Jugenderinnerungen an Schieder

Luftaufnahme – Schieder und Emmer bei Schieder-Schwalenberg, Kreis Lippe. Webowl [Public domain], via Wikimedia Commons

Jugenderinnerungen von Lina Köhne, geb. Kuhle, Lüdenhausen

Ich bin 1879 in Schieder geboren. Derzeit war Schieder noch ein Dörfchen von 62 Hausnummern, dazu kam die Domäne und das Schloss. Der Schweitbusch zwischen Schieder und Brakelsiek war noch viel größer und dichter, mit wunderschönen dicken Buchen. Wir wohnten im Hammer, heute Niesetal, wir waren dort mit fünf Hausstätten. Wir waren alle fleißige Leute, an Arbeit fehlte es auch nicht. Damals gab es dort 14 Kühe, aber auch 20 Kinder. Als ich vor vier Jahren wieder dort war, habe ich nur drei Kinder gezählt.
Wir wurden früh zur Arbeit angehalten, aber Dummheiten machten wir auch.
So bin ich als Achtjährige mal in die Niese gefallen. Unsere Nachbarn hatten gebükt, und dann wurde die Wäsche in Plögers Baumhof an die Niese gelegt. Nachbars Luise und ich aber wollten doch mal das Gießen probieren. Luise nahm die Gieße und ich die Brause. Die aber wurde mir zu schwer und ich kopfüber in den Bach. Luise schrie: „Iuse Briusen un iuse Geuten!“ Eine Nachbarin ist dann zur Hilfe gekommen, um Brause und Gieße zu retten. Sie hat dann abei doch gesehen, dass da noch sone Bracke inne lag und hat mich herausgezogen und nach Haus gebracht. Ich habe dann laut gebölkt: „Mamme, Mamme, eck wör baule versopen!“
Unsere Mütter spannen noch fleißig, und im Frühjahr packten sie das Garn in Säcke, und Nachbars Luise und ich mußten damit zum Leineweber nach Lothe, der machte
das Leinen, oder nach Blomberg, der webte Handtücher. Wie wir nach Blomberg kamen, fragte der Leineweber: „Wat wijje denn förn Muster häbben? öt gift Tripken-trap und Gäuseauge un Muiseörn.“ Das Letztere haben wir genommen.

Die Lufbild Ansichtskarte von 1957 zeigt im Vordergrung Schloss und Domäne Schieder

