Gewerbliches Leben in Lemgo um 1900

Die Holzindustrie in Lemgo ist ein wichtiger Arbeitgeber gewesen

Die große Industrie fehlte völlig, doch waren fast alle Handwerke vertreten. Viele sind inzwischen der Konkurrenz der Maschinenarbeit erlegen, so die Leinen- und Drellweber12Der Drellweber fertigte Drillichgewebe, Zeugmacher und Wollspinner, die Blau- und Schönfärber, die Filzschuh- und Filzhutmacher, die Holzschuh- und Galoschenmacher, Meerschaumdrechsler, Pfeifenschneider, Zinngießer sowie Nagel- und Kupferschmiede. Alle Handwerker, ja selbst Tagelöhner und Einlieber betrieben nebenher in größerem oder geringerem Umfange Garten- und Ackerbau mit Viehzucht.

Hempelmanns Scheune, Ostseite der Breiten Straße, ehemals Gerberei.

Es gab in der Stadt auch viele Bürger, die den Ackerbau als ihren Hauptberuf ansahen, sogenannte Ackerbürger oder „Kuhbauern“, die ihre Felder mit Hilfe von Kühen bestellten. Manche Ackerbürger besaßen Pferde, mit denen sie auch für fremde Rechnung ackerten, die Ernte einfuhren oder die Bürgerwrugen1Jedem Bürger zustehende Menge an Brennholz. aus dem Walde holten und sonstige Fuhren besorgten. Hauderer fuhren mit ihren Kutschen Geschäftsreisende, die in hiesigen Gasthäusern übernachteten, zur Kundschaft auf den umliegenden Dörfern.
Der Hauderer2Hauderer ist die Bezeichnung für den Berufsstand der Lohnfuhrleute beziehungsweise Lohnkutscher; auch für Fuhrleute mit eigenem Gespann. Rieke in der Papenstraße fuhr einen „Omnibus“ zu den Zügen nach Lage, und der Posthalter Rethmeier an der Mittelstraße stellte die Pferde für die Postfuhren nach Lage, Rinteln und Blomberg. Der Fuhrunternehmer Bartelsmeier an der Echternstraße hielt immer etwa 12 Pferde. Mit den schweren Lastwagen fuhr er die Ladungen weißen Sandes an die Bahn und holte von da her auch für die Lemgoer Händler die Steinkohlen.

Von den ursprünglich sieben Mühlen „um und in Lemgo“ waren nur noch drei vorhanden, nämlich die Langenbrücker Mühle, die Mühle am Johannistor und die Neue Mühle am Heutor. Zur Langenbrücker Mühle gehörte die Lohmühle, die gegenüber, am andern Ufer der Bega, stand, da, wo jetzt der bastionartige Rundbau mit dem Blumenbeet und den steinernen Bänken ist. Die Lohmühle ist auf Antrag der Lohgerber um 1825 erbaut worden. Erfolgreicher Lederfabrikant war Kommerzienrat Carl Posthof. Er hatte die Gerberei von Hempelmann übernommen, dann die Fabrik und sein Wohnhaus an der Edle Breite Straße/Stiftstraße gebaut. Einen Teil der Fellbearbeitung beließ er in der alten Hempelmannschen Gerberei, einem großen, scheunenartigen Gebäude in der Breiten Straße, neuerdings vom Kaufmann Hempelmann zu einem Geschäftshause Nr. 29 umgebaut. Potthof hatte außerdem noch ein „Schabehäuschen“ am inneren Stadtgraben beim Kaempferdenkmal. Weitere Lemgoer Lohgerber: Ferdinand Krahn, Heustraße; Ferdinand Müller, Echternstraße 54; Dietrich Schmuck, Echternstraße 137; Hermann Köhne, Echternstraße 143; Heinrich Schmuck, Ostertor 1; und Ernst Schmuck, Mittelstraße 100.

Annonce im Adressbuch von 1901.

