Hexenverfolgungen und städtische Gesellschaft im frühneuzeitlichen Lemgo

"Lemgo das Hexennest" - Postkarte aus der Zeit des Hexenfolklorismus

„Hexenjagden“ – zeitlich dicht gedrängte Serien von oft miteinander verknüpften Prozessen – fanden in unterschiedlicher Intensität in den Jahren zwischen 1550 und 1700 in ganz Deutschland und zeitlich versetzt auch in anderen mitteleuropäischen Staaten statt

Lemgo war 1550 bereits lutherisch und behauptete seinen Glauben zunächst gegen einen katholischen und in der 1617 beendeten Lemgoer Revolte gegen einen reformierten Landesherrn. Es verteidigte auch seine städtische Autonomie gegen die vereinnahmenden Tendenzen des entstehenden lippischen Territorialstaates, und diese Autonomie basierte nicht zuletzt auf seiner wirtschaftlichen Kraft.

Gerade die war jedoch gefährdet durch den zunehmenden Bedeutungsverlust des städtischen Marktes und die Entstehung eines Exportgewerbesauf dem Lande, das von aufstrebenden Unternehmern aus Elberfeld betrieben wurde. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Lemgoer Ratsfraktionen, zwischen städtischen und ländlichen Handwerkern, zwischen Lemgoer Kaufleuten, Handwerkern und Hökern um Privilegien und wirtschaftlichen Spielraum. Hinzu kam nach 1600 ein Währungsverfall. Schon bevor Lemgo im Dreißigjährigen Krieg mit Kontributionen und Truppen belegt wurde und mehrfach den Besatzer wechselte, war es hoffnungslos verschuldet und konnte die Bedeutung, die es im frühen 16. Jahrhundert gehabt hatte, nicht wiedererlangen.

Dieser historische Hintergrund verweist auf eine Periode verstärkter sozialer, wirtschaftlicher und politischer Spannungen, die sicherlich durch die Angst vor der immer wieder aufflackernden Pest und vor Kriegshandlungen verstärkt wurden. Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Entstehung von Hexenverfolgungen kann hieraus jedoch nicht abgeleitet werden, denn auch in Staaten ohne beobachtbare Verwerfungen im sozialen und wirtschaftlichen System fanden diese in erstaunlicher zeitlicher Übereinstimmung statt.

Daß krisenhafte Entwicklungen „Hexenjagden“ begünstigten und als Auslöser fungieren konnten, steht außer Zweifel. Andere Momente, die für das frühneuzeitliche Europa und damit für die Zeit der massenhaften Verfolgungen charakteristisch sind, können als Vorbedingungen bezeichnet werden: Die stärkere Verbreitung und Rezeption des gedruckten Wortes und die Entstehung einer persönlichen Religiosität im Zuge von Reformation und Gegenreformation; die Entstehung des Nationalstaates mit einem konfessionalisierten Christentum als politischer Ideologie; Veränderungen in der Rechtspflege;1 Im Gegensatz zum Anklageprozeß ging im Inquisitionsprozeß die Initiative von der Obrigkeit (Amtsankläger oder Fiskal) aus. der Glaube an Existenz und Macht des Teufels und seiner Verbündeten unter den Gebildeten; außerdem der traditionelle Hexenglaube einer bäuerlichen Gesellschaft, der gewissen Personen die Fähigkeit zuspricht, ihren Mitmenschen durch Blick, Berührung oder rituelle Handlungen Schaden zuzufügen – aber auch die, Krankheiten durch Besprechen zu heilen oder zugefügten Schaden wieder „abzutun“.

Gelehrter und traditioneller Hexenglaube und die entsprechenden Strategien zur Kontrolle von Hexerei beeinflußten sich gegenseitig und ergänzten sich insofern, als die Verfolgung von Amts wegenBürgern, die sich als Opfer von Hexerei begriffen, einen legitimen Weg eröffnete, ihren vermeintlichen Peinigern beizukommen; dies war um so wichtiger geworden, als eine traditionelle Form der Hexereiabwehr – Gegenzauber durch Einschalten eines „Entzauberers“ – mehr und mehr
geächtet wurde. Magische Kraft ist ihrer Natur nach ambivalent. Was aber nicht eindeutig gut und damit göttlichen Ursprungs ist, mußte in der Logik der Dämonologen des Teufels sein: Wer Gegenzauber praktizierte, konnte Gefahr laufen, selbst in die Mühlen der Justiz zu geraten. Auf der anderen Seite dienten die als Hexereivorwürfe formulierten Konflikte der Bürger als Zulieferer der Justiz: Schadenszauber an Mensch und Vieh war neben den Besagungen durch andere Hexen das wichtigste Indiz im Inquisitionsprozess.

