Horn-Bad Meinberg – Zick-Zack-Fahrt durch Lippe“ (1954 – 1958)

Die Silbermühle in Leopoldstal. Ludwig Menke 1875

Jeden Samstag, als Wochenend-Lektüre zum nostalgischen Schmunzeln, veröffentlichte August Meier-Böke seine bebilderten Dorfbeschreibungen, in insgesamt 204 Folgen ohne Unterbrechung. Am 24. April 1954 begann er die Serie mit dem „längsten Dorf in Lippe“: Augustdorf. Und als die Artikelfolge am 22. März 1958 mit Meier-Bökes Heimatdorf Langenholzhausen zuendeging, erlebte ihr Autor selbst dies nicht mehr mit: Er starb am 31. Oktober 1956, hatte jedoch zuvor die Manuskripte für alle Dörfer fertiggestellt.

Horn – Stadt der Ackerbürger

Durchgangsdeelen wie auf dem Dorf – „Liebe du mig wie ich dig“ – Kühe aus dem „Briusebusk“ blasen

Wir steigen Nordstraße aus und sind gleich „vor Ort“ Noch sieben Ständerhäuser mit Niederntüren allein auf der Südseite! Die „Utluchten“, Erkerausbauten, an Haus Nr. 10 (1831), Nr. 20 (1731) und Nr. 24 (1710) sind ganz wie die „Vorklapps“ vor dörflichen Leibzuchten und Einliegerhäusern, praktisch, raumstreckend, anheimelnd. Wir treten in eine der Stuben. Man kann wirklich „auslugen“. Die eine „Utlucht“ läßt der nächstfolgenden immer den Vortritt. Hernach, in der Heer- und Burgstraße, lernen wir noch viele kennen, die schönste, geräumigste im Hause Pfuhlstraße Nr. 11 von 1735, deren Oberstock (nach oberweserischer Art) mit Ecksäulchen abgefast ist.

Die Deelen gehen bis zum andern Ende durch. Durch eine „Böwerndür“ treten wir ins Freie. Wir begreifen, warum die Ackerbürger das Durchgangsdeelenhaus, die Kleineleutewohnform, gewählt. Die „Worten“, die der Landesherr, noch vor der Mitte des 13. Jh., als Hausplätze, entlang dem Hellweg, ausmessen und gegen „Wortzins“ und „Morgenkorn“ zugewiesen, den Nachfahren derer, die zu „Hornon“ schon ums Jahr 1000 eine „Bauernschaft“, 1177 ein „Dorf“ gebildet, sind beengt. Das Fletthaus, das große kreuzschiffige Meierhaus, wäre zu weiträumig, für seine Seittüren keine Verwendung gewesen. Wir unterscheiden Vierständer mit Mittellängsdeelen, Dreiständer mit Seitdeelen und erkennen die seitlichen Gelasse, Läden, Lagerräume, Werkstätten als gewesene Ställe. Bauer August Lange sah noch die Kühe ihre Häupter durch die offenen Klappen auf die Deele recken. Das Küchenfach ist eingeschossig, ist der alte Räucherraum, die ländlichen „Ossen“. Oma Feilensiek hat noch Schinken und Speckseiten im Rauch hängen.

Wir wundern uns eigentlich nur, daß so wenig Häuser vor 1700 gerichtet, soviel aber (in der Nordstraße allein 4) Anno 1731. Die Häuser selbst geben Antwort. Wir lesen Nr. 30: „Anno 1730, den 12. Oktober ist das vorige Haus vergangen in dem Brandt, Anno 1731, den 24. Mai wieder aufgebaut durch Gottes Hand.“ Ähnlich Nr. 20. Nr. 22 (und Nr. 32, 1695) warnen; „sich des morgenden Tages zu rühmen“. Schon 1462 hatte ein Schadenfeuer im Umkreis der Burg 26, 1864 ein noch folgenschwereres (in drei Stunden!) 54 Häuser mitsamt dem schönen Rathaus zerstört und die Landesbrandkasse 60.000 Taler gekostet!

Eckhaus in der Nordstraße in Horn

Eckhaus in der Nordstraße in Horn

Der Betrachtung der Giebelfronten verpflichtet, erkennen wir nun Horns Besonderheiten, Abneigung gegen Brüstungsplatten unter den Fenstern, Vorliebe für pflanzlichen Schmuck. Die Füllhölzer zwischen den Stichbalken sind (immer von der Mitte aus) überrankt, ebenso die aufgehenden Ständer und die Schwellhölzer des Giebeldreiecks. Meine Mädel, die Vorlagen für Stoffentwürfe suchen, freuen sich der schönen Lösungen an den Hläusern Nordstraße 28 (etwa 1731), Burgstraße 27 (1663) und 23 (1725), stellen fest, dort „abstrakte Kunst“, nicht unähnlich der gegenwartsberühmten: wurstige Gebilde, deren warzenähnliche Auswüchse vermutlich als Blätter und Trauben gemeint sind.

Vor Nr. 4 lesen wir (1613): „Du werst di nehren diner Arbeit, Ps. 123″. Und im schon durchwachsenen Platt: „In Ern, from un unvermetten werd oft vorgundis (vergönntes) Brodes gegetten“. Das ist echt bäuerlich gedacht und gesagt; obschon der Nachbar von Nr. 28, wenig bäuerlich, weil lebensfremd auffordert: „Freie di wens mir wohlgeht!“ Vergessend, daß zum Mitleid ein Mensch, zur Mitfreude ein Engel gehört. Nordstraße 20 (1731) zeigt eine Sonnenuhr, den Regulator des bäuerlichen Tageslaufs. Burgstraße 20, das „Johann Anton Friedrich Flake aus Schmiedissen und Anna Elisabeth Kochs aus der Breen, Amt Schötmar, 1794″ richten ließen, nennt einmalig im Ort, auch den richtenden Zimmermeister, wie immer die dörflichen Inschriften. Aber noch duftet der Name Heerstraße = Hagenstraße nach grünen Hecken, riecht „Pfuhl“straße nach Dorfteich. Noch 1945 strichen die Mäher am Tage der Anmaht die Sensen auf Geisen Deele, 1908 wurden die „Möggedaginnklapper“ wegen „nächtlicher Ruhestörung“ gerichtlich belangt, in Bauer Langes Kindheit zu „Sünne Peider“ der Hirtenwechsel mit Peitschengeballerse und Bauermeisteressen vollzogen. Karoline Plöger, geb. Jöstingmeier, tutete mit Vater und Bruder die städtischen Kühe, einige hundert noch, früh um 4 noch aus den Ställen, „krönte“ das Weidevieh noch zu Mittsommer. Bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts trugen die Melkmädchen die Eimer auf Loben kopflastig in die Stadt. „An einem Tag im Mai“ (Isermann 1890) wurden sie von der Stadtkapelle aus dem „Briusebusk“ geblasen. Groten Hermann, Tillen Frederken und Ausscheller Dinger sind eher dörfliche als städtische Originale, und der Giebelspruch, den „Johann Kordt Lahmann und Kattrina Magdalena Meiers 1731″ anbringen ließen: „Liebe du mig wie ich dig“, ist Ausdruck friedlich-ackerbürgerlicher Ehegemeinschaft. Schon dieses lieben Spruches wegen müssen wir es lieb haben, das „lütche Horn“, die Stadt der Ackerbürger.

Horn – Stadt am Knotenpunkt

Erzählgut weist Fernstraßen aus – Burg als Wächter am Übergang – Ackerbürger weltzugewendet

Der Sand mahlt unter meinen Sohlen. Ich stapfe vom Kreuzkrug die alte „Cölnische Landstraße“ nach der Großen Egge hinan. Rechtsoben droht der „Mordkopf“. Dort sollen Straßenräuber, „ihrer dreißig“, einmal ein Horner Mädchen gefangen gehalten haben. Schließlich hat es dem Schandpfahl am Markt (so schrieb Carl Isermann), dem Prellstein vor Süncklers Haus (so sagte Luise Knappmann), dem Ofen von Kaufmann Weeke (meinte Aule Richts) sein Leid geklagt. Worauf das Rott der Schlachtschwertierer es befreit.

Oben schartet der Weg den Kamm, mehrgleisig, tief, eindrücklich. Ich erinnere die Geschichten vom „Schimmelperd“ und dem „Ewigen Fuhrmann“, die mir August Winkel, die von „Gläserner“ und „Goldener“ Kutsche, die mir August Stollmann erzählt. Auch dem „Bummelhund“ sind hier viele begegnet und dem „Mann ohne Beine“, der doch so „unweiss“ hat laufen können. Eggean und eggeab sind all diese Obskuranten gegangen, gelaufen oder gefuhrwerkt, immer in Richtung der uralten Straße. Drüben heben sich die Externsteine über den Teich. Die Geschichten von mönchischen Wegelagerern, die noch umgehen, verstehe ich von hier, vom Fernverkehr aus. Weiter stadtzu stand einst die gewaltige Eiche, unter der einmal ein Wanderer erschlagen und durch eine Bötefrau wieder auferweckt sein soll. Rechtsunten, in den Bleichwiesen, hat der „witte Schimmel“ nächtens die Waschmädchen geängstigt, und irgendwo hier hat ein Bulle aus der Burg die „ersten Tatern“, die dieben wollten, „auf den Weg“ gebracht.

1668 datiertes „Ackerbürgerhaus

1668 datiertes „Ackerbürgerhaus“ in Horn

Vor der Burg, der nun oberstocklosen, turmlosen, mühe ich mich um die älteste, gotische Inschrift des Landes, die beurkundet, daß „Bernhardus nobilis“ sie 1348 bauen und vollenden ließ. Die Burg zu Kohlstädt, der „Borgfreden“ von Oesterholz fallen mir ein, Paßhüter auf der anderen Seite. Nördlich der Stadt verläuft der „Hämelweg“ über „Kreuzenstein“ und „Fissenknick“ auf Blomberg und Barntrup zu, der Vahlhauser über Billerbeck und das Emmertal, auch in Richtung Hameln. Ostwestlich zieht die „Lemske Föhr“ auf Lemgo und Bielefeld zu. Auf der „Nordstraße“, vor dem Hause von Schuhmacher Spruthe, haben sie (die Hexenmeister!) oft die Fuhrwerke „stehen“ lassen. Östlich verlief die „Föhr“ über Rothensiek und entlang dem „Driftenberg“ über Sandebeck nach Höxter. Der „lüttke Aule“ kam sie in der Mainacht selbander viererlang gefahren. Und schließlich noch der alte Eisenhüttenweg, zangenbachtal- aufwärts altenbeekenzu und der noch ältere Kammweg, der Eggehöhenweg. Sie alle kreuzten in Horn ein, seiner Burg, der Spinne im Wegenetz.
Später, angesichts des alten, schönen Mauerturms auf der Ostseite, gedenke ich der Kriegsstürme, die diese verkehrsreiche Stadt umtobt, der Eversteinschen von 1407, der Böhmischen, 40 Jahre danach,der spanisch-niederländischen, die „Johann Megger und Isa Vervodt, sin Fru“ 1599 im Türsturz ihres Hauses bezeugten, der Stürme des Siebenjährigen, 1761, als „43 tote Franzosen und 9 tote Teutsche sowie 8 blessierte Gemeine“ vor dem Mauerring gelegen. Und ich begreife hernach, im Schatten der schönen, dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, deren Unterturm noch romanisch Vierständer von 1840 mit späterem Vorbau in Horn ist, das alles schicksalhaft aus der besonderen Verkehrslage der Stadt. Auch die Besonderheit der berühmten „Hornschen Bürgertreue“ und die der nicht minder berühmten „Schlachtschwerter“, die Zweifäuster, die Notwendigkeit nicht der Ackerbürger, sondern der Bürger einer verkehrspolitischen Schlüsselstellung. Meine, diese Kirche, ursprünglich dem Täufer Johannes geweiht, müsse auch darum sehr alt sein, älter noch als die Stadt; man pflegte die ältesten Gotteshäuser bevorzugt an den verkehrsreichsten Orten zu errichten. Und mir deucht, als ob auch in den Persönlichkeiten weltbürgerlichen Formates, die Horn, Ackerbürgerstadt an sich, geschenkt, als ob in Franz Hausmann und Heinrich Schierenberg, (die in der Frankfurter Paulskirche für Recht, Freiheit und Fortschritt gestritten) und in G. A. B. Schierenberg (dem letzten „in den Kump geschossenen“ Bürgermeister, der die Belange der Heimatforschung mit allen ihm seinerzeit gegebenen Mitteln gegen die gesamte damalige Gelehrtenwelt, selbst gegen einen Mommsen und Ranke zu verteidigen sich bemühte), etwas von der Weltoffenheit der einstigen Verkehrslage aufleuchte, mitschwinge, Fleisch geworden sei. Und die „Lachsfreeter“? Ja, nun, Horns volksepisches Spezifikum, gesprossen aus einer Fastnachtslaune derer, die Anno 1643 den Hamelner Lachswagen erleichterten, ist schließlich auch zu danken der verkehrsgeschichtlichen Tatsache, daß solche Wagen die Stadt einst durchfuhren, Horn, die Stadt am Knotenpunkt.

