Friedrichstal

„Waldrestauration“ Krummes Haus im Büchenberg bei Detmold. Inh. Fritz Büre. Um 1910

Immer noch reden und träumen die Detmolder gern von jenem sagenumwobenen Schloß auf der Inselwiese und der kunstvollen Großanlage am Westabhang des Büchenberges bis hinüber zum Schanzenberg, die unter dem Namen „Friedrichstal in die Geschichte eingegangen ist. Vielleicht ist es die Kurzlebigkeit dieses Prachtwerkes und sein tragischer Untergang — nur Mauseleum und Krummes Haus sind noch bereits geborstene Säulen seines ehemaligen Glanzes — wodurch lippische Forscher und Archivare immer wieder angeregt wurden, den Dingen nachzugehen und aus längst vergilbten Aktenpaketen herauszufinden, was über Friedrichstal Dichtung und Wahrheit ist.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hielt der Archivdirektor Falkmann in der Ressourcengesellschaft einen vielbeachteten und aufschlussreichen Vortrag über Friedrichstal, der gedruckt Vorliegt und mit der Schilderung der Brandnacht vom 3. Oktober 1729, die uns der Augenzeuge Amtmann Küster überliefert hat, abschließt. Falkmann beklagt, dass über eine ganze Anzahl bedeutender Bau- und Kunstwerke des Landes, Kirchen, Schlösser, Skulpturwerke und große Privatbauten unverhältnismäßig wenig Nachrichten vorliegen und mühsam aus Bauabrechnungen und Belegen, sowie aus dem Schriftverkehr zwischen Bauherrn und Baumeistern — bei Friedrichstal liegen außerdem sogar zwei Baupläne vor — herausgetüftelt werden muss, wie solche Großanlagen, die heute noch unsere Bewunderung erregen, überhaupt entstanden sind.
Archivdirektor Dr. Kiewning weist 1937 in einem in den Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins veröffentlichten Aufsatz seinem Amtsvorgänger nach, dass über Friedrichstal doch mehr vorliege, als Falkmann gekannt habe. Dr. Kiewning hatte einige Briefpakete und Baurechnungen entdeckt, die Falkmann bei seinen Vortrags Vorbereitungen nicht beachtet hatte. Beim Ausgang der Zwanziger Jahre hat Studienrat Weerth mit Hilfe einiger Primaner an Hand des im Archiv vorhandenen Bauplanes von Friedrichstal beim Krummen Haus Grabungen vorgenommen und ist dabei auf die Grundmauer des bedeutendsten Teils der Anlage, der neuen Orangerie, gestoßen.
Als 1953 die Geschichte der Stadt Detmold geschrieben wurde, übernahm es Oberlehrer Friedrich Richter noch einmal, das vorhandene Aktenmaterial über Friedichstal durchzuforschen. Mit der ihm eigenen Gründlichkeit hat er alle Baurechnungen und allen Briefverkehr des Bauherrn und seiner Mitarbeiter durchgearbeitet, vor allen Dingen die Vorgeschichte des ehemaligen Bauerngutes Pöppinghausen und des im Tiergarten gelegenen Gutshauses aufgeleuchtet und so interessant dargestellt, dass es dem Leser möglich wird, sich die Gesamtanlage Friedrichstal vorzustellen. Aus allen genannten Quellen habe ich geschöpft, als ich im Februar 1964 im Vortragssaal des Lippischen Landesmuseums einen Vortrag über das Thema „Barockfürst Friedrich Adolf baut Allee, Palais und Friedrichstal“ hielt.
Obgleich Friedrich Adolf, der von 1697 bis 1718 regierte, als der Schöpfer und Bauherr jener nach ihm benannten Anlage am Büchenberg anzusprechen ist, ist doch die Anregung dazu und wohl auch der Erstanfang von seiner Mutter Amalie ausgegangen. Als Tochter des Burggrafen von Dohna, der als Kanzler des Großen Kurfürsten gemeinsam mit dem lippischen Grafen Simon Heinrich am Kurfürstlichen Hof Dienst tat, wirkte die neue lippische Landesherrin auf dem gräflichen Thron in Detmold geradezu revolutionierend. Sie führte Französich als Hofsprache ein und brachte als Erbin der Vianischen Herrschaft jene holländischen Besitzungen als Brautschaft mit, die vielleicht mit ein Grund waren, weshalb Friedrichstal entstand.
Der Einzug Amaliens in Detmold fällt in die Zeit, in der die Könige und Fürsten die Landschaft entdeckten und in ihr in künstlich geschaffenen Gartenanlagen ihre Lustschlösser bauten, sich alle nach dem Vorbilde Ludwig XIV., des Sonnenkönigs, der Versailles geschaffen hatte, richtend. Vielleicht hatte Amalie, die ihre Jugend am Genfer See verlebte, auf einem Ritt an der Seite ihres Gemahls durch die Wälder der Grotenburg einen Blick in das liebliche Tal der Berlebecke zwischen Büchenberg und Schanzenberg getan und an deren Fuß die Inselwiese gesehen und mit ihrem geschulten Auge erkannt, dass sich an dieser Stelle im Stil der franz.

