Haustenbeck im Jahre 1840

Die Windmühle ist nur ein Modell das für Übungen der Artillerie genutzt wurde. Vor der Mühle steht ein Soldat.

Die Dorfschaft Haustenbeck besteht aus 106 Stätten, den Pfarr- und Schulgebäuden, und dem Popp’schen Erbkruge nebst Mühle. Die Colonate liegen zerstreuet in der Senne umher, in einem Umkreise von etwa drei Stunden. Unter denselben ist nur eine einzige Kleinkötterstätte, die übrigen sind Hoppenplöcker-, Straßenkötter- und Neuwohnerstätten. Sie sind auf den Sand gebauet; die meisten in der Nähe der Haustenbecke und des Rothenbachs. Die Häuser sind gewöhnlich nur ein Stockwerk hoch, um mehr gegen Sturm und Wind gesichert zu seyn. Hier und da rankt an denselben ein Weinstock. Besondere Gärten gibt es wenige; Gemüse werden auf den Feldern gebauet. Einige kleine Wiesen liegen an den Bächen. Man säet hauptsächlich Sommerrocken und Buchweizen, zieht Rüben und pflanzt Kartoffeln. Kernobst kommt nicht fort, Steinobst besser. Pferde werden selten gehalten, zur Bestellung des Ackers und zum Ziehen bedient man sich der Ochsen. Bei heißer und sehr nasser Witterung mißrathen die Früchte; häufig sind sie auch durch Hagelschlag zerstört. Die Viehzucht, der Hauptnahrungszweig, beschränkt sich meist auf Rindvieh, welches im Sommer und auch im Winter, wenn kein Schnee liegt, dürftige Nahrung in der Senne sucht. Diese lieferte bislang reichlich Plaggen zum Düngen der Felder. Große Rasenhäufen, mit Dünger vermischt, wurden wo möglich alle drei Jahre auf die Sandäcker gefahren. Die Haustenbecker waren die Hauptnutznießer der Senne. Ihre Hude erstreckte sich nach dem Saalbuche rund um Haustenbeck herum, an einigen Orten beinahe eine Stunde weit. Die Gemeinde, als solche, ist arm, sie besitzt keine Gemeindegüter zur ausschließlichen Benutzung. Alle Dorfschaftskosten müssen durch besondere Auflagen herbeigeschafft werden. Auch die freundliche Kirche ist eine sehr arme Kirche; sie besitzt an Grundvermögen eine mit Kiefern bepflanzte Sandwehe. Bau- und Reparaturkosten der Kirche, Schule und des Pfarrhauses werden ebenfalls auf die verhältnismäßig kleine Anzahl Einwohner vertheilt. Die Armencasse hat jährlich nur wenige Thaler einzunehmen.

Haustenbeck mag jetzt von etwa 1000 Menschen bewohnt seyn. Dasselbe ist ein gesunder Ort, denn es werden jährlich bei Weitem mehr Menschen geboren als sterben. Das Verhältnis stellt sich vielleicht in keinem Kirchspiele des Landes so günstig wie hier.
Einige Haustenbecker suchen im Auslande als Torfstecher, Wiesenmmäher, Ziegler und auf andere Weise (so z.B. ist Einer seit Jahren Koch auf einem Englischen Schiffe) ihr Brod. Der größere Theil beschäftigt sich mit Ackerbau und Viehzucht. Ein geringer Ertrag wird durch sauere Arbeit dem Sandboden abgerungen. Große Flächen müssen mit einem verhältnismäßig großen Aufwände von Kräften beackert werden, um für Menschen und Vieh die nöthigsten Bedürfnisse zu gewinnen. Die Lebensweise dieser Sennebewohner ist einfach. Die niedrigen Wohnungen sind meist elende Hütten; durch die schlechten Giebel dringen Wind, Regen und Kälte. Es fehlt meist an den gewöhnlichsten Bequemlichkeiten, man sieht nur wenige Gerätschaften und mangelhafte Möbeln. Statt der Keller benutzt man Sandgruben. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Milch, sehr schwarzem Brode, Buchweizen und vorzüglich aus Kartoffeln. Nur von Kartoffeln lebten ganze Familien Wochen lang. Fleischspeisen sind selten; ein Picker, der von Buchweizenmehl auf dem mit Fett bestrichenen Ofen in der Stube gebacken wird, und ein ähnliches Gericht, welches Puffer heißt, sind sehr beliebt. Die dürftige Kleidung von Leinwand und die schweren Holzschuhe erinnern gleichfalls an die Armuth, welche bei den Meisten herrscht. Man trifft nicht selten in ein Haus, worin nur unmündige, fast nackte Kinder herumkriechen, während die Erwachsenen ihrer Geschäften auf dem Felde nachgehen.
Diejenigen Senner, die den dürren Sandboden bauen, kommen mit andern Menschen weniger in Berührung, als solche, die im fernen Auslande ihren Unterhalt suchen müssen. Sie stehen in Kenntnissen gegen die Letzteren zurück; die gar zu schwere, anhaltende körperliche Arbeit schadet der Ausbildung des Geistes. Seit einer langen Reihe von Jahren sind in Haustenbeck verhältnismäßig wenige Verbrechen und Excesse begangen. Die Haustenbecker sind verträglich. Frohsinn herrscht bei ihnen vor, an öffentlichen Lustbarkeiten nehmen sie gern Teil. Kirche und Schule werden fleißig besucht. Man findet unter ihnen viele brave und rechtschaffene Leute und nur selten Aufköcher, Stadtgänger und Proceßkrämer.
Der hier verkürzt wiedergegebene von W.Piderit verfaßte Beitrag ist überschrieben: „Berathung der Dorfschaft Haustenbeck“, in: Lippisches Magazin für vaterländische Ctiltur und Gemeinwohl, 6.Jg., Nr. 25, Lemgo 1840.