Der Lemgoer Wagenbau kam in den siebziger Jahren durch die Scheidts zu hoher Blüte. Heinrich Wilhelm Scheidt erwarb 1807 ein stattliches, im Jahre 1661 erbautes Haus an der Echternstraße 59, das leider vor einigen Jahren abgebrannt ist. Sein Sohn Johann Wilhelm Scheidt hatte außer einer Tochter sieben Söhne, von denen sechs ein Geschäft gelernt hatten, das mit dem Wagenbau zusammenhing, als Stellmacher, Schmied, Lackierer oder Sattler. Jeder von ihnen nahm Aufträge zum Bau eines Wagens an. Schmied und Stellmacher leisteten die ersten Arbeiten, dann wanderte der im Rohbau so weit fertige Wagen zum Sattler, und schließlich legte der Lackierer die letzte Hand an. Einer war der Unternehmer, er gab die übrigen Arbeiten an seine Brüder ab. Im Laufe der Zeit vereinigten sie die verschiedenen Handwerke unter ihren eigenen Dächern, indem sie entsprechende Handwerksmeister in Arbeit nahmen. So entstanden die kleinen Wagenfabriken, die florierten, bis ihnen durch das Auto ein Ende gemacht wurde.

Andere bekannte Wagenbauer waren Gottfried Helms und dessen Vater Christian Helms, Echternstraße 30. Ersterer wohnte nachher Herforder Straße 6 und gründete eine Karosseriefabrik vorn in der Grevenmasch. Leopoldstraße Nr. 12 war die Wagenfabrik von Lüpke und dessen Schwiegersohn Pohl, nachher Hugo Scheidt. Dieser hatte eine Wagenbauschule in Hamburg besucht, wäre also wohl imstande gewesen, einen neuen Aufschwung im Lemgoer Wagenbau hervorzurufen, wenn er nicht frühzeitig gestorben wäre.

Letzter Leichenbitter im Talar: Heinrich Sasse in der Helle.

Letzter Leichenbitter im Talar: Heinrich Sasse in der Helle.

Die Tischler fertigten auch die Särge an, denn Sargmagazine oder Beerdigungsinstitute gab es damals in Lemgo nicht. Wenn jemand gestorben war, ging man zum Leichen- oder Totenbitter,3Der Leich(en)bitter war der Mann, der im Dorf von Hof zu Hof oder in der Stadt von Haus zu Haus ging, oder nach einer ihm aufgegebenen Adressenliste, an die Tür oder mit seinem Stock an den Fensterladen klopfte, um im Namen der Hinterlassenen zur Leiche zu bitten, zum Begräbnis einzuladen. der den Todesfall in der Nachbarschaft, Verwandtschaft und Bekanntschaft ansagte. Die stereotype Form des „Ansagens“ lautete z. B.: „EmpfehIung von Herrn N. N., er läßt ansagen, daß der liebe Gott gestern abend um 11Uhr seine liebe Frau zu sich in die ewige Seligkeit abberufen hat. Die Beerdigung findet statt am ..Es gab hier zwei Totenbitter: Nagelschmied Lindau in der Papenstraße und Zeugmaclter Brill in der Helle. Sie waren mit einem Talar bekleidet und schritten dem Leichenzuge voraus. Leichen von Kleinkindern trugen sie unter ihrem Talar an einem Gurt zum Friedhof. Im übrigen wurden die Verstorbenen mit dem Leichenwagen zum Tore hinausgefahren. Der Leichenwagen stand zuerst in der städtischen Scheune am alten Waisenhaus in der Papenstraße, zuletzt in der Scheune am Hexenbürgermeisterhaus.

Den beiden Pferden war für den Trauerzug eine schwarze Decke über Kopf und Rücken gezogen, für die Augen waren zwei Gucklöcher freigelassen. Das alles hat auf mich als Kind einen tiefen Eindruck gemacht. . .

In den Jahren meiner Kindheit bestanden in Lemgo drei Zigarrenfabriken von einiger Bedeutung: 1. Kalbe und Schötteldreier, Hoher Wall 20, jetzige Besitzerin Frau Friese; 2. Emil Brodtmann in dem alten Weißenfelder Hof an der Schuhstraße, der 1911 abgebrochen wurde, nachdem Brodtmann in Konkurs geraten war; 3. Theodor Schmidt, der  seinen Betrieb damals noch im Stammhause Mittelstraße 13 hatte. Außerdem gab es noch eine Reihe kleinerer Zigarrenfabrikanten, die viele Zigarrenarbeiter — meist als Heimarbeiter — beschäftigten. Ein Teil der Arbeit wurde von Kindern besorgt, so z. B. das sogenannte Abstrusen, das ist das Entfernen der Rippen aus den Tabakblättern.

