Herberhausen – einstiges Rittergut und lippisches Lehen

Rittergut Herberhausen. Blick von Norden, im Hintergrund das Hermannsdenkmal

Als ich um die Jahrhundertwende zum ersten Male auf dem Waldfriedhof von Herberhausen stand und bald danach das damalige Rittergut kennenlernte, ahnte ich nicht, dass ich in der Folgezeit vielhundertmal dorthin pilgern würde, um mich der Natur zu freuen und Kraft zu sammeln für den Alltag des Lebens. Immer wieder nahm ich mir vor, einmal darüber zu schreiben, und mancher Vers ist auch auf einsam-stillen Wegen dort entstanden. Doch zu einer umfassenden Schilderung kam es nicht. Nun aber soll es geschehen, denn die wachsende Stadt Detmold, zu der Herberhausen heute gehört, hat schon manches Stück Land des einstigen Herrensitzes für sich beansprucht und wird wohl in der Folgezeit das Gut völlig verschlingen. Bevor das jedoch geschieht und bevor ich Hochbetagter zu meinen Vätern eingehe, soll noch einmal erstehen und festgehalten werden, was ich von Herberhausen weiß, aus alten Akten sammelte und mit ihm erlebte.

Wahrscheinlich war das Gut von Anfang an im Besitz des Burgmannengeschlechts von dem Busche. Es wird zuerst 1411 im Lehensregister als Lehen der Familie genannt. In der „Geschichte der Stadt Detmold“ spricht Kittel auf S. 74 vom Niedernhof zu Herbergehusen. Alhard von dem Busche, f 1512 ohne männliche Erben, tritt schon zu Lebzeiten seine Lehen außerhalb Detmolds an seinen Schwiegersohn Heidenreich von Exterde ab. Herberhausen blieb im Besitz der Familie von Exterde bis 1760. Während dieser Zeit geraten die von Exterdes zu wiederholten Malen in geldliche Schwierigkeiten. Darum leiht Bernhard Simon von Exterde u. a. 1634 Geld von Margarete, geb. von Adelebsen, Frau Schwanz zu Braunenbruch, seiner „Wase“, und derselbe Bernhard Simon leiht 1662 Geld — man höre und staune — von „seiner Eheliebsten“, worüber eine regelrechte Obligation ausgestellt wurde. Schließlich findet sich unter den Gläubigern 1754 gar eine „Princesse von Anhalt“. Da schreitet die Landes- und Lehensherrschaft ein, und das Flerberhauser „Feudal- und allodial-Guth“ wird zur Versteigerung ausgeboten. In einer winzigen Zeitung, „Wöchentliche Minden-Ravensberg-Tecklenburg- u. Lingensche Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“, erschien „Montags, den 25. Febr. 1760 und Montags, den 3. Mertz 1760″ folgende Anzeige:

„Dem Publico wird hierdurch bekannt gemacht / daß ein Adeliches Gut / benant Herberhausen / alhier in der Grafschaft Lippe / ohnweit der Residens-Stadt Detmold belegen / — öffentlich an den Meistbietenden / verkaufet werden solle / und gleichwie des Endes Terminus licitationis auf den 18. künfftigen Monat Mertz wird seyn Dienstags nach Lätare / bestimmet / und hierdurch bekannt gemacht wird / mit der ferneren Anzeige / daß das Kauffpretium in volwichtigen Louis d’or in 3 Terminen als gleich nach der Adjudication / davon ein 3tel / sodann zu Ende des Monats Junius eben so viel / und auf Michaeli a. c. der Rest entrichtet werden müsse / massen die wirckliche Einräumung des jetzo noch in Verpachtung stehenden Gutes / nicht eher als künfftigen Michaeli geschehen wird. Als können diejenige welche zu diesem Ankauff belieben tragen / den nähern Anschlag dieses Guts bey hiesiger Gräfl. Regierungs-Cantzley ohnentgeltlich erhalten.

