Heimatbesucher

Ankunft im gelobten Land

Wer es kann, wird sicher einmal wieder in das Land der Kindheit zurückkehren. Einmal nur laß mich atmen noch die Luft im Heimatlande, das ist der Wunsch fast aller Auswanderer der ersten Generation. Was für ein Glück das sein muß! Die Freude der Frommen in Jerusalem oder Rom oder Mekka kann nicht herrlicher sein!

Manche waren schon da; mehr werden — bei dem heutigen Schnellverkehr — noch kommen.

Simon Töpker aus Brakenhagen kam mit 86 Jahren noch herüber und wandelte mit Rührung im Lande seiner Kindertage. Er nahm auch am Gottesdienst teil und dankte nachher dem Pfarrer für die erbauliche Predigt. Dabei über- reichte er ihm 1000 Mark: als Unkostendeckung für seine eigene Beerdigung. Er komme bald wieder, sagte er, er wolle in Heimaterde bestattet wer- den . . . „Daß man sterben muß, weiß man sein Leben lang, und es beruhigt, wenn man weiß, wo man sich am Abend zum Schlafe niederlegen wird.“ … In der Tat: Nach einem Vierteljahre wurde dieser Mann nach seinem Wunsche in seinem Heimatdorfe bestattet. Wohl selten fielen die Worte des Predigers auf so bereiten Boden wie hier. „Selig sind, die da Heimweh haben; denn sie sollen nach Hause kommen.“ . . .

Nicht jeder Heimkehrer freilich findet bei seiner Rückkehr die erwartete Sehnsuchtserfüllung . . . Die Heimat und ihre Menschen verändern sich; die Heimkehrer selbst auch, und das Heimatbild ist von der Phantasie überhöht… Da können bittere Enttäuschungen kommen.

So erging es jenem Heimkehrer aus Barkhausen, der übers weite Weltmeer kam und nun auf der Diele seines Elternhauses stand, das nun von fremden Leuten bewohnt und anders eingerichtet war. Der stand und stand und schaute und schaute von einem Ständer nach dem andern, schüllköppte und murmelte zuletzt wehmütig vor sich hin: Das hatte ich mir anders gedacht . . . wandte sich und fuhr straks nach USA zurück.

Anders war das mit jenem Manne, der eines Abends mit seiner Tochter in einem Bergdorfe vor einem Ständerhause stand, wo auf einer Bank davor ein Mütterchen mit Brille, Kräuselmütze und vielen Runzeln im Gesichte Kartoffeln schälte und Möhren schrappte.

„Gute Frau“, sagte der Mann, „kann ich hier wohl ein Glas Wasser bekommen?“ Die Oma, verdrießlich, daß wieder so ein Faulenzer und Nichtstuer aus dem nahen Badeorte ihre Ruhe störte, entgegnete unwirsch, ohne aufzusehen: „Jou, müunetwejen! ’n bedden Wader könntse wall krüujen. In’n Pottbree stöuht ne Tas- sen, un in’n Säue es Wader geneog. Wind’ser sik man’n ganzen Emmer vull heriut“ … Der Heimkehrer, verwundert über diese stumpfe Art der Oma, schüttelte den Kopf, holte die Tasse und ging zum Brunnenhäuschen; wand den Eimer hinunter, ließ ihn volllaufen, drehte ihn bedächtig herauf, setzte den Eimer auf den Stein, füllte sein Gefäß und trank, reichte auch seiner Tochter einen Trunk und sprach auf Englisch zu ihr: „Alma, dies ist der Brunnen meiner Kindertage. Wohl tausendmal habe ich diesen Eimer hier so hinab und wieder heraufgewunden. Der Eimer ist neu; aber die Kette und das Gehäuse ist noch das alte. Komm!“ … Er stellte die Tasse wieder an ihren Ort, dankte der Oma, legte ihr einen Dollarschein auf die Bank und schritt hastigen Schrittes in den Abend: „Wie haben sich doch die Menschen verändert … Es ist nicht gut, im Alter auf alten Pfaden den Schimmer der Jugend zu suchen . . .“

Ein Jahr darauf erhielt der Dorfvorsteher einen Brief aus USA mit einem Scheck über 10 000 Dollar. In dem Briefe stand folgende Bemerkung: Dieser Scheck soll ein Gruß sein aus der fernen neuen Heimat und ein Dank für alles Gute, was mir die alte Heimat gab. Man hat eigentlich nur eine Heimat. Verwenden Sie das Geld bitte für öffentliche wohltätige Zwecke, etwa für bedürftige Kinder, für eine Wasserleitung oder die Schule. …. Ursprünglich war die Summe für einen andern Zweck vorgesehen. Bei meinem vorjährigen Besuche aber habe ich meinen Plan geändert. Die Menschen dort sind nicht mehr alle so wie damals zu meiner Zeit. Leben Sie wohl!“

Homa, Homa! Wärest du doch freundlicher gewesen! Wir verstehen aber auch die Enttäuschung dieses Mannes.

Die Landschaft der Seele sah anders aus.
Fragest Du, wo wohnt mein Glück auf der weiten Erde?
In dir selbst quillt dieses Glück:
Ewig trächtig ist nur Gottes
„Werde“.

Quelle: Heimatland Lippe 1953 – Von H. Schäfertöns, Ohrsen