Postkarte aus der Zeit des „Hexenfolklorismus“

Daß in der Spätphase der Lemgoer Hexenverfolgungen Prozesse geführt wurden, die den Machtinteressen der Ratsclique, ja, der Bereicherung von Einzelpersonen dienten, ist hinlänglich bekannt. Auch in früheren Prozessen lassen Länge und Zusammensetzung der Zeugenliste darauf schließen, ob Mitglieder der Elite ein Interesse an der Verurteilung hatten oder ob ganze Nachbarschaften eine Frau verurteilt wissen wollten. Es bleibt jedoch zu berücksichtigen, daß auch Ratsmitglieder in Lemgos soziale Netze eingebunden waren, wo es selbstverständlich war, Hexerei als Ursprung von Unglückzu benennen und die Angst vor Mißgunst, Haß und Neid als Angst vor Hexerei. Ratsherren hatten indessen einen direkteren Zugang zu den Instrumenten der Macht, wenn sie unliebsame Mitbürger ausschalten wollten.

Beschuldigungen und Prozesse erfüllten wichtige Funktionen in der Gemeinschaft: erstere boten eine Möglichkeit, zwischenmenschliche Konflikte auf der Grundlage des Hexenglaubens zu artikulieren und boten eine Strategie zur Steuerung und Verarbeitung dieser Konflikte, letztere grenzten Außenseiter aus, definierten so die Grenzen der Gemeinschaft und legitimierten den Herrschaftsanspruch der christlichen Obrigkeit. Das Ineinandergreifen beider Elemente führte zur Hinrichtung von über 200 Lemgoer Bürgerinnen. Im folgenden soll an Fallbeispielen aus der ersten Welle massenhaft geführter Prozesse 1628-1637 verdeutlicht werden, wie Verfolgungen funktionierten. In diesem Zeitraum wurden nachweislich 110 Personen der Hexerei beschuldigt oder angeklagt, von denen mit Sicherheit 84 hingerichtet wurden oder während des Prozesses zu Tode kamen.

Am Anfang stand meist ein unspektakulärer Lebenslauf. Eine Frau (Frauen stellten 94,5% der Angeklagten), häufig eine Fremde aus dem Umland (ca. 30%), verließ ihre Familie oft schon im Alter von 12 oder 13 Jahren, um in der Stadt ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein häufiger Dienstherren-, aber auch Stadtwechsel war durchaus üblich, denn dieser Lebensabschnitt als Magd sollte das Mädchen auf möglichst viele Facetten der städtischen Frauenarbeit vorbereiten und ihm zudem Heiratschancen eröffnen. Ein langer und ehrlicher Dienst in einer Stadt begründete nicht nur einen guten Leumund, er schuf auch soziale Kontakte und konnte mit der Herabsetzung des Einkömmlingsgeldes honoriert werden.

Engel Winter, Johan Schoffs Frau, stammt aus der Hasebecke im Amt Brake. Sie ist die Tochter des dort ansässigen Vollspänners Cordt Winter. In Lemgo dient sie in 9 Bürgerfamilien als Magd, zuletzt im Hause des Ratsherren Volmar Duncker, der die Ehe mit ihrem Mann arrangiert und 1631 als Zeuge im gegen sie angestrengten Prozeß auftritt. Johan Schoff und seine Frau, die nach der Heirat ihre Stellung als Magd aufgegeben hat, wohnen auf der Schusterstraße in der Heiliggeist-Bauerschaft. Über Johan Schoffs Beruf ist nichts bekannt. Nach seinem Beitrag zur Kontribution von 1626 gehört er der ärmeren Hälfte der Lemgoer Bürgerschaft an, ohne jedoch zur städtischen Armut zu zählen. Die Angeklagten dieser Periode entstammen allen sozialen Schichten, wobei auffällt, daß die Witwen eher im unteren, die wenigen Männer eher im oberen Bereich der Einkommenshierarchie anzusiedeln sind. Gegen die reichsten Bürger oder deren Frauen (ca. 5%) wird keine Anklage vorgebracht.

Engel Winter betreibt nach der Eheschließung einen Butterkarren und verkauft den erwirtschafteten Überschuß, den ihre Kuh liefert. Frauenarbeit -auch die der Angeklagten – wird in den Akten oft beiläufig erwähnt und scheint eher verdeckt und unorganisiert gewesen zu sein. Neben der Arbeit im eigenen Haushalt, Garten und Stall butterten und spannen Frauen über den eigenen Bedarf hinaus, betrieben mit ihrem Mann zusammen ein Gewerbe, arbeiteten im aufkommenden Verlagswesen als Spinnerin oder Leineweberin, waren selbständig als Hebamme oder Kramerwitwe tätig oder nahmen Gelegenheitsarbeiten – Hausnähen, Kinderhüten, Botengänge – an.