Graf Friedrich Adolf zur Lippe. Hans Hinrich Rundt 1703. Das Original befindet sich im Lippischen Landesmuseum Detmold. Quelle: Wickipedia

Gartenanlage nach den Plänen Le notres etwas Außergewöhnliches schaffen ließe. Dazu musste als Voraussetzung das Gelände in ihren Besitz gelangen, und sie gab nicht eher Ruhe, bis sie das ausgedehnte Bauerngut Pöppinghausen mit dem Gutshause im Tiergarten im Wege des Austausches mit dem Köllerhofe in Heiligenkirchen käuflich erworben hatte. Die Burggrafentochter wurde nun Bäuerin, bewirtschaftete persönlich die ausgedehnten Ländereien und richtete das stark verfallene Gutshaus zu einem kleinen Landsitz ein, in dem sie allerlei Schatze an Gemälden, Teppichen, Kristallen und Porzellanen sammelte. Sie ist es auch gewesen, die das heutige Krumme Haus, das als Orangerie gedacht war, baute und die ausgedehnten oberen Terrassen anlegen ließ. Mitten in ihren Plänen starb 1697 ihr hoher Gemahl, und sie musste Schloß Varenholz als Witwensitz wählen, alles Detmolder Gut ihrem Erstgeborenen und Lieblingssohne Friedrich Adolf, dem sie eine zeitgemäße Erziehung hatte angedeihen lassen, übergebend. Schon drei Jahre später starb sie und etwa gleichzeitig mit ihr die erste Gemahlin Friedrich Adolfs.
In zweiter Ehe verheiratet mit der außergewöhnlich hübschen einundzwanzigjährigen Gräfin Amalie Solms zu Hohensolms, beginnt Friedrich Adolf nach einem bewegten Leben und nach Erwerbung allerlei Kriegsruhms mit der Verwirklichung wahrhaft großzügiger Baupläne, alles aus Liebe zu seiner jungen Gemahlin, die der Burggraf Dohna „ein Modell de Perfektion, tant pour le corpe que poru Pame“ nannte. In ihr fand der junge Herrscher, der von französischen Hofmeistern erzogen war und in Gemeinschaft mit seinem jüngeren Bruder und seinen Vettern aus Brake an den Türkenkriegen und an den Kämpfen gegen Frankreich teilgenommen hatte und Oberst eines holl. Regiments der Kavallerie war und auf ausgedehnten Reisen nach Frankreich, Holland und Italien bedeutende Gartenarchitekten und Baumeister kennengelernt hatte, eine recht kunstsinnige Partnerin, für die er die Allee anlegte und ab 1701 den Kanal baute, der durch drei Schleusen hindurch in lustigen und bunten Kähnen die Damen und ihre Kavaliere nach Fiedrichstal bringen sollte. Seiner Amelie errichtete er auch vor den Toren der Stadt das Palais, ehemals Fayorit und nach seinem Tode Friedamadolfsburg (1709 bis 1719) genannt.
Als Kulisse des Kanals gedacht, entstand 1708 bis 1728 die Neustadt mit ihren modernen Mansardendächern. Auch der Neue Krug geht auf Friedrich Adolf zurück, ebenso wie das kleine Jagdschloss Hartrören.
Sein Hauptwerk aber war die Anlage Friedrichstal mit den vier Terrassen am Westabhang des Büchenberges, mit all den Stützmauern und steinernen Treppen, mit
den Balustraden und Nischen und darin den zahlreichen Statuen, mit den steingefassten Bassins und den mancherlei Wasserkünsten. Friedrich Adolf, der gern auf den Besitzungen seiner Gemahlin in Vianen und Ameien geweilt hatte, gedachte, seiner kleinen Residenz ein zweites Versailles hinzuzufügen. Dafür war ihm kein Preis zu hoch und keine Schwierigkeit unüberwindbar. Möglich war das alles nur durch die gesetzlich verankerten „Burgfestdienste“, die es ihm gestatteten, Bauern und Knechte in beliebiger Zahl zu den umfangreichen Erdbewegungen heranzuziehen, ebenso wie die Soldaten seiner kleinen Garnison, die alle durch Bereitstellung von Bier und Schnaps bei Stimmung gehalten werden mussten.
Als Auftakt erbaute Friedrich Adolf im Tiergarten unmittelbar hinter dem Krummen Haus ein Haus zur Zucht von Fasanen, und zwar unter Verwendung des ehemaligen Schafstalles. Hier gab es einen Fasanengarten und eine Fasanenwiese, deren Namen sich noch lange nach dem Verfall der Gesamtanlage im Tiergarten erhalten haben, ebenso wie der Krötenteich, der wohl 800 m2 umfasste, und die umfangreichen Wasserkünste auf den Terrassen und in der Grotte zu speisen hatte.
Nach Friedrich Richter ist aus dem Gutshause später ein richtiges kleines Schlösschen geworden, dessen Saal italienische Fachkräfte mit Stuck ausschmückten. Prächtiger aber noch wurde die neue Orangerie ausgestattet, die nach Falkmann oberhalb der Grotte am Rande der dritten Terrasse gelegen haben soll und bei Festlichkeiten den Speise- und Festsaal mit den exotischen Gewächsen, den venetianischen Spiegeln, den chinesischen und japanischen Porzellangeräten, dem kostbaren Silbergeschirr und „Christalinengläsern“, mit den Kronleuchtern und Girandolen und all den herrlichen Bildern niederländischer und holländischer Meister ausgestattet war.
Äußerlich gefiel die Orangerie ihrem Schöpfer nicht, und in einem der Briefe, die er an den Hamburger Maler Rundt, der ihm beratend und helfend zur Seite gestanden hatte, richtete, nannte er sie sogar einen Saustall.

