Hannes Hecker – Eine lippische Zieglertragödie

Notgeld der Stadt Freren 1922 (Emsland Lingen Museum)

Als sie Johann Hecker mit durchstochener Brust aus dem Krugsaal getragen und auf das Sofa in der Schankstube gebettet hatten, blieb nur eben noch Zeit, die Sterbesakramente zu reichen. Der Blick Heckers ruhte unentwegt, aber langsam erlöschend,  im Gesicht seines Sohnes, der, breitschultrig und von hoher Gestalt, vor dem Tische stand, bis in die Lippen hinein erblaßt, die leise zitternden Finger auf die Platte gestützt. Stoßweise, doch nur den Nächststehenden vernehmbar, ging die röchelnde Stimme durch die atemlose Stille: „Hannes … lieber Junge … hüten vor der Literflasche… den Langhaarten … und vor dir selbst… dem dollen Sinn.“ Und nach einer langen Pause: „Des Menschen Zorn … tut nicht… was vor Gott recht ist… auch nicht in gerechter Sache.“

Ziegler Hecker hatte dem Meister Hagedorn vor der bereits halbtrunkenen Feierrunde der tags zuvor Heimgekehrten, selbst schon berauscht, vorgehalten — was übrigens öffentliches Geheimnis in der Kommunje war —, er habe sich mit dem Fleiß und Schweiß seiner Ziegler das neue, zweistöckige Haus erbaut. Der andere, den Hieb zurückgebend, hatte finster erwidert, er, Hecker, solle sich lieber um seinen eigenen Dreck kümmern, etwa den, den seine Frau ihm gemacht. Als Hecker gefragt, wie er das meine, hatte Hagedorn sie der sommerlichen Untreue bezichtigt, begangen schon in den jungen Jahren der Ehe. Da hatte Hecker, jäh aufbrausend und blaurot im Gesicht, die Steinhägerkruke ergriffen und über dem unbedeckten Haupte Hagedorns erhoben. Hagedorn hatte, als der Schlag niedersauste, den Wanderstecken, den die Zieglersleute stets bei sich zu tragen pflegten, in Abwehr emporgehalten. So hatte die Wucht den eichenen Stock auf die Brust des Angreifers zugeleitet und die scharfe stählerne Spitze unmittelbar ins Herz dringen lassen.

Von Ziegler Johann Hecker wurde erzählt, daß er manchmal, am Formtisch arbeitend, den Zureicher wie auch den Abnehmer mit dem Streichbrett geschlagen habe. Von seinem Vater, Hannes’ Großvater, lebten ähnliche Geschichten in der Erinnerung derer nach, die mit ihm auf Kampagne gewesen waren. Niemand hätte jedoch gewagt, den einen oder den andern deshalb einen Trunkenbold zu nennen, weil solche Gewalttätigkeiten jeweils nach dem Genuß scharfen Getränkes geschehen.

Hannes hatte, als Vierzehnjähriger erstmals in Seeland mit dabei, den Gaul, der den Göpel der Lehmmühle zog, in einer zornigen Aufwallung kurzerhand abgestochen, weil der nicht gewollt, wie er gesollt. Aber damals hatte Multhaupt, der Möller, ihm während der Frühstückspause den „Schluck“ zugereicht, spaßeshalber, weil er gemeint, das sei so des werdenden Zieglers würdig. Jahre danach, auf dem Balle im dänischen Dorf, hatte er, wiederum berauscht, den Brenner Brandes, der versucht hatte, ihm sein Mädchen, Hella Hundrup, auszuspannen, kurzerhand aus dem Fenster geworfen, auf den Dunghaufen, was des andern Glück. Und so hatte der Tote, wohl noch Ärgeres ahnend für die Zukunft seines Ältesten, und schon berührt von der plötzlichen Klarheit der Sterbenden, die alles, Vergangenes und Zukünftiges, in einem unbestechlichen Lichte erschaut, jene Worte als letztes Vermächtnis an ihn ausgesprochen. Und so, im Anblick des nachgebliebenen Kainsmales an der Stirn des toten Vaters, stieß Hannes, der Sohn, allen Umstehenden deutlich vernehmbar, Worte heraus, die wie ein Gelübde an den Gott seines Lebens waren: „Nun nicht einen einzigen Tropfen mehr. Nein, nun nicht mehr!“ Dabei stand der Blick seiner stahlblauen Augen durch das offene Fenster hinaus in der Tiefe des östlichen Horizontes. Und er sah Hella Hundrup, das dänische Mädchen, greifbar nahe, überwirklich, mit den Augen, die tagsüber grünlich leuchteten wie das Wasser in den Lehmabstichen, bei der Nacht aber geglüht hatten wie das „Glöm- kenholz“ morscher Weidenbäume, unheimlich und verderbendrohend. Augen ohne Gewissen, stets lüstern nach Beute, darum ruhelos machend, erregend, Katzenaugen, ihm allzeit fremd.

