Gut Biesterfeld

Biesterfeld um 1764, Zeichnung von Johann Ludwig Knoch.

„Geen kasteel, geen kerk, geen kroeg!“ — Es ist der bekümmerte Ausruf vieler holländischer Besucher, die sich aufgemacht hatten, den Stammsitz der Familie des Gemahls ihrer Königin, des Prinzen Bernhard der Niederlande, kennenzulernen. Und nun bleibt es den Biesterfeldern überlassen, diese Gäste mit einem Nachhilfeunterricht in Lippischer Geschichte auf den rechten Weg zu bringen! Genauer gesagt: den Zusammenhang zwischen dem zuletzt — bis 1918 — in Detmold regierenden Hause Lippe-Biesterfeld und der bescheidenen Siedlung Biesterfeld, südwestlich von Rischenau2Biesterfeld, zum Lügder Ortsteil Rischenau gehörig, aufzuzeizeigen. Wer bei einer solchen „Führung“ das Glück hat, an Frau Emmy Hottel im alten Forsthause oder an Frau Ingeborg Klasmeier im ehemaligen „Rappelkrug“ (s. Abb. 1!) zu   geraten,   der  wird   bei   diesem   „Einstieg“ in die Vergangenheit des Schwalenberger Landes den Verzicht auf Schloß, Kirche und „Krug“ gar nicht mehr als schmerzlich empfinden, sondern das im leichten Gespräch Dargebotene als wertvollen Hinweis für weitere Schürfarbeit zu verwenden wissen. — Auch uns, die wir manche Wissenslücke im heimatkundlichen Bereich eingestehen müssen, sollte der Weg nach Biesterfeld nicht zu weit sein! Es ist der Weg zu d e r Stelle, an der Jobst Hermann, Graf und Edelherr zur Lippe, um die Mitte des 17. Jahrhunderts einen Herrensitz errichtete. Jobst Hermann, Sohn aus der (zweiten) Ehe Simons VII. mit Magdalena v. Waldeck, hatte die Meierei Biesterfeld als Paragialgut erhalten; und das zu einer Zeit, in der die Menschen im Schwalenbergischen kaum daran zu glauben wagten, daß sich — nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges — ein neuer Anfang wirklich lohne.

Im ehemaligen „Rappelkrug“ in Biesterfeld wird die von Friedrich Carl August, Grafen und Edlem Herrn zur Lippe, Sternberg und Schwalenberg am 15. Febr. 1763 vollzogene Schenkungsurkunde des Hauses aufbewahrt.

Dieser sicherlich verständliche Kleinmut erhielt zusätzliche Nahrung durch die als drückend empfundenen Zins- und Dienstpflichten gegenüber dem Grafen, und es liegt auf der Hand, daß das Verhältnis zwischen „Herrschaft“ und Pflichtigen, wie es in einem zeitgenössischen Bericht vorsichtig  ausgedrückt wurde,   „nicht  immer    ungetrübt“    war.    Jobst    Hermann hatte  auch  sonst  einige  Kümmernisse zu durchstehen, und zu diesen Kümmernissen gehörte, daß seine Scheune eines Tages abbrannte!   Als   gottesfürchtiger   Mann   gab er sich zu diesem Ergebnis sehr gelassen:

„Im Jahre  1665 am 7.  February ist nach   dem   Willen   des   allmächtigen Gottes dies Haus abgebrannt und mit seiner Hilfe am 28. July wieder aufgebaut …“ 1Auszugsweise wiedergegehener Text einer Balkeninschrift. — Der Balken wird im Heimatmuseum in Schwalenberg („Künstlerklause“) als besondere Kostbarkeit gehütet.

Die Biesterfelder Grafen hat es nicht lange hier gehalten. Schon 1763 fiel das Paragialgut Biesterfeld an die Detmolder Linie zurück, und die Nachfahren des Stammherren finden wir in Oberkassel am Rhein, wo sowohl Ernst Graf zur Lippe (Grafregent in Detmold v. 1897 b. 1904) als auch sein Sohn Leopold (späterer Fürst Leopold IV.) geboren wurde. — „Von Oberkassel auf den Thron in Detmold?“ so könnte man fragen! Diese landesgeschichtlich und für das Haus Lippe-Biesterfeld bedeutsame „Heimkehr“ ergab sich daraus, daß die Linie Lippe-Biesterfeld bei Thronfolgestreiten mit dem Hause Schaumburg-Lippe (Bückeburg) zweimal ihren Anspruch auf Übernahme der Regierung in Detmold durchsetzen   konnte:  Erstmals  beim  Tode  des Fürsten Woldemar (1895), und zum zweiten Male beim Tode des Prinzen Alexander (1905). Die damals getroffenen Entscheidungen waren insofern von besonderem Gewicht, als die Bückeburger Absichten vom Deutschen Kaiser, Wilhelm IL, unterstützt wurden, dessen Schwester Viktoria mit dem Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe verheiratet war. Seine Schwester auf dem Thron eines regierenden Hauses — es hätte eine Verstärkung seiner Macht im Fürstenrat bedeutet!
Kehren wir in unserer familiengeschichtlichen Betrachtung — der Vollständigkeit halber — noch einmal an den Rhein, nach Oberkassel, zurück! Hier wurde nämlich auch der Bruder Leopolds IV., Bernhard Prinz zur Lippe, geboren; er war der Vater des 1911 in Jena geborenen Prinzen Bernhard, der sich im Jahre 1937 mit der damaligen Prinzessin Juliana  der  Niederlande  verheiratete.

