Heimattage im Schwalenberger Lande

R. Kämmerer-Rohrig, Schwalenberg

Im Jahre 1906 wurde gelegentlich der 650-Jahrfeier der Gründung der Stadt Schwalenberg das von Dr. Karl Lohmeier verfaßte Volksspiel „Schwalenberg“ im Rahmen eines großen Heimatfestes zum ersten Male aufgeführt. Es fand einen derart starken Beifall, daß die Schwalenberger sich entschlossen, diese Aufführungen in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. So wurde der von dem unvergeßlich gebliebenen Pastor Zeiß in Schwalenberg wachgerufene Heimatgedanke gepflegt und in den Heimatfesten der Jahre 1908, 1912, 1924, 1929, und 1934 immer wieder tatkräftig und wirkungsvoll gefördert. Dann ließen politische Ereignisse und schwere Kriegsjahre eine längere Un-terbrechung eintreten. Zu Beginn des Jahres 1951 aber faßte man in Schwalenberg den Mut zur Wiederholung des Heimatfestes in der früher üblichen Weise. Es gehörte wirklich Mut dazu, denn groß war das Wagnis und groß waren die Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Groß und umfangreich waren auch die erforderlichen Vorbereitungen, aber die Liebe zu ihrer Heimat stärkte die Zuversicht der Schwalenberger Und zerstreute alle Bedenken. Man setzte also mit dem Heimatfest 1951 eine zur Tradition gewordene Gepflogenheit fort und zeigte, daß die Namen „Schwalenberg“ und „Heimat“ zu einem festen, untrennbaren Begriff geworden sind.
Die Reihe der Schwalenberger Heimatsonntage, von denen jeder seine eigene Note hatte, wurde am 24. Juni eröffnet. Dieser erste Festsonntag galt der Heimat im allgemeinen. Nach Begrüßung der Ehrengäste durch den Bürgermeister begann der Festag und der Herold des Volksspieles „Schwalenberg“ konnte nach langen Jahren erstmalig wieder vor dem alten, historischen Rathause vorüberreiten, gefolgt von den farbenprächtigen Gestalten der übrigen Mitwirkenden. Anschließend folgte dann in der Festhalle am Dohlenberge das Volksspiel und führte die Zuhörer in spannender Weise in die Welt der Vergangenheit Schwalenbergs. Unter der Leitung des Ober-spielleiters Thomas vom Landestheater Detmold zeigten die Laienspiele Leis-tungen, die immer wieder der Vermutung Raum gaben, es handele sich um Berufsschauspieler. Nach dem Volksspiel hielt der Protektor der Heimattage, Herr Regierungspräsident Drake seine Von tiefer Heimatliebe durchdrungene Festrede. Die fröhlichen Tänze der Trachtengruppe und ein altlippischer Hirtenreigen bildeten den Abschluß des Tages.

Heimatlied Schwalenberg

Der zweite Festsonntag stand im Zeichen des deutschen Liedes und führ-te eine ganze Reihe Von lippischen und außerlippischen Gesangvereinen und Sängergruppen nach Schwalenberg. Die alten Winkel und Gassen der Stadt hallten wider von den Heimatliedern der Sängerchöre. An diesem Tage wurde auch ein neues, von Musikdirektor Schwarz Vertontes Heimatlied aus der Taufe gehoben. Wie an allen übrigen Sonntagen füllten Festzug, Festspiel, Tänze und Hirtenreigen den Nachmittag des Tages aus.
Den Höhepunkt der Schwalenberger Heimattage bildete der 15. Juli, der „Plattdeutsche Tag“. Schon der große plattdeutsche Unterhaltungsabend des Vortages, an dem die namhaftesten plattdeutschen Schriftsteller und Vor-tragsmeister des Lipperlandes teilnahmen, brachte ihren ernsten und heiteren Vorträgen von den Zuhörern des vollbesetzten Rathaussaales reichen Beifall.
Zu einem besonderen Erlebnis wurde der plattdeutsche Gottesdienst am Sonntagmorgen in der alten reformierten Kirche. In stiller Andacht und Ergrif-fenheit lauschten die Kirchenbesucher den inbaltschweren Predigtworten des Pastors Lohmeyer-Varenbolz, die in der alten Muttersprache offene Herzen fanden.

Eine plattdeutsche Tagung führte dann die ersten Persönlichkeiten der plattdeutschen Bewegung Westfalens, Niedersachsens und Lippes zu einer längeren, lebhaften und fruchtbaren Aussprache zusammen und bildete den Auftakt zu künftiger gemeinsamer Arbeit im Dienste der Heimat und der Muttersprache Nach dem Festag und Volksspiel wurde auch am Dohlenberge noch einmal in einer kurzen plattdeutschen Rede auf die Bedeutung des Tages hingewiesen. Dann sang der Schwalenberger Schülerchor sehr eindrucksvoll das Lied „Schwalenberger Land“ im plattdeutschen Text. Trachtentänze und plattdeutsche Hirtenreigen beschlossen dann diesen Tag, der unverkennbar bewies, daß die plattdeutsche Sprache und die Freude an ihr im Volke lebendig geblieben ist.

Stadttor in Schwalenberg, rekonstr. durch Hans Bruch. R. Kämmerer- Röhrig

Der vierte Festsonntag, der 22. Juli, galt der deutschen Jugend. Jugendverbände und Vereine bevölkerten die Straßen der Stadt und den Abhang des Dohlenberges. Die Jugend zeigte an diesem Tage mit besonderer Deutlichkeit, daß sie sich dem Heimatgedanken eng verbunden fühlt. Und das ist gut so, denn ohne Jugend kein Volk, ohne Heimat kein Vaterland. Mit einem letzten, all emeinen Heimattage fanden die Schwalenberger Festsonntage am 29. Juli ihren Abschluß.

Kirchsteig in Schwalenberg. R. Kämmerer- Röhrig

Von den Heimatveranstaltungen im Lipperlande, die im Jahre 1951 angesichts seiner bevorstehenden endgültigen Eingliederung in ein benachbartes größeres Regierungsgebiet besonders ausgeprägt in Erscheinung traten, zeigten nicht zuletzt auch die Schwalenberger Heimattage, daß das lippische Volk zähe an seiner Eigenart festzuhalten gedenkt und sich voll bewußt ist des Wertes seiner Heimat.

Quelle: Lippischer Kalender 1952 – Von Heinrich Wienke, Hameln

Send this to a friend