Und dann sah er Anna-Ilsabein Uhlmanns Bild vor dem mählich aufblauenden Horizont das andere überdecken, empfand sie, wie sie ihn gestern empfangen, angefreut von der Sauberkeit ihrer Gewandung, die stets wie frisch gewaschen aussah. Und so, die Wochen danach Herz und Him gleichermaßen und immer wieder überprüfend, fand er den Aufgang eines neuen Lebenstages, ihn rettend aus dem Untergang des alten. Den ersten Winter über, wo er wie sonst hausschlachtete, um dem kargen Verdienst ein wenig aufzuhelfen, verbrachte er die Sonntage und Abende über dem Modell eines Streichtisches, von dem die Lehmziegel mit einem Kasten abgeworfen wurden mittels einer Tretvorrichtung, deren Hebelverbindungen er auf eine sinnreiche Art zu vereinfachen trachtete, dergestalt, daß die gleiche Anzahl Ziegel in der halben Zeit hergestellt werden konnte.

Den Sommer über nahm er eine Knechtstelle bei Biesemeier auf Neuenkamp an. Er wollte der Mutter nahe sein, auch den kleineren Geschwistern. Mit Hagedorn mochte er nicht sogleich wieder auf Kampagne, und zu Beginn des Winters machte er Hochzeit. Als ihm Anna-Ilsabein so nach Ablauf des Trauerjahres die Zügel anlegte, geschah es auf eine sehr sanfte, fast unmerkliche Art, wachsend aus der heimlichen Zärtlichkeit und verhaltenen Kraft, mit der ihre Liebe ihn trug. Als dann die Spatzen wiederum eintrugen und die Ziegler sich zur Frühlingskampagne aufmachten, war er wieder dabei. Zuvor sandte er noch ein wohlversiegeltes Päckchen mit fein säuberlich gehaltenen Zeichnungen an das Reichs-Patentamt, dessen Stellungnahme er, da auf unbestimmt außer Landes, an den Zieglerpfarrer erbat.

Gut war, daß die Tagewerke der siebzehn Stunden ihn. so ganz beanspruchten, daß er abends todmüde auf die Pritsche sank. Mit den Sonntagen, das war anders. Die waren schlimm: das Alleinsein vor der Stummheit der fremden Moore, vor der Endlosigkeit der See, über die sich, wie über die unnahbaren Heiligtümer fremder Götter, der mattblaue Baldachin des Grenzenlosen wölbte, darin sein Herz sich ver- Jor. Sonntag für Sonntag saß er unter dem gründunklen Brambusch auf dem vierkantigen Irrblock, hoch auf dem vorspringenden Bord von Helr.äs über der schäumenden Brandung. Sein Blick sank ins Weite, Unbegrenzte, über den glänzenden Belt hinweg, hingleitend zwischen Famö und Glamö, die wie Inseln der Seligen im Sonnenglast schwammen, streifte an der verdämmernden Küstenlinie von Langeland entlang, dem festen Kontinent zu, der irgendwo, den sterblichen Augen nicht mehr erreichbar, hinter sanften, blaugrauen Vorhängen liegen mußte, reiste weiter, immer weiter, über weidegrüne Ebenen und ährengelbe Hügel hinweg und zwei große Ströme, bis hin zum schwarzweißen Haus im Siek, wo er Ilsche, sein ehelich Weib, auf der Bank unterm Königsbirnenbaum wartend wußte, und seine Gedanken hüllten sie ein in lauter Zärtlichkeit.