Das ehemalige Forsthaus Biesterfeld (erb. um 1820, umgebaut 1935)

So sehr ein Besuch in Biesterfeld dazu anregen mag, historischen Vorgängen nachzugehen, so wenig sollte dabei die Beschäftigung mit dem heutigen Biesterfeld zu kurz kommen; das Erlebnis der Landschaft, das Gespräch mit seinen Menschen! Wieder ist es Frau Hottel, die den Gast, gewissermaßen, „an die Hand nimmt“ und ihn durch ihre kleine Residenz führt. Die Bezeichnung „Residenz“ erscheint uns deshalb nicht ganz abwegig, weil Frau Hottel das ehemalige Forsthaus der Försterei Biesterfeld bewohnt, das auf den Fundamenten des — abgebrochenen — Herrenhauses erbaut wurde . Und da zu einem Herrenhaus nun einmal ein repräsentativer Park gehört, durfte er auch in Biesterfeld nicht fehlen! Zwar hat er längst nicht mehr das Prädikat „repräsentativ verdient; was ihn dennoch anziehend macht, ist einmal sein alter Baumbestand, und zum anderen der weite Ausblick ins Schwalenberger Land, den die niedriggehaltene Einfassungsmauer freigibt. „Zu unseren Füßen“, so könnte man sagen, liegt Rischenau; zur Rechten ist der spitze Turm der ehemaligen Klosterkirche von Falkenhagen erkennbar, während die linke (sprich: westliche!) „Bildseite“ vom Schwalenberger Wald mit dem M ö r t h begrenzt wird. — Natürlich könnte man hier einwenden, daß der benachbarte Köterberg eine umfassendere Aussicht böte; er überrage mit seinen 497 Metern die höchste Erhebung des Teutoburger Waldes noch um 50 Meter. Mit der „umfassenderen“ Aussicht hat es schon seine Richtigkeit! Wem es aber darauf ankommt, eine Landschaft zu „erfassen“, der tut gut daran, mit ihr in Kontakt zu kommen, in unmittelbaren, persönlichen Kontakt!
Wenn es für die Richtigkeit dieser Empfehlung, auf Biesterfeld bezogen, einer Bestätigung bedürfte, so braucht nur an die zahlreichen Unterhaltungen erinnert zu werden, die sich nicht in Frage und Antwort erschöpften, sondern das gemeinsame Bemühen erkennen ließen, ein verläßliches, ein naturgetreues Bild vom Gewesenen und vom Gewordenen, vom Überlieferten und vom Erlebten zu zeichnen. — Indes: Nur ein Bruchteil dessen, was an Wissenswertem über Biesterfeld weiterzugeben wäre, kann hier als „zum Thema gehörig“ die ihm zukommende Würdigung finden! Erinnern wir uns der eingangs aufgeworfenen Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem — bis 1918 — in Detmold regierenden Hause Lippe-Biesterfeld und „unserem“ Biesterfeld, zwischen Sperlberg und Scharpenberg, dann ertappen wir uns ohnehin schon auf einigen „erzählerischen Seitenwegen“, vor denen sich der gewissenhafte Chronist hüten sollte! Wie dem aber auch sei: Das, was wir im Vorstehenden als den „persönlichen Kontakt“ bezeichneten, empfinden wir immer wieder als wertvolle Hilfe bei dem Versuch, einer Landschaft — und ihrer Geschichte „beizukommen“.
Es fällt leicht, herzlichen Dank für diese Hilfe auszusprechen; schwerer fällt es schon, die Namen all‘ derer zu nennen, die sich als Begleiter auf dem Wege nach und durch Biesterfeld zur Verfügung stellten.

Herr Walter Bicker aus Rischenau hat es deshalb freundlicherweise übernommen, hier stellvertretend tätig zu werden.