtbaren Jahren des Dreißigjährigen Krieges ihr Ende. Erder am Weserstrom, zwischen den beiden feindlichen Festungen Minden und Hameln gelegen, war den Stürmen und Drangsalen besonders ausgesetzt. Unmöglich, all die Untaten zu schildern, die in jenen Jahrzehnten hier und in der Nachbarschaft sich zutrugen. Der tolle Christian schleppt alle Vorräte fort. Tillys Kriegsvolk bricht Zäune und Planken entzwei, reißt die Räder von den Ackerwagen und die Eisen von den Pflügen. Die stattliche Gänseschar des Dorfes wird restlos abgemurkst. Hispanische Reiter kommen und sind in ihrer Gier und Grausamkeit wie die Teufel. Beim Einzug Schläge, Mißhandlung und Vergewaltigung, beim Auszug Zerstörung, Erpressung und Raub. Der Dänenkönig zieht die Weser entlang und beschlagnahmt alle Schilfe. Kroaten kommen, dann Schweden, dann Kaiserliche, dann Partisanen und Marodeure. Häuser brennen, in einer Nacht sinken neun Höfe in Asche.

Einlager und Durchzüge, Raub und Mord, zuletzt noch die Pest! Knechte und Mägde laufen mit den Soldaten fort, Anerben lassen ihre Höfe im Stich. Das letzte Vieh haust, halb verwildert, im Imser Bruch. Die Menschen werden wie die Wölfe, listig und voll Tücke. Einer vergräbt Geld und Geldeswert in der Wolfsgrund, ein anderer beschleicht ihn und nimmt alles fort. Der Aberglaube treibt die tollsten Blüten. Der Schmied Lüdeke Schalk kuriert die kranken Pferde der Soldaten durch Segnen. Von allen Seiten strömt ihm die Kundschaft zu, er verdient ein Heidengeld. Aber die Bauern fluchen, denn die Kriegerleute quartieren sich bei ihnen ein und fressen sie arm. Aber der Schmied meint, er habe für das Erlernen des Segnens viel Geld bezahlt, nun sollt’s ihm auch was einbringen!

Doch auch die andern in Erder wissen allmählich den Krieg zu nehmen. „Die Erderschen haben die ganze Nacht mit den Kriegsleuten gesoffen und am folgenden Tage die Predigt versäumt!“ so schimpft der Pastor. Ein Knecht, dem neun Reiter die Pferde ausspannen wollen, springt dem ersten mit dem Messer an die Kehle. Er wird niedergeknallt, doch schon stürmen die Erderschen Jungmannen heran und jagen die Räuber in die Flucht. Kontribution soll man zahlen, Woche um Woche, Jahr um Jahr. Schluß jetzt! sagen die Leute, und als der Amtmann Soldaten schickt, das Vieh zu pfänden, treibt man sie fort mit bewaffneter Hand.

Ein Krieg um den Weserlauf

Und in diesen wilden Zeiten muß man in Erder noch einen Sonderkampf führen, einen Krieg um den Strom.Es hat viele Jahrhunderte gedauert, ehe man die Weser gebändigt und in ein festes Bett gezwungen hatte. Der alte Strommeister H i l k e r in Erder weiß noch manches darüber zu erzählen. In alten Zeiten riß der Strom oft fruchtbares Uferland fort, warf Inseln auf und wühlte sich ein neues Bett. Unterhalb Erder lagen im Strombett zwei schmale Inseln nebeneinander, und der Fluß teilte sich in drei Arme. Die Anlieger auf beiden Seiten und ihre lippischen und mindenschen Obrigkeiten wollten dem andern gern das ganze Wasser zudrängen. Schließlich fing man an, Dämme zu bauen, und jeder riegelte seinen Seitenarm ab. So wollte man die Weser zwingen, ganz durch den schmalen Mittelarm zwischen den beiden Inseln zu fließen. Der Strom ließ sich das zunächst gefallen, aber im Winter nahm er die lippische Partei und riß kurzerhand das mindensche Stau fort. Minden weigerte sich, diesen Machtspruch der Weser anzuerkennen und schlug ein neues Wehr. Das aber erbost die Leute in Erder. Auf Geheiß des Amtmanns reißen sie in einer Juninacht des Jahres 1630 das ganze Mindener Stau nieder und werfen es in die Weser. Pfähle und Bohlen, die am Ufer liegen, fliegen hinterher.

