Erinnerung an ein kleines Kreuz aus weißer Birke in Bergkirchen

Evangelische Kirche Bergkirchen, Bad Salzuflen

In unserer Heimat liegt ein Kirchlein auf einsamer Höhe, dicht am Waldesrande. Bergkirchen heißt es, wie sicher manche Orte in gleicher Lage. Zur Gemeinde gehören die vielen Bauernhöfe, die verstreut im Umkreis liegen. Schon von weitem grüßt der spitze Kirchturm den einsamen Wanderer, der auf stillen Pfaden entlang einem munter plätschernden Bach seinem Ziel zustrebt: Bergkirchen.
Ich suche diesen Platz gern auf, weil ein eigenartiges Schicksal mich mit ihm verbindet. Dicht an den Wald grenzt der Friedhof, in dessen Mitte das Kirchlein. Die Gräber sind gut gepflegt, im Vorübergehen lese ich die Namen alter Bauerngeschlechter, die hier zur ewigen Ruhe bestattet sind. Sinnend betrachte ich die Kreuze und Steine und gelange zum Ehrenmal inmitten einer Baumgruppe. Auf der Gedenktafel lese ich die Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Da steht es: Jäger Friedrich Arning, gefallen 15. X. 1915. Erinnerungen werden wach und die Gedanken schweifen zurück:

„Über 50 Jahre sind es her. Der Erste Weltkrieg dauerte schon länger als ein Jahr. Unser Jägerbataillon, zu dem ich als junger Soldat gekommen war, hatte den Vormarsch in Belgien und Frankreich mitgemacht und war dann im Osten eingesetzt, hatte Ostpreußens Befreiung erlebt und den Vormarsch ins weite Rußland angetreten. Im Herbst waren wir bis kurz vor die Feste Dünaburg gelangt. Beiderseits der großen Heerstraße hatte sich der Russe wieder festgesetzt und unseren Angriff zum Stehen gebracht.

Der harte Winter stand vor der Tür, und man bezog feste Stellung. Der Schützengrabenkrieg begann. Zwei Kompanien unseres Bataillons lagen vorn, zwei weitere in Reserve dahinter. Die weiten Wälder standen in prächtigem Herbstschmuck. Axtschläge und das monotone Geräusch, von Sägen hallten durch den Forst. Wir waren damit beschäftigt, eine Reservestellung anzulegen.

Ein „Neuer“ war zu uns gestoßen: Friedrich Arning. Er war Bauer von Beruf und erst kürzlich ins Feld gekommen, da man seine Hilfe auf dem Hofe dringend benötigte. Sein Besitz lag unterhalb von Bergkirchen in jenem lieblichen Tal, dessen kleiner Bach in die großen Fischteiche vor dem Dorfe mündete. Er war wesentlich älter als ich und von tiefer Frömmigkeit.
Mit seiner Frau bewirtschaftete er den Hof, ein Junge war ihm bereits geboren, und man erwartete das zweite Kind. Die Feldpost sollte die frohe Nachricht überbringen, bei jeder Postverteilung hoffte er darauf.

Am Morgen jenes Oktobertages zogen wir in den Wald zum Stellungsbau. Unser Oberjäger hatte uns zur Arbeit eingeteilt. Ich kam mit Arning zusammen. Unter seiner fachkundigen Anleitung ging die Arbeit schnell vorwärts. Er hatte als Bauer gelernt mit Axt und Spaten umzugehen. So fanden wir immer wieder Zeit, von der Heimat zu erzählen.

Friedrich Arning hörte nachdenklich zu, seine Gedanken mochten bei Haus und Hof sein. Ein wenig Schwermut war ihm eigen. Der Krieg hatte ihn aus seiner ruhigen Arbeit herausgerissen. — „Ich sehe die Heimat wohl nicht wieder“ — sagte er oft zu mir. Mit meinem jugendlichen Optimismus versuchte ich, ihm die Bedenken zu zerstreuen und begann, uns auszumalen, daß der Krieg bald zu Ende und wir wieder in unserer lippischen Heimat wären. Ich würde ihn dann oft auf seinem Hofe besuchen.