Ich mochte 12 Jahre sein, da waren wir am Fithenkenberg zum Himbeersuchen. Da waren auch Brakelsieker Kinder, die sangen: „Über Schleswig dort nach Süden . . .“ Das Lied gefiel mir so gut, daß sie es immer wieder singen mußten, bis ichs konnte. Ich frug: „Wat es dat förn Leud?“ Da sagten die Brakelsieker Kinder: „Dat hat Wuinken Fritze dicht!“ Wie wir mit unsern vollen Eimern nach Hause gingen, konnte ich das Lied und singe es bis auf den heutigen Tag. Es war wohl eins der ersten Gedichte von Fritz Wienke, das vertont ist. Ich habe den Zieglerdichter gut gekannt und auch dessen Vater noch.
In dem Buch „Mein altes Schloss“ ist auch der Erbfolgestreit erwähnt, auch in „Heimatland Lippe“. Das interessiert mich besonders. Mein Vater war für Bückeburg. Lippe war damals noch ein armes Ländchen, und mein Vater sagte: „Wenn wir den Bückeburger Prinzen ins Land kriegen, dann kommt Geld ins Land und es kommt Schwung herein. Aber es kam anders, Haus Biesterfeld siegte. Mein Vater war viele Jahre Vorsitzender des Kriegervereins. Wie nun Graf Ernst seinen Einzug in Schieder hielt, musste mein Vater mit seinen Kriegern antreten und auch eine Rede halten. Aber das konnte er auch, und wenn es sein musste, aus dem Stegreif. Wie Graf Ernst nun 4 Tage in Schieder im Schloss wohnte, kommt da eines Morgens ein Lakei ins Haus und bestellt: „Herr Kuhle ist um 11 Uhr zu Seiner Erlaucht befohlen!“ Mutter in großer Aufregung holt ihn aus dem Garten ins Haus. Vater aber meint ruhig: „Wat well de Graf denn van mui?“ Dann zieht er seinen besten Anzug an und dann zum Schloß. Wie der Graf ihn begrüßt hat, sagt er: „Kuhle, ich habe Sie zu mir bitten
lassen, weil Sie mir bei meinem Einzug eine Rede gehalten haben, die mir zu Herzen gegangen ist. Sie kam aus ehrlichem deutschen Herzen. Sie waren ja für das Haus Bückeburg!“ Da sagt der alte Haudegen: „Erlaucht, ich bin untenan der Obrigkeit, die Gewalt über mich hat!“ Da antwortet der Graf: „Ich weiß, dass Sie ein guter aufrechter Deutscher sind, und erst kommt Deutschland! Und hier schenke ich Ihnen mein Bild!“ Das war im Bronzerahmen mit eigenhändiger Unterschrift. Auch in Schieder gab es Leisetreter, die alles überbrachten, aber der alte Graf kannte seine Leute, und wenn er meinem Vater begegnete, ließ er halten und sprach mit ihm ein paar freundliche Worte.
Mein Vater kommt eines Abends spät durch den Schweitbusch, da hört er, wie zwei sich streiten. Er stellt sich hinter eine dicke Buche und lässt sie näher kommen. Es waren zwei Ziegelbrenner, die zwei Wochen länger auf der Ziegelei gewesen waren, um die letzten Steine zu brennen. Die beiden hatten sich wohl tüchtig einen genommen und hatten sich nun mächtig in der Wolle. „Diu vamuckte Filier!“ bölkt der eine, „diu wut mui seowat seggen? Sterben saste hür upper Stie!“ Der andere fleht: „Och Krischon, lot mui lieben! Denk an muine Friuen un Kinner!“ Krischan hat aber keinen Pardon geben wollen. Da schleicht sich mein Vater hinter die beiden und haut ihnen mit seinem Eikmeier immer eins ums ander auf den Rücken, so lange er das Laufen hinter ihnen her aushalten kann. Dann geht er zum Zollstock zurück, und da hört er sie rufen: „Junge, Junge, wat was das förn Filier? Wenn wui den bleoß hür härn, denn sollten schlecht gohn!“ Vater sagte, sie wären nun ganz nüchtern gewesen und wären einträchtig nach Lothe gegangen. Er kannte sie persönlich, aber sie haben nie erfahren, wer sie auf den rechten Weg gebracht hat.
Vater war auch Schiedsrichter. Kommt da einmal ein junger Ehemann zu ihm: „Kuhle, künt Seu mui keunen Rot gieben? Muine Friu es mui weglaupen!“ Da sagt mein Vater: „Do kann eck dui keunen Rot gieben. Muine Friu es mui nich eunmol weglaupen. Diu bist ja wall seo vell Mann, dat diu duine Friun in Schutz nimmst. Diu weust ja wall, wat duine Mamrae förn Ruipeusen un Hekelbrett es!“ — Es kommen auch mal ein paar Mädchen von der Domäne zu ihm, die waren höllisch aneinander geraten. Da sagt Vater: „Niu goht euerst mol sitten, un denn verteilt mui mol, wat juck aulen Katten seo in Wiut brocht hat!“ Wie sie dann später wieder aus dem Hause gingen, waren sie ganz friedlich miteinander.
Ich war so 9 bis 10 Jahre, da war zum ersten Mal ein Karussell in Schieder, es stand oberhalb des Forsthauses. Ich bekam auch einen Groschen. Wie oft man derzeit dafür fahren konnte, weiß ich nicht mehr. Es war Sonnabend. Meine ältere Schwester, sie war 20 Jahre, brachte Butter zum Bäcker, das Pfund 70 Pfennig. Sie hatte auch noch kein Karussell gesehen, und das war soo schön! Und sie gab mir noch einen Groschen. Aber o weh! Was hat die für Schimpfe gekriegt, weil sie das Geld so verplempert hatte. — Unsere Mutter war zu uns Kindern recht strenge. Ich war schon 20 Jahre und war von Haus und kam sonntags zu Besuch. Mutter war vor der Tür, und als wir uns begrüßt hatten, da sah sie meinen schönen neuen Hut. „Wat haste dor denn förn uptakelten Heot uppen Koppe?“ fragte sie. „Wenn wui in’n Hiuse sind, rißte dat seogluik herunner! Do kümmste mui nich wier met iuten Hiuse!“ Ich weinte, und wie ich Vater begrüßte, sagte er: „Wat grinnste denn?“ — „Jo, Mamme hat öbber muinen Heot schullen!“ — „Worümme denn? De es doch recht schön un de sitt dui seo wacker. Wat koste denn?“ Ich sagte: Dreu Mark fufzig!“ — „No Mutter, de erschwinget öt ja nau wall! Un wenn diu mol wier meunst, datte schellen most, denn lot das Luit euerst int Hius kumen!“ So behielt ich meinen aufgetakelten Hut, und der war doch auch so schön!
Einmal habe ich aber doch mal ganz gehörig in den Nesseln gesessen. Die Schmiede war derzeit der Mittelpunkt im Hammer. Meister Büngener war mit zwei Gesellen und einem Lehrling von morgens früh bis abends um 7 tätig. Da war auch mal ein Lehrling aus Rischenau, das war ein Jude. Es war abends, und wir Bracken waren alle da. Der Lehrling und ich kamen in Streit, ja, und ich sagte: „Diu aule Jiudenjunge, wat wutte denn!“ Aber da griff er mich und setzte mich über die Hecke in die Brennesseln. Da war nun großes Geschrei, denn im Sommer trugen wir Mädchen ja keine Hosen! Frau Büngener kam angelaufen und schalt mit dem Heinrich: „Diu konnsten ja’n paar anne Auern desken, dat hat öt verdeunt, öbber inne Nettein teo setten, dat was nich neudig!“
In der Kartoffelaufgrabezeit hatten es die Frauen oft recht druck. Als wir mal kurz vor Mittag mit Aufgraben fertig waren, da sagte die Hartmannsche, die uns mit geholfen hatte: „Wat kokt wui denn niu nau? An’n besten es Fillkatuffeln, un denn stippet wui se metten blauten Mese upt Solt!“ Das hatte ich noch nicht gehört. Ach, was haben wir gelacht!
Wie die Bahn nach Blomberg gebaut war — sie hieß auch die Rübenbahn —, gab’s ein Gedicht:

„In Schieder fährt jetzt eine Bahn
Nach Blomberg hin zur Stadt,
Darauf ein jeder fahren kann,
Der einen Groschen hat.
Seht, seht, das ist eine Bahn,
Wie sie Krieger will,
Sie fährt von Schieder nach Blomberg hin
Und hält in Noltehof still!“

Das war die Heimat vor 70 bis 80 Jahren. Wie ich vor einigen Jahren mal wieder dort war, traf ich noch einige alte Leute, die mit mir jung gewesen waren. Ich sagte: „Ihr Schiederschen, ihr seid ja nun so vornehm geworden, und bei euch ist jetzt wohl jeden Tag Sonntag!“ Aber die Alten meinten, früher sei es doch noch schöner gewesen. Aber das meinen ja die alten Leute immer. Ich traf dann noch einen alten Bekannten und sagte: „Guten Tag, Herr Geise!“ Er konnte aber nicht herausfinden, wer ich war. Schließlich sagte er: „Na, du altes Mädchen, nun sag aber endlich , wer du bist!“ Wie ich’s ihm dann sagte, da meinte er: „Na, du hast dich aber auch verändert!“ Aber bei ihm war’s auch nicht mehr wie vor 70 Jahren. Damals an Kaisers Geburtstag, hatte er und August Rarns Kürassieruniform an, fein aufgewichst, und sie sangen: „Ein jeder, der uns kennt, uns voll Bewunderung nennt die Schneidigsten vom ganzen Regiment!“ Nun stöckerte er auch man noch so herum. So geht das im Leben!

Ja, in Schieder ist nun jeden Tag Sonntag. Aber ob die Bewohner heute glücklicher und zufriedener sind als wir?
Quelle: Heimatland Lippe 07/1963