Gestalten aus der Hexenzeit

Frans II. Francken: Hexenküche, um 1610

Ein Bauernfänger

Es war zur Zeit des 30-jährigen krieges, im Jahre 1625.

. . . Um den „Kak“ auf dem Marktplatz zu Lemgo — Kak ist der Pranger oder Schandpfahl —drängen sich die Leute.  Aufgeregt und zornig reden die Bürger durcheinander. Es ist aber auch zu toll. Da soll ein braver Bürger, der Krämer Balthasar Wißmann ausgepeitscht werden. Und warum? Bloß weil er ein paar dumme Bauern angeschmiert hat!

Der Bauer Finke aus Homeien hat ihn verklagt. Und der ehrbare Rat hat ihn vor sein strenges Gericht gezogen.  Da hat dann der gute Krämer zugegeben, daß er bei den Bauern einige recht einträgliche, aber leider nicht einwandfreie Geschäfte getätigt hat. Die klagenden Steuern bezeugen, er habe ihnen weisgemacht, er könne gestohlenes Gut nachweisen. Er habe hundertneunundneunzig Geister in seiner Macht, die könne er in einen Achatstein zaubern, daß sie ihm dienen müssen. Darauf hat der Bauer Finke, dem das Lederzeug für sechs Pferde gestohlen worden war, dem Wundermann einen Taler gegeben. Dafür hat der ihm eine Nagelwurzel verkauft. Die müsse er an einem Kreuzweg vergraben. Dann werde der Dieb die Sachen wiederbringen. Aber der Dieb ist nicht gekommen, und Wißmann hat seinen Taler behalten.

Auch hat er einigen Bauernmädchen, denen der Bräutigam untreu geworden, auf ihre dringenden Bitten ein Wunderkraut gegeben, daß sie im Busen tragen oder ins Hemd nähen sollten. Dann werde der Geliebte wiederkehren. Dafür haben die Mädchen ihm ein Huhn oder klein Stück Geld gegeben. Hat aber leider nicht geholfen.

Darauf hat der Rat bei Weißmann eine Haussuchung vorgenommen. Dabei hat sich allerlei bedenkliches gefunden, seltsame Kristalle und Metallplättchen mit geheimnisvollen Zeichen, sogenannten „Charakteren“. Das sieht doch alles sehr nach Zauberei aus. Wißmann hat das alles zugegeben und treuherzig erklärt, die Bauern hätten ihm eben seine Ruhe gelassen. Nun, das sie durchaus betrogen sein wollten, habe er sie eben betrogen. Sei aber alles bloß Schelmerei gewesen. Von Zauberei und Hexenwesen wisse er durchaus nichts.

Und darum sollte nun arme Mann an den Rat gestellt, mit Ruten gestrichen und auf sechs Jahre des Landes verwiesen werden.

Schon kommt der Unglücksmann. Der Henker führt ihn gefesselt, wie ein Stück Vieh, hinter sich her. Da drängen die Bürger ihn drohend zurück. Man gebe selbst einem Landläufer etwelche Frist, ruft Jobst Greve, und mit einem Bürger verfahre  man in so unanständiger Eile. Es sei noch Gnade zu erhoffen. Und überhaupt – wenn der Mann Geld hätte, würde man ihm solchen schimpf nicht antun. Die Reichen, ja, die könnten alles mit Geld gut machen.

Meister Dietrich Klaus, der in der Folterkammer so tapfer zu Quälen weiß, kriegt es mit der Angst. Er wagt nicht, angesichts der drohenden Haltung des Volks die vom richtenden Rate verordnete Strafe zu vollstrecken. Er führt den Delinquenten ins Rathaus zurück. Daselbst wegen seines Ungehorsams zur rede gestellt, erklärt er, er könne sich die Bürger nicht zuwider machen.

Da tritt der Richter selber auf den Markt unter die nun plötzlich verstummenden Bürger, und seine Stimme schallt laut über die Menge.

„Mitbürger, ist hier jemand, der sich ein von Rechts wegen gefälltes Urteil des Rats auflehnen will?“

Nein, o nein meinen sie betroffen, vor solle Gott sie bewahren.

Und  der Geisterbahnen und Bauernfänger bekommt seine Prügel und wird hinterher zur Neuen Pforte hinausgeführt, um für sechs Jahre ins Elend zu wandern. Eine harte Strafe für einen Mann, der eine Frau und vier kränkliche Kinder hatte —und doch kann er froh sein, daß man so linde mit ihm verfährt und nicht so wie mit den armen Zauberern und Hexen, die damals und besonders in den kommenden Jahren ohne jede Schuld gemartert und geköpft oder gar bei lebendige, Leibe verbrannt wurden.

