Graf Ludwig zur Lippe, Gründer der Abtei des Stiftes St. Marien in Lemgo und Schöpfer des Abteigartens

Lemgo - Wappen der Alten Abtei 1769, Lippe2Web

Das Kerckmannsche Haus

Das ehemalige Abteigebäude des Lemgoer Marienstifts an der Breiten Straße gibt dem Betrachter einige Rätsel auf. Die geschwungene Freitreppe, der auf Säulen ruhende Balkon, das von Rokoko-Ornamenten flankierte Doppelwappen mit der Jahreszahl 1769 alles das deutet auf einen Barockbau hin. Dagegen weisen die beiden Giebel mit darüberhin laufenden Gesimsen das Haus in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Der ungewöhnlich große Massivbau ist bezeugt als Kerckmannsches Haus. Als Erbauer ist der Licentiat Henrich Kerckmann anzunehmen, der von 1579 bis 1603 Kanzler des in Brake residierenden Grafen Simon VI. war1). Nach seinem Tode bewohnte das Haus sein Sohn Dr. Henrich Kerckmann (1587—1666), von 1628 bis zu seinem Tode wiederholt Bürgermeister der Stadt und wütender Hexenverfolger. Ihm folgten als Bewohner des Hauses seine Söhne: der älteste, Landrat Hermann Gerhard Kerckmann, war von 1684—93 ebenfalls Bürgermeister. Er starb im Jahre 1715. Im gleichen Jahre verzog sein Bruder, Capitän Joh. Jobst, nach Hannover. Der dritte Sohn, Johann Henrich, lebte in Hameln‘ als Advokat.
Der Capitän versuchte im Jahre 1700, sich in den Alleinbesitz des Hauses zu setzen. Da ihm die dazu erforderliche Geldsumme fehlte, lieh er sich von Dr. Büsing, der mit seiner Nichte verheiratet war, 200 Tlr. mit dem Versprechen baldiger Rückzahlung. Er zahlte aber nicht, traf dagegen Vorbereitungen zur Übersiedlung nach Hannover. Als Dr. Büsing davon hörte, ging er gerichtlich gegen ihn vor. Kerckmann beabsichtige, schrieb er an den Rat der Stadt, „das Haus heimlich zu verkaufen und mit dem Gelde zu echappierena Der Richter möge daher etwaige Hauskaufgelder mit Arrest belegen).
Es fand sich aber kein Käufer. Jahre vergingen. Bei einer Versteigerung im Februar 1726 wurde das Haus von Dr. Büsing erworben. Die Kaufsumme ist nicht überliefert. Vermutlich genügte dazu die Obligation auf die 200 Tlr. Die Freude an dem Besitz des stattlichen Hauses wurde dem Käufer arg versalzen durch die Forderung des Magistrats, die rückständigen, 20 Jahre lang nicht entrichteten öffentlichen Abgaben an die Stadt zu zahlen, 167 Tlr. 22 Gr.«). Falls diese Summe nicht umgehend gezahlt werde, sei die Stadt entschlossen, das Haus und den dahinter liegenden Hof „ohne ferneres Nachsehen zu subhastieren, damit die Stadt zu dem Ihrigen gelange“ Darauf antwortete der erschrockene Dr. Büsing, er werde selber kommen und mit dem Rate verhandeln. Dieser scheint noch einmal Geduld gezeigt zu haben. Aber im Jahre 1733 schritt er zur Versteigerung, bei der wiederum Dr. Büsing das höchste Gebot machte. Zw einer Sofortzahlung war er jedoch außerstande. Und wieder verging eine lange Zeit — drei Jahrzehnte! —, ohne dass etwas geschah. Da meldete ein anderes Mitglied der Kerckmannschen Familie Ansprüche an. Leutnant Westphal schrieb aus Lemförde im April 1764 an den Magistrat im Namen seiner Mutter, die eine Tochter des genannten Capitans und Witwe des Amtsvogts Westphal sei. Ihm antwortete der Stadtsekretär Heldmann: „Dr. Büsing hat das Haus sub hasta 1733 erstanden, aber den Preis nicht gezahlt. Seit der Zeit ist die einzige darin wohnbare Stube von Stadt wegen in Reparation erhalten und verschiedentlich vermietet worden.