Detmold, den 4. Jan. 1760 Gräfl. Lipp. Regierungs-Cantzley daselbst.“

Die Versteigerung fand statt. Es boten die Ober-Amtmannin Hornhardt zu Borkhausen und ein Notar Sölter. Eingesetzt wurde mit 12 000 Reichsthalern, und nach 154 maliger Steigerung erfolgte mit 27 050 Reichsthalern der Zuschlag, der um 50 Reichsthaler höher war als der der Ober-Amtmannin Hornhardt. Diese war bei der Versteigerung vertreten durch ihre Tochter, der Ober-Amtmannin Niemeyer. Der Notar Sölter, der den Zuschlag erhalten hatte, wies auf Verlangen eine Vollmacht des Hofmeisters von Ebenn vor. Dabei stellte sich heraus, daß die beiden Grafen zur Lippe, Ludwig Henrich Adolph und sein Bruder Wilhelm Albrecht Ernst zu Brake, Herberhausen erworben hatten. Aber schon nach wenigen Tagen wurde das Gut erneut der Ober-Amtmannin angeboten. Die hohen Grafen waren wohl nicht in der Lage, die Kaufsumme zu bezahlen.
Wie reich müssen die Hornhardts gewesen sein! Nach Plöger „Ein lippisches Rittergut mit reicher Tradition“, „Lippische Blätter für Heimatkunde“, Nr. 5/70 der „Lippischen Landes-Zeitung“, erwarb Friedrich Konrad Hornhardt 1729 das Rittergut Borkhausen, 1742 Groß Gottern bei Langensalza und 1745 das Gut Freismissen, und nach seinem Tode erwarb seine Witwe um 1760 noch das Rittergut Herberhausen.
Am 28. Marty 1761 erfolgte die Übergabe des Gutes an die Ober-Amtmannin Hornhardt, vertreten durch ihre Tochter, der Ober-Amtmannin Niemeyer, und deren Bruder, dem Amtmann Hornhardt. In dem Schriftstück darüber heißt es wörtlich:

„solchen actum zu verrichten, so haben wir zuerst einen Spohn oder Stückgen Holtz von den Thür-Hauß-Stender abgeschnitten, sodann uns nach dem Felde begeben, daselbst einen Erden- und Graß-Klumpen ausgeschnitten, ferner einen Zweig vom Eichbaum abgebrochen, auch in den dabey liegenden Fisch-Teich geschlagen, durch den Herrn Amtmann Hornhard eine geladene Flinte losschießen lassen, und jene Symbola der obgedachten Frau Ober-Amtmannin Niemeyern, in Vollmacht dero Frau Muttern ein nach dem andern behändiget, mit der Erklährung, dass dadurch das Guth Herberhausen mit allen seinen Zubehörungen, Recht und Gerechtigkeiten an Sie, solchergestalt übergeben, und eingeräumt würde, als bey der Subhastation dieses Guts in protokollo mit mehreren angeführet worden. Vorbedachte Frau Ober-Amtmannin Niemeyern und ihr Amtmann Hornhard acceptirten solches mit geziemenden Dank, und begaben sich nebst uns hinwiederum in das Wohnhauß, nach einiger Verweilung und Besichtigung der übrigen Zimmer und der Küchen aber zur Rückreise nach der Stadt. Wir haben es also schuldigst referiren wollen.“

Damit war Herberhausen im Besitz der Ober-Amtmannin Hornhardt zu Borkhausen. Aber nach ihrem Tode — sie starb am 4. 9. 1776 — fiel Herberhausen in der Erbteilung zu Petri 1779 an die Tochter, die Ober-Amtmannin N i e m e y e r , die im Auftrage der Mutter bei Kauf und Übergabe des Guts immer zugegen war und auch wohl schon bald ihre Wohnung auf Herberhausen nahm. Ob ihr Gatte, der Ober-Amtmann zu Sternberg Henrich Konrad Niemeyer, der 1750 Braunenbruch, 1751 Langenbruck kaufte und 1757 von seinem Vater Gut Brodau in Holstein erbte, in Herberhausen war, ist nicht festzustellen. Er war am 25. 6. 1709 zu Lauenstein geboren, vermählte sich am 25. 7. 1743 mit Rosine Luise Hornhardt, geb. am 19. 2. 1731 zu Friedland, der jetzigen Besitzerin von Herberhausen, und hatte mit ihr zwei Söhne, die beide in Borkhausen geboren sind. Am 26. 6. 1776 starb er zu Brodau.
Obwohl das Rittergut Herberhausen mit Billigung oder gar auf Betreiben der Gräfl. Regierung regelrecht versteigert wurde, musste der jedesmalige Besitzer dennoch durch den Landesherrn erneut belehnt werden.