Graf Simon August und Kasimire von Anhalt-Dessau – Fürstin zur Lippe-Detmold

Die Orangerie war überdacht und sollte sogar innen eine Galerie erhalten. In der Orangerie fanden all die zahlreichen Festakte bei auswärtigen Besuchen und Familienfeierlichkeiten statt, und die Herrin der nahegelegenen „Favorite“ (heute Palais) sparte nie mit Bereitstellung des schönsten Möblements und der herrlichsten Gemälde und aller sonstigen Kostbarkeiten.

Auch bei dem Bau der auf der vierten Terrasse gelegenen Grotte hatte der Maler Rundt Pate gestanden. Sic muss mit der Orangerie in nächster Verbindung gestanden haben, denn der zerstörende Brand 1729 dehnte sich auch auf diesen Teil der Gesamtanlage aus. Ihre Reste zeigt das heutige Mausoleum, das auch noch eine Reihe der ehemals zahlreichen Nischen erkennen lässt. Hervorzuheben sind auch die mancherlei Wasserkünste, die die holländischen Spezialisten hier anlegten, hatte doch Friedrich Adolf das fehlende Wasser, das er in Holland auf den Besitzungen seiner Mutter während der zahlreichen Aufenthalte in Ameien und Vianen so sehr schätzen und lieben gelernt hatte, immer in Detmold als fühlbaren Mangel empfunden. Um die Bassings, Kaskaden und Springbrunnen alle zu versorgen, musste auch noch eine Röhrenleitung vom nahen Teutehof angelegt werden, da der Krötenteich allein nicht soviel Wasser speichern konnte. Da musste mancher Baumriese gefällt werden und die „Piepenbohrer“ hatten alle Hände voll zu tun.

Der „Kannenmacher“ hatte auch zinnerne Röhren für die Springbrunnen zu liefern. Aus den Baurechnungen hat Friedrich Richter über hundert Detmolder Handwerker entdeckt, deren Namen bezeugen, dass die handwerkliche Tradition sich viele Generationen hindurch fortgesetzt hat. Hier seien nur genannt die als Schattiller (Tischler) tätigen Gebrüder Mellies aus Hiddesen und der Gärtner Priester, der bekanntlich der Stammvater all der Detmolder Priester-Familien wurde.