Gräfin Anna Friederike Wilhelmine und Graf Ludwig Henrich Adolf zur Lippe Ölbilder von G. Altmüller-Schenkefeld. Quelle: Heimatland Lippe

Dem Magistrat würde es sehr angenehm sein, wenn sich jemand von den Kerckmannschen Erben des wenigstens in Ansehung des Mauerwerks noch sehr schönen Gebäudes gegen Bezahlung der rückständigen Contribution und Stadtlasten, die sich bishero etwas über 300 Rtl. belaufen, annähme und es wiederum in gehörigen Stand setzte “ Wegen der hohen Nachzahlung wird auch diesmal nichts aus dem Kauf.
Das Jahr 1767 brachte endlich die entscheidende Wendung und damit die Rettung des Hauses vor weiterem Verfall. Im Protocollum publicum vom 2. Oktober 1767 ist zu lesen: „ dass ein gewisser Herr, dessen Name noch zur Zeit unbekannt bleiben muss, sich resolviert hat, das verfallene Kerckmannsche Haus für einen leidlichen Kaufschilling nicht nur anzukaufen, sondern auch dasselbe sofort zur anständigen Wohnung ausbauen zu lassen. Jedoch wurde dabei notwendig verlangt, diesem Hause von Seiten der Stadt die Freiheit von allen bürgerlichen Lasten, als Contribution, Wacht, Bauerwerken, Accise, Einquartierung usw. gegen ein gewisses Stück Geld zu accordieren“
Man beschließt, für das Gebäude 400 bis 500 Tlr. zu fordern, für die Freiheit 200. Die Verkaufsabsicht soll zuvor in einigen Zeitungen bekannt gegeben werden. Wer Ansprüche zu haben glaubt, soll sie binnen sechs Wochen beim Rate anmelden. Nun zeigten plötzlich verschiedene Mitglieder der Familie Kerckmann, die sich bisher nicht im mindesten um das Besitztum ihres Vorfahren gekümmert hatten, lebhaftes Interesse an dem Hause. Einer, ein „Inspecteur des Dignes de sa Majeste Britannique“ behauptet sogar keck, das Haus sei ein Allod seiner Familie. Ob der Magistrat jenen Herren überhaupt geantwortet hat, ist fraglich. Jedenfalls hat er schon am 18. Dezember 1667 eine Versteigerung vorgenommen, bei der Bürgermeister Helwing für 206 Tlr. den Zuschlag bekam — für den zunächst nicht genannt sein wollenden Herrn. Dieser war Graf Ludwig zur Lippe.

Der Annenhof

Graf Ludwig Henrich Adolph ist am 7. März 1732 als Sohn des Regierenden Grafen Simon Henrich Adolph geboren. Er war fünf Jahre jünger als sein Bruder Simon August, der nach dem frühen Tode des Vaters im Jahre 1734 Regierender Graf wurde, doch bis zu seinem 20. Lebensjahre unter der Vormundschaft seiner verschwenderischen Mutter stand. Nachdem er im Jahre 1747 die Regierung übernommen hatte, bezog seine Mutter grollend ihren Witwensitz Schloß Brake, wo sie mit zwei Söhnen — Ludwig Henrich Adolph und Wilhelm Ernst — und drei Töchtern bis zu ihrem Tode im Jahre 1756 lebte.

Von der Jugend Ludwigs ist uns nichts überliefert. Er trat in kurhessische Heeresdienste und wurde Kommandeur des 3. Bataillons Garde im Oberstenrange.