Am zweiten Tage der Pfingsten, als die jungen, noch unbeweibten Ziegler, die beschwerliche Reise nicht scheuend, nach der Heimat aufgebrochen waren, um ihren Mädchen den Pftngstbaum hinters Fenster zu stellen, trat sie zum ersten Male von rückwärts zu ihm heran, die Hände vor seine Augen legend: „Wieder Kurs Südwest, lieber Steuermann, Heimweh, Ziegelbäcker von der Weser?“

„Laß das“, sagte er, „es ist nun anders, du weißt!“

Sie lachte ihr rundes, kullerndes Lachen; wie Perlengeschmeide blitzten ihre Zähne zwischen dem Purpursaum der Lippen: „Vermissen dich, die andern. Im .Durstigen Dänen“ ist Pfingstbier.“

Als er unentwegt in Abweisung verharrte, anscheinend dem Spiel der Taucher hingegeben, fuhr sie fort: „Warum sonderst du dich ab?“ Wiederum nach einer wortelosen Pause: „Darf  ich dir ein bißchen Gesellschaft leisten?“

Er wehrte es ihr nicht, rückte aber sogleich zur Seite, als ihr Flammenhaar an seine Wange rührte.

„Sie sind mir alle widerlich“, stieß sie plötzlich heraus, „ich mag ihn nicht, den Kerl, er ist mir ekelhaft. Ich will ihn nicht!“ Fast zornig sagte sie es.

„Wen meinst du?“

„Den Alten, Meister Hagedorn. Den ganzen Sommer, als du nicht gekommen bist, war er hinter mir her.“ Nach einer Besinnung, spottend: „Jeden zweiten Sonntag fährt er zum Tivoli. Nach Kopenhagen. Immer für mehrere Tage.“ Danach, mit lauerndem Blick in seine ehrlichen, graublauen Augen: „Hagedorn ist schlecht; das Geld, das er nach Kopenhagen bringt, ist euer Geld, deines. Hagedorn betrügt euch.“ „Hast du Beweise? Hat er nicht redlich zugeteilt im letzten Herbst?“

„Doch, doch. Er hat. Auf die vorgeschriebene Art. Hat erst die fünfunddreißig Taler herausgenommen, für sich, den Brenner, Former und Karrenmann,auch für die Älteren unter den Zieglern. Hat auch dem Möller, Außenmann und Hagensetzer jedem seine fünfzehn Taler vorweg gegeben, so, wie ihr Lipper das zu halten pflegt. Danach hat jeder reihum in die Schale gegriffen, dreißigmal, bis hin zum Koch, zu mir, und den Jungen. Hat schließlich, als es mit dem Silber nicht mehr langte, in Groschen und Heller wechseln lassen. Der Herr stand auch dabei.“

„Dann ist doch alles in der gehörigen Ordnung?“

Da lachte das Mädchen: „Hagedorn hat zuvor herausgenommen, im Einvernehmen mit dem Herrn. Hagedorn betrügt auch Bauer Knudsen. Verkauft unter der Hand. Kommen Schmugglerboote über See, bei der Nacht. Verlädt heimlich. Hat Helfershelfer.“

„Hast du Zeugen?“ — „Ja.“ — „Wen?“

„Mich selbst.“ — „Dann kann ihm keiner ans Leder. Zeuge und Ankläger in einer Person, das gibt es nicht.“

Als sie sah, wie die senkrechte Falte zwischen seinen Brauen unter der hohen Stirn sich härter eingrub, drängte sie, unter jäher Wendung des Oberkörpers, näher an ihn heran, schmeichelte, seine beiden Hände fassend: „Sei lieb, Hannes! Vergaßest du die Abende auf der Heide von Dalmose?“ Als er immer noch, steif wie ein Stock, verharrte, drohte sie: „Ich werde schlecht, wenn du mir nicht hilfst!“ — „Du wurdest“, erwiderte er kühl, „die andern sagten es.“

„Die andern?“ Sie lachte hell heraus, zog die Lippen verächtlich herunter und spottete: „Pah! Die andern! Etliche von den .andern“ haben zwei Frauen. Eine Sommerfrau auf Seeland, eine Winterfrau an der Weser. Sie sagen: ,Der Sommer ist lang. Der Zieglersommer. Doppelt lang. Vom Frühling und Herbst ist auch noch ein gut Teil dabei. Da muß der Ziegler sich zu trösten wissen.“ “

Hannes erwiderte finster:„Das sind nur einzelne, die so sagen, die so sind. Die ohne Halt und Hemmung! Ein rechter Mann muß wissen, wohin er gehört.“ Feierlich und fest, fast wie ein Bekenntnis, setzte er hinzu: „Ich kann nicht eine Frau in der Heimat haben und eine in der Fremde. Ich kann nicht zwei Frauen liebhaben, wechselweise.“

Am Tage Siebenschläfer, kurz nach der Mittagsnone, legte der reitende Bote einen Brief in seine Hände. Darin hieß es: „Ich bin nun ganz gewiß. Ob es ein Junge wird? Hannes, Lieber, ich kann dir gar nicht  sagen, wie jetzt alles so anders ist.“ Auf den Rand ganz klein hingekritzelt standen noch die Sätze: „In den Zeitungen hier ist letzthin viel geschrieben über das .Problem der Wanderarbeiter“, und wie es von der Heimat aus zu lösen sei. Biesemeier hat den großen Schornstein schon hoch, auch die Trockenschuppen stehen, jetzt sind sie beim Ringofen. Müßte das schön sein, das ganze Jahr daheim, werk- und feiertags.“

Er zog den Briefbogen an seine Lippen, streichelte zärtlich darüber hin. Warf danach Hose, Hemd und Jacke von sich und schwamm weit ins Meer hinaus.

Drei Tage nach dem reitenden Boten traf Meister Hagedorn ihn während der kurzen Mittagsrast am Formtische hantierend an: „Den Stein der Weisen“, hörte er Hagedorns Stimme von fernher in sein Traumland dringen, „den wirst du nicht finden. Ammenmärchen, das mit den Gold- körnem im Lehmberg. Hat den Schweiß gesetzt und die Schwielen vor die Lindenholzschale, der da oben!“

Als der andere nun ein wenig anzüglich meinte, Schweiß und Schwielen schienen doch wohl nicht für alle gesetzt zu sein als Wächter zum Paradies, bemerkte Hagedorn scharf und kurz: „Experimentieren hinfort unterlassen, verstanden? Knudsen wünscht das nicht.“

Gedanken seien zollfrei, meinte spöttisch der Jüngere, und, aus einer neuen Zuversicht lebend, fügte er hinzu, wenn sie, der Herr Meister und der Herr Inhaber, sich keine Gedanken machten um die Dinge und ihren Fortschritt, so müßte es doch wohl der gemeine Mann, der einfache Ziegler, von sich aus tun.

„Der Herr will, daß die Gedanken seiner Ziegler ausschließlich auf produktive Arbeit gestellt sind, verstanden?“

Als Hecker, immer noch ruhig geblieben, nun fragte, ob denn seine, des Meisters Gedanken und Durchführungen auch immer produktiv im Sinne des Werkes seien, schrie der andere ihn an, scharf, und offene Antwort heischend, wie das zu verstehen sei? Worauf Hecker sagte, er möge die Kommunje fragen, es sei ein öffentliches Geheimnis. Wie es denn etwa zuginge, daß das Essen immer schlechter werde? Nicht einmal vom amerikanischen Schmalz, dem billigsten, was es von der Art gebe, schwimme ein Fettauge mehr in der Suppe.

Da brüllte der Meister ihn an, ob denn die Antwort, vor zwei Wintern an den Vater erteilt, für den Sohn noch nicht ausreicht?

Hannes Hecker mochte, angesichts der zornwütigen Unbeherrschtheit Hagedorns, wohl fühlen, daß es so etwas wie einen Sippenhaß geben müsse. In der Rechten krimmelte es ihm nach dem Stiefelschaft, in dem das Messer stak. Aber da schäkerte plötzlich eine Elster auf, die über den Streichtisch weg den fernen Pappeln am  Lehmabstich zustrebte. In einer seltsamen Hellhörigkeit des Augenblicks empfing er das Gekreisch als Sätze: „Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist!“ Die Möwen schrien vom offenen Meer her, laut und warnend: „Auch in gerechter Sache nicht!“

Zu Ende des September erschien eines Tages der Zieglerpastor. Nach dem Gottesdienst bat er Hannes um eine Aussprache unter vier Augen: „Biesemeier sucht einen Meister. Er denkt an dich.“

Als Hecker rot anlief und zu bedenken gab, er sei doch wohl noch zu jung für einen solchen Auftrag, erklärte der andere: „Wichtig allein ist, daß einer tüchtig und zuverlässig in seinem Fach, entscheidend, daß er ein rechter Haushalter sei.“ Er fügte hinzu: „Biesemeier kannte deinen Vater, das ist ihm genug.“ Nach einer Pause: „Er hat noch ein anderes dabei im Auge.“ Damit zog er ein Papier aus der Brieftasche, faltete es auseinander und reichte es Hannes hin: „Deine Erfindung des mechanischen Formtischantriebes ist angenommen. Biesemeier möchte sie dir abkaufen. Bietet eintausend Taler als Vorschuß. Er will dich darüber hinaus am Geschäft beteiligen, halbscheit, vorausgesetzt, du bist einverstanden.“ Als Hannes immer noch wortlos dastand: „Biesemeier möchte auch alle andern gewinnbeteiligen, vom Ofensetzer bis zum Jungen. Er glaubt, daß das auch in deinem Sinne sei.“

Seit dieser Unterredung kannten die Arbeitskameraden den Former Hecker nicht wieder. Er pfiff und sang von der Uchte bis zur Ulenflucht, daß alle den Kopf schüttelten. Wäre nun das eine, das Erntebier auf Dalmose, am Sonntag danach, nicht gewesen, so möchte wohl alles in Ordnung gegangen sein. Die Kameraden ließen ihm nicht eher Ruhe, als bis er, schon spät am Nachmittag, sich endlich bereit fand, mitzugehen, ja sagte in dem Augenblick, als ihn Brandes, der Brenner, fragte, ob er denn etwa glaube, daß sein großes Glück ihnen so gar nicht bekanntgeworden, sein Dienstgeheimnis geblieben sei? So etwas spräche sich bald herum, und so etwas müsse auf die übliche Art begossen werden. Wenn nicht in feuchten Runden, dann getrost in gebratenen. Die dänischen Gänse seien schon fett genug, Seelachs verfügbar.

Später, schon nach Mitternacht, als die Kommunje, des Tanzens müde, mit einigen der fremden Mädchen, aber ohne den Meister, in der Schankstube des „Durstigen Dänen“ zusammensaßen, bestellte Hannes für alle ein Lachsessen und lud auch den fremden Gendarmen, der in der Ofenecke hockte, dazu ein. Er selbst bestellte, dem Gelübde getreu, nur heißen Tee.

Es ist nie ganz geklärt worden, wie alles so rasch ein so schreckliches Ende genommen hat. Einige wollen gesehen haben, daß die dänische Köchin, die von Anfang an dabei gewesen, ihm hochprozentigen Branntwein in den Tee getan, den Hannes, wieder auf den Geschmack gekommen, Runde um Runde als Punsch getrunken, indem er sich zuletzt wie ein Faß habe vollaufen lassen. Mit der Gewalt der Wasserbrunnen, die, gespeist aus unterirdischen Quellen, heraufbrechen nach zeitenlanger Dürre, kam es dann über ihn, sprudelte heraus. Er gab die Einzelheiten der Biesemeierschen Planung preis, ja, auch das Geheimnis seiner eben patentierten Erfindung, die sie, die andern, nun fast als ihre eigene feierten. Sie ließen ihn hochleben, hoben ihn auf die Schultern, trugen ihn durch den trüben Schein der Petroleumlampe in der Stube herum, singend:

„Wir brauchen keinen Hagedorn, wir brauchen ihn nicht mehr! Hagedorn hat uns stets betrogen, Hagedorn soll der Teufel holen!“ Prosteten ihm zu: „Wir kommen alle zu dir!“ Brandes wollte Brenner, Engelking Ofensetzer, Multhaupt Möller werden, und so weiter, und so weiter; bis hin zum Jungen wurden alle Posten eingenommen. Hella Hundrup aber, die all die Zeit im Hintergrund gelauert, trat hervor, lachte ihr rundes, kullerndes Lachen, wiegte sich in den Hüften, glusterte ihn an mit dem magischen Leuchten ihrer Augen, zwang ihn langsam, aber unausweichlich in den Bann ihrer dämonischen Schönheit. Das Grammophon, eben neu aufgelegt, spielte das alte Zieglerheimwehlied von der Reise nach Jütland, die „ach so schwer“ fällt. Als es die Stelle herausschrie:

„Das Schifflein am Strande, das schwankt hin und schwankt her, just, als ob im fremden Lande keine Hoffnung mehr wär“, schrie Hannes: „Schluß jetzt! Sofort abstellen. Auf ein Lustiges, Wilhelm, ein Herzerfrischendes!“ Zur Theke hingewandt: „Und roten Wein, Frau Wirtin, jedem eine volle Flasche!“

Da legte Wilhelm die Platte mit dem neuen Lied auf, dem Tingeltangellied, das sie immer in den Schifferkneipen sangen, bei dem den dänischen Tanzmädchen die Augen immer so eng, der Atem so kurz wurden. Und Hella hob sich auf die Tische, die im Handumdrehen abgeräumt und aneinandergerückt waren, tanzte den Schieber, den die englischen Matrosen mitgebracht. Noch nie hatte Hannes sie so tanzen gesehen. Beim vierten Male, just über ihm, als das Grammophon jäh abbrach, sprang sie mitten auf seinen Schoß, kuschelte sich eng an ihn, und er hörte sie Worte flüstern, sinnlose Worte.

Es ist auch bei der Vernehmung hernach durch die Polizeiorgane nicht festgestellt worden, ob Hagedorn schon längere Zeit Zeuge des Banketts gewesen oder eben in diesem Augenblick unbemerkt über die Schwelle getreten ist. Der Tabakqualm hängt dicht unter den niedrigen Balken.

„Laß das Mädchen los! Augenblicklich oder . .

„Oder . . .?“ lallt Hannes voll süßen Weines. „Oder? Die Oder, ich meine, das sei ein Fluß in Pommern, weit, weit im Osten!“ Lallt und lacht.

„Oder ich drücke dich mit diesen meinen Händen zu Brei.“ Hagedorn, der Hüne, steht, die Pranken auf der Tischkante, gefährlich da, zugriffbereit, ein Bär über der Beute. Rot in Rot schwimmt es vor des Trunkenen Augen. Er fühlt den Blutstrom vom Herzen zum Haupte dringen. Der Gendarm ist aus der Ofenecke herausgetreten. Aber ehe der Verhaßte sich auf Hannes stürzen kann, knallt es laut, mit dem Vielfachen eines Peitschenschlages. Grell kreischt das dänische Mädchen auf. Der breite, brestige Mann sinkt vornüber.

„Mord!“ schreit es von der Theke her. „Mord! Mord!“ brüllt es in denSaal hinein.

Hannes steht reglos. Mit einem Male hat er einen gallebitteren Geschmack auf der Zunge. Den Oberkörper dem röchelnden Opfer zugebeugt, die Augen weit aufgerissen, ist er nun nüchtern, ganz schrecklich ernüchtert (mit einem Male). Hebt sich auf, und, seines Zornes ledig, aber schon unter dem aufbrechenden Zorn Gottes, richtet er den Blick über den Hingesunkenen hinweg, und durch den Nebel und Pulverdampf hindurch, über Meere und Ebenen und zwei große Ströme. Er sieht das schwarzweiße Haar unterm Königsbirnenbaum und Ilsche davor, den blonden Jungen ihm entgegenhebend, mit schmerzentstelltem, tränenüberströmtem Antlitz. Dann sinkt der Nebel, das Bild auslöschend für immer vor seinen Augen. Das Meer bricht in der Mitte auseinander. Ein Abgrund gähnt auf, bodenlos, in den der Strudel ihn hineinreißt, unabwend- lich, ohne Wiederkehr, in gänzlicher Einsamkeit und Verlassenheit. All das geschieht ihm im Bruchteil einer Sekunde, und ehe der dänische Gendarm und die andern, auf eine unbegreifliche Weise in ihrer Handlungsfreiheit gelähmt, es hindern kann, setzt er die blau aufblitzende, dreischüssige Waffe, die er zum Frühjahr erworben gegen die Unsicherheit in der Fremde, an der Schläfe an, läßt sie dann aber jäh, mit rechtwinkliger Wendung, hinabsinken, bis in die Herzgegend. Das Ding, das arme, törichte Ding, das da so wild gegen die Wände schlägt, tut ihm mit einem Male so schrecklich weh.

„Ilsabei“, hören die Nächststehenden ihn noch flüstern, „Ilsabein, nicht böse sein.“ Und noch einmal, in grenzenloser Qual und auswegloser Verzweiflung, aber schon jenseits eines letzten Entschlusses: „Ilsche, ach Ilsche, verzeih mir, wenn du kannst.“ Hören ihn noch einmal aufstöhnen, bevor er durchzieht.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von August Meier-Böke

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