Erinnerungen eines Neunzigjährigen an Barntrup.

Blick auf Barntrup. Lippe2Web 2010

Ich bin im Jahre 1834 geboren. Damals war Barntrup bedeutend kleiner als heute, und hatte nur 180 Nummern. Indessen waren die Menschen viel anspruchsloser in ihren Wohnungsverhältnissen,und es wohnten damals drei Familien in Häusern, die heute nicht einmal mehr für eine Familie ausreichen. In meinem Geburtsjahre sind 46 Kinder geboren, also beinahe…. gerade so viel, wie heute in einem Jahre geboren werden, (1923 waren es 47). Dabei hat Barntrup heute ungefähr 140 Nummern mehr wie damals. Trotzdem haben wir alle Wohnungen gehabt und sind recht zufrieden dabei gewesen. Im Osten fing die Stadt mit der heutigen Nr. 1 und 2 an, im Westen war der Gasthof zur Post und das diesem gegenüberliegende Haus das letzte Haus. Der ganze Stadtteil vom Spritzenhause ab nach Osten und Norden war noch nicht da. Man begreift es heute nicht mehr, dass auf einem so kleinen Raum so viel Menschen leben konnten.

Kam man vom Osten in die Stadt, so stieß man da, wo heute die Schule steht, auf den Burghof, nebst einem dahinter liegenden Obstgarten, der sich bis zur heutigen Hagenstraße hinzog. Beides war von einer großen Mauer umgeben, über die ich oft geklettert bin. Trat man in den Burghof, so sah man gleich rechts auf die große Brennerei. In dieser wurde die Kielsche Kartoffel verarbeitet, die der Konduktor in großer Menge anbaute und die von besonderer Ergiebigkeit war. Einen großen Raum nahmen die Schafställe ein. Der Konduktor trieb vor allem Schafzucht, und vier Schäfer waren nötig, um die vielen Schafe zu hüten. Damals bestand der ganze Berg nördlich von Bellenbruch aus lauter Schafhude. Außerdem befanden sich innerhalb des Burghofes die Wohnung des Konduktors, die Viehställe und ein großes Dreschgebäude. Später ist der Burghof von der Stadt angekauft, und die Meiereigebäude sind in Sevinghausen neu gebaut, wo sie heute noch liegen und zusammen die „Burg“ heißen. Die Mauer und die alten Gebäude wurden niedergerissen und die Steine zum Pflastern von Straßen gebraucht. Nur ein Gebäude hat man längere Zeit stehen lassen und als Arrestlokal eine Anzahl von Jahren benutzt.

Die Mittelstraße um 1910. (Bildpostkarte)

Gesamtansicht Barntrups um 1910

Gesamtansicht Barntrups um 1910. (Bildpostkarte)

Eine Wasserleitung wie heute hatte die Stadt noch nicht, die Leitung bestand vielmehr aus Holzröhren, die Pfeifen genannt wurden. An verschiedenen Stellen waren »Borne« angebracht, die beständig flössen. Aus ihnen holten sich die Hausfrauen ihr Wasser für den Haushalt, und indem sie sich dort trafen, hielten sie ihre oft unnötigen Beratungen und Besprechungen über die Verhältnisse der Stadt ab. Der größte Born, der vor dem alten Rathause sich befand, hieß der Pfeifenborn. Vom Pfeifenborn floß das Wasser in einen größeren, ausgemauerten Teich, der auf dem freien, dem Postgebäude gegenüberliegenden Platze sich befand. In diesen trieben die Bürger abends ihre Pferde, um sie abzuspülen. Besonders mußten sich die vielen Postpferde hier Kühlung und Labung holen. Barntrup war nämlich der Mittelpunkt eines recht ausgedehnten Postverkehrs, der nach allen vier Himmelsrichtungen ging. Der Postverwalter hatte darum recht viele Pferde; ich meine, es wären manchmal 16 gewesen. Das gab ein reges Leben im Teiche, wenn die vielen Postpferde ankamen, und ich habe oft als Junge zugesehen. -Von hier floß das Wasser dann weiter in den Teich der heutigen Teichmühle. Von dem Brunnen, oder der Pumpe erhielten mitunter die Besitzer der Häuser, die unmittelbar daran lagen, einen harmlosen Beinamen, um sie von andern Trägern desselben Namens zu unterscheiden. So war in meiner Jugend, der „Pumsander“ eine recht stadtbekannte Persönlichkeit. Im Winter waren die hölzernen Röhren oft zugefroren. Dann mußte das Wasser aus Wierborn geholt werden, und das bedeutete eine harte und böse Arbeit. Man würde sie heute fast für unmöglich halten; aber damals fürchtete man sich nicht so sehr vor der Arbeit, wie sich manche Leute heute davor fürchten.