Im November 1767 vermählte er sich mit Anna Friederike Wilhelmine, Gräfin zu Hessen-Philippsthal-Barchfeld (1735 bis 1785). Eine Nachzahlung und die Erhöhung seiner Apanage durch den regierenden Bruder verschaffte ihm die Möglichkeit zur Erwerbung des Kerckmannschen Hauses. Ejies Haus entsprach weder im Innern noch Äußern dem Range seines neuen Besitzers, der nun unverzüglich den Umbau vornehmen ließ. Die Pläne sind uns erhalten, nicht aber der Name des Baumeisters5). Der Standriß stimmt mit dem späteren und heutigen Zustande in der Anordnung der Fenster überein, dagegen fehlt die geschwungene Freitreppe und die Bekrönung der oberen Eingangstür mit dem Wappen des gräflichen Paars. Diese Wappenzier mit der Rokoko-Umrahmung, die dem Hause erst den herrschaftlichen Charakter verleiht, trägt die Jahreszahl 1769, den Türsturz darunter die Zahl 1768. Die Erneuerung der Fassade ist also in kurzer Zeit vollendet worden. Der zum Garten gelegene Saal bekam damals, wie noch einige andere Räume, eine Stuckdecke in zierlicher Rokoko-Manier. Aus dem Saale führt eine Freitreppe in den Garten. Der Graf gab dem Hause nach dem Namen seiner Gemahlin die Bezeichnung „ Annenhof “
Die besondere Liebe des Grafen galt dem Garten. Da ihm die dafür zur Verfügung stehende Fläche bei weitem nicht genügte, kaufte er mehrere benachbarte Häuser und Gärten hinzu, wiederum natürlich mit der „Freiheit“ von allen städtischen Lasten. Seine Erwerbungen waren: Annenhof 206 Tlr. (dazu die Freiheit 150), das Blumsche Haus mit Hof 900 (150), das Käsehagesche Haus 200 (80), der Rätin Busch Garten 400 (40), Schraders Haus und Garten 500 (150), Gevekots Garten 212 (20): Summa 3058 Tlr. Später erwarb er noch den Petrischen Garten art der Orpingstraße dazu5).
Wir besitzen einen Plan des Gartens von dem Landmesser Heimburg. Er zeigt ein Gewirr verschlungener, zum Teil spiraliger Wege, einen künstlichen, von sieben Brücken überspannten Wasserlauf, ein Tempelchen, eine Eremitage — das Ganze ein verballhornter „Englischer Garten“, der mit seinen, auf engem Raum gehäuften Spielereien das Gegenteil der erstrebten „Natürlichkeit“ bewirkt. Ausgeführt wurde von dem Plan offenbar nur das Gartenhaus, das auf einem künstlichen Hügel errichtet wurde. Dieser Hügel mit spärlichen Resten des Hauses ist erst vor wenigen Jahren beseitigt worden, als der Garten von der Stadt erworben und zu einem wunderschönen Stadtpark umgewandelt wurde, dessen mächtige Kastanien, Platanen und Buchen auf Graf Ludwigs Geheiß gepflanzt worden sind.
Die Anlage des Parks auf einem Gelände, das bis dahin von Häusern, Höfen und Gärten bedeckt war, nahm gewiss lange Zeit in Anspruch. Der Graf beschäftigte eine große Schar von Gärtnern. Unter ihnen gab es einen poetisch begabten Mann, der zum 40. Geburtstage des Grafen eine Ode anfertigte. Diese wurde „zum 7. März 1772 unterthänigst überreicht von der Gärtnergesellschaft auf der Schäferflur in Lemgo“6). Es war die Zeit des Rokoko, da die idyllische Schäferdichtung des 17. Jahrhunderts eine Nachblüte hervorbrachte. Eine von den sechs Strophen, in denen „der Unschuld Muse“ spricht, mag den Poeten kennzeichnen:

„Sie blickt auf dich: in männlich schöner Jugend
Sieht sie in DIR das Bild der Huld und Tugend
Und Menschenliebe, Kronen wert. Nicht bloß dein edler Stamm,der Herrscher zählt,
Der würdig DICH mit Fürstenblut vermählt,
Des Herzens Adel ist’s noch mehr, was sie verehrt.“