Ein weiteres Glanzstück des Detmolder Versailles wurde die viereckige Vierturminsel auf der Inselwiese, etwa dort gelegen, wo heute das Zollhaus steht. Die Dächer der vier runden Türme ähnelten in ihrer Form dem Schlossturm. Über die Insel führte mittels zweier Brücken ein Weg. Es ist wohl anzunehmen, dass eine der Brücken die war, die 1945 gesprengt wurde. Auf der Insel gab es Baumpflanzungen und allerlei Gärten und Irrwege, die mancherlei Schäferspiele gesehen haben mögen. Ein sagenumwobenes Schloß, von dem die Detmolder so gern träumen, aber hat es auf der Insel nie gegeben. Die Insel war die Endstation des Schiffsweges vom Burggraben bis zur Grotte oder der Orangerie, je nachdem die Feste sich im Freien oder in einem überdachten Raum abspielten.
Ob diese Wasserfahrten auf dem Kanal mit seinen drei ewig undichten Schleusen, die kleinen Schiffshebewerken glichen, und in den puppig kleinen Kähnen, von denen einer sogar „das große Schiff“ hieß, wirklich ein Vergnügen waren, oder vielleicht sogar manchmal einer kleinen Strapaze ähnelten, wer vermag es zu sagen. Das ganze war Ausdruck einer verspielten Zeitepoche, die die Jakobiner das Rokoko nannten.
Eine zweite Insel gab es dort, wo in der Nähe der heutigen Oberen Mühle das Wasser der Berlebecke, die hier schlauchartig künstlich erweitert worden war, durch einen Damm aufgespeichert wurde. Wenn auch die letzte dritte Schleuse genommen war, hatten die Kahnfahrer das Schlimmste überstanden. Entweder stattete man der kleinen Insel, die gleichfalls baumbestanden war und sogar einen Geflügelbestand hatte, einen Besuch ab, oder es ging nun zügig in der vertieften Berlebecke am Schanzenberge entlang weiter zur Vierturminsel, am Abend an all den Fackeln und Lichtern vorbei, die in den Bäumen oder den künstlich angelegten Hecken leuchteten. Wir können uns den Glanz, den Friedrichstal sah, am besten vorstellen, wenn wir im Geist die Gäste aus aller Welt begleiten, die der lippische Sonnenkönig Friedrich-Adolf dort empfing. Sicherlich werden nicht alle den Wasserweg genommen haben, dafür war die Fahrstrecke zu lang und auch wohl zu beschwerlich.
Als im Jahre 1703, zwei Jahre zuvor war das Werk begonnen, der König von Spanien — eigentlich der Habsburger Kronprätendent, und späterer Kaiser Karl VI. — auf einer Durchreise nach Spanien von Hameln über Detmold zog und hier übernachtete, war Friedrich-Adolf untröstlich, sein stolzes Werk dem hohen Gast noch nicht zeigen zu können.
Die Erzherzogin Anna Marie von Österreich aber, die als Braut des Königs von Portugal 1708 mit einem Zuge von 128 Kutschen Detmold passierte, konnte das Werk besichtigen, das ein Jahr zuvor feierlich eröffnet worden war, wobei die Stadt Lemgo sich die Ehre gegeben hatte, zu Friedrichstal dem Landesherrn zu Ehren ein großes Schützenfest zu feiern.
Im Jahre 1709 kam der Landgraf Karl von Hessen nach Detmold und zwei Jahre später im August 1711 auf einer Reise noch Holland König Friedrich I. von Preußen. Beide sahen Friedrichstal, und die Schützen von Lemgo, Hörn und Detmold mussten Spalier bilden. Die Mittelstraße (Lange Straße) war feierlich illuminiert, und die Hecken der Allee hingen voll farbiger Laternchen. Auch Herzog Anton Ulrich von Braunschweig war 1713 dort zu Gast, ebenso wie all die verwandten Familien von Dohna, Sohns, Nassau und Wied. Es schmerzte Friedrich-Adolf sehr, dass der Zar Peter der Große, als er in Bad Pyrmont zur Kur weilte, die Einladung nach Detmold abschlug, stattdessen aber sich einen festlichen Empfang in seinem Kurort geben ließ, bei welcher Gelegenheit der Zar das berühmte Wort gesprochen haben soll: „Euer Liebden, Ihr seid zu groß für Euer Land.“