Holzhausen – halb Dorf, halb Gästesiedlung

Leineweberkotten unter der „Vogeltaufe“ – Holzhäuser „Kuckucke“ – „Winkel in’n Locke“ – Sterbendes Höfetum

„Berlebeck und Holsen, dat hänget euns int annere“, hatte Luise Knappmann, geb. Büxe, 1946 gesagt. Heute, 1956, 10 Jahre danach, wo ich wieder des Weges komme, stelle ich fest, daß sie recht gesagt: die gleichen Schwarzweiß-Häuser, hüben wie drüben, Behausungen einstiger Hoppenplöcker und Leineweber, vom „Stemberg“ bis zur „Vogeltaufe“. Wie Schwalbennester kleben sie am Hang, wegentlang, stufenförmig, mit und ohne Anklapp, Vörklapp, Backs und Stallbeigabe. Damals hatte ich sie und Henriette Knappmann, geb. Fellensiek, in Oma Schrahes Stube zusammengebeten. Die drei hatten „gesponnen“ wie die Nornen, Schicksalsfäden aus „Aulingstuien“: vom „Goldfeuer“, das im „Silberbusch“ zwischen den Tagen gebrannt und das die drei Brüder Branding reich gemacht; vom „Swatten Rüen“, der oben bei Oberjaspers, vom „Esel ohne Kopf“, der unten im Dorf „bemött“ (in Wirklichkeit ist es Totmanns Ziege gewesen!); vom „Feuerrad“, das von der Falkenburg her die Vogeltaufe hinuntergerollt; vom Brand der Burg auf dem „Sengebuil“; von der Leiche, die ein neues Laken hat haben wollen, weil ihres von der Schlachtung auf der Deele betropft wäre.

Haus Schae mit Durchgangsdeele uon 1619 und reich beschnitztem Torbogen im Vorbau uon 7744, Holzhausen E Nr. 13

Haus Schae mit Durchgangsdeele uon 1619 und reich beschnitztem Torbogen im Vorbau uon 7744, Holzhausen E Nr. 13

Fuhrmann August Winkel, der 84jährige, und Aule Bäcker Plaß waren hinzugekommen. Lustig Seemannsgarn war nun gesponnen: vom Wilderer „August“, der, als er schon verstorben, seine Flinte von „Kathruinken“ seiner „Frubben“ nachgeholt hat für die ewigen Jagdgründe; der aber ein ganz Schlauer, in Wirklichkeit Augusts „Jagdfreund“, gewesen ist. Die Förster haben seitdem auf ein Gewehr mehr aufpassen müssen. Ja, und vom „Möggedaginklappen“ hatten sie geklöhnt, von Gerbes Willem, Winkels Knecht, der es immer am besten gekonnt, und davon, daß er, Fuhrmann Winkel, der selbst immer vor den Häusern Kinderloser feste mitgeballert, es sich hernach, als er selbst verheiratet und zuerst kinderlos geblieben, hatte gefallen lassen müssen, daß sie vor seinem Hause ganz schrecklich zuklange gegangen. Von den „Holzhäuser Kuckucken“ wußten sie hundert Geschichten, wie es zu dem alten Ulk- und Ekelnamen gekommen: nämlich mit E Metzger Haverbeck, der zwar keine Katze, aber eine Eule (statt des gekohlten „Kuckucks“) im Sack gekauft (von den Holzhäuser Holzhacker es zum „Kuckucksmarkt“ und „-ball“ gekommen und zur Durchfütterung des „Kuckucks“ im Winter; wie zu „späten Frühjahren“, wenn sie ihr. „Kuckuck“, beim „Schneider in die Kost“ gegeben d. h. schlecht gefüttert; warum der Zuletztheiratende ihn mit Eiern hat füttern müssen; wann einmal mit den Schlangener Rekruten bei Fricke am Externstein zu einer so gefährlichen Wämserei gekommen (die hatten die Holser angekuckuckt) daß der Knappmannschen ihr Mann sich nur mit Mühe durch das Fenster hatte retten können. Heute stehe ich rätselratend wieder vor der „Kuckucksburg“, oben im Ort, die eine Sippe namens Kuckuck bewohnt. Ist sie „ätiologisch“ mit schuld an der Kuckucksgeschichte? Drüben, das Fachwerk von Nr. 2, 1725 gerichtet, ist nicht schlecht. Oberjaspers Vierständer von 1769 weiterhin ist sogar schön. Haus Nr. 39 von 1596 ist das älteste. Aber Oma Schrahes Haus ist das schönste und interessanteste im ganzen Dorf. Spiralornamente umkränzen den gesamten Torbogen. Er trägt zwei Bauzahlen: 1619 hat „Anna Katharina Ilsabet Brincks aus Berlebeck“ das Haus richten, Anno 1744 hat es ein Späterer „vorschuhen“ und rechtsseits „anklappen“ lassen.

Oma Schrahe führte mich damals zu dem entzückenden kleinen Backs im Baumhof. Der Gefügeart nach ist es gleichalt. Gebacken hatte sie schon vor 10 Jahren nicht mehr darin, zuletzt auch nur noch Kuchen, und nur zu Ostern und Pfingsten. Wie sagte sie doch? Nach „Bauernhöfen“ brauche ich in „Holsen“ nicht groß zu suchen. Seien alles nur „lütche Prütker“ mit zwei, höchstens drei Pferden, schlechtem und schlechtgelegenem Land. Ich tue es doch. Die Höfe liegen alle unten im Siek. Das Meierhaus vom Uphof, Nr. 1, ganz zuunterst, ist durchaus passabel. Bollhöfer, gegenüber dem Tötehof, ist jüngst abgebrannt, auch auf Bükers und Gronemeiers Stätte ist nicht viel übrig geblieben. An Möllings Vierständer von 1842 vorüber, jenseits der Beeke gelange ich nach „Winkel in’n Locke“, Nr. 4. Das Backhaus, dem Schweinestall angelehnt, leuchtet freundlich und hell über die Wiese. Im Meierhaus stehen die Kühe noch an der Deele und sehen mit den großen, feuchten Augen durch die offenen Klappen. Ich mühe mich um die Inschrift des Sturzes. Bauer Winkel hilft: „Ich baue nicht aus Übermut. Mein altes Haus war nicht mehr gut. Mein Vater hat mir das Geld gespart und auch das Holz aufbewahrt“. Winkel meint: „Heute bauen, das ginge nicht mehr. Fehlen Geld und Arbeitskräfte. Wollen alle in die Stadt. Kriegen nur noch Knechte und Mägde aus den Anstalten. Sie werden ja wissen, was das heißt, wo Ihr Bruder selbst Bauer ist.“ Er macht mit dem Kopf eine Bewegung nach den mehrstöckigen Hotels, den mit Liegerampen, Glasveranden und Umlaufsgalerien ausgestatteten, die sein Gehöft am Hang umherrschen. Worauf ich: „Aber doch nicht deswegen allein!“ – „Nein“, sagt Winkel, „die ganze Zeit, die verkehrte Preisbildung, der so unrentabel gewordene Kleinbetrieb“. Er sagt: „Böse Beispiele verderben gute Sitten.“ Sagt es, und ich bewege seine Worte lange in meinem Herzen, eine Antwort suchend auf die Frage, ob nicht doch ein Weg gefunden werden könne, daß beides sich nebeneinander vertrüge, was hart im Raume sich stieß, Holzhausen, das tausendjährige Dorf, und Holzhausen, die moderne Gästesiedlung.

Fromhausen, Höfedorf, zweiteilig

Lebendige Dorfchronik – Bauer „Uehne“ und die „Uehnske“ – Mär vom „Kratzhagen“ – Legenden um den „Strohhof“

Ich traf ihn im Vorraum des efeuumrankten, unterkellerten Backhauses des Hofes Nr. 15, dem letzten im Dorf. Der Ofen ist noch von einfachster Art, ohne „Lüchen-“ und „Tuglock“, und wird schon seit 20 Jahren nicht mehr beheizt. Fienenvadder hackte Holz, ich half ihm. Er erzählte, ich hörte zu, zwei, drei Stunden lang. Wilhelm Fiene ist gebürtiger Schmedissen Heimat, Beruf, den „Stoff seiner Pflicht“ aber hat er in Fromhausen gefunden, sofern er nicht zwischendurch in der Fremde geziegelt. Zeit meines Besuches schon über die Neunzig, schaute er in die Tiefe der Zeit.

Von der „Seekenbrücke“ am Kommunalweg nach Horn erzählte er: wo sie früher die „Seeken“, die Siechen, bestattet, der Ansteckung wegen; vom „Warwulf“, der dort gelauert und gelungert; Festmachergeschichten, die sein Vater, als er noch Junge gewesen, an Fuhrleuten selbst miterlebt. Randvoll Geschichten war Fienenvadder. Am Tage zuvor war ich bei Friederike Krüger, der Siebenundsiebzigerin, und davor bei Henriette Micke und Karoline Plöger, 80 und 87 Jahre alt, die eine in Berlebeck, die andere in Heiligenkirchen verheiratet, beide gebürtige Fromser. Sie bestätigten das alles. Und wußten noch haargenau, wie es zu Walpurgis, wie es in der Ernte zugegangen. Die Plöger, geb. Jöstingmeier, genannt das „Röllchen“, hat das Umgegrabene wie toll betrampelt, und immer am lautesten mit den anderen „gejuchtert“. Sie empfindet einen unbändigen Spaß, wenn sie daran denkt. Das „Röllchen“ hat noch die Augen eines jungen Mädchens, das Lachen, das rosige Gesicht. Zur „Anmahd“, wenn die „Kerls“ ausgezogen, haben sie ihnen bunte Blumen an die Brust, an den Hut gesteckt, haben dem Bauern mit der Erstgarbe die Stiefel geputzt, ein Ährenbündel um den Arm gebunden, und jedesmal, bei jeder „Lösung“ ist ein Trinkgeld fällig gewesen.

So deutlich sind die Erinnerungen der Brauchbeteiligten wie kaum in einem andern Dorf, und ich fragte Fienenvadder, warum wohl gerade in Fromhausen? Weil es hier nur Höfe gebe, meinte er, nur Bauern, nicht Schneider, Schuster und Schmied, nicht Bäcker, Maurer und Zimmermann. Nur ein Krugwirt sei da und ein Viehhändler. Aule Fiene erinnerte sich noch gut an die Zeit als die alten Höfe von Fromhausen alle in Fachwerk gewesen, der Meierhof Nr. 1, der Reineckenhof, jetzt zusammengetan, die Höfe von Hausmann und Kanne, von Schlue und Schumacher, und die außerhalb gelegenen von Gersting und Husemann. Die Meierhäuser und Leibzuchten, Schoppen und Backse, ein jedes für sich. Jetzt seien nur noch drei, vier Häuser aus Eichenständerwerk, Solle an der Beeke, Giebe am Brink und Hue, Nr. 7, am Dreh.

Alte Eiche auf dem Reineckenhof in Fromhausen

Alte Eiche auf dem Reineckenhof in Fromhausen

Heute gehe ich das Dorf entlang, gehe an den geraden, allzu ausgerichteten muschelkalkenen Vierkant- und Dreiseithöfen modernen Stils vorbei, den Wohnvillen städtischen Zuschnitts. Vor dem Vierständer von Nr. 7, dem „Strohhof“ mit dem dreigeteiligen Deelentor bleibe ich stehen, dem Meierhaus, das „Jorcken Hendrik Kulemeier 1786″, und der Leibzucht daneben, die er 1806 richten ließ. Nichts ist beständig auf der Welt als der Wechsel, auch auf den Dörfern, auch auf den Höfen. Bis 1907 hatte einer den Hof, der ihn „auf den Hund“ gebracht, weil er vom Alkoholteufel besessen. Wieder nacherlebe ich die Tragik des Enterbten, den ich gekannt, der die Sünden der Väter zu sühnen versucht, der oben von einem Sünteldorf her, wie alias Moses vom Berge Nebo, ins Land geschaut, das er nicht wieder besitzen sollte. Auf dem Hof, dem damals verluderten, ist es hernach nicht richtig gewesen, nicht „echte“. Immer ist Stroh durch die Bodenluken heruntergeschmissen. Nachts hat niemand über die Deele gehen mögen, die Stühle in den Dönzen haben sich von selbst bewegt, das Gesinde ist davongelaufen. Den Bauern, den letzten, haben sie im Dorf immer nur „Uehne“ genannt, die Bäuerin die „Uehnske“. Weil immer, wenn wer was gewollt hat, die Bäuerin gesagt hat, sie müsse erst „uehne“ fragen, und er, wenn sie nicht „inne“, er müsse erst seine „Uehnske“ fragen.