Damit aber bringt man die Mindener auf Hochtouren. Das Sturmhorn schreit durchs Mindener Land, der Landsturm wird aufgeboten! Unter Trommeln und Pfeifen ziehen zweitausend wutschnaubende Bauern an die Weser. Ein Zerstörungstrupp setzt über und reißt das lippische Stau ein. Wagen mit Pfählen und Flechtwerk kommen, tausend Hände regen sich, das Mindener Stau in neuem Glanze zu erstellen. Die übrigen bauen recht kriegsmäßig im großen Quadrat eine feste Schanze. So, nun mögen die bösen Lipper nur kommen! Man wird es ihnen schon zeigen! Frisch-fröhlich knallt man ins Lippische hinüber, schießt auf jeden, der sich blicken läßt und verwundet sogar eine unschuldige Kuh. Lippe schickt Parlamentäre nach Hausberge, aber die nimmt man drüben kurzerhand gefangen. „Defensives, aber beständiges und tapferes Verhalten!“ so befiehlt der Graf seinen treuen Erder- schen Kindern. Was sollte man auch sonst machen!

Nach Wochen kommt ein kaiserliches Mandat aus Speyer und gebietet Frieden. Später hat man dann gemeinsam die beiden Inseln fortgegraben und dem Strom in der Mitte sein Bett geschaffen. Die zwei Felsen im Untergrund hat man, wie mir Herr Hilker erzählte, erst vor einigen Jahrzehnten fortgesprengt.

Neues Leben

Nach dem großen Kriege kam das Leben in Erder bald wieder in die Reihe. Schon im letzten Kriegsjahre waren die Höfe und Stätten mit Menschen und Vieh wieder voll besetzt. Einige Schiffer hatten schon wieder ihr eigenes Schiff. Es gab im Dorfe 51 Pferde, 94 Kühe und 45 Schweine. Von Böken, Schöttkers und Buhmeiers Hofe zogen jüngere Söhne mit guter Mitgift nach dem fast ausgestorbenen Langenholzhausen und übernahmen leerstehende Bauernhöfe.

Bald hatte Erder auch seinen eigenen Schulmeister. So manche Beschwerden waren gekommen, daß die Leute aus Erder ihre Kinder nicht in die Kirchspielschule nach Langenholzhausen schickten. Aber mochten Amtleute und Geistliche schelten, sie taten’s nicht. Der Weg war zu weit und zu beschwerlich. Vor allem aber brauchten sie ihre Kinder ja selber zum Viehhüten. Wenn’s aber unbedingt sein mußte, so wollten sie lieber ihren eigenen Schulmeister haben. Ein alter Schuppen fand sich schon im Dorf, und ein alter, ausgedienter Soldat, der dazu noch Schneider war, fand sich auch. Lesen konnte er ja, und mit dem Schreiben ging es auch so leidlich, na, und das Rechnen lernten die Kinder hier schon von allein. Tolle Zustände haben in den ersten Jahrzehnten in der Erderschen Schule geherrscht, aber schließlich kam auch das in die Reihe. Bernhard Dietrich Dubbert, der über 50 Jahre in Erder amtierte und 1763 im Alter von 80 Jahren starb, war hier der erste in der Reihe tüchtiger Lehrer.

Erder wird Zollstätte

Das achtzehnte Jahrhundert aber brachte dem Dorfe auch wirtschaftlich einen bedeutenden Aufschwung. Erder wurde Zollstätte und lippischer Weserhafen, Aus- und Eingangstor in die weite Welt. So gewann dieses kleine Dorf eineinhalb Jahrhunderte lang für unser Land eine besondere Bedeutung.

Schon im Mittelalter wurde in Varenholz der lippische Weserzoll erhoben. Der Hauptarm der Weser floß ja an der Varen- holzer Burg vorbei. Doch als im 15. Jahrhundert die alte Weser allmählich versandete und die Schiffe nun ihren Weg zwischen den Inseln hindurch gegen Veltheim zu nahmen, da wurde es für die Zöllner schlecht. Wie Wachhunde mußten sie nun auf der Lauer liegen, daß ihnen kein Schiff entwetzte. Dazu hielten die Schiffe auch noch, der Fahrrinne wegen, am jenseitigen Ufer. War das ein umständlicher, langweiliger Betrieb für die Zöllner wie für die Schiffer! Wie manches Schiff drückte sich still vorbei. So wurden die Zolleinnahmen, die noch um 1600 etwa 1200 Taler im Jahr erbrachten, kleiner und kleiner. Der Graf verpachtete dann den Weserzoll an die Varenholzer Amtsverwalter für 500 Taler.