Friedrichstal um 1770. Quelle: Wickipedia

Im Sommer 1713 erlitt Friedrich-Adolf, als er mit seinem Jagdwagen eine der Friedrichstaler Terrassen befuhr, einen bösen Unfall, über den Amtmann Küster schreibt: „Ihre hochgräfliche Gnaden hätten gar leicht sich den Hals brechen können.“ In allen lippischen Kirchen wurde für seine Wiedergesundung gebetet.
Da Friedrich-Adolf schon 1718 starb — er hatte noch wenige Jahre in der halbwegs fertigen Favorite (heute Palais) an der Seite seiner Amelie wohnen können — blieb es ihm erspart, den tragischen Untergang seines stolzen Lebenswerkes erleben zu müssen.
Bevor ich abschließend den Bericht des Augenzeugen Küster über die Schreckensnacht des 3. Oktober 1729, in der all die Herrlichkeit, die die kleine Residenz Detmold berühmt gemacht hätte, in Schutt und Asche verfiel, folgen lasse, glaube ich, noch etwas aussagen zu müssen über den Baumeister, der all dies schaffen durfte, denn trotz all der vielen ausländischen Spezialisten, die der Landesherr nach Detmold rief, musste ja einer, der ortsansässig war, die Gesamtleitung haben.
Dieser oberste Aufseher des ganzen Instituts war der Intendant Nevelin Blume, der später als Hofmeister „von“ Blume oder französiert als Nevelin de Blume vorkommt und seit 1719 auf der Neustadt wohnte, in dem später Krohnschen Palais, das ihm Friedrich-Adolf als Anerkennung schenkte. Unter seiner Leitung wurden alle Arbeiten an den Kanälen, Schleusen, Gärten, Gebäuden und namentlich die sehr häufig vorkommenden Reparaturen an den Fontänen und am Piepenwerk vorgenommen. Sein Nachfolger als Intendant von Friedrichstal war der Schlosshauptmann Georg Dietrich von Blomberg, dessen Gemahlin, geb. v. Grothe aus Niederntalle, die Schreckensnacht miterlebte. Bemerkenswert ist, dass die Großanlage mit all den Gärten und Wasserkünsten nicht eingefriedigt war, sondern dem Publikum zugänglich blieb. „Kein Wunder, dass die bleiernen und zinnernen Röhren der Springbrunnen, die „kupfernen Krahnen“ der Wasserleitung, die Messingknöpfe und Verzierungen der Türen immer wieder Diebe reizte.“
Das Jahr 1729 wurde für Friedrichstal das Schicksalsjahr, in dem es vom Wasser und Feuer heimgesucht wurde. Im Frühjahr schwoll die Berlebecke hoch an, überschwemmte die Inseln, die Allee und Neustadt und richtete an den Wohnungen an der Neustadt viel Schaden an. Dieser Wasserflut folgte im Oktober eine Feuersbrunst. Darüber berichtet in seinem Tagebuch der Amtmann Küster wie folgt:
„Am 14. September 1729 wurde in der Stadt und in Friedrichstal der Geburtstag der verwitweten Gräfin Amelie ,mit großer magnificence celebriert‘. Alle Häuser der Mittelstraße und der Weg zum Friedrichstal sind illuminiert, und im Speisesaal der neuen Orangerie sind treffliche Ehrenpforten zu sehen. Zu diesem Feste war auch die damalige Äbtissin von Herford, Witwe des Markgrafen von Braunschweig-Kulmbach erwartet. Da sie verhindert war, das Fest aber nicht verschoben werden konnte und die Äbtissin mit Gefolge erst am 2. Oktober in Detmold eintraf, wurde ihr zu Ehren die Illumination und das Nachtfest zu Friedrichstal wiederholt, ohne dass die Ehrenpforten, die Festons und Guirlanden, die Transparente und Ballons und die ganze Dekoration erneuert worden war bzw. nur teilweise neues Grün erhalten hatte.“
„Nach dem Einzüge wurde der hohe Ehrengast mit Kanonensalven beneventieret, mittags in der Residenz und abends zu Friedrichstal herrlich traktieret“. Bürgerschützen aus Lemgo, Hörn und Detmold standen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel gassenweise in Gewehr und paradierten.“