Mitten im Ort stehe ich, im „Kratzhagen“, der darum so heißen soll, weil sich die Leute rundum nie recht „up dat Bass“ haben gucken können, weil sich die Frauensleute am liebsten die Augen ausgekratzt.

Mir fällt das Rätsel ein, das „Röllchen“ mir gesagt: „Wor kumt olle Säcke teohaupe?“ In der Naht! Natürlich. Fromhausen ist nie recht „zusammengekommen“, ist ohne verbindende „Naht“, ich stehe hilflos zwischen den beiden Dorfteilen, und mir ist auch klar, warum es in dieser schon 1339 beurkundeten Sippengründung eines Frismar so geblieben ist: Weil die Urhöfe entlang zwei Sieken angelegt, entlang den beiden namenlosen kleinen Beeken, die vor dem Osterberg in die Wiembecke einmünden. Und ist dennoch eins, trotz der Zweiheit, ist innerlich eins, weil, ja weil es ein so reines, ein so einheitliches Bauerndorf ist, ein Höfedorf ohne Handwerker, ohne Kaufläden, ohne Beamte, ohne, ja auch noch ohne Kino

Schmedissen – Schmiedehausen

„Seo hauch schall dat Flaß wassen!“ – Erntehahn mit Fasanenfedern – Noch 1507 steuern drei Schmedisser Schmiedeleute, 1516 fahren sie Bier

Hof Dickewied ist unterster und zugleich einziger auf dem Nordufer. So laufe ich gerade darauf zu. Das Meierhaus ist 1730 von „Hans Hinrich Flamkamp von Fahlhausen und Anna Kuhlemann aus Spork“ errichtet. Der den Hof heute in Pacht hat, heißt Schmilewski. Ein Name, Wandlungen andeutend, nicht nur für diesen Hof.

Ich quere die Steinbrücke. Drewes Nr. 1, 1015 schon als Edelhof mit 4 Gespannen erwähnt. Stark und stämmig ragen die Stützen des Deelenhauses. „Heinrich Flügel und Anna Elisabeth Drewes“ ließen es 1745 zimmern, aus zwei der Stichbalken „Neidköpfe“ herausschnitzen. Meierhaus Nr. 3 ist ähnlich gefügt, die Ständer gleichbarock ornamentiert. Baujahr 1754: Offenbar vom selben Zimmermann. Am Schoppen des „Johann Cordt Fiene und der Ilsebein Roven“ von 1712 „bohren“ ähnliche Lettern.

Verfallendes Meierhaus von 1754 auf dem Hof Manhenke (Dresen), Schmedissen Nr. 3

Verfallendes Meierhaus von 1754 auf dem Hof Manhenke (Dresen), Schmedissen Nr. 3

Manhenken-Dresens Meierhaus zerfällt, langsam, aber unaufhaltsam. Wie hatte doch Bauer August Manhenke vor sieben Jahren gesagt? „lutflicken hät keinen Zweck. Kann keiner mehr betahlen“. Verfall der Fachwerke auf der ganzen Linie! Ich kann das freiliegende Gefüge in seiner Struktur mühelos erkennen, die vier ragenden Ständerreihen, den verbindenden Rähm, die Dachschwelle, die Konstruktion der Sparren, die Zapfenschlösser zwischen Stützen und Riegel, die Schlüssel, die „Pinne“. Ja, und seltenklar, die Füllungsart der Gefache, das Lehmstakenwerk. August Manhenke sagte „Wellerwerk“ Damals, in zwölfter Stunde, gelang mir ein Schnappschuß.

Eines der gröfiten Wohnbackse im Land uon 1798 auf Hof l{uhlmeier, Schmedissen Nr. 2

Eines der gröfiten Wohnbackse im Land uon 1798 auf Hof Kuhlmeier, Schmedissen Nr. 2

Auf Hof Fiene interessiert ein hölzerner Erntegockel mit „artfremden“ Federn, Fasanenfedern, auf Hof Kuhlemeier das Backhaus von 1798, das „Johann Cordt Herrmann Hüttenberndt aus Kohlstädt“ richtete. Ein Wohnbacks zugleich für die Einlieger, eins der größten im Lande (Backofen mit zwei Luftkanälen). Der „Süll“, ausgetreten von den Sohlen zahlloser Geschlechter. Fünf Höfe und Stätten, wechselnd in den Besitzernamen, immer neu in den Blutzugängen von außenher, und doch ein Dorf, und ein bemerkenswert geschlossenes dazu, ein besonderes im oberen Werretal, anders als Wehren und Wilberg, unähnlich Schönemark und Spork, deren Gehöfte in der Streulage. Nur Bauern, kein Handwerker, Kaufmann, Beamter. Heute jedenfalls. August Manhenke hat als Junge noch miterlebt, wie ein Knecht beim Flachsjäten die Lütchemagd kurzerhand „bei den Wickel gekriegt“ auf den Kopf gestellt, „Eesend na hoben, Pollend nach unnern!“, und laut dabei gerufen hat: „Seo, seo, seo, lang schall dat Flaß wassen!“ Similia, similibus. Gleiches durch Gleiches! Uralter Fruchtbarkeitszauber auf lippischer Erde. Durch Kuhlmeiers ganz in den Brink hineingebautes Stallhaus steige ich zur Fernstraße Horn – Detmold hinan und weiter nach dem Dorffriedhof oberhalb. Habe nun Abstand vom Einzelnen, erfasse das Ganze, empfinde das Eingezwängte der Dorflage zwischen Braut- und Bannenberg, die Paßlage an der Werre gewissermaßen. Ungewöhnlich für ein so reines Bauerndorf.

Schmale Ackerfluren entlang kaltem, überschattetem Nordhang. Jenseits, am Bannenberg, die kreisrunde, mit Kopfweiden umstandene Viehtränke, zu oberst die Einzelsiedlung am Waldrand mit Baumhof, darin die Grüne Nieswurz noch leuchtet. Links unten, gleich an der Asphaltstraße, auf dem „Nonebrink“, noch immer der „Broker Krug“. Ziegler Wilhelm Fiener erinnerte als 85er die Fuhrknechte, die dort die Mittagszeit vernont. Fuhrleute der „Lemsken Föhr“, dem alten Fernweg, der über den Eikernberg hinweg auf Höxter und ins Magdeburgische verlief. Hausschlachter Fritz Möller hat als Junge noch die gruselige Geschichte vom „Ewigen Fuhrmann“ vernommen.

Der ist in Richtung der Straße, sonderlich zwischen den Jahren. Hat immer „ha, ha“ geschrien. Nur wer ihm „Hott!“ zurief, konnte ihn erlösen. Volkserinnerungen an den Fahrenslärm der einstigen schlecht gehaltenen Straßen. 1516 werden die Schmedisser Bauern verpflichtet, das landesherrliche Bier von Höxter auf s Detmolder Schloß zu fahren. Mir fällt ein, daß Otto Preuß einmal geschrieben, der Name Schmedissen rühre „sicher“ von den dort wohnenden Schmieden her. Noch 1507 hätten ein „Smethermann“, „Smetdreus“ und „Smedhans“ aus dem schon 1036 als „Smithessun“ erwähnten Ort gesteuert. Eine Fernstraße von gesamtdeutscher Bedeutung verlangte jedenfalls Schmiedeleute für Hufbeschlag, Bereifung, Achsenbruch. Waren die Schmiede die ersten? Noch vor dem Edelhof, den Bauern? Schmedissen – Dorf der Schmiede?

Wilberg – Hangsiedlung über der Werre

Kinderbrannen zuständig für zwei Gemeinden – Aus dem Gästebuch des „Ziegenkruges“ – Sie plärrten wie die „Hippen“

Lange und sinnierend weile ich am „Breokborn“ unterhalb Meinbergs vor den Wiesen. Man hatte mir gesagt, aus ihm seien früher die Lütten von Meinberg und Wilberg gefischt. Nicht deshalb, weil Wilberg politisch dort eingemeindet, die Nummern durcheinandergehen. Kinderbrunnen für zwei oder drei Dörfer gleichzeitig, das gibt es auch sonst: weil Kleinsiedlungen sich eine eigene Hebamme nicht leisten konnten, weil es „nicht lohnte“. Mutter Beermann von Meinberg hat immer, wenn sie die Kleinchen zwei oder drei Wochen nach dem „Fischzug“ als Täuflinge ins Haus zurückbrachte, gesagt: „Os Heiden sin wui weggohn, os Christen kum wui wier. Gibbli, gabbli, Geige, dat Kind schall heuten Kathruinken, Stuinken Annbreige“.

Ich wandere werreab, einen ungewöhnlichen Weg, der eigentlich gar keiner ist. In diesen Wiesen (so hat mir Mutter Beermann mal gesagt) sind ihr oft „Irrlüchten bemöt“, Seelchen der noch Ungeborenen, die nach der Tür ins Leben gesucht. Eine von diesen Türen, das sei eben der Bruchbom. Oben auf dem gewöhnlichen Weg nach Wilberg sind anderswie Tote umgegangen, schon lebendig gewesen, der „Mann ohne Kopf“. Es ist gefährlich gewesen, ihm zu begegnen.

Das Gehöft drüben über der „Wehrn“ muß Tiemann sein. Ich habe das neulich festgestellt, von der Straßenseite her. Im Sturz steht: „Anno 1697. Anton Hase und Elsebein Meyer aus Meinberg.“ Schöne Doppelspiralen fassen die Ständer ein. Ich habe meine Freude daran. Die oberen Wilberger Höfe wenden ihr Gesicht alle südwärts, der Straße zu, den Äckern, ihr Hinterteil den Wiesen. Wie sonst in Hagendörfern. Dickewied Nr. 56 von 1766 liegt unmittelbar am Weg. Die Wilberger haben sich ihre Frauen off aus Meinberg geholt, und umgekehrt: Vor Nr. 26 in Meinberg steht 1701 ein „Georg Wilberg“ verzeichnet. Heißen er und seine Vorfahren nun nach dem Dorf oder das Dorf nach ihm und seinen Vorfahren? Schon 1380 lesen wir: „To dem Wiltberg“. Und weil die Gegend wildreich oder irgendwie wild beschaffen war?

Bei Meiers Mühle klettere ich aus der Wiese auf den Damm und wende mich der Hauptstraße zu. Das Tal weitet sich, nimmt rechterhand zwei Sieke herein. Die Häuser klettern höher an in immer steileren Rängen, jedes für sich. Da, wo der Weg von Horn nach Schönemark den Meinberger kreuzt, drängen die Gehöfte zueinander, Haus Nr. 16 von 1812, wird eben frisch gemalt. Der Vorsteher von Schönemark wohnt darin. Jawohl, der Vorsteher von Schönemark, mitten in Wilberg, und das Haus von 1703, das des „Chri- stoffel Knickmann und der Elisabeth Schmettmann“, und das von 1725, das „Christoffel Flaken und Trinelisabeth Knickmanns“ zimmern ließen, gehören auch dahin. Es geht „politisch“ schon durcheinander auf den Dörfern!

Da drüben der Krug an der Kreuzung, das ist der Nachfahr des alten „Ziegen- Krugs“. Opa Vogt ist bei seinen Rosen. Wie immer, wenn er Zeit hat. Dann will er nicht gestört sein. Er hätschelt sie wie kleine Kinder. Rosenzüchtende Männer schweigen gern. Was ich aber wissen will, erfahre ich doch. Opa Vogt, Ziegler Tiemann, Aule Hagemeister haben noch am ersten Ostertag einen „koppern-Keddel“ vor die Tür gestellt, randvoll Wasser und, wenn die Sonne aufgegangen ist, das Osterlämmchen darin hüppen sehen. Bis in die 80er Jahre haben sie in Wilberg und Meinberg auch den Maitag mit Peitschen eingeklappt. Besonders bei der Wilberger Kuhle und beim Ziegenkrug ist ein Heidenlärm gewesen. Auch die Mädchen haben mitgemacht. Karoline Lübbecke, geb. Hörder, aus Horn, sagte: „Wui hät blarrt we de Hippen. De Hexen scholln doch na’n Blocksberg!“ O, im alten Ziegenkrug ist es oft laut und lustig hergegangen. Mal hat ein loses Mädchen einem Horner Ackerbürger, der die Zeche hat „prellen“ wollen, kurzerhand die „Kladage“ weggenommen. Im Adamskostüm, „ausgefißt“ von den frühen Melkmädchen, hat ihn seine Alte empfangen. Auch Stadtsyndikus Hausmann aus Horn soll es ähnlich ergangen sein. Robert Henkel hat es mir erzählt. Der alte Volksfreund hat im Wiehmbeckekolk gebadet, ein bißchen lange, es ist sehr heiß gewesen. Da ist sein Pferd mitsamt den Bekleidungssachen, weil es ihm zu lange gedauert hat, einfach abgetrottelt. In beiden Fällen hat der, welcher den Schaden gehabt, für den Spott nicht zu sorgen brauchen.