Soziale Gesetzgebung oder Kinderschutzgesetze gab es noch nicht. Die Arbeit wurde sehr schlecht bezahlt; die Zigarren waren billig. Auf dem Tabak lag auch noch kein hoher Zoll. Die Zigarrenarbeiter wohnten sehr beschränkt in den billigsten Wohnungen, die in gesundheitlicher Hinsicht mangelhaft waren. Der scharfe Tabakstaub wirkte auf die Atmungsorgane schädigend, wobei noch hinzukam, daß meist in demselben Raum gekocht und Kinderwäsche getrocknet wurde. Die Tuberkulose forderte daher unter den Zigarrenarbeitern viele Opfer . ..

Mittelstraße, Ecke Haferstraße: Cafe Brockhausen, erbaut 1862

Zigarrenfabrikanten waren auch die Gebrüder Ebke in ihrem Hause Mittelstraße 56, jetzt Kaufmann Wehrmann am Markt. Später verlegten sie ihre Fabrikation nach Bismarckstraße 9. Sie hatten Wagen und Pferd und fuhren damit aufs Land zu ihrer Kundschaft. Am Langenbrücker Tor besaß der Sohn den „Graben“ neben dem Abteigarten und darin ein Gartenhaus, das schließlich verfiel und als Ruine abgerissen wurde. Weitere Zigarrenfabrikanten waren Wilhelm Sieben, Mittelstraße 55, und Wilhelm Freitag, Mittelstraße 45. In der Neuen Grabenstraße wohnten die Zigarrenfabrikanten August Schmuck — langjähriger sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter -, weiterhin August Langenberg und August Koch. Echternstraße 6 (Donopscher Hof) betrieb Wilhelm Weber die Herstellung von Zigarren und in der Uhlenstraße Heinrich Landwehr.
Das waren aber „kleine Krauter“, die außer den Familienmitgliedern höchstens ein oder zwei Personen beschäftigten. Ebenso klein war auch M. L. Kabaker angefangen, der später eine größere Fabrik in der Schuhstraße 42/44 betrieb, wo nach ihm die Möbelfabrik des Präsidenten der Handwerkskammer Heinrich Noah war .. .

Ende des 19. Jahrhunderts gab es hierzulande noch keine Großbäckereien, man sah auch keine Brotwagen in den Straßen, mit denen das Brot in die Häuser gebracht wurde. Fast alle Frauen buken das Brot selbst, d. h., sie mengten den Teig an und formten die Laibe, die sie dann zum Bäcker brachten. So wurde auch der Feiertagskuchen von den Frauen angemengt, dann von ihnen selbst beim Bäcker ausgerollt und „aufgesetzt“, nämlich mit Butter und Zucker. Man kaufte beim Bäcker nur Weißbrot, Brötchen, Zuckerstuten und sonstiges Gebäck.

Eine in der Stadt verbreitete Bäckerfamilie waren die Schnitgers; sie waren alle nahe miteinander verwandt. Der alte Hermann Christian Schnitger auf der Neustadt, Stift Straße 20 (später Reichelt), starb im Jahre 1894 als Achtzigjähriger. Die berühmten Lemgoer Strohsemmel stellte, wie ich meine, nur der Bäcker Kracht, Breite Straße 66, her.

Die einzige Konditorei mit Cafe war in meiner Jugend m. W. die von Wilhelm Eikmeier, Mittelstraße 91, dem Vater des Herausgebers der „Konditorzeitung“ und Verfasser eines Buches zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung. Auch sein Nachfolger, der Bäckermeister und zeitweilige Bundestagsabgeordnete Fritz Held, hat sich um das Handwerk verdient gemacht. — Der alte Eikmeier war stadtbekannt als Hersteller schmackhafter Zwiebäcke und „Kaffeebrote“. Damals waren die Zwiebäcke etwa 15cm lang und offenbar zweimal gebacken. Nach dem ersten Backen wurden sie der Länge nach waagerecht durchgeschnitten, so daß ein kräftigeres Unterteil und ein dünneres Oberteil entstand. Beide Teile wurden nun nochmal für kurze Zeit der Ofenhitze ausgesetzt. Ober- und Unterteil gehörten zusammen — sowohl beim Einkauf als auch auf dem Kaffeetisch.

Quelle: Lemgo Anno dazumal – Friedrich Sauerländer (1874-1967): Jugenderinnerungen eines alten Lemgoers.