Widenklaus

Ein ähnliches Schicksal traf den aus Grevenhagen stammenden Klaus Teuffel, der als Widenklaus allgemein bekannt war. Widen bedeutet Besprechen (Das Besprechen, auch Raten, Beschreien, Böten und was dergleichen landschaftliche Bezeichnungen mehr sind, ist vermutlich die älteste Heilkunst der Welt. Früher fand man in jedem Dorf eine Hexe oder eine weise Frau, die die Gabe hatte, Krankheiten und Warzen durch das Aufsagen von Gebeten oder Sprüchen zu heilen.) oder, wie man in Lippe meist sagte: Böten. Widenklaus erfreute sich im Amte Sternberg lebhaften und unangefochtenen Anspruchs, bis ihn im Jahre 1645 die als Hexe inhaftierte Annette Witt aus Welstrup auf der Folter als Mitschuldigen, also als Zauberer „Beklaffte“1anschwärzen, angeben.

Er habe beim Hexentanz auf Holts Hofe in Brüntrup den Spielmann gemacht und auf der Sackpfeife gedudelt. Auch sollte er ein in Bretter gebundene altes Zauberbuch im Besitz haben. Der Mann wurde verhafte und beteuerte, wie alle anderen seine Unschuld. Er besitze keine Kristalle, wüste auch von keiner Planetarien. In jenem Buch stünden bloß die sieben Planeten, und er habe zuweilen aus kurzweil darin gelesen. Beim Tanze sei er nicht gewesen, könne auch nicht zaubern, bloß Pferde kurieren.

Ansetzen einer Beinschraube

Dabei blieb er auch bei der ersten Beinschraube. Bei der zweiten betete er das Vaterunser und schrie, er wisse nicht, was er bekennen solle. Das Buch aber, das sein gewandter Verteidiger vorlegte, erwies sich als die berühmte Schrift des Johann Meyer „De praestigiis daemonum“ (Über das Gaukelspiel der Zauberer) von 1563, verdeutscht 1586, jenes Leibarztes  am Hofe des aufgeklärten Herzogs Wilhelm von Cleve, der als erster gegen die ganze Tollheit, Grausamkeit und Niederträchtigkeit der Hexenverfolgung mit offenem Visier und solcher Unerschrockenheit zu Felde zog, daß alle nachfolgenden Schriftsteller, die diesen Gegenstand behandelten, in ihm entweder einen Bundesgenossen oder aber einen Gegner ersten Ranges erkannten.

Man bedauert, daß die libysche Richter das Buch des geisteshellen Mannes nicht gründlich studiert haben. dem guten Widenklaus war es freilich, wie er sagte, „zu schwer“.

Ein wirkliches Verbrechen konnte ihm, wie sein Verteidiger zu mit Recht betont, nicht nachgewiesen werden. Er hatte die Folter überstanden, die in Detmold vor dem landesherrlichen Gericht nicht mit der bestialischen Grausamkeit angewendet wurde, wie in Lemgo. Trotzdem wurde er zur Landesverweisung und zu den Gerichtskosten verurteilt, kehrte aber fünf Jahre später „ohne Geleit“ zurück und flehte den Landesherrn Johan Bernhard an, bei Frau und Kindern bleiben zu dürfen. Er werde sich in Zukunft aller Wilderei bei Mensch und Tier enthalten. Die Erlaubnis dazu ließ sich der geschäftstüchtige Landesherr mit hundert Tälern bezahlen.

Eine Hundertjährige

Wie eine Seuche, unverkennbar in ihrem Ursprung. Plötzlich an mehreren Orten zugleich aufgetaucht und einen ganzen Landstrich überfällt, so brach um die gleiche Zeit, in den Jahren 1653 -1654, in verschiedenen Orten Lippes die Hexenpest aus. Teufelsangst und finsterster Aberglaube führten zu einer Verfolgungswut, der bis zum Ende der siebziger Jahre in Lemgo etwa 130, im übrigen Lippe etwa 40 unschuldige Menschen zum Opfer fielen.

Auch die fast hundertjährige Annette Dietrichs aus Heiligenkirchen geriet in den furchtbaren Verdacht. Es war im Jahre 1662. Sie hatte viele Jahre lang als Hebamme mit anerkanntem Geschick gewirkt. Nun soll sie plötzlich eine Zauberin sein. Als sie wieder einmal einen Täufling zur Kirche bringt, weist der Pastor sie zurück. Es ist der der bekannte und keineswegs git beleumdete Joachim Wienand, der bald darauf um seines unheiligen Lebenswandels willen mit Schanden aus dem Amt gejagt, zur Landesverweisung verurteilt und schließlich den um einen Seelsorger verlegenen Haustenbeckern zugewiesen wird.

Bauernrichter und Kirchenrechten von Heiligenkirchen verlangen von der alten Frau, sie habe sich, bevor man sie weiterhin in der Kirche und als Bademutter dulde, von dem Zaubereiverdacht zu reinigen. Sie beachtet das nicht und  versieht weiterhin Dienste als Hebamme, ohne freilich, wie ihr nun vorgehalten wird, nach Gebühr dazu qualifiziert und vereidigt zu sein.