Engel Winter ist darüberhinaus bekannt für ihre Fähigkeit, Krankheiten von Mensch und Vieh zu besprechen, zu „segnen und böten“, wie man in Lemgo sagte. Für ihre Kuren verlangt sie von vierzig Groschen bis zu einem Taler, was etwa 1 /10 dessen ist, was eine Behandlung durch Vertreter der offiziellen Medizin, Chirurgen oder Arzt, kostet. Diese Tätigkeiten üben Frauen augenscheinlich im engeren sozialen Umfeld aus, während Männer einen weiteren Aktionsradius haben und gerade außerhalb ihres Wohnorts tätig werden. Ihre Tätigkeit wird auch selten mit „segnen und’böten“ bezeichnet, sondern bleibt unbenannt.

Es waren keineswegs nur die „Ungebildeten“ oder Armen, die Heilerinnen konsultierten: Kämmerer Herman Bödeker, dessen Frau an Kopfschmerzen leidet, ruft Engel Winter an ihr Krankenbett – vielleicht, weil die „medici“ nicht helfen konnten oder sogar behaupteten, die Krankheit habe keine natürliche Ursache. Solche Zauberkuren wurden oft „in nahmen deß vatterß, des sohnß undt deß heiligen geißtes“ durchgeführt und konnten volksmedizinische Aspekte haben; Gerdrudt Plenger etwa besah den Urin und verordnete „aller-ley gedrencke“. Ihrer Natur nach waren sie jedoch magisch, ambivalent und aus dem Blickwinkel der Elitekultur eher dem teuflischen als dem göttlichen Bereich zugeordnet: Hatte die Behandlung – wie bei Bödekers Frau – keinen Erfolg, so wurde dies leicht dem bösen Willen der Heilerin zugeschrieben, denn „der segnen lernte, der konte auch wol mehr“, wie Zeuge Henrich Sieverdt im Prozeß gegen Engel Winter aussagt. „Segnen und böten“ und Zaubern – das sind verwandte Tätigkeiten.

Von den wenigsten Angeklagten ist bekannt, daß sie magische Kuren betrieben, Schadenszauber aber wurde den Frauen und Männern, die aktenkundig wurden, stets vorgeworfen. Nach der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 wurde nur der mit dem Tode bestraft, der „den leuten durch zauberey schaden oder nachtheyl zufügt“, und wenn auch in Lemgo der religiöse Aspekt des Verbrechens – Abfall von Gott und Teufelspakt – um 1620 bereits an Gewicht gewonnen hatte, so blieb doch neben den Beschuldigungen der Komplizenschaft durch andere Hexen Schadenszauber das wichtigste Indiz für die Schuld des oder der Angeklagten. In einigen Fällen wirkt der Schadenszaubervorwurf konstruiert, in anderen ist aber deutlich zu erkennen, daß eine Nachbarschaft – oft im Verlauf vieler Jahre – eine Frau als die Ursache all‘ ihrer Leiden und Unglücksfälle identifizierte.

Hexenprozesse gingen in der Regel, wenn es sich nicht um einen eindeutig „politischen“ Prozeß handelte, aus Hexereibeschuldigungen und in manchen Fällen aus Privatprozessen hervor, die wegen Rufmord bzw. übler Nachrede angestrengt wurden. Nicht alle Fälle unseres Samples endeten in einem (vom Amtsankläger eingeleiteten) Inquisitionsprozeß.

Den Grundstein des Gerüchts legte meist ein Streit zwischen Menschen, deren Leben in wichtigen Bereichen miteinander verknüpft war: Nachbarn, Verwandte, Konkurrenten, Dienstherren und Gesinde. Am Anfang standen streitende Schwestern, balgende Kinder, geizige Nachbarn und Drohungen oder Verwünschungen im Zorn, die sich anschließend scheinbar erfüllten. Alte Menschen jenseits des fünfzigsten Lebensjahres hatten im Verlauf ihres Lebens reichlich Gelegenheit gehabt, sich Feinde zu schaffen; vielleicht liegt hier auch ein Grund für das überdurchschnittliche Alter der Angeklagten. Frauen, die als streitsüchtig oder scharfzüngig wahrgenommen wurden, kamen schnell ins Gerede: „(…) gehe die Clemmesche mit wicken und segnen umb, und wehre dz gemeine gespräch, daß sie dabei auch zaubern könne, sie auch ein zänkisch weib gewehsen, undt mit den nachbarn sich immer gezanket (…).“ Will man nicht die These vertreten, daß Frauen streitsüchtiger waren als Männer oder daß sie -was immerhin möglich wäre – dazu neigten, Streitigkeiten verbal und nicht handgreiflich auszutragen, so läßt sich annehmen, daß diese Verhaltensweisen gegen geschlechtsspezifische Rollenerwartungen verstießen.