Das im Detmolder Schloß hängende Bildnis des Grafen Ludwig zeigt einen Offizer mit einnehmenden Zügen. Das Leben des gräflichen Paars, von dem nichts Einzelnes überliefert ist, mag wohl einer friedlichen Idylle geglichen haben, mit Freuden an der Gestaltung des Parks und geselligem Verkehr mit den Verwandten in Brake und gewiss auch mit den Honoratioren der Stadt, unter denen es hochgebildete Männer gab, wie die Bürgermeister Helwing und Heldman, Rektor Mensching und Apotheker Krohn. Auf des Grafen besonderen Wunsch wurde der schriftstellerisch begabte Pastor Pothmann an die Johanniskirche berufen.
Viel Vergnügen bereitete den Bewohnern des Annenhofs ein zahmer Kranich, der vielleicht bei einer Rast seiner Gefährten ermattet oder verletzt zurückgeblieben war. Auf seinem Grabe erhebt sich ein Obelisk mit der Inschrift: „Hier liegt Hans der Schöne. — Er, der von Pol zu Pol gezogen, — Hoch über Wolken oft geflogen, — Sich jeden Beifall hier erwarb. — Ach, dieser gute Cranig starb. Lemgo, den 12. December 1788.“ Gewiss ist dies ein Unikum unter den Tierdenkmälern.

Landesregent

Die Annenhof-Idylle nahm mit dem frühen Tode des Landesherrn Simon August im Jahre 1782 ein jähes Ende. Graf Ludwig übernahm für den 15-jährigen Sohn und Nachfolger Leopold die Regentschaft. Er behielt seine Wohnung in Lemgo, während die Regierung unter dem tatkräftigen und selbstbewussten Kanzler von Hoffmann in Detmold verblieb.

Der Regent bekam nun eine Ehrenwache von 24 Mann mit einem Offizier. Die Leute waren zumeist untergebracht in dem gegenüberliegenden Hause, das seit jener Zeit der Familie Klinzing gehört. Der erste in Lemgo ansässige Klinzing stammte, wie‘ die Gräfin Anna, aus Barchfeld. Um den Werbern des hessischen Landgrafen zu entgehen, gedachte er nach Holland zu gehen und nahm dabei den Weg über Lemgo, wo, wie er wußte, die Gräfin Anna wohnte, die ihn von seinen Kinderjahren her kannte. Sein Vater stand im Dienst ihres Vaters. Er sprach im Annenhof vor, und als der Graf von der Absicht des jungen Mannes hörte, forderte er ihn auf, in Lemgo zu bleiben, wo er ebenso sicher sei wie in Holland.
Am 7. Januar 1785 verlor der Graf seine geliebte Gattin in ihrem 50. Lebensjahre durch den Tod. Nach einem Jahre, am 10. April 1786, schloß er eine neue Ehe mit der 22-jährigen Gräfin Luise von Isenburg-Philippseich. Beide Ehen des Grafen blieben kinderlos. Auf einem inzwischen verschwundenen Steine im Park war die Inschrift zu lesen: „Aus volkreich blühender Stadt seit Schwedens Verwüstungszeit Wiesen Und jetzt der Freundschaft geweiht von Ludwig und seiner Luise.“