Schlossgrabenidylle. Detmold an der Scbwelle des 19. Jahrhunderts Kolorierte Federzeichnung um 1810. Quelle: Heimatland Lippe

Das Gewächshaus war herrlich verzieret mit raren Gewächsen, Orangen, Pomeranzen, Citronen, Lorbeeren zwischen all den Statuen, Bildern, Wappen, Denksprüchen und Ehrenpforten.“ „Es war alles so prächtig und fast königlich angeordnet, wobei Pauken und Trompeten in dem nahe gelegenen Buchenwalde und anderen Bergen ein prächtiges Echo wundersam erschallten.“

Während des Banketts in der taghell erleuchteten Orangerie hatten Tannenzweige sich am Licht entzündet und flackerten hoch auf. „In den vertrockneten Dekorationen und ölgetränkten Transparenten und all dem Flitterwerk griff die gierige Flamme mit so furchtbarer Schnelligkeit um sich, dass sich kaum die Menschen salvieren konnten.“ Es lässt sich denken, welche Verwirrung das Feuer unter den gerade bei Tafel sitzenden Gästen erregte, wie alles nach den Türen drängte und weit hinein ins Freie eilte, wie mancher Reifrock zerknitterte, manche Perrücke zerrissen wurde, während die hoch auflodernde Flamme die wilde Szene und den stillen Wald zauberhaft erleuchtete.

„Alle diese schöne und magnifique Anstalten wurden in ein paar Stunden in Asche gelegt. All das schöne Silberservice, die künstlich gemachten silbernen Blakers lagen geschmolzen in der Asche, ebenso wie die kostbaren Spiegels, die Crystalleinen-Gläser, die japanischen und chinesischen Porzellane und die Gemälde holländischer und italienischer Meister, so dass der verursachte Schaden nicht auszusprechen und der klägliche Anblick nicht zu beschreiben ist.“

Die Brandstätte wurde geräumt, aber an Wiederaufbau war kein Gedanke, ging doch mit der Fricdrichstaler Katastrophe die Glanzperiode des landesherrlichen Hauses ihrem Ende entgegen und zog die drohende Finanzkatastrophe schnell herauf. Der regierende Graf, Simon Henrich Adolf, überlebte sie kaum fünf Jahre (t 1734), nach dem er zuvor noch das Amt Sternberg an Hannover hatte verpfänden müssen. „Retter und Vater des Vaterlandes“ wurde der Enkel des Barockfürsten, Graf Simon August, der 1748 zur Regierung kam und schon 1749 auch die vier Türme der Garteninsel abbrechen ließ, die Inselwiese in eine Grasfläche verwandelte und die Gesamtanlage am Krummen Haus, die ja ein französischer Berggarten gewesen war, zu einem englischen Park machte, in dessen herrlicher Landschaft die entzückende dritte Gemahlin des neuen Landesherrn, Casimire, gern weilte.

Auch die Fürstin Pauline liebte sehr das Krumme Haus mit seinen Terrassen und versuchte, die Grotte neu zu gestalten. Bekannt ist, dass sie dort die ersten Schulfeste abhielt, die unter Direktor Dr. Bonwetsch in den zwanziger und dreißiger Jahren eine Erneuerung fanden. Auch die Verfassungsfeiern, die eineinhalb Jahrzehnte hindurch nach dem ersten Weltkriege unter Heinrich Drake dort stattfanden, ebenso wie eine Reihe von Schützen-und Sängerfesten leben in der Einnerung vieler Detmolder fort, nicht zu vergessen die Frühkonzerte der Vorkriegszeit. Nun ist seit langem das Krumme Haus, das viele Jahrzehnte eine begehrte Gaststätte und ein sommerliches Ausflugsziel war, beinahe in Vergessenheit geraten, doch ist zu hoffen, dass der Bau des Freilichtmuseums dies historische Gebäude, ebenso wie den Tiergarten und seine Umgebung vielleicht sogar mit Einschluss des Zollhauses und der Inselwiese, einer neuen und bedeutsamen Aufgabe zuführen wird.

Heimatland Lippe: November 1964, Heinrich Röhr

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