Speicherhaus mit doppelter Mansarde. Quelle: Heimatland Lippe

Es wird geradezu vom Lehngut Herberhausen geschrieben, und es findet sich immer wieder eine „Acta, die Belehnung mit dem vormaligen von Exterdißen Gute Herberhausen betreffend.“ Sie erfolgt bei den Niemeyers durch „Von Gottes Gnaden,
Wir Simon August Regierender Graf und Edler Herr zur Lippe etc.“ (1771 — 1803) und geht in der Geschlechterfolge weiter, so dass unter der Lehnsherrschaft gar die Fürstin Pauline und zuletzt noch Fürst Woldemar erscheinen.
Jedenfalls haben wir es bei der Dynastie der Niemeyers zu Herberhausen zuerst mit einer Frau zu tun, die das Rittergut als Besitzerin vorbildlich verwaltete, wie ihr Grabstein meldet, von dem später noch zu reden ist. Ihr ältester Sohn, Friedrich August, geb. 16. 8. 1747 zu Borkhausen, f 9. 4. 1811 zu Herberhausen, war der 2. Rittergutsbesitzer der Niemeyers auf Herberhausen. Er verkaufte das von seinem Vater erworbene Rittergut Braunenbruch am 3. 7. 1802 wieder an Philipp August Merckel für
43 000 Reichsthaler.
Der 3. Niemeyer auf Herberhausen hieß auch Friedrich August (1800— 1855), der 4. gleichfalls, geb. 1826, und ist dadurch bedeutsam, dass er durch seine am 11. 8. 1861 geschlossene Ehe mit Clementine Karoline Sophie Henriette Becker das benachbarte Gut Röhrentrup dem Familienbesitz hinzubrachte.
Mit Heinrich Christian Eberhard Niemeyer, dem 5. in der Reihe, kommen wir schon an die Jahrhundertwende. Er war geboren am 24. 3. 1863, vermählte sich am 27. 9. 1904 mit Erika Gertrud Freyer, geb. 29. 11. 1878 zu Gelsenkirchen, war Hauptmann d. L. und hatte mit seiner jugendlichen Frau noch einen Sohn, Heinz Friedrich August Reinhard Günther, der am 4. 5. 1911 zu Röhrentrup geboren ward.
Ich habe den Heinrich Christian Eberhard Niemeyer aus der Zeit vor seiner Vermählung noch dunkel in Erinnerung. Er muss ein geselliger, lebensfroher Mann gewesen sein, denn nahe seinem Herren-hause steht ein Pavillon, der die vielsagende Inschrift zeigt: „Für mich und meine Freunde.“ Seit seiner Vermählung wohnte Heinrich Christian Eberhard Niemeyer in Röhrentrup und überließ Herberhausen fast ganz seinem Pächter, einem tüchtigen Landwirt, der von dem Gutshof Meier zu Hölsen aus der Schötmarschen Gegend stammte und die Ländereien des Ritterguts durch mehrere Verpachtungsperioden vorbildlich verwaltete.
Während seiner letzten Lebensjahre verpachtete der Besitzer Herberhausen an die Stadt Detmold, die in den Kriegsund Nachkriegsjahren dadurch einen nicht unwesentlichen Nahrungsrückhalt erhielt. Dieses Pachtverhältnis dauerte auch 2 Verpachtungsperioden. Heinrich Christian Eberhard Niemeyer starb am 8. April 1916 zu Röhrentrup.