Da trat im Jahre 1697 der Erdersche Schiffer Hermann Brinkmann an den Grafen heran und bot ihm 200 Taler mehr, wenn er in Erder den Zoll erheben könne. Graf Friedrich Adolph, der immer Geld brauchen konnte, war gleich einverstanden, obwohl er vor Brinkmann ernstlich gewarnt wurde. Dieser war ein Leichtfuß, kam seinen Pflichten nicht nach und entwich schließlich unter Hinterlassung einer großen Schuldenlast aus dem Lande. So ging es nicht, man verlegte den Zoll 1708 wieder nach Varenholz und ließ sich von Brinkmanns Nachfolger eine gehörige Kaution zahlen.

Doch der Zollverwalter Friedrich Eilert Meyer war ein anderer Kerl. Begabt mit klarem Blick, Tatkraft und Geschäftstüchtigkeit, war er der rechte Mann, den verfahrenen Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Daß Erder trotz des Brinkmannschen Fehlschlages der rechte Platz war, sah er gleich und unterbreitete 1711 eingehende Pläne, die von der Regierung in Detmold gebilligt wurden.

Von Kleemanns Hofe wurde nun für 100 Taler ein Platz gekauft und darauf das Haus des Zollverwalters und der Zollschuppen erbaut. Meyer schießt dem dauernd im Dalles lebenden Grafen alle Kosten vor, selbst das Bauholz aus dem staatlichen Walde läßt sich der Graf bezahlen. Ja, er streicht sogar die 100 Taler ein, die Kleemann für sein Land bekommt, wofür dieser monatlich 4 Groschen Steuer nachlaß erhält „für ewige Zeiten“. In der Folgezeit vermittelt Meyer dem Grafen noch ein Darlehen von 16 000 Talern. Der gesamte Weserzoll geht schließlich für die Zinsen dieser Schulden und für die Amortisation der Meyerschen Auslagen drauf, wahrlich ein sprechendes Beispiel für die Armseligkeit der damaligen lippischen Verhältnisse! Meyer selbst, und wer könnte ihm das verdenken, sah schon zu, daß er bei diesem Handel nicht zu kurz kam. Er erhielt die Erlaubnis, Schnaps zu brennen und am Zoll auszuschenken!

Erder wird Weserhafen

Aber das Ziel des Zollverwalters Meyer lag höher. Der Weserzoll war nur eine bescheidene Angelegenheit, solange nicht die gesamte Ein- und Ausfuhr des Lipper- landes, soweit sie den Weserweg ging, über Erder lief. Meyer baute für den Grafen ein großes Lager- und Packhaus. Aber in Detmold sah man doch, welche Scherereien es mit den Städten geben würde, wenn man die Kaufleute zwang, die von und nach Bremen gehenden Waren, statt wie bisher über Vlotho, nun über das ungünstig gelegene Erder zu leiten.

So fing man zunächst erst einmal bei den Bauern an. „Das Reip- und Klafterholz, so auf der Weser passiert, soll nirgends anders als an der Herrschaftlichen Schlacht zu Erder ein- und ausgeladen werden!“ verfügte die Regierung im Jahre 1722. Für den Kalkhandel erging die gleiche Anordnung. Die Bauern waren empört. Des Grafen „untertänige Knechte der Bauerschaft Kalldorf“ erhoben erbitterte Klage. „Wir haben von uralter Zeit her Holz und Kalk an die Weser geführt an einen uns sehr gelegenen Ort, genannt Stocks Brink. Jetzund sollen wir auf die Zollschlacht zu Erder fahren und dem Zollverwalter noch 4 Mariengroschen geben vor jeden Reip Holz und Kalkofen, welches uns unmöglich ist, da jetzund auf dem Holze und mit Kalkbrennen wenig zu verdienen“. Sie bitten, auch für die „Hohen- häuser, Dalbker, Bentörfer und Fuhlensieker“, ihnen das zu erlassen, „zumal auch die Erderschen durch ihre Feldmark uns keinen Weg gestehen.“

Auch die Erderschen Schiffer beschwerten sich über Meyers Zollsätze, wenngleich sie die Verfügung, daß alles über Erder gehen soll, sehr begrüßen. Aber sie sind entrüstet, daß der Zollverwalter „allein eine austrägliche Beute zuwege bringe“!

Auch um seinen „Branntweinpott“ wird Meyer beneidet, für den er dem Grafen doch jährlich 36 Taler zahlt. Aber in all diesem Geplänkel bleibt Meyer Sieger. Er handelt nach seinen Rechten und Vorschriften und geht fest und klar auf sein Ziel los.

Jahre vergehen, aber endlich muß man auch mit den Städten klar kommen. Geschickt weiß Meyer die nordlippischen Bauern vorzuschieben, die bisher „mit Fahren fetter Ware oder sonstiger Kaufmannsgüter von Vlotho aus öfters einen Taler Geld verdienet“. Seit einiger Zeit hat nun aber Preußen die lippischen Bauern vom Fahren ausgeschlossen, „und ist uns dadurch viel Geld entgangen“. Da nun der Graf „das allerkostbarste Haus“ zur Niederlage in Erder errichtet hat, bitten die Bauern um eine Verfügung, „daß sämtliche lippischen Kaufleute ihre ab- und zugehenden Waren in Erder niederlegen und sie durch uns und sonst Dero Untertanen im Amte Varenholz, so gerne einen Taler verdienen, ab- und zufahren zu lassen“.

Das war der Anstoß, und Meyer ließ nicht locker, bis allen Protesten der Städte zum Trotz im Jahre 1733 die gewünschte gräfliche Verordnung erging.

Mit rastloser Energie baute Meyer nun die Faktorei auf, regelte An- und Abfahrt, Aus- und Einladen der Schiffe, machte feste Akkorde mit den Bauern der Umgegend, die sich zum Fuhrdienst nur so drängten, richtete einen Botendienst ein, schaffte leichte Karren für kleine Sendungen an und suchte allen Wünschen der grollenden Kaufleute nachzukommen.

Die furchtbaren Wege ins Lippische waren ja das schlimmste Hindernis. Erst die Fürstin Pauline hat da durchgreifend Wandel geschaffen. Aber Meyers Werk stand, und als er 1742 Erder verließ, konnte er es seinem Nachfolger wohlgeordnet übergeben.

Neue Zeit

Nach Meyers Fortgang wurde Johann Wigand Dönch Zoll Verwalter in Erder. In mehreren Generationen hat die Familie Dönch am Erderschen Zoll gesessen. (Noch vieles ließe sich über diese Zeiten berichten; denn dicke Aktenstöße über Zollstätte und Faktorei in Erder liegen im Detmolder Archiv. Doch es mag genug sein.) Die Gründung des preußischen Zollvereins und Lippes Anschluß im Jahre 1842 leiteten das Ende der Erderschen Zollherrlichkeit ein. Im Jahre 1857 wurde der Weserzoll aufgehoben und das Zollamt geschlossen. Die Gebäude kamfen unter den Hammer. Die Gemeinde erwarb das schöne Fachwerkhaus, noch jetzt eine Zierde des Dorfes, und richtete es als Schulhaus ein.

Alte Bauern im lippischen Norden konnten vor Jahren noch so allerlei Döhn- ken berichten, die ihre Vorfahren erlebten, als sie die Tuchballen, die Kaffeefässer und Zuckertonnen durchs Land fuhren. In Erder aber ist man noch heute stolz auf jene Zeit, da hier der lippische Hafen war und am Zollhause immer ein reges Treiben herrschte.

Doch das Leben geht weiter, und manches, was in alten Zeiten wichtig war, ist längst aus dem Bewußtsein der Menschen entschwunden. Was wissen die Erderschen denn heute noch davon, daß der lippische Graf vor mehr als 200 Jahren hier in der Weser unterhalb des Ortes ein großes Fischwehr hatte, und daß die Erderschen Fischer Lachse und Hechte für des Grafen Tafel lieferten? Heute wird kaum noch ein Fisch in der Weser gefangen. Was weiß man noch von den lippischen Hollandgängern, die allsommerlich weserabwärts fuhren zum Grasmähen in den Niederlanden? Der Hollandbote Franz Wattenberg aus Erder reiste her und hin, vermittelte Stellen und brachte Briefe. Doch von den Zieglern weiß man noch, die hier mit ihren weißen Pucken im Frühjahr auf die Schiffe stiegen. Und die Ältesten in Erder wissen auch noch von den Amerikafahrern zu sagen, die der Weserdampfer von hier nach Bremen trug. Und von den schmucken Schiffern, die vor dem ersten Kriege bei der kaiserlichen Marine ihre Soldatenjahre durchmachten, lebt wohl der eine oder der andere noch im kleinen Dorf an der Weser.

Wenn du heute an einem schönen Sommertage nach Erder kommst, so findest du einen stillen, verträumten Ort. Die Bauern sind auf den Feldern, die Arbeiter in den Fabriken der Städte, die Schiffer auf Fahrt. Still liegt die Fähre am leise gleitenden Strom. Du streckst dich ins Ufergras, und die Stimmen des Wassers erzählen dir von den Zeiten, da Erder für unsere Vorfahren das Tor war zur weiten, weiten Welt.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1954 – Von Wilhelm Süvern.