Eingang zur Abtei in der Breiten Straße. Quelle: Heimatland Lippe

Aus seinem neuen Amt erwuchsen dem Grafregenten ganz neue Aufgaben. Er wurde aus seiner privaten Sphäre in die politische Verantwortung gedrängt. Es wurden wichtige Entscheidungen von ihm verlangt, wenn auch der Kanzler Hoffmann während der langen, vormundschaftlichen Regierung zum tatsächlichen Herrn des Landes wurde7).
Die französische Revolution alamierte die deutschen Fürsten. Frankreich erklärte den Krieg an Preußen und Österreich. Ein Reichskrieg wurde erwartet. Also war eine Reichsarmee aufzustellen. Der Grafregent zögerte nicht, zur Reichs-Operations-Kasse den lippischen Anteil beizusteuern. Der Feldzug ging ruhmlos verloren. Nach der Kanonade von Valmy wichen die Reichstruppen zurück. Das linke Rheinufer ging verloren. Eine Verteidigungsarmee war auf die Beine zu stellen. Auf Lippe fiel ein Kontingent von 262 Mann, zu dessen Ablösung eine Summe von 26200 Gulden aufzubringen war.
Die Ritterschaft lehnt es rundweg ab, sich an der Aufbringung zu beteiligen. Daraufhin weigerten sich auch die Städte und das platte Land zu zahlen. Erst als mit ausdrücklicher Genehmigung des Regenten die Einleitung eines Prozesses gegen die Ritterschaft beim Reichshofrat vorbereitet wurde, gab die Ritterschaft nach und zahlte.
Schweren Herzens verfügte der Graf die geforderte Gestellung von 438 Mann zur Reichsarmee im Jahre 1794. Neue schwere Bedrängnisse kamen über die lippische Grafschaft durch hannoversch-englische und später preußische Einquartierungen und Requisitionen. Kurz vor dem Abschluß des Baseler Friedens verzeichnete Graf Ludwig am 5. April 1795 seine letzte Verfügung in einer auswärtigen Angelegenheit als Vormund und Landesregent.
Die diplomatischen Verhandlungen in jenen schwierigen Kriegsjahren führte vornehmlich der Kanzler Hoffmann, doch trug der Regent natürlich die letzte Verantwortung.
Ein großes Verdienst erwarb sich Graf Ludwig durch die Beilegung zahlreicher „Irrungen“ zwischen der Landesregierung und der Stadt Lemgo. Beide verglichen sich über eine Reihe von Privilegien, die von der Stadt behauptet, von der Regierung aber bestritten wurden8). Das Ergebnis war für die Stadt und ihre Selbstverwaltung durchaus günstig. Am 25. Juni 1794 konnte der Regent unter das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen seine Unterschrift setzen.

Die Abtei

Vom Grafen Ludwig sind uns zahlreiche amtliche, aber nur wenige persönliche Äußerungen überliefert. Zu diesen darf man sein Testament zählen, dass er am 8. September 1797, drei Jahre vor seinem Tode, niederschrieb9). Er bekundet darin seine Besorgnis über den gesicherten Fortbestand seines Erbes. Seine erste Gattin hatte auf Verfügung des hessischen Landgrafen „die dem Herkommen nach von der hessischen Landschaft denen Prinzessinnen von Hessen in sojchen Fällen als Mitgift bewilligten 20000 Gulden“ erhalten. Diese Summe war jedoch, falls die Frau ohne Leibeserben vor dem Manne starb, zurückzuzahlen. Dieser Fall war hier eingetreten. Er traf auch für die zweite Ehe des Grafen zu.
So gibt denn der Graf in seinem Testament vom 8. September 1797 der Befürchtung Ausdruck, dass der Landgraf von Hessen-Kassel die Ehesteuer zu 20000 Gulden, „ob es gleich nach dem Tod der ersten Gemahlin (1785) nicht geschehen ist, doch noch nach meinem Ableben zurückzufordern sich entschlösse. Allein dass das nicht so werde, dazu gibt mir die so ruhmvoll bekannte und auch schon in bisheriger Nichtzurückforderung bewiesene Großmut Sr. Hochfürstl. Durchlaucht festes Vertrauen.“ Er beruft sich dann auf die Kosten seiner Vermählung in Kassel, wo er „einen kostbaren Aufwand machen und dazu die ganze Summe der gedachten Ehesteuer verwenden musste, nichts also davon bei meinem Abzug von Cassel mitnehmen konnte“. Nun, das dürfte ein wenig übertrieben sein. Er fährt fort: „Zum Erben meines ganzen, nach meinem Tode von mir nachbleibenden Vermögens ernenne und setze ich hiermit ein die jederzeitige Äbtissin der beiden Stifter zu Cappel und Lemgo, itzt meine herzlich geliebte Frau Gräfin Schwester Charlotte Clementine und nach ihr jede aus fürstlich- und gräflichlippischen Stamme folgende Äbtissin“
Seine Gemahlin Luise behält das Recht der freien Wohnung in der Abtei nebst dem an Geld und Naturalien, was seiner Zeit mit dem Bruder Simon August abgemacht war, 1000 Tlr.
Nur noch wenige ruhige Jahre waren nach der unruhvollen Zeit seiner Regentschaft dem Grafen Ludwig vergönnt. Gewiss genoss er das Wachstum seines Parks. Er war ja ein großer Gartenfreund, hatte er doch bereits im Jahre 1768 ein östlich des Lippe-Gartens zwischen Rampendal und Mittelstraße gelegenes Haus (Schnitger) zur Erweiterung seines Gewächshauses erworben. 68-jährig starb er und hinterließ eine 36-jährige Witwe und seine 70-jährige Schwester Clementine, die ihm besonders nahe gestanden hatte. Sie war es auch, die über seiner Ruhestätte das Grabdenkmal errichten ließ, auf dem zu lesen ist:

„Am stillen, heitren Abend eines edlen nützlichen Lebens weilte hier so gern im Schöße der Natur Ludwig Henrich Adolph, Graf und Edler Herr zur Lippe, geb. 7. März 1732, gest. 31. Aug. 1800, wo dann auch, wie er es wünschte, seine ehrwürdigen Gebeine treu aufbewahrt von der zärtlichen Schwesterliebe Clementinens nun ruhn.“
Für die Schwester Clementine wie für die Witwe Luise brachte der Tod des geliebten Bruders und Gatten schwere Sorgen und Aufregungen. Es zeigte sich alsbald, dass der Graf umsonst an die „ruhmvolle Großmut“ des hessischen Landgrafen appelliert hatte.

Die jonische Säule im Abteigarten Im Hintergrund Prinzessin Carola, die letzte Äbtissin. Quelle: Heimatland Lippe

Dieser verlangte, wozu er berechtigt war, die Dotalgelder zurück,und zwar als Abschlagszahlung zunächst; 12 000 Thaler. Woher sollten die Erben so viel Geld nehmen? Es blieb nichts übrig als eine Versteigerung. Der Archivrat Clostermeier nahm sich der Angelegenheit mit Eifer und Geschick an. Im Oktober 1802 fand die Versteigerung des beweglichen Guts statt, vornehmlich aller Wertsachen aus Gold und Silber. Der Ertrag, 6859 Rtl. übertraf die Erwartungen Clostermeiers. Freilich versuchte die Gräfin vergebens, ein ihr besonders teures Stück, einen elegant ausgestatteten Putztisch, aus der Konkursmasse zu retten. „Ich sehe“, schreibt sie an Clostermeier, „die Toilette nicht ohne wehmütiges Gefühl abreisen, denn sie wurde mir als Morgengabe von meinem guten Louis geschenkt, und als Andenken an ihn war sie mir wert . Ist eine rechtliche Forderung des Landgrafen von Hessen vorhanden, so versteht es sich von selbst, daß diese Forderung bezahlt werden muß, wenn dazu auch die ganze Nachlassenschaft samt dem Annenhofe geopfert werden müßte .“