Der letzte Namensträger der Niemeyers und zugleich Erbe von Herberhausen und Röhrentrup, der 6. in der Ahnenreihe, wuchs nach dem Tode des Vaters in Röhrentrup heran und wurde, als die höhere Schule für ihn in Frage kam, privatim von dem Studien-Assessor Hermann Friedrich Middendorp des Detmolder Leopoldinums unterrichtet. Dieser, geb. 20. 12. 1888 zu Münster, vermählte sich am 10. 10. 1924 mit der Mutter seines Zöglings, gab seinen Lehrberuf auf und wurde ein angesehener Gutsherr. Als der Knabe, noch nicht 15jährig, erstmals an einer Treibjagd teilnahm, bekam er furchtbare Leibschmerzen und musste sofort operiert werden. Nach einer erneuten Operation starb er am 7. 1. 1926 in Detmold. Seine Beerdigung ist mir noch in deutlicher Erinnerung. Ein langer Trauerzug bewegte sich nach fast höfischem Zeremoniell, wie es auf den Rittergütern des Landes Sitte war, von Gut Röhrentrup nach Herberhausen. Den Leichenwagen zogen 4 Pferde, je 2 von einem Bediensteten des Gutes geführt. Vielleicht war dies das letzte Mal, dass eine vornehme Gutsbeerdigung in dieser Form stattfand. Als die Mutter des jungen Niemeyer 28 Jahre später als Herrin von Röhrentrup und Herberhausen starb und gleichfalls auf dem Herberhauser Friedhof beigesetzt wurde, zogen nur noch 2 Pferde den Leichenwagen.
Nach dem Tode des Knaben war die nunmehrige Frau Middendorp alleinige Besitzerin beider Güter, und nach ihrem am 17. 11. 1954 erfolgten Ableben erbte alles ihr Ehegatte, der einstige Studien-Assessor Hermann-Friedrich Middendorp.
An dieser Stelle sei einiges über Lage und Größe von Herberhausen gesagt. In der Hauptsache lag das Gut, wie die alte Flurkarte der Feldmark Detmold vom Jahre 1776 zeigt, also zur Zeit der 1. Besitzerin vom Geschlecht der Niemeyers, im Norden Detmolds, zwischen der einstigen Landes-Chaussee nach Lemgo und dem westlich davon liegenden Kommunalweg nach Lemgo als Fortsetzung der einstigen Klüter Straße. Die Ländereien, Wiesen und Weiden kletterten hinauf bis auf die Höhe des Apenberges, und ein ganzes Stück griffen sie sogar noch über die damalige Landes-Chaussee in der Nähe des Ortes Hakedahl nach Osten hinaus.
Als Größe des Gutes wurde im Flurbuch von Herberhausen, das in seiner Eigenschaft als Rittergut bis zum Jahre 1918 eine selbständige politische Gemeinde war, 130 ha 51 ar 41 qm angegeben. Im Ortsverzeichnis des Fürstentums Lippe vom Jahre 1902 steht eingetragen unter der Nr. 538 Herberhausen, Rittergut, 5 Wohnhäuser, 9 Haushaltungen, 20 m., 25 w., insgesamt 45 Bewohner, davon 44 ev., 1 katholisch.

Wohnhaus der landwirtschaftlichen Arbeiter. Quelle: Heimatland Lippe

Nach Otto Preuß „Die baulichen Altertümer des Lippischen Landes“ ist das Gutsgebäude noch mit dem alten Graben umgeben, aber neueren Ursprungs. Gemeint ist das 2. Herrenhaus, das kurz vor der Jahrhundertwende abgerissen wurde. Es soll wie das noch vorhandene Speicherhaus eine doppelte Mansarde gehabt haben und wurde durch einen etwas protzigen, villenartigen Bau ersetzt. Das letzte Stück des Grabens ist erst um 1920 zugeworfen worden.
Zu den erwähnten Wohnhäusern gehörten auch 2 Fachwerkhäuser im nordwestlichen Zipfel des Herberhauser Waldes, in denen Bedienstete des Gutes mit ihren Familien wohnten. Sie sind mir früher immer wie Knusperhäuser aus „Hansel und Gretel“ vorgekommen. Bei einem Gewitter rettete ich mich einst mit flüchtenden Hühnern in das eine hinein und erlebte, wie mit furchtbarem Krach der Blitz in eine kaum 5 m entfernte Eiche schlug. Als ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, sah ich mit staunender Freude, wie blank und sauber es drinnen bei Mutter Hölscher war. Sie war diejenige, die jahrzehntelang den Herberhauser Milchwagen mit ihrem treuen Pferde in die Stadt fuhr, allgemein beliebt war und die Milch der 100-150 Herberhauser Kühe den Detmolder Familien lieferte.
Wenn ich an den nicht großen Herberhauser Wald denke, erinnere ich mich stets dankbar der ungezählten Stunden, die ich sowohl als Jüngling, als auch später durch ein halbes Jahrhundert immer wieder dort verbrachte und fast jedes Mal reich beschenkt heimkehrte. Da lag ich dann wohl stundenlang im dichten Unterholz am munter glucksenden Bach der Sylbecke, erfreute mich am possierlichen Treiben des winzigen Zaunkönigs, lauschte auf das taktmäßige Hämmern des Spechtes, der seine Schwerarbeit verrichtete, dass die Holzspäne nur so flogen, und war auch wohl im Bann der Nachtigall, die ihre kurzen Liedstrophen in immer neuen Variationen sang. Der Waldboden beglückte mich mit den ersten Frühlingsblumen in verschwenderischer Fülle, Buschwindröschen, Schlüsselblumen, Veilchen und anderen mehr. Jedes Jahr fand ich auch dort den giftigen, gefleckten Aronstab mit seinem verlockenden Gefängnis für neugierige Fliegen, die er so lange gefangen hielt und ernährte, bis die Bestäubung geschehen war. Hin und wieder statteten auch ein paar Rehe dem Wäldchen einen kurzen Besuch ab. Sie kamen vom benachbarten Meierberg und kehrten auch dorthin wieder zurück. Eichhörnchen und Hasen erfreuten mich gleichfalls, und einmal kam Meister Lampe gar meinen Schuhsohlen fast greifbar nahe, als er nichtsahnend heranhoppelte und den im Moose liegenden Menschen wohl für einen Baumstamm hielt. Einige Bäume waren mir besonders bekannt und entzückten mich alljährlich im Frühjahr durch ihr erstes, zartes Grün. Nicht vergessen sei die riesenhafte Buche, deren Stamm in 20 Meter Höhe noch die gleiche Stärke zeigt wie am Boden, die ihre gewaltigen Äste kandelaberartig ausbreitet und mir immer wieder ehrfürchtigen Respekt einflößte. Übrigens gab es in meiner Jugend in der kleinen Sylbecke, die am Südrande des Herberhauser Waldes dahinfließt, eine ganz große Seltenheit: austernähnliche Flussmuscheln, die ihre Schalen mit großer Kraft geschlossen hielten, in deren Inneres wir Jungen dennoch hin und wieder mit Staunen hineinsahen. Nahe dem Südrande des Herberhauser Waldes, nach der Chaussee zu, stand eine riesenhafte, etwas klotzig wirkende Steinscheune, die von Bomben getroffen im 2. Weltkrieg zerstört, aber in schöneren Maßen wieder aufgebaut wurde. Ihr angegliedert war eine Mühle, deren gewaltiges Mühlrad noch lange Zeit unbenutzt mein Interesse weckte. Der Mühlenteich verschwand gleichfalls und wurde zu wertvollem Ackerland.
Ganz besonderen Eindruck aber hat mir vom ersten Schauen an der kleine Gutsfriedhof im Walde gemacht. Immer wieder stand ich in der Folgezeit an den Gräbern und Denkmalen, studierte die Namen und Daten der Toten und ließ mir von ihnen eine stumme Predigt halten. Sogar die große, weite Welt war hierhergekommen, denn auf einem stolzen, hohen Denkmal stand:

Gottlob Wasily v. Freimann
Koenigl. Preuss. Obristlieutn.
Inhaber der Eisernen Kreutze

geb. zu Petersburg den 18. Oktober 1780
gest. zu Dresden den 24. Sept. 1830

Friedhof im Walde. Quelle: Heimatland Lippe

Jahrzehntelang wußte ich nicht, in welchem Verhältnis der Tote zu den Besitzern von Herberhausen stand, bis ich im Staatsarchiv in den verdienstlichen Aufzeichnungen Brenkers fand, dass er der Schwager des einstigen Gutsherrn war. Wieviel rührende und aufopfernde Liebe gehörte dazu, den Toten von Dresden in den Zeiten vor fast 150 Jahren zu holen und in der Heimat zu bestatten!
Nahe diesem Denkmal steht ein anderes, wohl das älteste des Waldfriedhofs, das mich immer aufs neue lockte und zutiefst bewegte. Ich entzifferte:

„In dieser Einsamkeit ruhet / die von den Torheiten der üppigen Welt / sich in ihrem Leben schon längst entfernte / und die Pflichten der mütterlichen Liebe / und Treue aufs höchste erfüllte Mutter Rosine Louise Niemeier gebohrene Hornhardt gebohren den 19. Febr. 1731 gestorben den 1. Dec. 1793 Nicht aus Eitelkeit, sondern aus kindlicher Liebe für die würdigste Mutter setzet dieses zum Andenken ihr weinender und klagender Sohn
Friedrich August Niemeier.“

Das war sie, die 1. Besitzerin von Herberhausen. Sie hat mich, als ich noch gar nichts von ihrem Leben wußte, so lange bei Tag und Nacht beschäftigt, bis meine Feder die Skizze „Der alte Grabstein“ Friedhof im Walde schrieb, die u. a. auch in meinem Buche „Geliebtes Lipperland“ steht. Sie war wohl die Veranlassung dafür, dass in der Folgezeit mancher empfängliche Leser einen Pilgergang zum stillen Waldfriedhof machte. Aber noch andere Gräber und Steine dort reden eine stumme Sprache. „Gottes Will hat kein Warum“ steht auf einem dem Hünengrab nachgebildeten Denkmal, das die Gräber der letzten beiden Niemeiers deckt, den Heinrich Christian Eberhard, geb. 24. 3. 1869, gest. 8. 4. 1916, und den jungen Heinz, „unser lieber Junge“, geb. 4. 5. 1911, gest. 7. 1. 1926.
Die ganze linke Hälfte des Friedhofs deckt ein dichtes Grün. Hier ruhen die vielen Namenlosen, die einst auf Herberhausen arbeiteten und starben, die Kinder und Angehörigen der polnischen oder ostdeutschen Saison-Arbeiter, auch geliebt und längst vergessen.