Auch andere Verhaltensmerkmale waren, wenn sie bei Frauen auftraten, für Zeugen bemerkenswert genug, um in ihrer Aussage Erwähnung zu finden: „Fressen und Saufen“, oft gemeinsam mit anderen Frauen; Dominanz gegenüber dem Ehemann; Müßiggang; „liederliches“ Verhalten; unregelmäßiger Kirchenbesuch. Eventuell boten Hexenprozesse auch eine Gelegenheit, weibliches Verhalten, das gegen anerkannte Regeln verstieß, aber strafrechtlich nicht erfaßt werden konnte, zu kontrollieren. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht (mehr) ganz in die Gemeinschaft integriert waren, tauchen ebenfalls in den Prozeßakten auf:
Eigenbrötlerinnen, verwitwete oder alleinstehende Frauen, wunderliche Alte, Arme, die ohne Almosen weggeschickt wurden. War es nicht natürlich, daß diese Menschen ihren bessergestellten Mitbürgern ihr Glück neideten ? Bosheit aber ist die treibende Kraft der Hexerei.

Ebenfalls prädestiniert für eine Hexereibeschuldigung waren Personen, die in der Nachbarschaft bereits Verurteilter lebten, mit Berüchtigten Umgang hatten oder mit Hexen verwandt waren, ganz zu schweigen von denen, die bereits besagt worden waren. Dahinter stand – auf der Ebene der dämonologischen Lehre – der Gedanke, daß eine Art Verschwörung der Diener Satans existierte und daß ständig neue Verbündete geworben wurden. Auf der traditionellen Ebene existierte die Vorstellung, daß magische Kraft vererbbar sei und daß man sie von einem anderen so Begabten übernehmen konnte.

Viele der Angeklagten waren untereinander verwandt oder hatten Verwandte, die anderweitig verbrannt wurden. Ermgard Roleff etwa, die Frau des Töpfermeisters Herman Becker, die aus Duingen stammt, ist die Tochter einer im Stift Minden justifizierten Hexe. Sie erscheint in der Akte als eine sozial unauffällige, fromme Frau, die sich nach dem Tod ihrer Kinder in einer Pestepidemie verpflichtete, täglich Almosen zu geben. Schon zwölf Jahre vor der Anklageerhebung gegen sie ereignen sich Zufälle, die im Zuge der weiteren Entwicklung reinterpretiert werden: Nachbarn erkranken nach dem Verzehr von Lebensmitteln, die von ihr stammen. Jedoch erst 1631 wird sie von der Witwe Anneke Schamhart beschuldigt, deren Mann, Herman Tillil, durch Schadenszauber umgebracht zu haben.

Inzinierung einer Folterkammer im Hexenbürgermeisterhaus. um 1970

Das Verhexen bzw. „Vergeben“ erfolgte immer durch Kontakt der Hexe mit ihrem Opfer. Schon durch einen Fluch, einen Blick, eine Berührung oder durch das Umrühren des Badewassers konnte die Bosheit der Hexe wirksam werden. In diesem Fall ist ein Geschenk, die Wurst, der Träger des Zaubers. Daß es sich hier nicht um eine „Vergiftung“ im strengen Sinn gehandelt hat, wird daran deutlich, daß das Vergraben von Kräutern unter der Türschwelle – die das Opfer überschreiten mußte – als ebenso wirksam galt. Eher tritt hier der ambi
valente Charakter, den Geschenke haben können,
zutage.

Typisch ist, daß die Zuweisung von Schuld im Nachhinein erfolgte, oder, um es anders zu formulieren, daß von der Wirkung auf eine Ursache rückgeschlossen wurde. So auch im Fall der An-neke Sacking: „Und habe es die gelegenheit damit gehabt, das seine dochter llsche zu Zeiten Anneken Saken gelt auf garne gethan (?). Davon sie ein stucke ein Zeitlang schuldig geblieben, und wie sie deßhalben zu verscheydenen mahlen gemahnet, nette sie dasselbe endtlich gebracht, und wie sein hausfrawen dasselbe in die hende erzogen, were ihre die rechte hande zur stunde gantz dick aufgelaufen und schwartz worden gleich einer kröttenhaut“.