Bergkirchen (Foto: F. Deppe)

Am Nachmittag kam der Befehlsempfänger vom Bataillons-Stab mit der Nachricht, daß noch am Abend die beiden vorderen Kompanien durch uns abgelöst werden sollten. Unsere frohe Unterhaltung verstummte, wußten wir doch, daß vorn an der Straße nach Dünaburg hart gekämpft wurde. Wir legten das Schanzzeug zusammen und bereiteten uns auf die Ablösung vor. Der Oberjäger teilte die Wache für die kommende Nacht ein. Arning sollte mit dem Gruppengefreiten zuerst den Horchposten beziehen, sobald bei Anbruch der Dunkelheit die Ablösung erfolgt war. Mit einem jungen Studenten aus Dortmund war ich für die zweite Wache eingeteilt. Vorher sollten aber noch Lebensmittel und Post von der Feldküche geholt und nach vorn gebracht werden. Nach kurzer Überlegung bat mich Arning, mit ihm die Wache zu tauschen. Er wollte möglichst bald zum Postempfang, um die sehnlichst erwartete Nachricht von zu Hause entgegenzunehmen. Ich wollte seine Bitte selbstverständlich gern erfüllen.
Wir mochten wohl zwei Stunden im Schützenloch am Drahtverhau ausgeharrt haben. Der Gegner war wieder ruhiger geworden. Sternklar war die Nacht. Einzelne Gewehrschüsse und hin und wieder das Takkern eines M. G. In der Ferne dumpfes Artilleriefeuer. Angestrengt horchten wir nach vorn. Plötzlich blitzte es vor uns auf. Granaten heulten über uns hinweg, um mit lautem Krachen hinter uns in die Stellung einzuschlagen. Als der Feuerüberfall vorbei und wieder Ruhe eingekehrt war, kam die Ablösung. Verstört sahen midj die Kameraden an. „Karl, du, hier? Dein Unterstand hat doch einen Volltreffer bekommen!“ Ich ahnte Schreckliches. Ich kroch in den Graben und suchte im Dunkeln nach meinem Unterstand. Ein wüster Trümmerhaufen. Die Nacht wollte kein Ende nehmen.
Am anderen Morgen, als es hell wurde, standen wir an der Unglücksstelle. Die schwere Granate hatte den kleinen Unterstand völlig zertrümmert und zum Grabe für die beiden Kameraden gemacht. Wir fanden Arnings Brieftasche, die ein Granatsplitter zerfetzt hatte. Eine Fotografie, die ihn mit seiner Frau und dem Jungen zeigte, war durchlöchert. In vorderster Stellung bereiteten wir den beiden Gefallenen das Grab. Ein Kreuz aus weißer Birke mit buntem Herbstlaub war der einzige Schmuck.

Jahre gingen ins Land. Nach längerer Lehr- und Wanderzeit nach dem Kriege war ich wieder in meine Vaterstadt zurückgekehrt. An einem Sonntag um die Oster-zeit wanderte ich mit einem alten Freund nach Bergkirchen, um dort dem Gottesdienst beizuwohnen. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Das erste Grün zeigte sich, die Lerchen jubilierten und feierlich strebten die Kirchgänger nach dem Gotteshause. Der Zufalll wollte, daß Konfirmation war. Als die Predigt zu Ende war und die Orgel ausgeklungen hatte, verlas der Pfarrer die Namen der Konfirmanden. Unter den Mädchen wurde Elfriede Arning aufgerufen. Sie war die Tochter meines Kameraden, die den Vater nie gesehen hatte.
Ergriffen trat ich mit meinem Freund den Heimweg an. War es nicht sonderbar und eine Fügung des Schicksals, daß ich an jenem Tage an der Konfirmation meines für mich gefallenen Kameraden teilnehmen sollte? War ich stellvertretend für den Vater an jenem Sonntag anwesend?“ — In ferne Gedanken vertieft, stehe ich noch vor dem Ehrenmal. Laute Kinderstimmen höre ich näher kommen. Kleine Mädchen sind es, die auf den Feldern Blumen gesammelt haben. Ich wende mich still beiseite, gehe durch die Gräberreihen und die kleine Pforte in den Wald zurück und wandere wieder heimwärts . . .
(Die Personennamen sind absichtlich geändert).

 Quelle: Heimatland Lippe 11/1969 – Von Dr. Robert Krecke