Sie wird in Haft gebracht und das Peinliche Halsgericht gestellt. Beim Zeugenverhör stellt sich heraus, daß sie einmal gesagt hatte, zaubern könne sie nicht, aber was sie wünsche das würde wahr. Die Zeugen wissen nichts belastendes vorzubringen, versichern aber, nachdem sie von der Taufe abgewiesen sei man sie ja für eine Hexe halten müssen. der Verteidiger Güldener aus Detmold sucht nach Kräften den zeugen das gewissen zu schärfen und nennt dabei den Pastor einen Hauptverleumder und missgünstigen Feind der Frau. Er sei nicht befugt gewesen, sie von der Taufe zurückzuweisen. Er weist mit Nachdruck auf ihren einwandfreien Ruf hin. Sie habe eine treue Kundschaft. Auch die vornehmen Schwarzes auf Braunanbruch und der Drost Rüber zu Hornoldendorf hätten in Kindesnöten ihre Hilfe beansprucht. Niemals sei sie von einer der zahlreichen hingerichteten Hexen beklagt worden.

Ehe es zu weiteren Prozeduren kam, erlöste der Tod die Greisin. Ihr Detmolder Wärter Hendhausen meldete, sie habe am Abend zuvor eine warme Speise genossen, auch den Morgen noch eine  Suppe gefordert, aber nur einen Mundvoll genommen und geklagt, ihr sei „unsachte“. Von dem herbeigerufenen Pfarrer gefragt, ob sie an Jesus Christus glaube, habe sie genickt und sei entschlafen.

Was war nun zu tun?

Die Rintelner Juristen, deren leichtfertige Verurteilungen die Hauptursache der vielen libysche Justizmorde sind, entscheiden: Der Zaubereiverdacht bleibt. Demnach ist ihr Körper in einer ecke des Kirchhofs ohne Gesang und Klang und ohne alle Zeremonie zu verscharren.

Der lippische Kanzler gestattet auf die Bitte sämtlicher Verwandten dann doch ein ehrliches Begräbnis, „obwohl große Zeremonie dabei nicht nötig“.

Der Leibhaftige im „Kohlpotte

Siekjobst aus Neinsager war im Jahre 1661 vom Freigrafen Rüsche bestraft worden, weil er den alten“Hausschneider“ Johann Jürgens für einen Teufel ausgescholten hatte. Darüber beschwerte er sich beim Kanzler Tilhen und betonte, er habe durchaus das recht gehabt zu seiner Behauptung. Denn der Jürgens habe ihm den Teufel leibhaftig im „Kohlpotte“ erscheinen lassen, sei also ohne Zweifel ein Zauberer.

Wir haben in der Wirtschaft beisammen gesessen“, berichtet er „und da habe ich über meine Armut geklagt und gefragt, wenn ich nur fünf Taler hätte, dann könnte ich mich noch einmal aus allen Nöten retten. Da sagt der Hausschneider, es solle jemand kommen, und mir Geld genung schaffen. Ja, und da ist wirklich einer auf die Stube gekommen, in schwarzen Kleidern, weiten Hosen, mit einer Plumose auf dem Hute. Der hat sich bei der Tür gesetzt. Jürgens forderte mich auf, dem Manne zuzutrinken, was ich auch tat. Ich wollte ihm den Krug reichen mit den Worten „Gesegne Gott!! Aber da ist mit der Krug alsbald aus der hand gewesen, und der Mann war verschwunden.

Diese Märlein nahm der Kanzler für harte Münze und verfügte die Aufhebung der Strafe des Siekjobst un die Verhaftung des Hausschneiders.

Durch das Aufziehen auf eine Leiter können die Arme ausgekugelt werden

Die Rintelner Juristen verfügten auf Anfrage die „peinliche Frage“. Eine bestialische dreistündige Folter mit Beinschrauben und Aufziehen an der Leiter vermag dem Manne keine Lüge abzupressen. Als der Detmolder Richter eine neue Tortur anordnet, bekennt er, um weiteren Schindereien zu entgehen, den üblichen Blödsinn. Er habe mit seiner „Buhlin“ trineke in der Nacht von Donnerstag auf Freitag getanzt, nachdem er sich mit Hexensalbe „aus dem Potte geschmiert“. Er habe dort „eine gläserne Trummen mit zwei Fuchsschwänzen geschlagen. Es wäre der oberste Teufel wie ein Schwarzer Schafbock gestaltet gewesen“ Auf weitere Drohung mit der Folter bekennt er, er sei ein Wehrwolf und habe bei seinem Bruder Friedrich vor zei Jahren eine weiße Gans und ein kleines weißes Schewein gebissen. Es geschehe dies mit hilfe eines Gürtels, den ihm die Buhlin gebracht.

Hinterher widerruft der aus der Folter erlöste gegenüber dem Pastor alles, was er bekannt hatte. Er bleibt dabei auch vor den Gerichtsherren. Er wolle aber lieber sterben, als noch einmal gefoltert werden. Siekjobst möge das verantworten, der wäre an seinem Tode schuld.  Er wird aber aufs neue gefoltert und widweruft natürlich seinen Widerruf.

Endlich erlöst ihn Meister Davids Schwert von weiteren Schindereien.

Quelle: Lippischer kalender 1950 – Von Karl Meier , Lemgo