Die Reaktion der Beschuldigten hing davon ab, wie die Anwürfe vorgebracht wurden. Geschah dies im privaten Bereich, konnten sie unter Umständen ignoriert werden. Sobald sie jedoch öffentlich formuliert wurden – auf dem Markt, vor dem Fenster der Hexe, vor dem Rat oder gar auf dem Totenbett mußte die Angegriffene ihren guten Ruf verteidi
gen. Sie konnte persönlich mit dem Beschuldiger
in Kontakt treten, ihm anbieten, den Schaden wie
der „abzutun“ oder ihrerseits eine Gegenbeschul
digung vorbringen. Sie konnte ihre sozialen Bezie
hungen aktivieren und ihn durch Vermittler 
„beschicken“. Gelegentlich wurde ein Pastor
eingeschaltet, um zwischen den Parteien zu vermit
teln.

Herman Becker – als Ehevogt seiner Frau – wählt jedoch sofort den offiziellen Weg: Er wendet sich an den Rat und verlangt von der Rufmörderin den Widerruf der Beschuldigung, eventuell, weil er nicht auf die gewachsenen Beziehungen eines gebürtigen Lemgoers zurückgreifen kann. In einem nicht exakt bestimmbaren Maße scheinen Status und Beziehungen innerhalb der Bürgerschaft die Chancen für den Erfolg einer Klage, aber auch für deren Abwehr beeinflußt zu haben, wobei der finanzielle Aspekt natürlich eine Rolle spielte. 1601 gibt die augenscheinlich verwirrte Anna Schoves an, einen Hexentanz beobachtet zu haben, an dem neben anderen angesehenen Bürgern Alexander Grothe, der gräflich-lippische Hofrichter, teilgenommen haben soll. Die Beschuldigten erwirken gegen Kaution eine Inhaftierung und verklagen die Frau. Das Resultat ist die Verurteilung der Anna Schoves als Hexe. Sie wird – es handelt sich um einen frühen Prozeß – ausgepeitscht und des Landes verwiesen .

In diesem Stadium der Auseinandersetzung, das sich auf informeller oder privatrechtlicher Ebene abspielte, war also unklar, ob der Konflikt eskalierte oder wer von den Beteiligten als Hexe identifiziert wurde. Viel hing davon ab, wie sich das Gerücht innerhalb der Bürgerschaft entwickelte, ob und wie die vorgeschlagene Rollenzuweisung akzeptiert und weitergetragen wurde.

Augenscheinlich verbreitete sich das Gerücht im Falle der Ermgard Roleff weiter. Anläßlich eines Marktbesuches in Detmold im Juni 1632 übernachtet sie bei der Witwe Hillebrandeschen; das beabsichtigt auch Anna Hövener, die Witwe Hanß Lesemans. Da die Hauswirtin nicht genügend Schlafstellen hat, bietet sie den beiden Frauen an, ein Bett miteinander zu teilen. Anna Hövener lehnt dies ab und sagt, sie wolle bei Herman Bitter übernachten, beginnt jedoch, wohl weil sie sich durch die eine wie die andere Alternative zurückgesetzt
fühlt, die Töpfersfrau vor den Anwesenden als eine in ganz Lemgo verschrieene Zaubersche zu beschimpfen. Bedeutsam ist die Anwesenheit etlicher anderer Lemgoer: die Öffentlichkeit der Heimatstadt ist hergestellt.

Auch diesmal wendet sich Herman Becker an den Rat. Er bittet, die Witwe Leseman zu einer Stellungnahme zu bringen und verlangt die stattliche Summe von 400 Talern als Schadenersatz. Der Rat läßt sich beinahe drei Monate Zeit, ehe er tätig wird; eventuell wurden in dieser Zeit bereits Voruntersuchungen über die Verbreitung des Gerüchts angestellt. Zehn Tage nach der Ladung der Anna Höve-ner vor den Rat kommt es bereits zur Generalinquisition, der Zeugenvernehmung, die im Vorfeld des Inquisitionsverfahrens durchgeführt wurde. Hier sagen neben Anneke Schamhart andere Bürger aus, die Ermgard Roleff als Urheberin ihres Unglücks betrachten. So beschuldigt etwa Johan Reihttmejer seine Meisterin, die Schuld am Mißlingen eines Brandes Tonware zu tragen.

Meist waren es Nachbarn und langjährige Bekannte, seltener auch Verwandte, die Unglück und Rückschläge als magische Attacken begriffen. Auch Abhängigkeits- und Konkurrenzverhältnisse innerhalb der Bürgerschaft scheinen eine Basis für Hexereibeschuldigungen dargestellt zu haben, sind in den Akten jedoch seltener faßbar.