Und nun stehe ich vor Wilbergs unterstem Anwesen, der Günthermühle. Freue mich am spiegelnden Teich, den bunten Wiesen, dem im Fichtenwald dahinter verborgenen Kötterhaus und nehme den heimlichen, fast unbekannten Waldweg unter die Füße, der, immer im Abstand vom lustigkurvenden Fluß, nach einem Halbstündchen in Schmedissen einmündet, dem Dorf, das nach ganz anderen Gesichtspunkten angelegt ist als Wilberg, die Hangsiedlung über der Werre.

Bad Meinberg – einmal bäuerlich

Der Gotteshausflügel – Siedlungsmitte – „Ek rüie jetz in’n Himmel!“ – Generale gehen zur Generalversammlung – Lachekorl, gebürtiger Meinberger

Von Wehren kommend, lasse ich heute den Gästepark links liegen und fühle mich, immer wieder angefreut vom Schwarz-Weiß überbehaltener Fachwerkhäuser, ganz wie im Dorf. Einem zwar gemixten, aber sehr gepflegten, sehr anheimelnden Dorf. Die Kurhäuser „Stern“ und „Rose“, zweistöckig, gefacht, dacherkerbelebt, dokumentieren altheimischen Wohlstand. Drüben, linkerhand, grüßen mich „Hans Stelts von Ottensen“, Kleinständer von 1695; weiter rechts, hoch am Brink, das stattliche Meierhaus und die niedliche Leibzucht des Mönchshofes hinter stämmigen Eichen. Bauer Mönnich hat als Jungkerl noch Holz zum Osterfeuer auf dem Fissenknick angefahren, die Bäuerin zwischen Weihnachten und Neujahr Wasser aus der Wehm geschöpft, das zu Wein geworden und gut gewesen gegen allerhand Krankheiten, fast so heilsam wie das Wasser, das die Gäste aus den grünen Gläsern schlürfen.

Zuunterst im Dorf kräht vor Hagemeiers Muschelkalkgiebel Meinbergs letzter Erntehahn. Luise Uder aus „Siebenstern“ hat am Mittsommertag noch die Kühe mit Heckenrosen „gekrönt“. Dafür haben ihr die Kurgäste einen blanken Taler geschenkt. Die höchste Prämie, die je als „Krönegeld“ gegeben.

Meinbergs besterhaltener Teil sind die Häuser und Höfe am Westfuß des Kirchenhügels. Ich verzeichne reihnach als baulich bemerkenswert das einstige Gemeindehaus von 1750 (Nr. 21) und die Ständerbauten von 1686 (Nr. 9 und 10). Ich weiß gar nicht, wohin zuerst, wohin zuletzt mit den Augen. So viel handwerkliches Können, baulicher Bodenstand, Schönheit der Gestaltung, und so nah vergesellschaftet. Nr. 13 von 1794, das „Joh. Jost Hemmelmann aus dem Loßbruch“ errichten ließ, ist ein Prachtstück. Das älteste Ständerhaus am Ort, Nr. 26, mit Anklapps beiderseits und geschmackvoll profilierten Knaggen (eine davon mit hexenabwehrenden Malzeichen) ist „im Jahr 1588 von Möllentönnies“ errichtet. „Fridrich Ebeler von Tindorf und Kathrina Möllenmeier aus dem Wehren“ haben Möllentönnies schwungvolle Lettern Anno 1696 pietätlos überschriftet.

Nun stehe ich auf dem mauerumringten Kirchenhügel des schon 1015 erwähnten Meyeburghun, der großen, gemeinschaftlichen Burg. Stämmig und stark wie ein Bergfried ragt der Turm über quadratischem Grundriß, heben sich Schiff und Chor getreu dem romanischen Baugesetz, nach dem sie einmal angetreten. Einfachbogig noch das Chorfenster, schlicht das Pyramidendach. Ich trete ein. Nur mannshoch die gedrungenen Wandpfeiler, die Wölbung darüber das Dreifache. Bei der Erweiterung sind die Seitenmauern herausgebrochen, die stumpfspitzen Gurtbögen erhalten. Ich empfinde das alles dumpf, erdenschwer, aber fest und zuverlässig, altbäuerlich. Mal, so erzählte Ziegler Möller gestern aus „Aulings Toien“, ist spätabends noch ein Licht in der Kirche gewesen. Ein Schwein ist herausgegrunzt und dem Pastor just mitten und von rückwärts zwischen die Beine. Da hat er dem Küster rasch die Bibel zugereicht und gerufen: „Jetzt ruie eck im Himmel!“

Fachwerkidylle in Lippe, 1955 fotografiert von Carola Kleesiek

Fachwerkidylle in Lippe, 1955 fotografiert von Carola Kleesiek

Durch die Südpforte der Kirchhofsmauer steige ich nach dem alten, leider so wenig erhaltenen Erichshof hinab, erkunde später den Sturz des Meierhauses von Nr. 11, das „Hermann Meiern von Oberheesten und Maria Roven Anno 1750″ über gewaltigen Steinsockeln errichteten, freue mich dann an den Kirchhofshügel zu gelegenen Gefügen von 1679 (Nr. 10), 1739 (Nr. 6) und 1781 (Nr. 11). Im Krughaus hat einst die „Generalversammlung“ der drei Meinberger „Generale“ getagt; so benannt, weil der eine wie Blücher, der zweite wie Wellington, der dritte wie Scharnhorst ausgeschaut, die sich von ihren ehelichen Hälften jeweils den Schlüssel mit der stereotypen Wendung haben herausrücken lassen: „Vanombd es Generalversammlung, Hiusschlöt- tel her!“

Langsam, erfüllt von all den vielen Hausgesichtern, steige ich zum „Bergwinkel “ hinan. Wie Schwalbennester kleben die Häuserchen, stufenförmig übereinander. Das von 1701 mit einem „Neidkopf“ vor der Mitte, das Johann Henderich Grottsche von 1758 und das namenlose von 1609 mit dem Hange wie verwachsen, verzahnt, eins geworden. Kleinleutewohnungen sie alle, Hoppenplöckerhausungen. Ich folge dem alten „Hemmelweg“, der von Horn her an Klass Schmiede vorbei nach dem Fissenknick hinanführt. Einmal haben sie hier Hagemeisters Vater, der einen Diestelbrucher Brautwagen gefahren, festgebötet, einmal Marks Fridken, den bekannten Blomberger Fuhrwerker, den sie den „Ewigen Fuhrmann“ nennen. Auch Karl Wend, geboren am 22. Dezember 1861 im Dorf, genannt der „Lachekorl“, ist als Junge diese alten Fernwege noch gezogen. Lachekorl, der Weitberühmte, der immer den Schalk im Nacken, den Scherz in den Augenwinkeln, wenn er auf die Märkte und Messen gefahren, der so schrecklich lachen konnte, so anhaltend, zeitlos; sein alle ansteckendes, unsterbliches Lachen. Annoda- zumal, als Bad Meinberg noch es selbst war, ungemixt, Dorf ganz und gar, altbäuerlich.

Wehren – Werreursprung

„Bankrottnummer“ von Hand zu Hand – Vier Quellen, welches ist die richtige? – Hollhöfen, im Krähwinkel der Welt

Nie klappte es. Immer schon sollte es. Nun, im Zuge der Zickzackfahrten, wurde es Ehrensache gewissermaßen. Gestern habe ich dem Quellfaden auf dem Meßtischblatt nachgespürt, und heute nun bin ich da: „In den Wehren“ (1590 schon so). Wovon des Landes größter Fluß seinen Namen hat. Werfe einen Blick in die vier Höfe des Ortsteils „Wälle“; Höfe, so vergessen, daß nur wenige überhaupt den Namen wissen. Frengers und Hersemeiers keupersandsteinerne Baulichkeiten zuunterst, darüber Tellbüschers Geflügelfarm, die wirklich im „Busche“ liegt, danach Brands Meierhaus, passabler Vierständer von 1663, dessen Sturz irgendwann durch irgendwen von einer zahnschnittverzierten zweiten Inschriftbohle vernagelt wurde. Ehlert Nr. 5 und Schliemann Nr. 13 an der Reelkirchener Chaussee sind, irgendwann einmal feuerzerstört, in Stein nachgebaut, baulich uninteressant. Aber das Einzelfachwerk von 1794 mit den nachträglich auf die Ständer gemalten Säulen gemahnt an Kulturzusammenhänge. Solche Säulentore gibt es links und rechts der Weser, zwischen Reinhardwald und der Heide. Vor Jahren steckte ich sie einmal ab. Der letztjährige Erntehahn auf Nr. 4 an der Kreuzung ist auf das Scheunentor genagelt, statt vor Giebelmitte. In Wehren sei das so üblich, sagte Minna Kaiser, „dor kann man lichferger rankumen“. Die Inschrift am Meiseschen Haupthaus von 1733, das „Johann Arndt Schmett und Annlisabeth Hagedauern von Grautenmarp“ erbauten, ist halb platt, halb hoch, „durchwachsener“. Meise sagt, der Hof nebenan, Hünefeld, Nr. 26, habe früher als Leibzucht zu Nr. 9 gehört. 9 sei eine „Bankrottnummer“, von einer Hand immer in die andere „geglappt“. Der eine habe sich kaputtgetrunken, der zweite -gekauft, der dritte -geklagt: „Un eck, eck klabaster moi kaputt.“ Er habe 1909 gekauft. Die Stätte, bei 40 Scheffelsaat, lange eben für drei Kühe: „Un wat de Roiserbesens sind, de mak eck nau sümst!“

Nun bin ich „vor Ort“. Es pütchert und plündert sie hinunter, Teich folgt Teich. Viele Teiche, größere und kleinere, freiliegende oder hofeingeschlossen, erlenumstandene oder kopfweidenüberschattete. Jeder Hof hat seinen. Alteheld und Hafergoh deren mehrere. Eine Lust sind sie, ein Labsal, eine kristallklare Freude. Noch nicht Kloake, wie die Werrewasser weiter unterhalb. „De Quelle van de Wehrn soikt Se?“ lächelt die Bäuerin des Hauses am oberen Siekausgang, das Barthold Brune und Ilsebein Brune 1667 „bührten“. Die säßen unter der Pumpe. Ich nehme einen Schluck. Das Wasser schmeckt herb, aber kräftig, ist gut, bekömmlich. Mutter Habermeier sagt, da sei noch ein Brunnenhäuschen in der Wiese. Sie führt mich an den Verschlag, öffnet die „Peowerten“. Ich blicke hinein. Ein Brunnen, offenbar gespeist vom Werregrundwasserstrom.

Und dann stehn wir vor Nachbar Lengers schönem Teich. Schilfumstanden ist er, schwertliliengeschmückt, weidenbaumüberschattet. Auch er im „Zuge“ der Wasserader. „De richtige Quelle es füdder unnern.“ Sie führt mich in den Baumhof unterhalb, an ein offenes, recht unscheinbares Wasserloch: „Hür kümt seu denne!“, sagt sie. Ich denke an den örtlichen Streit um die rechte Emsquelle, an den weltweit-historischen um die des Nil, an das Techtelmechtel um so viel andere, und überlege, was denn überhaupt als der Ursprung eines fließenden Gewässers zu gelten hat. Ob jeweils die oberste, naturoffene, abfließende, oder ob mit ebenso viel Recht der überhaupt erste Zutagetritt des Grundwassers, gleichviel ob in Pumpe, Brunnen oder Teich. Noch jenseits Vogelmeier Nr. 3 auf der Wasserscheide mit ihrer überraschenden Sicht auf das Blomberger Becken beschäftigt mich die Frage. Gibt auch nicht Ruh, als ich, im Krähwinkel der Welt, vor dem prächtigen „Hohlmeyerschen“ Deelenhaus von 1697 stehe und versuche, die drei aus den Stichbalken herausgeschnitzten „Neidköpfe“ physiognomisch einzuordnen. Beruhigt sich erst, als ich auf Beckmeiers Waldhof Nr. 15 im Gespräch mit einer Vertriebenen, der „Frau am Brunnen“, den hydrologischen als allgemein menschlichen Fall erlebe. Sie sagt: „Bemühen Sie sich nicht um die Anfänge, den Ursprung. Wir haben immer nur den Fortgang in Händen, den Weiterverlauf, das Ende, das oft bitter ist, das wir so nehmen müssen wie es nun einmal ist.“ So spricht sie, und ich nehme die vier Werre-Quellen nun so wie sie sind, ihren Wohlstand, der Gesetz eines Dorfes geworden, der Bauernschaft Wehren am Werreursprung.

Belle und sein Holz

Das „Säulewader“ – Lukenspuk in Altroggen Leibzucht und auf dem Lakenhof – Streit auf dem „Holkshagen“ – Twitten Emmeke

Niederbelle: Acht Stätten um den Steg am Bach, dem „Säulewader“, das östlich vom Beller Holz herabkommt, aus dem einst die alten jungen Bellerinnen immer das „Osterwasser“ geschöpft, schweigend, vor Sonnenaufgang. Lauter Kleinleutegefüge sind es, von 1824/25/31/40/64 usw. Dem Hausalter nach also nicht sehr alt. Die Schäfer, Köster, Micke, Wienecke, Albert, Kremeier, Sander, Sauerländer errichteten sie. Aus dem Dorf und von weiterher kamen sie. Nur Nr. 82 ist von 1656.

Haupthaus des Lakehofes in Belle

Haupthaus des Lakehofes in Belle

An den Siekhängen beiderseits huddern die Althöfe Beiles (1180 Belethe). Man erinnert noch das „Schloß“, das einstige Gut. Köllermeier Nr. 1 ist der älteste mit Meierhaus der Kaup/Nordeus von 1698. Ferner: Ellerhof, Dreier, Schröder (früher Koch) und Altrogge mit Vierständer von 1779 (Lüchten/ Mönnichs). Von Altroggen Leibzucht (jetzt abgerissen) ist viel erzählt. Es war nicht „ehrlich“. Kettengerassel auf dem Balken, losgebundene Kühe, Lukenspuk der üblichen Art! Des Bauerrichters Vater soll Grenzsteine versetzt, andere sagen, er habe „schrecklich gegen Gott getobt“, als seine Tochter sich durch die Luke totgefallen. Wilhelmine Joachim: „Dor hät heu de Dickfiust rösselt un gefährlick met dem dorboben schuhen. Wat doch ne Daudsünne es.“ Auf Lakenhof, der auch einmal Unruhe der Landschaft gewesen, der nämliche Lukenspuk, Schabernack, Brunnenverweisung. Am Ende steht die Bedrohung des Wiedergängers durch den Knecht: „Wer daute es, de lät hür soin Koiken!“

Oberbelle besitzt noch einen reichen Schatz guterhaltener Gefüge. Das älteste steht auf Nr. 26: „Ernst zu Küdessen und Lücke V. H. E. Anno 1662.“ Die von Küdessen sind eine uralteingesessene Adelsfamilie. Der Name lebt in „Kützemeier“ (Nr. 3) fort. Am Molkenberg (wo seit alters die Osterfeuer abgebrannt) Tolles Vierständer von 1648 (Nr. 13). Im Dorf die Gefüge von 1710 (62); 1732 (Drewes/Rüther); 1736 (73, Papemeier/Müllers); 1770 (49, Hermens/Klaren); 1776 (42, Blinde/Clare); 1776 (52, Planckes/Strunk); 1792 (110, Kiedesmeier/Mönks). Dazu ein volles Dutzend datierter aus dem vorigen Jh. Die Kapelle von 1741, 1521 zuerst erwähnt, Schiff wie Chor aus Fachwerk, fügt sich harmonisch in den Rahmen.

Langsam schlendere ich dorfan, dem Beller Holz zu, des vortrefflichen Mannes gedenkend, der hier seiner großen Fürstin Pauline, deren Herz er besessen, oft begegnet. Kantor Brandsmeier hat Einzelheiten dazu ausgeforscht. Beller Holz! Verwunschen der ganze Wald! Geschichten darüber gehen um noch und noch: Von „Flöten-“ und „Reopenspuk“ des „Ewigen Fuhrmanns“, der, hoch in den Lüften, immer die Meinberger Straße gezogen, dann in der Mitte südlich auf Norderteich, Billerbeck und Steinheim abgeschwenkt ist. Wo die zweite Beeke die Straße quert, auf der „Hexenstelle“, haben sich off Weiber versammelt und keinen durchgelassen. Einmal haben Altroggen die Dreschmaschine nicht daher fahren können: „De lütke Aule sat up de Doißen!“

Der berühmte Speicher von 1781 auf dem Lakehof in Belle

Der berühmte Speicher von 1781 auf dem Lakehof in Belle

Weiter oben, rechts der Straße, war unterm „Bachberg“ an der höchsten Erhebung die „Nonestelle“ Kühe und Ziegen sind da zusammengetrieben und gemolken. Während die Mädchen die Eimer „vollstrullten“, „nonten“ die Hirten. Auch der „Schwein“, der Dorfschweinehirt, war dabei. Zu Silvester erhielt er seinen sehr „minächtigen“ Lohn: „De krumme Wost es för’n Schwein.“

Gestern war ich auf dem „Holkshagen“, im alten schaumburg-lippischen Gerechtsam. Die Beller haben sich oft mit den Bückeburgern „gehabt“. Einmal haben sie die dreijährigen Eichheister, die jene gepflanzt, wieder „ausgelukt“. Amtsrichter Lucke hat gewarnt: „Beller, Beller, das müßt ihr begleichen!“ Sie haben denn auch ein Stück Land an der Wöbbeler Straße hergeben müssen.

Bauer Naber berichtete 1946 auch die derblustige Geschichte von „Twitten Emmeke“, der Beller Bäuerin, die ein „ganz tolles Weib“ gewesen. Mal hat sie, wie seiner Zeit Widukind, ausgeben lassen, sie stünde über der Erde. Da sind sie gekommen, Verwandte und Bekannte, von weit her, mit gewaltigen Kränzen und Kreuzen und höchst feierlich. Man wollte doch mit Anstand „erben“. Steht Twitten Emmeke breitbeint in der Einfahrt, die Arme auf die strammen Hüften gestemmt. Sagt Aule Düwel, der auch vergeblich herklabastert, ganz fuinsch: „Eck meune, diu stöndst seit gistern ober de Ern.“ Lacht Emmeke: „Dat deo eck doch auk! Un met beiden Beunen! Wost‘ se mol seuhen?!“ Ja, solche Frauen gab es einmal in Belle.

Damals, als dieser Spruch, den ich Bauer Schröder und Ziegler Kropp danke, (beide hoch in die achtzig) 1946 abgeluchst, noch ohne Übelnehmen belacht wurde:

„Schraers (Schröder) Hauchmeot es Hütten (Schneider) Filzheot.
Dreier upper Ruhen, de Jiude spinnt de Wullen.
Sügges Rüenklaut (Hoden) et Mengen Middagsbraut.
Kaiser met’n Rollerwagen
well Bäthke (Schuhmacher) innen Hemmel jagen.

Billerbeck – Urbauerschaft a. d. Napte

„Königsfreie“, uralt – Kinderbrunnen „Betkenborn“ – Es zieht einer nach Amerika – „Anhahnen“, reihum – „Irrlüchten“ am Norderteich

Das ist Billerbeck, das Urdorf, schon 1227 als Bellerbike erwähnt: Althöfe um einen Wiesengrund, locker siekhanghin gelagert. Da, wo gegenüber dem Norderteich das Naptetal sich weitet; der Schlepperhof, seine beiden Nachbarn Krome und Klingemeier. Königsfreie, seit uralters, früh beurkundet, älter als die Kapelle von 1551, viel älter, wenn auch die Namen wechselten. Unterm Kromenhof pülschert der „Betkenborn“, „vorexistentielles“ Quartier der noch Ungeborenen, der nie zufriert, austrocknet, im Sommer stets kühl bleibt, so recht nach den Herzen der lütten Seelchen.

Unterm Steilhang hinter der Naptebrücke Kuhlmann Nr. 12: Die Bäuerin füttert eben ab. Ihr Vater ist schon lange tot, der Mann im Krieg geblieben. Bauernwitwen haben es schwer, schwerer noch als andere. Im Sturz: „Joh. Henrich Möller unt Katrina Muters Anno 1688″. Hoch am Brink, auf anstehendem Keuperfelsen, die betreppte Leibzucht. Älter die auf Nr. 7: „Ilsabein Watermeier / Barthold Klingemeier Anno 1693″. In Lehmstakenwerk, verlassen, verloddert. Ich Zickzacke um die Wiesen herum. Irgendwo hier stand einst der uralte Weidenbaum, der oft zwischen den Tagen „im Feuer gestanden“. Am andern Morgen konnte man viel Gold linden, wenn man nachts zuvor in den Kohlen gerakt. Einer, dem das Glück hold gewesen, ist damit über den großen Teich gezogen; vermeinend, er könne das Geld dort besser anlegen. Ziegler August Sander: „Dat es olles Gelöge. De es iut Armeot röberscheppt.“ Ein Goldfeuer brannte auch am Weg nach Niederbelle, im „Düwels Gorn“ bei der Ziegelei. Ein großer schwarzer Kettenhund hat daran gewacht. Ist nur gewichen, wenn man gesagt: „Gong weg, in Gottes Nomen“!

Hofansicht in Billerbeck

Hofansicht in Billerbeck

Auf Nr. 1 der schmucke Vierständer des Joh. Jürgen Krösche von 1722. Neun Schwalbennester unterm Giebel! Der Schoppen ist hundert Jahre älter. Grösche Nr. 3: Meierhaus der Wiegmann/Hanken aus Göstrup von 1846 mit oberweserischer Säulenzier, Leibzucht von 1600, daran sechs Zahnschnitte übereinander, zeitecht auch die geschweifte Abfasung über der Stalltür. Nr. 5: „Carl Philipp Meyer zu Billerbeck und Amalie Henriette Struchte Meyers zu Struchtrup. 1837″. Die Meiers sind schon um 1400 erwähnt.

Torbogen von 1837 und Deele mit Kleinpflaster, Billerbeck Nr. 5

Torbogen von 1837 und Deele mit Kleinpflaster, Billerbeck Nr. 5

Auf dem Wege zum Entenkrug, noch vor der großen Mergelgrube, freut eine bemerkenswerte Kleinleuteeinfahrt von 1812 (Krome/Bassen) an. Bemerkenswert wegen der Gültigkeit holzdokumentierter Lebensweisheit: „Frach stets danach, was Rechts gethan, ob dich schon nicht lobt jedermann. Es kanns doch keiner machen so, daß es jedermann gefallen thu!“

Und dann leuchtet der Teich auf, der große, landesgrößte. 1946, mitten im Jänner, als die Erde hart geklungen, hatte er bachbungenblau geleuchtet, und August Sander, damals 82jährig (er schnitt gerade Schilf) hatte mir von den „Irrlüchten“ berichtet, die, groß wie Untertassen, in Mannshöhe auf ihn zugeschwebt und dann plötzlich abgebogen auf die „Dauenäcker“ hin. Ziegler Sander, der als Junge in der Weihnachtsnacht um 12 Uhr für seinen „Theiden“ noch Wasser geschöpft, von dem viele geglaubt, daß es sich in Wein verwandle: „Wenn diu meunst, olles Wader wörd teo Woin, denn heiert doine beiden Augen moin. Eck hebbe van beiden nix merkt.“ Sander, der noch den „Letworm“ geschnitten bei Kühen und Ferkeln (bei Kühen durch Längsriß in die Quaste, Lehm hineingetan und mit Bast zugebunden; bei Ferkeln durch Radikalamputation des Stertes und dessen Vergrabung unterm „Süll“). Der mir einen „Brandsegen“ wörtlich mitgeteilt und dabei gemeint: „Mann up Mann, dat helpt nich. Diu kannst’n seo nich briuken“ (er meinte, die traditionierte Weitergabe im Geschlechtswechsel). Sander hatte mir die Kräuter hergenannt, die sie immer am Gründonnerstag als „Neegenstärke“ gegessen, Brennessel, Gäßelkohl, Kümmel, Scharbockskraut, Schafzunge, Feldsalat und noch drei. Bauer Watermeier, der 78er, war dazugekommen. Ich hatte erfahren, wie man im Dorfe zünftig den „Anhahn vertickt“: Alle gemeinschaftlich, reihum, jedes Jahr auf einem andern Hof. Hatte jeder Mehl dazu gegeben. War ein lustig Kuchenessen und Kaffeesüppkern gewesen, meist „schmiddeweekens“ (mittwochs). Am Sonntag darauf waren dann die Unkosten verrechnet, auch die Buchenscheite, die jeder im Backs dazu verfeuert. O ja, sie haben immer gute Nachbarschaft gehalten „Graute“ und „Lüttke“ zu Billerbeck, der Urbauerschaft an der Napte.

Vahlhausen – Dorf der Kleinbauern

Vahlhauser „Euer“ und Bellenberger „Egger“ – „Juk tor Ehr un us ton Nutzen“ –

„De Flammkamp es doch ’n chanz babartschken Kerl …“

Am 9. 9. 1948: Hinter der Moorlage bei Horn blühen die Wiesen fleischfarbenrot. Herbstzeitlosen, so viel sah ich noch nie beieinander! Ein einziger leuchtender Teppich. Ziegler August Wend, 78 Jahre, mit dem ich nach Vahlhausen hinuntergehe, meint: „Dat aule Takeltuig! Wenn de Koije de freet‘, denn goht seu in de Wupper. Dat es Gift.“ Vorige Woche war ich auf dem Bellenberg. Noch liegt mir die Sprechweise der Husemann, Geise, Blanke und der vielen anderen im Ohr, die ich besuchte. ,„Koije‘ sagt man in Vahlhausen?“ frage ich, „auf dem Bellenberg sagen sie ,Kogge'“. Worauf Wend: „Up’n Berg sagget seu auk,Egger‘ (= Eier), un wui sägget ,Euer“‚. Und er sagt, daß sie als Kinder nach Bellenberg zur Schule gemußt und sich mit den Bellenbergern immer um die rechte Aussprache „getänztert“ hätten. –

Dachbrunnen, „Saut“, in Bellenberg (Nr. 33, „oben im Dorf

Dachbrunnen, „Saut“, in Bellenberg (Nr. 33, „oben im Dorf“), mit Eisendreher für die Kettenwinde

Linkerhand tritt das erste Gehöft an die Straße, Rehmsmeier Nr. 20. „Aule Huiser soikt Seu, un Inschriften?“ fragt Wend, als wir uns verabschieden, „denn sind Seu hür nich richtig. Hür sind de meisten Huiser riuhsteunern (aus Rauhstein).“ Wie recht er hat! Rehmsmeiers Hof ist ganz „rauhsteinern“, auf Sachlichkeit gestellt. Wilhelm Husemanns 1811 aufgerichteter Vierständer zeigt wohl das übliche Pflanzenornament in den aufgehenden Ständern, aber sonst nichts Besonderes. Der Vierständer auf Heinrich Husemanns Stätte Nr. 18 ist 1846 von Heinrich Stolte und Jette Husemann erbaut, auch der von 1854 auf Nr. 16, weiter unten an der Napke: Bauer Husemann sagt, die beiden Nummern seien früher nur eine gewesen, und noch früher Teil des Hofes Kemper von nebenan.

Ich steige nun den Feldweg rechterhand zum Bellenberg hinan und hoffe, endlich bei Wiechmann Nr. 21 „fündig“ zu werden. Über einen ungeheuren Berg Dung sieht mich ein Steingiebel an. Das Türgericht mit der Annozahl 1864 ist halb abgeregnet. Aber die Aussicht von hier oben ist herrlich, umfassend. Sie entschädigt. Unter mir das langgestreckte Dorf, dem das Bächlein, die Napke, Richtung weist und die Straße, nordöstlich dahinter das Bellerholz, breit hingelagert, mählich ansteigend, beglänzt. Blaßblau überschnitten vom Blomberger Stadtwald, Herlingsburg und Mörth. Im Nordwesten, übersonnt, glitzernd wie ein Edelstein, liegt Bad Meinberg vor dem Leistruper Wald. Dahinter, mattblau verdämmern die nordlippischen Berge. Ich bin der Tiefe des Raumes hingegeben. Dann fallen meine Augen zurück auf das Dorf, das am Nordhang des Bellenbergs liegt, seine Feldmark in des Berges Schatten, in die Kühle seines Kalktrockenbodens. Ich denke an das, was Husemann mir eben über die Zweiteilung gesagt. Das Rheinland fällt mir ein, wo ich kürzlich war, seine Realteilung, die kümmerlichen Erbenreste, die dabei zuletzt übrigbleiben. Vahlhausens Stätten liegen im Durchschnitt bei 10 ha. Nur ein Hof, Klüzmeier Nr. 1, erreicht die 50, der unterste im Ort. Ich entsinne mich des seltsamen Erntebrauchs, worüber die auf dem Bellenberg so gelächelt, den Husemann (oder war es Oma Blamke?) mit berichtet: Immer, wenn der Bauer auf das Feld gekommen ist, hat die Großmagd die erste Garbe aufgenommen, den Bauern die Stiefel damit abgeputzt und dabei gesagt (gegen ein Trinkgeld, versteht sich):

„Juk tor Ehr un us ton Nutzen will ek juk de Steefel putzen.

Düt geschuiht nich iut Eiaß un Neid, sonnern iut liuter Fründlickkeit.“

Langsam steige ich wieder zum Dorfe hinab, schaue hier hemm und da herum und verweile, ganz zuletzt, auf dem untersten Hof. Meierhaus, Leibzucht, Stallgebäude, alles aus Muschelkalk. Der Bellenberg, der kalksteinerne, liegt ja vor der Tür.

Es ist still ringsum. Nicht einmal ein Hund gibt Laut. Er wird mit den Kühen unten in den Wiesen sein. Ich lese im Steinbogen: „F. Flammenkamp in Vahlhausen. Jette Klingemeier aus Billerbeck.“ Flammenkamp? Eine Geschichte fällt mir ein. Ein bestimmter Tag, kritische Stunden, in denen es auf dem Hofe einmal sehr laut gewesen, laut und lustig zugleich: Immer haben die Vahlhauser und Beller Kuhhirten Zank miteinander gehabt um die Weide. Eines Tages kommen die Beller zuhauf und mit Pauken und Trompeten auf den Hof: „Flammkamp schall heriutkomen!“ Nach ihrer Meinung hat er ihnen die Maul- und Klauenseuche zugetrampelt. Was aber tut Flammkamp? Er läßt „ganz stillken“ ein Faß Branntwein aus dem Keller rollen und schenkt reihum ein: „Prabört erst mol iuse Melke, nohers kün wui jo füdder seuhn!“

Die Beller haben zuletzt nicht mehr gewußt, was „Kopp un wat Ees“, und – ja und was sie in Vahlsen eigentlich gewollt haben. Hernach, als sie wieder bei ihren Frauen gewesen sind, haben sie geprahlt: „De Flammkamp, dat es doch ’n ganz barbartschken Kerl. Den wü wui baule mol wedder besoi- ken!“ Ja, solche Dinge wurden früher auf den Dörfern gedreht. Wie sind wir Heutigen doch eigentlich arm geworden, fade, immitativ, vergleichen wir unsere Späße ä la „Tünnes und Schäl“, unsere „Kommödchen“, mit diesem so urwüchsigen, von Vitalität strotzenden jener Alten von Vahlhausen, dem Dorf der Kleinbauern.

Bellenberg – Dorf im Kessel

Von Sauer-, Kinder- und anderen Brunnen – „Dat hät donnert, we boin Gewidder“ – „Vorgeschichten“, die gingen

Zwischen den großen Kalkbrüchen, in denen die Kollergänge ramschen und stampfen, gleitet die weiße, birkenüberhängte Straße still in den Kessel hinein. Amphitheatralisch steigen die Äcker die Hänge hinan, mit Kalkmauern gestützt, in immer höheren Rängen. Darin die schwarzweißen Wohnhäuser, die Backse und Schuppen. Drei Dutzend Kolonate, wie Schwalbennester, in jener einmütigen Geschlossenheit, die nur der gütige Zwang winterwarmer Geborgenheit zu bewirken vermag und die sich gleichgebliebene Wohngesinnung zahlloser Geschlechter. Schon 1203 ist das Dorf „Belderberg“ beurkundet.

Durch den Tropfenfall der Finkenlieder begebe ich mich rechts in das Parkett der Naturbühne auf Lohmeiers Hof und lasse mir von der blonden Haustochter den schon 1785 erwähnten, nun eingekerkerten, in Zement verschalten Sauerbrunnen zeigen. Sie will rasch einen Becher holen. Ich schmecke das Wasser aus der hohlen Hand. Ein prickelndes, erfrischendes Naß!

Irgendwer fragt, ob ich den „Dreckborn“ kenne, den Brunnen, aus dem Oma Blanke, die fast 100 Jahre geworden, fast ebenso lange die lütten Bellenberger und Bellenbergerinnen geholt? Nein, den kenne ich nicht. Man führt mich hin. Ein Brunnen wie viele im Dorf der vielen Brunnen; im Saut am Wegrand, mit Muschelkalkplatten eingefaßt. Ich vernehme von der augenzwinkernden Erzählerin, wie die Kleinen, die sich ein Schwesterchen oder Brüderchen gewünscht, zu Oma Blanke gegangen sind, um den goldenen Apfel zu leihen, mit dem sie die „Lütten“ geködert; wie sie Zucker hineingetan, das weggeschmolzen (sie haben aber gemeint, die Ungeborenen hätten genascht und seien doch nicht gekommen); wie sie ihr eigenes Spiegelbild für das der Ersehnten gehalten, sich erst und immerwieder zugelächelt und am Ende betrübt davongeschlichen sind.

Dann stehe ich schon auf dem zweiten Rang, vor dem ältesten Haus des Dorfes.

Böwerndör in Bellenberg, „praktisch und handlich

Böwerndör in Bellenberg, „praktisch und handlich

Ich buchstabiere mühsam die Erbauernamen neben der Nr. 22 heraus: „Hermann Scheper. Ilse Bunte. Anno Domini 1596 Mai“. Auf der Deele umfängt mich Schattenkühle. Zur Rechten überrascht eine Stalltür, die spitzbogig herausgeschnitzt ist. Nachhinkende Gotik der Dörfer! Links eine Strahlensonne, in der Mitte gebogene Hörner, rechts ein Baummotiv.

Kolon Husemann, in der Rechten einen gefüllten Kartoffelkorb, in der Linken die Grabeschute, führt mich bereitwillig in den Baumhof zu des Kesseldorfes Hauptmerkwürdigkeit, dem kalksteinumringten Kochbrunnen. Deutlich vernehmbar, unheimlich brodelt es in der Tiefe, wie in einem Kessel, der über dem Feuer steht. „Mennigmol es dat Pülskerwader nau ganz annerste in Wallung“, sagt Husemann. Kleine Küken, die in den Bereich der Giftgase geraten, seien schon tot umgefallen, Spatzen, darüber wegfliegend, hineingestürzt. Bei einer Brunnenreinigung sei die Kohlensäure entdeckt: „Dat hat dormols donnert, we boin Gewidder, os dat Gas heriutkamm.“

Später steige ich zwischen Baumhöfen und Kohlgärten eine der geländerbewehrten Kalksteintreppen hinan. In Bellenberg ist alles kalkern, und es gibt viele Treppen im Dorf. Drüben tragen zwei Alte den Dung in einer Zinkwanne bergan. Die Äcker sind alle irgenwie schief abgeschrägt zwischen Hecken. Den Ziegen geht es gut. Es gibt viele Ziegen um den Bellenberg.

Ganz zu oberst, wo der Vahlhauser Weg über den Rand des Kessels steigt, verhalte ich, verwundert und angeheimelt zugleich. Ein Dachbrunnen hebt sich aus dem Berg, rechter Hand. Uralt ist er, auf eine altertümliche Art aus Eichenholz gezimmert. Der Süll ist vom Eimerrand verhöhlt. Dicke Bohlen lagern gebogenen Sparren auf. Die Frau von Nr. 33, den eisenberingten Holzeimer in der Hand, schwankt just darauf zu, kreckt das mit Eisenhes- pen beschlagene Türchen auf, windet den Brunneneimer aufwärts, hebt ihn heraus, schüttet in den Trageimer um und bietet mir einen Labetrunk an. Über hundert Jahre schon sei der Brunnen alt, meint sie, und zwölf Meter tief. „Jetzund hat jeder suinen eugenen Saut. Süss hät ses Famuillien dat Wader iut düssen Saut holt. De hät nau nie dreige stöhn, auk in den dreigesten Sommer nich.“

Ich sitze mit der Frau vom Brunnen schon längst unter dem alten Birnbaum, wo man den Blick frei hat nach allen Seiten, auf die ferne, blaue Kette des Teutoburger Waldes, auf das blitzblanke Becken des Norderteiches tief unten vor dem Bellerholz. Drüben, am Fossenkamp, fallen Raben in die Brachäkker. „Wenn de Roben jümmer ümmet Huis fleuget“, sagt sie fast feierlich, „dann steiht de Daud in Gorne.“ An das Ticken der Holzwürmer in Ständern glaube sie nicht. Als aber der alte Disse gestorben sei, morgens um acht Uhr, da hätten die Schwarzen um das Haus herum so laut geschrien und solche Geschichten gemacht. Und als die beiden Zwillinge aus dem Haus dahinten gestorben seien, da hätten sie vorher auch geschrien. „Un in den Sommer 1943, os muine beiden Jungens fallen sind, baule nohnanner, da hä wui tweu Runkel met witten Bläern.“ Sie sagt, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet: „Wenn man jung es, denn es eunen de Welt nie wuit geneog. Nahers es man teofree, wenn man ’n stillet Plätzken hät, we düt hür, un ne lütke Bank unnern aulen Birnbaum…“

Heesten – Doppeldorf der großen Höfe

Ein Bauer schwört sich sein Recht zu – Geschichte von der „Schäferbraut“ – Küterbrook, Gut vieler Hände

1945. Vom Bellenberg steige ich südwärts zu Tal. Wie in eine smaragdene Schale, alabastern umbordet vom Rand der Kalkberge ringsum. Die drei Dorfteile (der schon 1142 erwähnten Siedlung) ruhen inmitten wie ru- binene Früchte. Niederheesten, zwei Höfe nur, am Ufer des Silberbachs, Wolf hüben, Meier-Henrich drüben; beide ansehnlich, gebäudeneu. „Ganz früher“, sagt Bäuerin Julie Meier-Henrich, „waren beide nur einer.“ Ich erfuhr Wesenhaftes zur Hofgeschichte aus erster Hand. Erschütternde Begebenheiten aus dem vorigen Jahrhundert, Schicksale, die, volksumgedeutet, bereits Mythos wurden: Kämpfe zweier Nachbarn zäh, unversöhnlich, mit Erbitterung geführt. Um ein Wasser, das zuerst beider Vieh getränkt. Dessen Recht der eine, auf dem Holzdach des

Vierständer in Heesten, noch bewohnt

Vierständer in Heesten, noch bewohnt

Brunnenhäuschens sitzend und die drei Finger hebend, sich zugeschworen: „Seo wohr eck up moinen Eugenen sitte!“ Bauer Flügel hat nichts machen können: Aber dann, nach dem Tod des Meineidbauern, begann der Spuk, eine Wiedergängerei ohne Ende. Als ein „Paterpastor“ ihn in den Beckenteich, den grundlosen Kolk, gewiesen, gelangte er beim Aufschlagen wieder auf den Acker, ins Korn, ins Haus. Erschreckte auf dem Holzdach sitzend, wie damals, die Melkmädchen fast zu Tode. Zuletzt wollte keine mehr auf dem Hof dienen. 1895, als der Rekerhof abgebrannt war, hat die Bäuerin meine Mutter gebeten, die Schnat gerade zu machen, das Bmnnenstück auszutauschen, „dormet das de Speok endlick upheiert und Freede werd“.