In meiner Jugend gab es nur zwei Schulen in Barntrup. Die eine lag am Küsterbrink, unmittelbar angrenzend an den Pfarrgarten, in den wir Schuljungen sahen, wenn wir einmal während des Unterrichts einen Blick zur Seite warfen. Die andere lag an der Unteren Straße. Den Namen Lehrer kannte man nicht. Am Küsterbrink wohnte der große Küster; in meiner Jugend war es zuerst Schmidt, der aus Blomberg gekommen war, später Bornemeier. An der Unteren Straße wohnte der kleine Küster, zuerst Rieke, dann Kotzenberg und zuletzt Dornheim. Die Namen Bornemeier und Dornheim werden hier noch heute in der Stadt mit der größten Achtung genannt. Die beiden Schulen sind später verkauft, und es wurde auf der von der Stadt gekauften Burg eine neue Schule gebaut.
Wenn wir in die Schule gingen, mußten wir das nötige Brennholz selbst mitbringen. Es ging der Reihe nach; die wohlhabenden Schüler brachten einen Arm voll einen halben Meter lange Spletten, die ärmeren Reiserholz, das sie sich im Walde suchten. Mein Bruder und ich fuhren immer unser Holz zu zweien auf einen kleinen Schlitten nach der Schule. In den Schulzimmern saßen wir oft recht eng zusammen, da sie nicht so groß waren, wie sie heute sind, aber wir haben doch Tüchtiges gelernt, und ich habe bei diesem alten Herrn Bildung genug bekommen, um später ins Seminar zu gehen. Doch bin ich beim Lehrerberuf nicht geblieben, sondern aus Familienrücksichten Forstmann geworden. Meinen Lehrern habe ich allezeit ein dankbares Andenken bewahrt.

Konfirmiert bin ich bei dem Pastor Henerici, einem recht gemütlichen Herrn, der sich von Sonneborn nach Barntrup hatte versetzen lassen. Der Kirchhof bei der Kirche war damals größer als heute und ragte noch ein Stück in die Mittelstraße hinein, die dort ziemlich schmal war. Dieses Stück wurde abgebaut, als man dort einen Zollschuppen anlegen wollte. Damals hatte nämlich Hannover einen eigenen Zollverband und schloß sich vom preußischen Zollverbande aus. Es waren darum auch in Barntrup vier Landjäger stationiert, die den Schmuggel verhindern sollten. Durch die Stadt ging damals ein großer Wagenverkehr von Bielefeld nach Hameln und weiter nach Hildesheim und Braunschweig. Da dieser Wagenverkehr hinter Sonneborn auf hannoversches Gebiet kam, wurden in Barntrup die Waren verzollt. Dabei wurden denn die Wagen unter dem erwähnten Zollschuppen eingestellt.