Im Falle Roleff entschließt sich der Rat ein Verfahren von Amts wegen einzuleiten und stützt sich dabei auf die folgenden Indizien: Besagung durch justifizierte Hexen, Zeugenaussagen über Schadenszauber, Abstammung von einer Hexe, Umgang mit berüchtigten Personen. Eine Anklageschrift, die die Vorwürfe enthält, wird erstellt und der Angeklagten vorgelesen, ihre Antworten werden notiert. Ermgard Roleff leugnet die ihr vorgeworfenen Vergehen, wie fast alle anderen Angeklagten auch.

Obwohl der Glaube an Hexen weitverbreitet war, konnte kaum eine Frau sich mit dieser Rolle identifizieren : Hexen – das sind die anderen. Es folgt die Konfrontation mit zwei Frauen, die sie auf der Folter besagt haben und die die Beschuldigungen nun in ihrer Anwesenheit wiederholen müssen. Da sie weiter leugnet, wird sie zur Wasserprobe geführt – die von den meisten Angeklagten gewünscht wird -, anschließend in einem Turm inhaftiert und an vier aufeinanderfolgenden Tagen der „peinlichen Frage“ unterzogen.

Auf der Folter gesteht Ermgard Roleff Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Abtritt von Gott, die ihr zur Last gelegten Malefizien und vierfachen Ehebruch. Dieses Geständnis ist die Regel. In Lemgo wurde die Folter exzessiv angewendet, was allgemein bekannt war: „(…) die Hagedomsche sich beclagt, daß M(eister) Dieterich (der Scharfrichter, d.V.) die leute zuviel und zustarck angrife, daß sie ofte mehr bekennen musten, alß sie gethaen heften“.

Allein in den 9 Jahren zwischen 1628 und 1637 starben vierzehn der neunzig Angeklagten, die in Inquisitionsprozesse verwickelt wurden, auf der Folter oder durch Selbstmord, bevor das Verfahren beendet werden konnte: Der Teufel hatte ihnen den Hals zerbrochen, hieß es. Gab es im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch die Chance, sich durch beständiges Leugnen von den Vorwürfen zu reinigen und mit gebrochenen Gliedern, aber immerhin lebendig davonzukommen, so war dies in der ersten großen Verfolgungswelle bereits chancenlos. Auch dies war in der Stadt bekannt, spätestens seit dem Verfahren gegen Anneke Pladieß, eine Insassin des Armenhauses. Aufgrund eines Rechtsgutachtens wird sie 1628 nach dreimonatiger Haft entlassen. Fast unmittelbar nach ihrer Entlassung werden jedoch neue Schadenszaubervorwürfe gegen sie erhoben, und zwar von Herman Niemans Frau, die die Inhaftierte im Turm mit Essen versorgt hatte. Sie gibt an, sich durch den Gestank der alten Frau eine Ohrenkrankheit zugezogen zu haben. Der Rat fordert insgesamt fünf Rechtsgutachten an, bis endlich die Universität Rinteln eine erneute Inhaftierung und Folterung gutheißt. Zwei Wochen später stirbt Anneken Pladieß auf der Folter, ohne gestanden zu haben .
Für viele Frauen führten Folter und erzwungene Geständnisse zu seelischen Krisen, die gekennzeichnet sind durch verschiedene Aspekte. Zu Beginn der Verhöre stehen oft tiefe Religiosität und Selbstvertrauen, das durch die Folter ins Wanken geraten konnte. „(…) M(eister) Dieterich die beinschrauben angesetzet und gebunden, sie geruffen, Gott gebe, daß ich so eine frauwe sei und das der teuffei von ihr weiche (…) sie wußte gewiße, sie were keine teuffelshure, wo sie eine sei, so thue Gott ein zeichen (…)“. In diesem Zitat scheint die Frau ihrer eigenen Selbstwahrnehmung nicht mehr zu trauen und hält es für möglich, daß sie die Hexe ist, die andere in ihr sehen. Dies ist jedoch ein Einzelbeispiel. Viel öfter wurde die Angst artikuliert, durch eine Lüge die eigene Seligkeit zu gefährden und die Zukunft der Kinder zu zerstören; auch die Angst, durch erzwungene Geständnisse Mitbürger zu belasten, stand im Vordergrund. So sagt Lineke Winter bei der Befragung: „(…) sie wehre in der herren hande, man muchte sie umbbringen, sie wüste nichts, sie wollte ihren negsten nicht beflecken (…)“.

Diese Angst führte zu Widerrufen der Geständnisse nach Beendigung des Verhörs, obwohl es dann bekanntermaßen zu einer erneuten Anwendung der Folter kam. Manche Frauen beruhigten ihr Gewissen, indem sie die Schuld an die Folterer weiterverwiesen : „Ein zwungen eidt ist Gott im himmel leidt“, sagt Lißken Klöpper .

