Flachsverarbeitung in alter Zeit

Aus Großväter und Urgroßväter Zeiten schreibt ein alter Lipper aus dem Amte Brake, dessen Handschrift erkennen läßt, daß sie noch aus jener Zeit stammt, da man auf „Schönschreiben“ noch großen Wert legte, eine sehr anschauliche Schilderung des Flachsbaues in Lippe, der noch vor hundert Jahren in großer Blüte stand. Auch Sitten und Gebräuche um Spinnrad und Webstuhl sind hier trefflich aufgezeichnet. Lemgo war Hauptverkaufsplatz des lippischen Leinenhandels, dort wurde eine Leinenbörse, die Legge, errichtet, wo die Güte und Größe des Gewebes amtlich vermerkt und abgestempelt wurde. Doch von der Saat bis zur Legge war ein weiter, mühevoller Weg.

An sonnigen, windstillen Frühlingstagen besäte einst der lippische Landwirt sein umgepflügtes und durch Egge und Walze geebnetes Ackerland mit dem glänzend bräunlichen Flachs- oder Leinsamen. Einige Wochen später waren Pflänzchen herangewachsen, aber auch das Unkraut ist nicht zurückgeblieben und mußte ausgezogen werden. Zu dieser etwas langweiligen Arbeit ruft die Hausfrau ihre Nachbarinnen zu Hilfe. Wenn in der Woche die Zeit nicht ausreichte, wurden auch die Sonntagnachmittage nach Ausgang der Kirche dazu benutzt. Wenige Wochen später erkannte man das Feld kaum wieder; die hoch aufgeschossenen Flachshalme trugen himmelblaue Blüten und leuchteten wie die gelben Rübsaatäcker neben den grünen Getreidebreiten in bunter Reihe schon aus der Ferne. Wie- der nach kurzer Zeit waren aus den Blüten gelbbraune Samenköpfchen geworden. Abermals „reiheten“ sich auf den Feldern die Frauen zum Ausziehen oder „Luken“ der Flachsstengel, welche in dicken Bunden nach Hause gefahren wurden. Hier war auf der geräumigen Lehmdeel die „Reppe“ aufgestellt, ein runder, waagerecht auf Stahlen ruhender Holzrahmen, der an vier Stellen mit aufrechtstehenden spitzen eisernen Stäbchen besetzt war, zwischen denen die durchgezogenen Halme ihre Samenknötchen — Knutten — abstreiften. Der aus den in der Sonne getrockneten Knutten ausgedroschene Leinsamen gibt in der Ölmühle ausgepreßtes Öl, das als Firnis zu Farben gebraucht wird, damals auch statt Rüböl in der Lampe gebrannt wurde und in ganz frischem Zustand sogar beim Backen von Kartoffelpuffern Verwendung fand. Wie  hell schallte das Singen der emsig reppenden Frauen bis zur Dorfstraße! Vor der Tür band ein Mann die abgestrippten Flachsstengel in kleine Bunde, welche nun in die Wassergruben vor dem Orte zum Gären oder Rotten versenkt wurden. Wochenlang faulten sie in dem grau gewordenen Wasser, dessen Duft sich an warmen Abenden unangenehm bemerkbar machte. Die mürbe gewordenen Bunde spreitete man später auf dem Anger oder Stoppelfelde reihenweise aus und wendete sie zum Trockenwerden mehrmals mittels langer Stangen um, wonach sie zur Stampfe zur Bockemühle gebracht oder auf der Deel durch einen Handklotz weichgeklopft wurden. An hellen, warmen Nachmittagen, wo die in den Sonnenschein gelegten Flachsstengel mürbe wurden, ihre Schale leichter löste (schillte), versammelten sich wieder die Frauen auf einer Hausdeel mit ihren Schwingen oder Racken, und bald meldete das Klappern der hölzernen Schlägel auf den darunter gehaltenen Flachs ihre Beschäftigung. Die abgeklopften Riesten wurden später noch einmal durch eine mit Eisen beschlagene Schwinge oder Stripracke gezogen, wonach man ihnen schließlich mit kleinen Schabeisen (Ribbe) noch schärfer „über die Haut“ strich, um auch die letzten Bastteilchen fortzunehmen. Jetzt blieb noch die letzte Vorbereitung des Flachses vor dem Spinnen, das „Hecheln“. Auf der tellergroßen Scheibe eines Gestells standen fingerlange Drahtnadeln dicht beieinander und die davorsitzende Frau zog die geribbeten Flachsristen über und durch sie hinweg, wobei die kürzeren Fädchen, die Hede oder das Werg, sich absonderten. Daher das Wort „durchhecheln“.

Die Kunst des Spinnens wird weitergegeben. Die Gartenlaube. (Scan der Original-Buchvorlage) [Public domain], via Wikimedia Commons