Julie Meier-Henrich ist eine gute Erzählerin. Oma Mischer versteht es noch besser. Wilhelmine Mischer, die ich in der Schmiede zu Oberheesten treffe (die schon 1822 mit Hammer und Zange auf dem Türgericht das „Handwerk“ lobt). Als Mädchen hat sie auf den großen Höfen gedient, viel miterlebt, manches behalten, einiges verarbeitet. Etwa die Geschichte von der „Schäferbraut“ vom Schülkerhof, deren „Lustige Hochzeit“ gefeiert worden wie keine andere je zuvor (wo es von Samt und Seite nur so gerauscht, die ersten Spitzenhosen und den ersten Pudding gegeben), die aber schon „up halben Wege“ gewesen, und die der Hofschäfer, von dem sie es war, der öffentlichen Schande preisgegeben, weil ihm das Schweigegeld nicht gezahlt. Worauf der Schülkerbauer den Hof verkauft (der Bankert sollte ihn nicht haben), mit 90 noch Steine geklopft und sich zuletzt erhängt hat: „Jo, et was ne leige Toit för de Denstmäken. Iutbetahlen, das gaf’t nich. Seu wörd’n nau iutfisset bobendroin.“ Oma Rischers Mutter, unter der Predigt geboren, hat die Leichenzüge vorausgesehen, oft um die Urte, wenn sie mit den anderen Frauen, die Racke geschultert, auf die Höfe gezogen. Hat die „Goldfeuer“ gesehen, die am

„Goldberge“ im Mühlengarten bei der Niedernmühle und auf der „Geldgrube“ im Bellenberg brannten. Wolf und Meier-Henrich haben mit dem Mühlenpächter zwischen „den Tagen“ nachgegraben und den Schatz auch gehoben. Aber da habe ein Reiter auf weißem Ziegenbock sie zum Sprechen verführt. Alle drei seien einen unnatürlichen Tod gestorben. Drei volle Stunden erzählte sie mir, melkte zwischendurch die Ziege, stellte Milch, selbstbacken Brot und Butter vor mich hin (es war die hungrige Zeit), ist fast wieder wie ein Mädchen, so nahe ist sie der Kinderzeit. Diese Alten haben so selten einen, der ihnen zuhört, auf sie eingeht, ihr Leben ernst nimmt, bedeutsamer als das Leben eines Filmstars von Hollywood, eines Weltmeisters im Schwergewicht, einer Fußballelf. Nassen Auges faßte sie meine Hände: „Kumt doch baule wier, eck weut nau seo veel!“

Hofanlage Petingsmeier in Heesten mit Haupthaus, Leibzucht und Nebengebäuden

Hofanlage Petingsmeier in Heesten mit Haupthaus, Leibzucht und Nebengebäuden

Heestens Hofhäuser sind funkelnagelneu, steinern, die Hofanlagen Vierkant oder dreiseit, sehr sachlich. Küterbrook, das benachbarte Grenzgut, das ich gestern sah, hat scheint’s Schule gemacht. Schon 1335 als „Cuthe“ bezeugt, war es ursprünglich lippischer Grafenbesitz. 1629 kauften ihn die Bierberachs. 1799 an die von Heydens aus Westfalen verheiratet, wurde das Gut über die Höllenstein schließlich an den Hengstzüchter Neisse übereignet.

So empfinde ich das wenige, was Oberheesten an Holzbaulichem bewahrte, etwa das Krughaus, den Nachbarvierständer daneben, die schönen Meierhäuser Obermeier Nr. 5 von 1753, Wilhelm Pedringmeier Nr. 3 von 1812 nebst Leibzucht von 1798, in ihrer bunten, ragenden Fachwerkherrlichkeit beinah als Erquickung und den alten Höfereim, den Oma Mischer mir anvertraute, vollgepackt mit Schicksalen und heimlichen Bezügen, weil ich sie nun deuten kann, als den „Roman“ eines ganzen Dorfes:

„Fügel up’n Tügel – Schlepper, de graute Bür, geiht’n für;
Lukemeier in der Gebel – schit Peidringmeier in’n Stebel;
Dörking, de gruise – Busemeier, de Wuise;
Schülker up’n Peole – Megger in’n Steohle;
Deppe trampet inne Asken – Schöttler steckt’d Geld inne Tasken; Scheolmester uppe Niggestadt – schit’n ganzen Hauster Biuwern wat…“

Leopoldstal – Köttersiedlung im Bangem

„Ein Mann geht über die Mauer“ – „Spökenkieker“ unter der Velmerstot – Ein Dorf ohne Höfe

Von Oberheesten steige ich nach der „Engelsburg“ hinan, wo auf dem „Knick“ früher das gemeinsame Osterfeuer der Heestener und Leopoldstaler entfacht und hernach und vorher auf Steinbänken bei Pfänderspielen und allerlei Jux gebührend gefeiert wurde. Dann folge ich rechts dem Weg, der nach Gut Rothensiek hinabführt, studiere die lateinische Inschrift am Torhaus, dem „Vorwerk“ von 1687, erinnere mich, daß v. Kotzenbergsche Wappenzeichen auch am Gasthof Viaion in Horn gesehen zu haben, und lasse mich vom Gutsherrn gern auf Schießscharten und Spuren von Zugbrücke und „Gräfte“ aufmerksam machen. Ein altes Wasserschloß einmal! Hangseits kommen wir mit dem Grabenverlauf nicht zurecht und können uns nicht schlüssig werden, ob die Gräfte hier terrassiert war, wie etwa zu Himmighausen. Volland sagt: „v. Kotzenberg war nicht der erste. Der erste hieß Trumpe, war Horner Bürger und Zeitgenosse Martin Luthers. Weil er einen Mann erschlagen, ,fiel er über die Mauer, d. h. wurde flüchtig. Mit Unterstützung des Landesherrn (Triumpes Verwandte war ,maghet und Bi- slepersche‘ Bernhards) baute er ein Haus auf dem ,Rodensiek‘. Davon blieb jedoch nichts erhalten. Und nur weniges auch von den (um 1900 abgerissenen) Fachwerken und der einstigen Brennerei. Damals war jahrzehntelang Streit zwischen Horn und Rothensiek um die Hude. Totschlag war und Blockierung, Zerstörung und Wiederaufbau.“

Wir treten aus dem Schatten der großen Kastanie in das 1853 errichtete „Herrenhaus“. Im Saal verruhe ich ein Weilchen auf einem der Sessel mit siebenzackiger Adelskrone, bewundere die Schönheit eingelegter Kommoden, Schränke und Tische aus der ritterzeitlichen Hinterlassenschaft und vernehme weiteres: „Kanzleirat Kotzenberg begründete um 1700 12 Kötterstätten, später wurden es 50 Hudeberechtigte. 1789 beantragte Amtsrat Krük- ke das Bauerschaffsrecht. ,Bangorn‘, ein Grenzgelände, und die ,Rischwiese‘, 9 Veldromer Stätten, wurden mit,eingemeindet‘. So entstand, weil von Graf Leopold I. genehmigt, das heutige Leopoldstal. Die Altkötter haben ein jeder 6 Scheffelsaat oberhalb des Gleiskörpers, der ihre Äcker mitten durchschneidet.“ Amtsrat Krücke hatte 12 Töchter, die meist ledig geblieben und Seidenraupen-, Hunde-, Hühnerzucht trieben. Was weiß ich!

1947/48 besuchte ich die „Kleinen Leute“ von Leopoldstal. Ziegler Karl Kuhlmann, Wilhelm Meier und Karoline Schäfer. Alles Achtziger. Sie wußten noch viele Geschichten über diese Einsam-Ledigen von Rothensiek, puppenlustige und sterbenstraurige, ich vergaß, sie aufzuschreiben.

Ein Stückchen verbleibe ich auf dem alten Hellwege, der, einst Hauptfernstraße, von Horn über die „Herrenmühle“ und das Gut am „Driftenberg“ entlang nach Höxter führte. Auch von ihm gibt es viele Geschichten, unheimliche zumeist, dunkle, kampferfüllte, leiderfahrene. Um ihn wird erneut gestritten: ob er eingezogen, ob er noch weiter erhalten bleiben soll.

Die Fernwege unserer Zeit sind geschichtenlos, episch steril. Nur der Eisenbahnbau von 1892 hat mythische Anfänge. Schon ein Jahr vorher hatten „unheimlich viele“ Schiebkarren an der Stelle gestanden, wo jetzt der Bahnhof ist, und als Husemann und Wissmann im Steinbruch auf der Velmerstot verunglückten, haben nachtszuvor welche, die von Altenbeken gekommen sind, eine Bahre aus dem Steinbruch heraustragen sehen, und als Berkemeier verschüttet wurde, ist zwei Tage zuvor, gegen neun Uhr, ein Spektakel von Berkemeiers Haus bis Husemann und auch an der Stelle der früheren Ziegelei bei der Unterführung wo Nolte wohnt, durch die Luft gehört worden: „Seo doll, dat de Minsken weglaupen sind.“

Drüben, am alten Glaskirschenbaum, steht noch das „Pöttkerhaus“, Nr. 11. Der Türsturz kündet, daß „Johann Friedrich Husemann und Lawise Köllermeiers von Bellenberg“ es 1807 haben richten lassen. Der östliche Vorbau ist 16. oder 17. Jahrhundert. Julius Hofmeister, 86 Jahre, 1867 eingezogen, zeigt mir die Räucherküche, die noch ohne Schornstein ist. Fingerdick krustet der Ruß auf dem Gewänd. Hofmeier gibt mir genau die Stelle im Garten an, wo einst der Pöttkerofen gebrannt hat. Er zeigt mir, wie man mit Holzstange und Eimer Wasser aus dem uralten, 10 m tiefen Dachbrunnen schöpft.

Ich suche nach weiteren Zeugen der Holzbaukunst im Dorf, bei den „Krug- Blomes“, dem „Blome vom Berge“, „Kuhlemeiers im Busch“, Nolten, Möllers, Schmidtmeiers, Deppen, Messmann. Es blieb wenig. Es ist viel herumgeflickt, steinersetzt, durch- und umgebaut. Vor dem Habichtsberg noch ein Kalkofen, altersgrau, und, osningseits, gegenüber ein mächtiges, stockwerk- und fensterreiches Gebäude, das wie ein Faustschlag in das friedliche Bild der Landschaft ist, rücksichtslos, gleichgewichtsstörend. Und Fremdenheime und Gaststätten hüben und drüben, gepflegt, sachlich, neu; aber einen Hof, so einen richtigen anheimelnden lippischen Bauernhof, gibt es nicht, auch unten im Dorf, bei den ehemaligen „Paderbornschen Fischgründen“ nicht. Weil das ja auch gar nicht sein kann: Weil Leopoldstal Köttersiedlung ist, Kleinleutesiedlung um ein Rittergut.

Veldrom – Grenzdorf beiderseits

Spinnstube und Kinderbrunnen für beide Bekenntnisse einheitlich – Wildhüter paßte auf Hirsche – Geschichten um „Vogelschacht“

Bei T. P. 252 hinter „Waldschlößchen“ verlasse ich die feste Straße und folge dem Weg, den die alten Fuhrwerker, mehr oder minder spurenhaft, mal ein-, mal mehrgleisig, in den Flammenmergel eingefahren, als sie das Eisen von der Altenbekener Schmelze geholt: entlang dem „Rehhagen“, „Wiehagen“ und „Buchenberg“, die nassen Juraböden am Zangenbach meidend. Oben am „Tannenberg“, vor der „Haue“, winkelt er links auf die Kattenmühle zu, schneidet tief in den Hang oberhalb, quert den Silberbach und zickzackt dann, dem Grenzverlauf folgend, ins Sagetal hinein.

Der Hohlenstein bei Veldrom

Der Hohlenstein bei Veldrom

Wo hinterm „Wollhaupt“ die „Bollbeeke“ rechts einmündet, biege ich ein, freue mich an Teich und Mühle und stehe, wenig später, vor dem bunten Fachwerk, das, des Dorfes bestes, einen Schnappschuß lohnt. Mit „schönen alten Häusern“ kann Veldrom wenig Staat machen. Hof Meierjohann, der größte, ist ein Steinwerk von 1853. Und so die Kotten der Weber, Schlüter, Tito, Möller, Tolle, Schöfer, Röenschöfer. Und Robrecht von der anderen Seite, wo die beiden Dorfteile, die der Bach trennt, sich verzahnen. Es ist überall viel herumgeflickt, besonders im preußischen Teil, der Holzarbeitersiedlung am Eggehang. Das einzige Türgericht von Format, das „Stephan Clas 1796″ richten ließ, ist von Horn „zugezogen“. Pech. Aber dies Haus da vor mir, Nr. 33, die ehemalige Spinnschule, gefällt mir, mag auch das kleine Vogelbauer straßenseits eher originell als lippisch sein. Die Wetterseite ist mit Pfannen verkleidet. – Ich bin im landeshöchsten Dorf, dem mit der auch größten Regenhöhe (im Mittel 1135 mm, 1926 sogar 1520!).

Opa August Runte von gegenüber, 86jährig, ist noch bei „Vogelschacht“ in die Schule gegangen und weiß viele lustige Geschichten von ihm: wie sie ihn mit List („draußen, da, ein Milan!“) aus dem Unterricht „entfernt“, wie etwa Armin, Vogelschachts Sohn, auf einen Brief an den Vater dessen Bild gemalt und nur dazugeschrieben hat: „An diesen da in Jerxen“ (Schacht war da einmal Lehrer). Ich erfahre, daß im Doppeldorf 2 Schulen, die „Heinrich Schacht-“ und „Pater Bedaschule“, zwei Feuerwehren, aber nur je ein Gesang-, Turn- und Ziegenzuchtverein, und daß nur ein Schützenfest gefeiert wird, wozu die „Lipper“ Pferde und Königswagen, die „Preußen“ das Zelt zu stellen haben. Drüben verbrannten sie früher „den Faslnacht“, einen Strohkerl, hüben klappten sie den Maitag ein. Aule Runte lächelt: „Wui hätt us jümmer geot verdreegen. De Lütten van beuden Suiten kumt jo auk olle iut’n Mönkeborn, iut eunen Saut.“ Runte führt mich in den großen, dreifenstrigen Raum, wo einst die Räder der Schulkinder gesurrt und geschnurrt, noch nach dem ersten Krieg, alle Nachmittage, an die 20: „Die Kinder sind immer mit Besen und Weihnachtsbäumen nach Detmold gekommen, haben gebettelt und getan, so arm sind sie gewesen, besonders die katholischen von drüben. Da hat der Herr von Donop das Spinnen eingerichtet, so um 1860. Eine Försterswitwe, die Meierjohannsche hat vorgesponnen. Sie haben auch zu essen gekriegt, und, wer am besten gesponnen, ein schönes, schwarzes Kleid zu Weihnachten.“ Dazu Wilhelm Klüter am 23. Dezember 1945: „Wir mußten alle hart scharwerken, fast nur mit Kühen. Wurde viel geschmuggelt damals, über die Grenze weg, Schnaps, auch Salz. In Kiepen, immer bei der Nacht, nach Altenbeken zu.

Die ehemalige Spinnschule aus der Zeit um 1800 in Veldrom

Die ehemalige Spinnschule aus der Zeit um 1800 in Veldrom

Viele haben ihren Verdienst davon gehabt. Ganz früher war ein Wildhüter. Der paßte auf Hirsch und Sauen. Die fraßen sonst die Weiden ab, den Klee, das Korn. Er hatte zwei große Hunde. Die liefen auch allein hemm und taten, was sie wollten. Der erste soll ein Johann Böger gewesen sein, schon im 14. Jh. vom Grafen bestellt.“ Und der erste Name des Dorfes von 1160 fällt mir ein „Thruheim“ (später, noch 1556, „Feld to Drom“ hieß, woraus Veldrom), der uralte und bedeutsamere Vergangenheit auszuweisen scheint.

An der „Welle“ treffe ich Sophie Möller von Nr. 14, die zwei Eimer an c „Schanne“ trägt; einem Prachtstück aus Buchenholz mit lederbesetzter ui roßhaarunterpolsterter Schulterhöhlung, die ihr Vater gefertigt, mit Me singnägeln beschlagen und Namensinitialen versehen. Er hat sie ihr a 17jähriger geschenkt. Sie trägt sie schon fast 50 Jahre, eine Schicksalsschar ne, sozusagen! Im sinkenden Licht des Abends stehe ich noch lange am Grabe Katharina Hases, genannt die „Schreinerske“, meiner alten Freundin, de ich so viele Geschichten danke, ein ganzes Buch voll. Armeleutegeschichter von Büxenwülfen und Nachtmahnen, „Swarten Rüen“ und „Witten Schimmel“, Grenzsteinverrückern und Schatzfeuern, die es jeweils mit bestimmten Örtlichkeiten zu tun haben, dem „Mönkeborn“, dem „Himmelreich“, dem „Kreuz“ auf der Egge und, ja und, ganz besonders mit dem Schöttlerhof unten im westfälischen Dorf. Sechs Bötesprüche vertraute die Häsin mir an. Witwe Schlüter-Plaß hatte damals über das „Maitageinklappen“ vor den Häusern der Kinderlosen berichtet, den sie, nassen Auges, am 19. Dezember 1945 so beendet: „Ich habe sieben Stück geboren, zwei sind im Kloster, zwei Mädchen, und die Jungen sind noch nicht wieder da. Ich habe das Schwein zum Schlachten fett. Das soll der älteste haben, wenn er nun bald wiederkommt. Aber ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Und ich habe gedacht, wenn ich alt wär, wollte ich es mal gut haben. Der Junge sagte: ,Modder, denn ziehste bei mich.‘ Und nun habe ich keine Kinder mehr. Nun müßten sie ja auch eigentlich mit Peitschen kommen, und ich kann doch nun nicks dazu!“

Grevenhagen – Außenlieger unter der Egge

Die „Franzosenkrippe“, Lippes ältester Backtrog – 7 Schulmeister aus einer Sippe – Spökehaus auf der „Hohen Brede“

Wege wandere ich, die kaum noch begangen. Vergraste Wege manchmal nur spurenhaft. Nach einem Dorf, das fast vergessen. Vergessen vom Verkehr, von der Geschichte, weil „biutenlippsk“, Exklave. Wege, auf denen aber einstmals Rosse gestampft, Fuhrwerke geruddert, Peitschen geknallt. Vor Sandebeck gewinne ich die feste Waldstraße, die dem „Uhlenberg“ gegenüber zur „Totenklappe“ ansteigt, wo früher die Toten von Grevenhagen entlanggetragen und von der Betglocke „bekläppt“ wurden.

Anna Hake, 75 Jahre alt, in Grevenhagen mit Reepegeräten

Anna Hake, 75 Jahre alt, in Grevenhagen mit Reepegeräten

Und nun ein Bild nach meinem Herzen: inmitten begrünter Fluren, wald- umhütet, das Dorf. Der erste Hof rechts, Nr. 1 („Richterhof“ heißt er bei den Alten, sein Bauer soll der Dorfrichter, der Vogt gewesen sein) ist noch ganz so, wie Tacitus sie schon kennt. Bauer Adrian. Er zeigt mir einen „Extract“ aus dem Saalbuch von Horn, „extrahiert den 2. Oktober 1503″. Damals waren vorhanden ein Wohnhaus, eine Leibzucht, ein Backhaus, ein Schweinestall, ein Spieker und eine alte Scheune. Besterhalten ist das Backs von 1752. Wir steigen über den durchgetretenen Süll. „Die Franzmänner“, sagt der Richterhofbauer, „haben den Backtrog als Krippe gebraucht, einmal, in Napoleons Zeit. Haben die Pferde daran verpflockt, hier, die vier Pinnlöcher sind noch zu sehen. „Franzosenkrippe“ nennen wir den Trog. Hernach ist es meinen Vorfahren zu genant gewesen, noch Bäckte daraus zu essen. Haben ihn nur noch als Brennetrog beim Schweineschlachten gebraucht.“ Urig, dieser Backtrog, wie ein Einbaum der Vorzeit, vierkant, eichen, über 3 m lang, an den Enden in Schwalbenschwanzmanier verspannt. „Backschöttel“ zum Einschieben des Brotes, „Leoten“ und „Feger“ zum Reinigen, liegen noch auf der Lehmkuppel. Rechts an die Wand geklappt, das Backbrett. Auf dem Balken rumpeln Seilwagen und Schlohbrett zum Strickeschlagen. Anna Hake, geb. Mönnig, aus Hohenbrede, unten aus dem Dorf, hat das „Strickeschlohgeschirr“ noch vollständig beieinander, ihr Junge schlägt noch. Sie ist der Meinung: „Et geiht nix öwer sümstmaket Reipe. De roit‘ nich.“ Adrian stellt mir die „Togbank“,eine der alten Art, vor die Tür, setzt sich rittlings darauf, klemmt ein Holzstück unter den fußbedienten Hebel und „tocht“ los. Wo gibt es das noch? Wo im Lande der Rose?

Und wo in aller Welt eine Schulmeistersippe, die reihnach 7 Schulmeister in über 200 Jahren hervorgebracht, eine Schule in Erbpacht, immer nach dem Vater der älteste: von Jürgen Henrich, 1715, über Jeos (der zuerst ein eigenes Schulhaus), Johann, Conrad, nochmals Conrad, Johannes, bishin zu Albert Heinekamp. Verwurzelt sie alle mit dem Dorf, seine geistige Mitte, nachwirkend, wiedergehend noch nach dem Tode: „Auf Mikus Obermhofe soll der alte Conrad Heinekamp noch manchmal mit einer Plattschute spazieren gehen!“

In sich geschlossen, eine wuchshafte Einheit ist dieses Krähwinkeldorf, besitzt nur einen einzigen Verein, den „Heimatbund Grevenhagen“. Zu den 14 Stätten von 1581 und den (ebenfalls landeszugehörigen) 4 zu Hohenbreden (1590 „auf der Hohen Breden“) sind wenig neue hinzugekommen. Als 1803 das Dorf von Lippe los sollte, baten sie die Fürstin Pauline inständig, beim Lande bleiben zu dürfen. Ob es stimmt, daß Grevenhagen Patengeschenk eines Fürstbischofs von Paderborn (deren 4 aus dem Hause Lippe) an einen lippischen Prinzen ist? Ob es wahr ist, daß die Bauern Adrian, Cloth und Mikus einmal einen lippischen Grafen mitbefreien halfen (mit den „bürgertreuen“ Hörnern zusammen) und dafür mit steuerfreiem Land begütert sind, Adrian mit 9 Morgen, dem „Neuen Kamp“? Einmal wäre das Dorf doch fast aus seinem Dornröschenschlaf erweckt worden: Als die Glücksritter Gerhard David von Acken und sein Schwager Karl Weingart, Anno 1591 auf Alaun, Schwefel und Vitriol muteten und schürften und 1595 Mathias Lenger von Eltersberg nach ihnen auf Silber. Über die Kummerhalde wuchs der Wald, die Alaunhütte verdarb. Der Schacht ersoff. Still liegt er, der „Swatte Pool“. Kein Mensch mag da Vorbeigehen. Viele Geschichten gibt es darüber im Dorf, von hineingefallenen, flüchtenden Franzosen, versunkenen Kriegskassen, schatzhütenden Hunden. Ich habe sie alle aufgezeichnet, auch die vom „Swarten Krüz“ auf der Egge und vom „Mestekerl“ jenseits. Dunkel sind sie wie der Name, die Anfänge, die Geschichte Grevenhagens, des Außenliegerdorfes unter der Egge.

Quelle: August Meier-Böke – „Zick-Zack-Fahrt durch Lippe“ (1954 – 1958)

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