Es brennt in Langenholzhausen

Langenholzhausen (Kalletal), Ansicht von Südwesten, Foto Grugerio

Gellende Hupensignale, aufschreckend, alarmierend! Motorenrattern und Schellengeklingel! Die Motorspritze saust vorbei. Es brennt irgendwo. Wo mag es brennen?

Die Menschen schauen einen Augenblick von ihrer Arbeit auf. Sie sehen die Männer mit den mutigen, entschlossenen Gesichtern, sehen die oft erprobten, zuverlässigen Geräte auf den in rasender Fahrt vorübersausenden Fahrzeugen. Beruhigt und unbekümmert geht jeder seinem Tagewerke nach. Die Feuerwehr ist auf dem Posten, sie wird es schon schaffen! Und ist der Brand zu groß, so genügt ein Telefonanruf. Dann werden neue Löschzüge heranrollen, und von allen Seiten wird man dem blind wütenden Dämon Feuer zu Leibe gehen, bis sein letzter Funke erloschen ist.

Immer neue technische Errungenschaften werden in den Dienst der Feuerbekämpfung gestellt, immer neue Schutzmaßnahmen gegen die Brandgefahr werden erprobt. Und wenn auch vor wie nach der Haß der Elemente gegen alles Menschenwerk lauert, wenn gerade unsere Generation des Feuers Wüten in der Kriegszeit mit allen Schrecken kennen- lemte, der Mensch wird doch wieder und wieder den Sieg über das Feuer erringen.

Vor mir liegt ein altes amtliches Brandprotokoll aus dem Jahre 1789, und aus den vergilbten Akten steigt neben der Not und Gefahr auch der Geist der Gemeinschaft und der Entschlossenheit.

Dächer aus Stroh, Wände aus Holz und Strohlehm, offene Herdstellen und strohgefüllte Dachböden mit offenen Bodenluken boten damals dem Feuer alle Angriffsmöglichkeiten. Gering waren die Bekämpfungsmittel, langsam die Nachrichtenübermittlung von Ort zu Ort, aber groß auch der Gemeinschaftssinn und die Opferbereitschaft der Menschen. Wußte doch auch jeder, was hier auf dem Spiele stand. Der Wind konnte in Augenblicken die stiebenden Funken von einem Strohdach zum andern tragen. In wenigen Stunden sank dann ein ganzes Dorf in Asche. Und keine Versicherung deckte den Schaden, keine Kasse half. Rettung und Wiederaufbau lagen nur bei der Entschlossenheit und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner. Doch hören wir!

Es ist am Abend des 21. August 1789. Auf dem Kleinschmidtschen Hofe in Langenholzhausen ist morgen Richtefest, Hausböhrung, Hillebille. Die Zimmerleute haben bis abends spät noch an den Balken und Sparren geklopft, die morgen unter Mithilfe der Dorfgenossen zum Fachwerkgerippe des neuen Wohnhauses aufgerichtet werden sollen. Nun sitzen die Handwerker mit den Hofleuten auf der Diele der Leibzucht beim Abendschmaus. Die Hausfrau hat einen sauren Tag hinter sich, das Herdfeuer am Dielenende hat den ganzen Tag über tüchtig gebrannt. Für das Richtefest hatten sie eine Kuh geschlachtet, um 9 Uhr hatten sie das Geweide schon aufs Feuer gekriegt. Nachmittags wurden dann die Rinderwürste gemacht. Nun hing der mächtige Wurstkessel über dem Feuer. Zu heller Glut war es entfacht, daß die Funken stoben.

Und dann geschah’s. Der Dorfkoch Honing setzt gerade eine Schüssel voll dampfender Würste auf den Tisch, während der Bauer mit dem Schluckbuddel herumgeht, da fällt aus der offenen Bodenluke plötzlich ein hell lodernder Strohwisch auf die Diele herab! Das Haus brennt ihnen über dem Kopfe!

Feuer! Schon eilt der Ruf durchs Dorf. Vom alten Kirchturm herab gellt bald in hastendem Ton die Feuerglocke. Die Spritze rückt an. Von allen Seiten kommen die Dörfler mit den ledernen Feuereimem gerannt. Von der Kalle her bis zum Brandherd steht bald die eimerschwenkende Doppelkette der Männer und Frauen. Das große Holzfaß, aus dem die Spritze schöpft, füllt und leert sich fort und fort. Indes eilen zwei flinke Läufer über den Kirchberg nach Varenholz, dem hochlöblichen Amte Bericht zu tun.

Doch die Beamten, der Amtmann, der Vogt und der Schreiber, hatten die Glocke vernommen und den Feuerschein am Himmel gewahrt. Sie waren schon unterwegs. Aus Stemmen, Varenholz, Erder, Kalldorf, Tevenhausen und Heidelbeck eilten die Helfer herbei. Mit großen nassen Schlaglaken deckte man die gefährdeten Strohdächer ab. Mit großen Feuerhaken an langen Wiesbäumen riß man die brennenden Sparren und Ständer nieder. Die Varenholzer Spritze kam noch, dazu auch einige Handspritzen, und mit vereinten Kräften ward man so des Feuers Herr. Um Mitternacht war alles vorbei, „auch alle Kohlen tot“. Aber sicher ist sicher, der Amtmann beorderte noch 24 Mann aus Stemmen und 24 Mann aus Erder zur Feuerwache.

Und nun schritt man zur Untersuchung. Wie war der Brand entstanden, der bei dem herrschenden Winde leicht noch weit größeren Schaden hätte anrichten können? Keiner kann über die Ursache des Feuers so recht Auskunft geben. Bieder und treu meint der Bauer Kleinschmidt zuletzt: „Wenn die Katze das Feuer nicht auf den Boden gebracht hat, dann kann ich mir nicht denken, wie es gekommen ist.“ — „Die Katze?“ — „Ja, die lag immer so dichte am Herde, da hat sie sicher Funken aufn Balg gekriegt und ist damit in ihrer Angst auf den Balken gelaufen ins Stroh.“ — „Oho, hmhm, aha! Natürlich, die Katze! Wo ist die Katze!? Holt ihn heran, den Bösewicht!!“ Aber das böse Tier war nirgends zu finden, und der Amtmann schließt seinen Untersuchungsbericht mit den Worten: „Die Kleinschmidtsche Katze hat man noch nicht ausfündig machen können“

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 –  Von Wilhelm Süvern