Hausabriss an den Externsteinen

Bei den Externsteinen wurde ein Haus dem Erdboden gleichgemacht. Und das von „Rechts wegen“!

Nach Archivalien des Staatsarchivs Detmold:
Es war im Herbst des Jahres 1616. Bei den Externsteinen und Umgegend im Walde trieb sich allerhand übles Gesindel herum: „Räuber, Schelme, Mörder und Diebe.“ So steht es in den Akten des Staatsarchivs Detmold. Überfälle an den Durchgangswegen der Egge und des Teutoburger Waldes waren seit längerer Zeit bereits der Schrecken der Anwohner und Reisenden. Da war eben gerade wieder Johann Fellensiek jun. aus Horn im Walde bei den Steinen von vier Räubern überfallen.
Man hatte ihm 11 Thaler abgenommen und ein Paar neue Schuhe ausgezogen. Einer der Räuber, so sagte Fellensiek aus, hätte einen Büchsenlauf bei sich gehabt mit einem Feuerschloß. Den hätte man ihm, währenddessen man ihn „in der ein­samen Kuhlen den ganzen Tag gebunden festgehalten“ hätte, für 4 Thaler zum Kauf angeboten. Er sollte das Geld dafür „nach den Externsteinen oder nach dem Finkenkrug bei österholz bringen, so woll­ten sie es wohl bekommen“ Fellensiek ist auf das freundliche Anerbieten der Räuber nicht eingegangen. Damit er aber nicht barfuß nach Hörn laufen sollte, gab man ihm großzügigerweise ein Paar alte, ausgelatschte Schuhe zurück und ließ ihn laufen.
An den Externsteinen hatte die sog. „Steinfrau“ mit ihrer Tochter Marie ein kleines Anwesen mit einem Haus. „Stein­frau“ wurde sie genannt, weil sie ihr An­wesen unmittelbar bei den Steinen hatte. Aber seit langem war „ein gemein Ge­schrei und Gerede unter den Leuten“ über die Steinfrau und ihre Tochter. Man hatte wiederholt beobachtet, dass die Tochter auffällig viel Bier, Fleisch und Käse und
andere Lebensmittel aus Horn heranholte und mit den Körben „in den Steinen“ ver­schwände. Es war längst klar, dass sie die Bande, die von dort aus ihr Unwesen trieb, versteckt hielt, beherbergte, bewirtete und davon profitierte.
Eines Tages platzte dem Landesherrn der Kragen. Er ließ die Steinfrau und ihre Tochter nach Horn ins Gefängnis bringen. Bei den Vernehmungen kam aber nichts Wesentliches heraus; es wurde mit kaöter Standhaftigkeit alles abgestritten, was da nicht geheuer zu sein schien. Mit der Toch­ter hatte man einen auffallend verdächti­gen jungen Mann gesehen. „Wäre ein frem­der Gesell“ sagte sie aus, „der Leinen ge­tauscht hätte, wäre kein Schelm oder Räu­ber gewesen, er möge wohl Henrich heißen, sei noch ein junger Kerl gewesen, daß ihm der Bart beginne zu wachsen. Habe nichts Übles mit ihm zu schaffen gehabt“ Bei einer späteren Vernehmung wußte sie aber noch etwas mehr über diesen Kerl auszu­sagen: „Das Leinen, so er bei sich gehabt, sei schmutzig gewesen, sie habe es ihm ge­waschen und ihm ein Hemd daraus ge­macht; er habe gesagt, daß es ihm seine Schwester als Wegzehrung mitgegeben habe, er habe in seinem Vaterlande einen erstochen und darum fortmüssen“ Als ein Horner Bürger den Jungen eines Tages „in den Steinen hart zugesetzt habe“, sei er fortgegangen, habe dann aber bei „Teuthenhenrich in Holzhausen ein Pferd ge­stohlen, sei in ihres Bruders Bernd Behau­sung in Kohlstädt gestellt und in Brake hernach aufgehangen“ Ein Zeuge nennt die Tochter der Steinfrau „das Mädchen mit dem dicken Kopfe“ Drei Brüder des Mädchens bitten in Eingaben für ihre Mut­ter und Schwester.