Fachwerkhaus der Gutsbediensteten im Walde. Quelle: Heimatland Lippe

Auf der anderen Seite aber, wo die herrschaftlichen Gräber und Denkmäler sind, auch die der Wirtschafterinnen, die ihr ganzes Leben auf dem Gute verbrachten, liegt ganz an der Seite ein kleiner, rötlicher Findling, der Grabstein wohl eines Flüchtlings, der hier in Herberhausen oder Röhrentrup eine letzte Heimat und Geborgenheit fand. Ich lese: Dr. Walter Gaul t 1944 „Hier laßt mich friedlich ruhn, von hier aus still begleiten euch selbst und euer Tun, bis einst ihr mir zur Seiten.“
Nicht weit von dem Grabstein der Ahnin ruht nun auch sie, die Letzte der Niemeiers, die noch 30 Jahre mit ihrem 2. Gatten, dem einstigen Studien-Assessor Midden-dorp, verheiratet war. Beide haben gewiß eine gute Ehe geführt, sonst wäre Hermann Middendorp nach dem Tode seiner Gattin wohl nicht alleiniger Erbe beider Güter, Herberhausen und Röhrentrup, geworden.
Obwohl er ein guter Gutsherr geworden war, blieb er doch immer ein Wanderer zwischen beiden Welten. Wenn wir uns nach seinem Abgang vom Lehramt gelegentlich sahen und sprachen, die wir einst Seite an Seite am Leopoldinum unterrichteten, konnte er nie genug von der Anstalt erfahren und alle dem, was mit ihr zusammenhing. Etwa 2 Jahre lebte und wirkte er noch nach dem Tode seiner Frau, er starb am 25. 12. 1956, dann bettete man auch ihn ihr zur Seite auf dem Herberhauser Friedhof.
Doch was ward nun aus Herberhausen und Röhrentrup? Weil er kinderlos war, vererbte er Röhrentrup seinem Freunde Walter Flockenhaus, Herberhausen aber seinen vier Geschwistern in Erbengemeinschaft. Der eine Bruder, ein Architekt aus Münster, erbaute nahe dem Herberhauser Walde nach Süden zu an der Landstraße nach Hakedahl eine Siedlung, die heutige Lilienthal-Straße.
Das führt mich dazu, zu schildern und aufzuzeichnen, was während der letzten 50 Jahre vom Herberhauser Gutsbesitz verlorenging und anderen Zwecken diente.
Schon früh verschwand die alte Herberhauser Ziegelei mit den dazugehörigen Tongruben an der damaligen Klüter Straße.
Dann bekam der Fliegerhorst einen gewaltigen Komplex und zwar zuerst für die neue deutsche Wehrmacht unter Hitler den eigentlichen Fliegerhorst links der Lemgoer Chaussee und nach dem verlorenen Kriege das gleichfalls erhebliche Stück für die Familien der Engländer bis zur Siegfriedstraße.
Die Stadt Detmold erhielt Land für die heutige Erika- und Irmgard-Straße, die vorher Braunau- und Donaustraße hießen, nördlich der Sylbecke-Straße nach Westen zu.
Für das Wasserwerk erwarb Detmold zur Errichtung eines Bassins für den nördliehen Stadtteil den Butterkamp am Apenberge rechts der Straße.
Sodann entstand zwischen der Sylbecke-Straße und der Grünstraße ein Industrie-Viertel, wo die Firmen Kanne, Ledermöller und die Edeka sich ansiedelten; desgleichen zwischen Grünstraße und Ernst-Hilker-Straße auch ein solches, wo die Firma Pecher baute und andere nach sich zog.
Nicht vergessen werden aber darf die große Nato-Siedlung links der Chaussee nach dem Apenberge zu und den Berg hinauf. Wo früher die herrlichen Kornfelder das Herz erfreuten, liegen und stehen heute Hunderte von Häusern mit Aberhunderten von Familien, alle auf ehemaligem Herberhauser Gebiet. Und noch immer neue Forderungen seitens der englischen Wehrmacht werden gestellt.
Wie lange mag es dauern, dann ist vom alten, einstigen Rittergut nichts mehr vorhanden. Man mag es bedauern, aber es ist wohl nichts daran zu ändern. Mein Blick geht wieder zum Herberhauser Wald mit seinem ehrwürdigen Friedhof. Wird er wenigstens noch eine Weile bestehen bleiben?
Dieses Herberhauser Gedenkblatt trägt den Stimmungsgehalt wehmütiger Vergänglichkeit, darum beschließe ich es mit einem Gedicht, das ich 1954 nach dem Tode der letzten Gutsherrin schrieb:

Liegt ein Friedhof im Waldesgrün, kenn‘ ihn seit Jugendtagen, habe zu ihm vielhundertmal mein sehnend Herz getragen. All‘ seine Gräber sind mir vertraut und die ehrwürd’gen Steine; sah sie bei Tag und Sonnenglast, sah sie im Mondenscheine. Sagten zu mir manch ernstes Wort: Kommen, Wandern und Gehen schwang darin geheimnisschwer, konnte es gut verstehen. Heute nun will ein neues Grab mitten aus Blumen und Kränzen feierlich schweigend und redend zugleich ihre Predigt ergänzen. „Sieh durch die Bäume das Herrenhaus derer, die abgeschieden! Ganze Geschlechter kommen und gehn.“ Letzte, ruhe in Frieden!

Quelle: Heimatland Lippe 09/1972