Vom Tage der Gründung Haustenbecks an (1659) bis in das Jahr 1671 hatten die Haustenbecker ohne Seelsorger gelebt. Es war menschlich verständlich, daß kein Geistlicher freiwillig den Weg in die Senneeinsamkeit hatte gehen wollen, wo ihn unter armen Heidebewohnern ein entbehrungsreiches Leben erwartete. Im März 1671 endlich wurden die Haustenbecker beim Landesherrn vorstellig, um in einer rührenden Bittschrift ihre unerträgliche Lage zu schildern:

„Hochgeborener Graf, gnädiger Herr!
Ew. Hochgräfliche Gnaden wissen sich gnädig zu entsinnen, daß Ihr Herr Vater hochseligen Andenkens diese Dorfschaft Haustendorf allhier in der Senne zur Aufenthaltung vieler armer Leute ganz von neuem auferbauen lassen und sich damit einen ewigen unsterblichen Namen gemacht. Nachdem nun unsere Nachbarn teils schon ins zehnte Jahr und darüber allhier gewohnet, manchmal Armut und Elend, Hunger und Kummer gelitten und ausgestanden, auch noch ins künftige gern leiden wollten, was zu leiden stünde, wann wir nur mit einer geistlichen Person, so uns jezuweilen Gottes Wort predigte und unsere Kinderlein zu allem Guten anmahnete, versehen werden möchten. Denn nach Schlangen zu gehen und den Gottesdienst daselbst ferner zu besuchen, fällt uns armen Leuten beschwerlich, ja ganz unmöglich, und zwar aus nachbeschriebenen Ursachen. Denn so ist der Weg durch die Senne, den wir manchmal in Frost und Hitze, im Regen und Schnee gehen müssen, und mancher unter uns mit Schuh und Kleidern übel versehen, gar zu weit, schlimm und wässerig.
Wenn wir dann gleich nach Schlangen zur Kirche kommen und uns matt und müde gegangen haben, müssen wir dennoch in den Gängen stehen bleiben und können weder auf Stühle noch Bänke zu sitzen kommen.
So fällt uns gar beschwerlich, unsere ungetauften Kinderlein und Toten dahin zu bringen, denn wir manchmal weder Wagen noch Pferde haben können.
So hat sich auch die Schlängische Gemeinde sehr beschwert, ja öffentlich verlauten lassen, unsere Toten nicht mehr auf ihren Kirchhof zu nehmen.
Weil auch der eine hier, der andere dort aus dem Lande gekommen und bald dieser, bald jener Religion ist, hoffen wir, um desto besserer Friede und Einigkeit miteinander eine Religion und Lehre zu nehmen und zu haben: und dann welches häßlich zu beklagen, so wachsen unsere zarten Kinderlein auf gleichwie die wilden Ranken, und können dieselben wegen des weiten Weges weder zur Kirche noch zur Schule schicken, und was dergleichen Ursachen noch vielmehr angezeigt werden könnten.
Haben derowegen Ew. Hochgräfl. Gnaden dieses schriftlich beizubringen nicht unterlassen können noch sollen, demütig und um Gottes Willen bittend, Sie geruhen doch dieses alles in Gnade zu beherzigen und uns, und zwar auch um unserer Benachbarten, der Papisten willen, ehesten Tages mit einer geistlichen Person, so uns eine Zeitlang im Hause, bis zur Auferbauung einer Kirche oder Kapelle, Gottes Wort predigen, das heilige Abendmahl reichen und unsere Kinderlein in Catecheticis und aller Gottesfurcht anweisen möchte, zu versehen, und damit dieselbe desto bessere Lust und ein wenig Lebensmittel haben möchte, mit einer Gnadenbesoldung eine Zeitlang an die Hand zu gehen, bis etwa die Gemeinde (woran dann im geringsten nicht zu zweifeln) ins künftige verstärket und andere Mittel herbeigeschafft werden. Wir erbieten uns dagegen, nach unserm wenigen Armut so viel beizulegen, als mensch- und möglich ist„.

Quelle: Die Senne – in alten Abbildungen und Schilderungen