Man „möge sie doch um Gottes Willen wieder freilassen, damit die Kuh und das Fickel nicht zugrunde gingen, seien bei Gott im Himmel alle unschuldig und hätten mit den Räubern nichts zu schaffen gehabt“ Auch die erneuten Ver­höre der Mutter und Tochter unter An­wendung von Beinschrauben brachten keine weiteren Eingeständnisse zutage. Sie hatten für alles Ausreden. Die bei ihnen zur Her­berge gewohnt hätten, seien allesamt „harmlose Zunftgesellen und Reisende“ ge­wesen. Es wurde eine Reihe weiterer Zeu­gen vernommen, die von dem Unwesen in letzter Zeit selber betroffen oder davon gehört hatten. Man sage, so führte ein Zeuge aus, daß die Steinfrau fremdes Volk „im Steine“ aufhalte und demselben Bier und Sonstiges zutragen lasse. Ein anderer Zeuge sagte aus: „Wisse wohl, dass die Frauf uff’m Steine und ihre Tochter Marie gefänglich eingezogen seien, dass sie etliche Straßenräuber, so uff’m Holze gemordet und geräubert, sollte gehauset und beher­bergt haben.“ Ein anderer Zeuge: „Habe vielmals gesehen, dass die Tochter der Steinfrau Brot und in einer Kanne was hinausgetragen, wisse aber nicht, was es gewesen sei, habe auch befunden, dass ein junger Gesell mit einem Burschen ,im Stein‘ gewesen. Auf seine Frage (gelegent­lich einer Begegnung) woher er wäre, hätte er, nach der Sprache beurteilt, keinesfalls die Wahrheit gesagt.“ Ein anderer Zeuge bekundet: „Habe auch gehöret, dass die Steinfrau etliche Schelme und Diebe heim­lich aufhalte und mit Speise und Trank versehe. Gelegentlich habe er der Tochter auch mal gesagt: ,Hast du Jungens im Stein, sieh zu, dass du nicht die Mütze musst aufsetzen.‘ Darauf habe die Tochter geantwortet: ,Ihre Mutter wäre krank, der müsste sie alles zutragen‘ a
Nun, es war anscheinend schlimm zuge­gangen und man war sich seines Lebens und Eigentums in der Umgebung von den Externsteinen nicht mehr sicher. So ver­dichtete sich der Volksmund auch so weit­gehend gegen die Angeklagten, dass das Peinliche Halsgericht schließlich zu folgen­dem Urteilsspruch kam: „. Dass peinlich Angeklagtinne Mutter und Tochter Ihne zu wohlverdienter Straff und andern zum Abscheu, der Grafschaft Lippe und Stift Paderborn in perpetum zu verweisen sei und soll ferner das Haus, Hof und Garten von Stund an demolieret und zu Nicht zerhawwet werden.

Alles von Rechts wegen. Darauf sie dann mit Darleistung eines körperlichen Eides des Landes ver­schworen.“ Bei diesem Nachweis unrühmlicher Her­bergen von Mördern, Räubern, Schelmen und Dieben in den Externsteinen möchte ich im Streit um das Galgenzeichen in der Grotte der Externsteine die Frage an die Experten richten: Können diese Strolche, die ja doch jeden Tag mit dem Galgen rechnen mussten, nicht das umstrittene Zei­chen dort eingeritzt haben? Da das Zei­chen m.W. einst aber unter Verputz ent­deckt worden ist, würde dabei die weitere Frage zu prüfen sein, aus welcher Zeit der Verputz nachgewiesen werden kann. Wie die Inschrift in der Grotte bereits aus­weist, ist der Verputz zweifellos erst viel später angebracht. Da der bekannte sog. Hornsche Weg als Verbindungsweg zur Kölnischen Landstraße als Ost-West-We­geverbindung durch die Senne unmittelbar an den Externsteinen vorbeiführte, ist an­zunehmen, daß, wie ja auffallend kurz vor dem 30jährigen Kriege absolut bewiesen, auch wahrscheinlich bereits in vorvergan­gener Zeit die Steine als Schlupfwinkel für Straßenräuber gedient haben, so dass das vielumstrittene Galgenzeichen sehr wahr­scheinlich von dieser Art Strolchen, denen der Galgen ja doch ständig im „Fernsehen“ vor Augen stand, dort angebracht sein wird.

Heimatland Lippe: Von Karl Sundergeld