Es ergab sich, daß außer dem beweglichen auch das unbewegliche Gut veräußert werden mußte: aller Grundbesitz, den der Graf erworben hatte, dazu die hohen Einkünfte des Braker Zehnten und des von ihm gekauften Gutes Weerde (Weerth) bei Zütphen. Der Annenhof aber konnte zum Glück gerettet werden. Auf einen Beschluß des Stiftskapitels wurden auf den Kredit des Stifts 3000 Tlr. angeliehen, so daß nunmehr die Schuldentilgung gelang. Eine zwischen der Gräfin Luise und der Äbtissin Clementine entstandene Unstimmigkeit wegen der Hinterlassenschaft wurde durch die Vermittlung der Fürstin Pauline schnell beigelegt.
Die Äbtissin Clementine starb ein Jahr nach diesen aufregenden Ereignissen 74 Jahre alt im Schloß Brake. Sie hat ihre Abtei nie bewohnt. Auch die Witwe Graf Ludwigs verblieb nicht in ihrer bisherigen Wohnung, sondern verzog nach Lippstadt. Hier hat sie noch 44 Jahre gelebt. Ihr Grabredner, Pfarrer Ribonitsch, rühmt ihre Wohltätigkeit. Sie sei eine Mutter der Witwen und Waisen gewesen. In ihren letzten Jahren habe schwere Krankheit sie heimgesucht. Auf ihrem Grabe errichtete ihr die dankbare Bürgerschaft im Jahre 1847 ein Denkmal“).
Nachfolgerin der Äbtissin Clementine wurde die im Jahre 1774 als Tochter des Grafen Wilhelm geborene Gräfin Auguste, die aber auch nicht die Lemgoer Abtei bewohnte, sondern das Stift Cappel. Dort starb sie im Jahre 1826. Ihr folgten als Äbtissinnen nacheinander drei Töchter des Fürsten Leopold II. (1796—1851). Zuvor indes wurden die Räume der Abtei eine Zeitlang an Bürger vermietet, und bevor die älteste der Schwestern, Luise, das Haus bezog, wurde es gründlich erneuert. Die Äbtissin Luise, eine leutselige und mildtätige Dame und tatkräftige Verwalterin des Stifts, residierte hier bis zu ihrem Tode im Jahre 1887. Ihre Schwester Friderike bewohnte das Haus zehn Jahre lang, bis zu ihrem Tode im Jahre 1897 Da die jüngste der drei Schwestern, Pauline, bis zu ihrem Tode, 1906, im Stift Cappel ihren Wohnsitz hatte, stand nun die Lemgoer Abtei längere Zeit öde und verwaist, und der Park verwilderte. Auf dem Rasenplatz fand damals mit Erlaubnis der Äbtissin die hohe jonische Säule Aufstellung, die bis dahin im Lippegarten zwischen Rampendal und Mittelstraße auf dem Grabe des Prinzen Friedrich, des jüngeren Sohnes der Fürstin Pauline, gestanden hatte.
Im Jahre 1907 bekamen die Lemgoer Stiftsdamen eine neue, jugendliche Äbtissin der Prinzessin Carola, der Schwester Fürst Leopolds IV. Sie residierte, von der Bevölkerung der Stadt allgemein verehrt, ein halbes Jahrhundert lang in der vor 160 Jahren vom Grafen Ludwig gegründeten Abtei. Sie starb im Jahre 1958.
Seit dem Jahre 1960 ist die Stadt Lemgo im Besitz des Gebäudes und des Gartens, der zu einem prächtigen Stadtpark ausgestaltet wurde.

Heimatland Lippe: Juli 1967 Von Karl Meier, Lemgo

Quellen und Literatur: *) Falkmann, Simon VI. B. 4. —*) Staats-arch. Detm. G Sect. I Nr. 7. — 8) Stadtarch. Lemgo, Gerichtsakten L 34. — 4) Süvern, Brake, S. 122. — 8) St. A. Detm. Tit. 30, Nr. 6. — •) Landesbibl. Detm. N 2075 V 68. — 7) Kiewning, Die auswärtige Politik der Grafschaft Lippe vom Ausbruch der Franz. Revolution bis zum Tüsiter Frieden 1903. — 8) Stadtarch. Lemgo, Irrungen, 1794. — •) Staatsarch. Detm. L 7 A X Vol. I. VII. — I0) St. A. Detm. Fürsd. Abteil, d. Reg. L 77 B Fach 6. Dazu meine Geschichte der Stadt Lemgo S. 232 f, 237 f, 259 f.