Endlich kam das Spinnrad an die Reihe. Heute ist die kleine Maschine kaum noch bekannt, die damals in dem einfachsten Häuschen des Dorfarbeiters wie in dem vornehmen Zimmer des Städters ihren Platz hatte, deren Töchter bisweilen einen so feinen Faden spannen, daß ein Stück Garn (25 Bind) durch einen Fingerring gezogen werden konnte! Das Spinnrad war oft bunt gestrichen, verziert, wohl gar poliert und seine im beweglichen Arme, dem Himphamp, am Wocken steckende Flachsdiese umschloß ein buntes Band oder bemaltes Pappstück, das Wockenblatt. Unter der Diese war ein Blechnäpfchen mit Wasser zum Anfeuchten des abgezupften Flachses, auch ein Ölgläschen zum ölen des Rades, sowie ein Docht zum Einziehen des über die mit Häkchen besetzte Gabel der Rolle laufenden Fadens. Gewandte Spinnerinnen spannen an zwei übereinander sitzenden Rollen und benutzten beide Hände zugleich. Die vollgesponnenen Spulen wurden abgenommen und ihr Garn auf den Haspel gewunden, wobei man seine vier Arme umdrehte. War ein Bind (25 Fäden) aufgehaspelt, dann meldete dies das Knappen einer Feder am Haspel und ein Zeiger ihre Anzahl auf einem Zifferblatte. Ersteres wurde durch eine Schnur — einen Fissen — umbunden, bevor man weiter „haspelte“. Von hier stammte der Ausdruck, wenn eine angefangene Arbeit wiederaufgenommen werden konnte: „Nun habe ich sie wieder in Fissen.“

Wer an Winterabenden auf dem Lande eine Wohnstube betrat, fand fast überall das Spinnrad im Gange. Nahe bei dem in jener Zeit von der Deel aus oder Küche (durch die Wand) mit Holzscheiten geheizten eisernen Ofen summte das Rad der Großmutter, daneben das der Tochter oder Enkelin; im Nebenzimmer brummten die Spinnräder oder quiekten die rundgedrehten Haspeln der Mägde. Unter der Stubendecke brannte die oft qualmende Öl- oder Tranlampe mit rötlichem Lichtschein. Gesponnene Garnstücke hingen in Reihen an der Wand, eine Freude für die Hausfrau oder die erwachsene Tochter, die hier den Anfang für ihren selbstgefertigten
Brautschatz machte und nun flinker an ihren Flachswocken zupfte und rascher das Rädchen trat. Da stimmte eine Spinnerin das Lied von den „Drei Grafen im Schifflein“ oder „Straßburg, du wunderschöne Stadt“ (Das Lied „Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt“ kam erst gut hundert Jahre später auf), und kräftig fielen alle mit ein. Die Rollen wurden abgehaspelt und neue Lieder angefangen. Jetzt schlug die Uhr die zehnte Stunde, da erhob sich die Hausmutter vom Stuhle und meldete Feierabend — auf der Dorfstraße blies der Wächter zum ersten Rundgange. Dann wurden die Tage wieder länger, die Meise rief schon lange: Spinn dicke, der Flachs muß „alle“ werden. Die „Büke“, ein Reinigungsbad von Aschenlauge, wartete auf die vielen langen und kurzen Gamstücke. Ein Teil davon wurde dann auf die an der Deelwand vortretenden Holzpflöcke zur „Kette“ für den Webstuhlbaum gespannt, welcher am unteren Ende des Stuhls angebracht war und gedreht werden konnte. In einem besonderen Zimmer saß die Frau vor dem Webgestell und warf das Webschiffchen mit dem ab rollenden Einschlagfaden durch die sich umschichtig hebenden und senkenden Längsreihen der vom Webebaum ablaufenden Kette, welcher hierauf durch zweimaliges Andrücken eines Holzrahmens sich dichter dem Gewebe anschloß. Weben nannte man auch Würken, in alter Zeit aber „Wand machen“, wie es noch in den Urkunden der Lemgoer Zeug- oder Wandmacher-Innung erwähnt wird. Ein noch wärmeres Zeug, wo wollene Fäden durch die leinene Kette gewebt wurden, hat noch heute den Namen Beiderwand. Das Werg oder die Hede, der Abfall bei dem Hecheln des Flachses, wurde zu Sack- und Packleinewand versponnen, mit Hanfgarn auch zu Segeltuch verwebt und auf den Bauernhöfen im Lande auch zur Anfertigung von Zugsträngen, Pflug- und Wagenleinen und Balkenseilen benutzt.

Den Schluß aller Arbeiten machte die Bleiche, in der durch tagelange Wasser- und Sonnenbäder die graue Leinewand ihre schöne weiße Farbe erhielt. Im Frühjahr und Sommer sah man auf den Wiesen am Bache die langen Leinengewebe ausgebreitet, durch Ubersprengen mittels hölzernen Schaufeln oder Gießkannen naßgehalten. In der Hegel stand eine Bretterbude für den Wächter bei der Bleiche. Nach Lemgo wanderten dann die Weber des Landes zum Verkaufen; besonders bekannt waren die Pivitsheider, vom Rande der Senne, die ihre schweren Leinenpacken auf dem Rücken nach Lemgo trugen. Die Bekleidung des Landbewohners war eigene Hausmacherarbeit, vom leinenen Strumpf bis zur Zipfelmütze. Der weißleinene Anzug des Zieglers wechselte am Sonntag mit einem blaugefärbten aus gleichem Stoffe, bei den Frauen mit einem bunt bedruckten leinenen Kleide. Wie stattlich zeigte sich auch der Vollmeier im sauberen schwarz und weiß gewebten Rocke mit dem dunklen Samtkragen! Nur damals, wo die Zeit noch nicht so sehr Geld bedeutete, konnte man einen Stoff herstellen, der so vielerlei Vorarbeiten, so vieler Handgriffe bedurfte, wo die Garnbunde oft die einzigen Zahlmittel blieben. Es kam die neue Zeit und mit ihr die Maschine, die rascher und billiger arbeitete und die Handarbeit ablöste, auch beim Leinwandspinnen und Weben.

Quelle: Lippischer Kalender 1958 –   W. b.