Angst – dieses Gefühl breitete sich in Lemgo aus und scheint in den Verfolgungswellen das soziale Klima in der Stadt bestimmt zu haben. Gerade das Wissen, daß es kein Entrinnen mehr gab, wenn die juristische Maschinerie einmal angelaufen war, hatte diesen Effekt. Solange magische Kraft als ambivalent angesehen wurde, ein Privatprozeß für viele Menschen zu teuer und riskant und Zauberei kein Verbrechen mit ideologischer Komponente war, lebte man mit Hexen:
Hexereibeschuldigungen endeten womöglich in Isolation oder Verweisung des oder der Angeklagten, nicht selten nahm man aber ihre/seine Dienste dennoch in Anspruch, und die Furcht vor wunderbaren Kräften konnte auch ein Schutz für schwache Personen sein: Die achtjährige Lisabeth Dickmeier beispielsweise behauptete, Kindern vergeben zu können, die ihr etwas zuleide täten.

Hexenprozesse gingen aus dem sozialen Kontext hervor, sie wirkten jedoch auch auf diesen zurück und beeinflußten ihrerseits soziale Beziehungen. Das Axiom, nachdem Hexen sich in „Rotten“ quasi militärisch organisierten und nach dem jede Hexe Komplizen und Komplizinnen hatte, führte dazu, daß Kinder und Geschwister, Ehemänner, Nachbarinnen und Freundinnen von Angeklagten in panischer Angst lebten. Aussagen zugunsten einer Angeklagten waren daher ausgesprochen selten. Es hieß schon viel, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin betonte, er oder sie wüßte nichts Böses zu sagen – was immerhin bedeutete, daß er oder sie das kursierende Gerücht ignorierte.

Für die Familie gab es im Prinzip zwei Möglichkeiten : die Solidarität, die in dieser Verfolgungsperiode nur darin bestehen konnte, mit der Angeklagten zusammen die Stadt zu verlassen, solange dies möglich war, oder aber die Distanzierung im Rahmen des gebotenen Anstandes, der sich oft auf die Supplik um Begnadigung zum Schwert reduzierte. Kinder sagten sich von ihren Eltern los, verweigerten ihnen Unterschlupf und denunzierten sie; Ehemänner distanzierten sich von ihren Ehefrauen; Großmüttern wurde der Kontakt zu ihren Enkeln verboten; Frauen begannen sich in ihr Haus zurückzuziehen oder überall ihre Unschuld zu beteuern. Die Verdächtigten wurden mehr oder minder isoliert: sie bekamen keine Arbeit mehr bzw. verloren Kundschaft; sie wurden ausgeschlossen von nachbarschaftlichen Hilfeleistungen, Gastmählern und Tauffeiern; potentielle Schwiegersöhne lösten die Verlobung mit ihren Töchtern; sie wurden auf der Straße körperlich angegriffen und beschimpft :„(…(haben die jungens auf der gassen ihr nachgeruffen: Hartesche, willen sie auch noch nicht brennen?; sei sie Stil stehen blieben und die jungens angesehen und weggangen und habe wol gesagt: Ach, was ist es kaldtl, die leute gesagt: Die Hern wollen ein groß feuwr machen lassen, da wollen sie die frauwens bei wermen.“.

Die Verdächtigung oder Verurteilung einer Frau wirkte sich unmittelbar auf die Familie aus und konnte ihren Status gefährden. Daß Hermann Cothman, der Hexenbürgermeister, der Sohn einer als Hexe verbrannten Mutter war, mag erklären, warum für ihn die Verfolgung dieses Verbrechens -und damit die Distanzierung hiervon – zur Obsession wurde. Die Frage, ob Beschuldigungen gezielt eingesetzt wurden, um relativ gefahrlos eine Familie zu diskreditieren, muß zunächst offenbleiben.

Offensichtlich ist, daß die Angst vereinzelnd wirkte und besonders die Beziehungsgeflechte, die zwischen Frauen existiert hatten, zerstörte. Sie hatte einen disziplinierenden Effekt und wurde von der Obrigkeit instrumentalisiert. Leute, die „den hern auf den fußen“ standen, liefen Gefahr, bei der nächsten Zeugenvernehmung auf der Namenliste zu stehen, die die Folterer ihren Opfern vorlasen. Die alleinstehende und „leichtfertige“ Greteke Dierking sagt aus: „(…) der secretarius Deichman hette ihr oftmals gemahenet, sie solle aus der stath weichen; aber sie hatte sich nicht schuldig erkant, darumb sie alhie geplieben“, und der Scharfrichter Dieterich Claus droht Goste Schmeding, die ihm kein Bier ausgeben will, „er wolte noch 5 thaler an ihr vordienen“.