Das Waisenhaus sah in meiner Jugend noch neuer aus als heute. Es war nämlich einige Jahre vor meiner Geburt abgebrannt und dann wieder neu aufgebaut. Den alten Inspektor Wessel, der viele Jahre lang im Waisenhaus gearbeitet hat und dem die Stiftung ihre guten Verhältnisse verdankt, kann ich mir noch gut vorstellen.
Im Waisenhaus waren gewöhnlich acht Zöglinge. Morgens bekamen sie keine Grütze oder Milch, sondern Dünnbier. Nach dem Willen des Inspektors, der sie sehr streng erzog, durften sie keine Mütze oder Kappe tragen und fielen dadurch häufig auf. Sie hatten gewöhnlich einen linnenen Anzug oder einen aus „Beiderwand“. Im Konfirmandenunterricht saßen sie immer oben an, ein Zeichen, daß man ihre Bildung höher einschätzte, als die der Volksschule. Jede Woche mußte ein Tischlermeister, namens Hof, einmal in das Waisenhaus kommen, um den Zöglingen Unterricht in Holzarbeiten zu geben. Man betrieb also auch schon damals den heute so geschätzten Werkunterricht.

Vor dem Barntruper Waisenhaus. Im Hintergrund Pastor Blome, davor Inspektoren und die Hausmutter Frau Potthast. Um 1910. Das Waisenhaus wurde 1770 als Haxthausen-Stiftung gegründet. Später wurde das Gebäude vorübergehend als Rektor-Schule benutzt.

Einen Arzt gab es damals in Barntrup noch nicht. Wer einen Arzt aufsuchen wollte, mußte nach Blomberg gehen. Auch einen Arzt aus Holzhausen bei Pyrmont, der als sehr tüchtig galt, konnte man häufig hier sehen. Die Leute behalfen sich ohne Arzt, und im Notfall konnte der Apotheker Reinold durch allerlei Tropfen Linderung verschaffen. Der erste Arzt, der sich hier niederließ, war Dr. Nonerla, nach ihm kam Dr. Lenzberg, der nach einiger Zeit seine Praxis nach Salzuflen verlegte, und darauf Dr. Theopold, der erst vor einigen Jahren heimgegangen ist.
Ich erinnere mich einer ganzen Anzahl Bürgermeister, die Barntrup gehabt hat; es waren sämtlich Barntruper Bürger; damals bezog man noch keine Bürgermeister von auswärts. Recht bekannt war der Bürgermeister Schlüter. Dieser war in seinem bürgerlichen Beruf Instrumentenmacher und spielte viel bei Hochzeiten, Jahrmärkten und sonstigen Festen. Der Beruf eines Musikanten mußte damals noch konzessioniert werden, und der Herr Bürgermeister wachte sehr eifrig darüber, daß er in seinem Erwerb nicht geschädigt wurde. Er galt aber sonst als tüchtiger Bürgermeister.

Der fürstliche Revierförster, damals noch Waldschütz genannt, wohnte in Barntrup; 1847 baute er sich persönlich das Forsthaus in Sevinghausen, das dann später von der Forstverwaltung übernommen wurde. Die Waldungen um Barntrup waren damals noch viel ausgedehnter als heute. Sie fingen im Osten an der Stelle an, an welcher jetzt die Bahn über die Landstraße geht, und erstreckten sich weithin rechts und links neben dieser Straße, sodaß das Forsthaus, welches heute am Waldesrande liegt, damals sich mitten im Walde befand. Vor dem Walde an der Landstraße stand ein Stundenstein, d. h. ein Stein von jenen Steinen, die je auf eine Stunde Entfernung an der Landstraße gepflanzt waren. Nach ihnen wurden die Entfernungen gemessen; das Messen nach Metern und Kilometern kannte man nicht. In Barntrup brannte niemand Kohlen; alle Haushaltungen gebrauchten vielmehr nur Holz zum Brennen. Allein die beiden Schmiede holten sich mühsam ihren Kohlenbedarf von Obernkirchen. Die Holzasche wurde von den Bürgern sorgfältig aufbewahrt und nach Bielefeld zum Bleichen der Wäsche verkauft; sie mußte zu diesem Zwecke im sogenannten Aschenkrug an der Mittelstraße abgeliefert werden. Auf den Holzauktionen wurde viel Holz in großen Blöcken verkauft, um zu Fässern oder von den Mollenhauern zu Mollen verarbeitet zu werden.

Die Bürger der Stadt lebten entweder vom Ackerbau, soweit sie nicht Geschäftsleute oder Handwerker waren, oder sie gingen als Arbeiter auf die benachbarten Güter. Fast in jedem Hause befanden sich außer dem heute noch üblichen Vieh Schafe und Gänse. Diese wurden in großen Herden gemeinsam gehütet, die Schafe besonders im Frettholze, die Gänse an der Eichelbache. Damals hatten die Bürger noch die Hudeberechtigung in den umliegenden Wäldern. Die Schafe wurden im Anfange des Frühlings ausgetrieben und kamen erst im Herbst wieder in die Ställe. Wer für eine Nacht ein Schaflager haben wollte, konnte es sich für 2 Gulden kaufen. Ebenso wurden an Sonntagen die Pferde in die Waldungen getrieben, und wir Jungens hatten dabei oft Gelegenheit zum Reiten, was uns viel Freude gemacht hat. Auf dem Saalberge drehten sich in meiner Jugend noch lustig die Flügel der Windmühle. Sie wurde viel besucht, und es entfaltete sich dort jeden Tag ein reges Leben. Der Müller Degenhart hätte sein gutes Auskommen davon haben müssen.
Wie es kam, daß er es nicht hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls war es ihm recht willkommen, daß der Blitz ihm in die Mühle schlug und sie zum größten Teil in Flammen aufging. Böse Zungen behaupteten sogar, daß der Blitz ganz unschuldig daran wäre. Die Mühle ist nicht wieder aufgebaut. Der Müller Degenhart verkaufte sie mit dem dazu gehörenden Grund und Boden an die Kammer und ist verzogen. Lange Zeit hat dasWirtschaftsgebäude noch dort gestanden und dem Zerstörungssinn mancher jungen Leute ein reiches Feld zur Bestätigung geboten. Als die Verwüstungen zu schlimm wurden, hat man es abgerissen, einsam steht jetzt der Windmühlenstumpf auf seiner Höhe und erinnert an die Zeiten, die längst vergangen sind.

Heute sieht Barntrup ganz anders aus, wie vor 80 Jahren. Es hat aufgehört, das kleine, stille, abseits gelegene Landstädtchen zu sein. Durch den Bau der Eisenbahn ist es an eine nicht unbedeutende Verkehrslinie gerückt. Vom Bahnhofe aus sieht man bereits in den Feldern die kleinen Fähnchen, welche den Anfang einer neuen Bahnstrecke durch das Extertal nach Rinteln bedeuten: Im Osten rauchen die Fabrikschlote: statt der Wagen, die sich damals langsam von Bielefeld nach Hameln oder auch umgekehrt durch die Stadt bewegten, rasen jetzt die Autos durch die Straßen, daß man um sein Leben besorgt sein muß, wenn man einmal die Gehbahn verläßt. Die Industrialisierung der Stadt hat begonnen und wird weiter fortschreiten. Man kann und darf es nicht hindern, obwohl ich fürchte, daß die Bürger dadurch nicht glücklicher werden, als wir gewesen sind. Vor Bellenbruch ab bis zur Klus zu beiden Seiten der Landstraße der neuen Zeit entweder schon zum Opfer gefallen ist oder noch fallen wird. Ich mag die Verwüstungen nicht sehen. Ich will meiner Vaterstadt wünschen, daß unsere Nachkommen auch den zufriedenen Sinn unter den neuen Verhältnissen sich bewahren mögen, den wir einst gehabt haben, als wir unter ganz anderen Umständen lebten.

Die Erinnerungen stammen im wesentlichen von dem Hegemeister Rodenberg und wurden um 1925 von H. Blome schriftlich festgehalten.