Die von den Angeklagten Besagten wurden nicht alle in Prozesse verwickelt; eine gewisse Häufung der Nennung in Geständnissen scheint erforderlieh gewesen zu sein, zudem traf der Rat die Entscheidung, welche Fälle weiter verfolgt wurden. Bezeichnenderweise sind 94,5 % der Angeklagten, aber „nur“ 89,9 % der Besagten weiblich.

Der Blick auf die sozialen Beziehungen in Lemgo beinhaltet den Blick auf die Obrigkeit. Hexenprozesse waren ein effizientes Mittel, eine „law-and-order“-Krise zu bewältigen, denn sie ermöglichten es dem Rat, die Feinde Gottes in der Gemeinschaft zu identifizieren; er konnte so die Macht über die Definition von Moral und Frömmigkeit, aber auch die Fähigkeit, das Böse zu eliminieren, demonstrieren.

Daß der Hexenprozeß nicht nur ein mächtiges Mittel der Machtausübung, sondern auch der Machtdemonstration des Rats war, wird an zahlreichen Stellen der Überlieferung klar. Eine Angeklagte wird aufgefordert, „Gott die ehre und der obrigkeit den gehorsahmen“ zu tun . Hexerei bekam den Anstrich des Staatsverbrechens. Eine Angeklagte starb laut Anklageschrift, damit „(…) unglügk von dieser Stadt gewendet, und andere ein exempel daran sehen mögen“. Wie wichtig dies auch in Abgrenzung gegen die erstarkende Landesherrschaft gewesen zu sein scheint, wird in Disputen deutlich, die darum kreisten, in wessen Namen die Exekution anbefohlen werden sollte: Macht über Leben und Tod – das war die Essenz der obrigkeitlichen Gewalt .

Nicht immer blieb diese Selbstilisierung des Rats unwidersprochen. In einem frühen Prozeß – ein veritabler Zauberer, Balthasar Wißman, steht vor Gericht – beginnen Bürger beim öffentlichen hochpeinlichen Halsgericht, als der landesherrliche und Stadtrichter das von beiden Räten gefällte Urteil verkünden will, zu protestieren: „Wan der kerl gelt hette, so soll es woll anders hergehen (…) Wir sein noch zusahmen burger, es muste ja so eilig nicht hergehen“27. Dieses Zitat, in dem die Ratsherren auf den Ursprung ihrer Macht, die Bürgerschaft, hingewiesen werden, stammt aus dem Jahr 1625, dann wurde für lange Jahre solche Kritik nicht mehr aktenkundig. Erst als in ganz Deutschland Hexenverfolgungen in Frage gestellt wurden, setzte auch in Lemgo Widerstand ein -gerade auch, weil ihr zunehmend zerstörerischer Effekt auf die Gemeinschaft deutlich wurde. Interessanterweise konnte die Kritik nun ihrerseits als Hexereivorwurf formuliert werden. So sagt Henrich Kulman 1667 über Ratssiegier Kuckuck, einen berüchtigten Hexenjäger: „Kuckuck und dessen frawe konten beide hexen, da wolle der eine teufel den andern außtreiben“.

Diese Äußerung identifiziert in Umkehrung des bisher gültigen Schemas die Hexenverfolger statt der Hexen mit dem Satanischen. Sie ist soweit nicht entfernt von Erklärungsansätzen, die auf der Seite der Herrschenden Korruption und Perversität, zynischen Umgang mit der Macht oder, seltener, Fanatismus als den Nährboden ausmachen, auf dem sich Hexenverfolgungen entwickeln. Das Volk – rückständig und abergläubisch – wird zum Opfer oder verblendeten Helfershelfer stilisiert, und erst die Genese der logischen Mentalität seit der Aufklärung bereitet diesen Mißständen ein Ende. Solche Denkmodelle greifen unter anderem zu kurz, weil sie die Funktionen, die Hexenglaube und Hexenprozesse in der frühneuzeitlichen Gesellschaft übernahmen, übersehen. Sie verweisen auf moralische und Bildungsdefizite, statt gesellschaftliche und politische Bezüge offenzulegen. Sie konfrontieren uns mit exotischen Horrorszenarien, mit denen wir als aufgeklärte, moderne Menschen nichts zu tun haben, und versperren uns so den Blick auf Funktionen und Hintergründe moderner „Hexenjagden“.

Quelle: Ursula Bender-Wittmann –  Stadt in der Geschichte  – 800 Jahre Lemgo

Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo