Jugenderinnerungen aus Rischenau

Paradiesmuehle Rischenau (um 1900). Ansichtkarte

Wenn ich auch schon über 50 Jahre in Lothe wohne, so bin ich doch in Rischenau geboren und habe dort meine Jugend verlebt. Rische­nau ist die Zentrale des lippischen Südostens und ist im 14. Jahrhundert sogar eine Stadt gewesen. Es hatte eine Burg und Mauern, und noch heute heißt ein Haus, das auf einem Hügel liegt, die Burg. In meiner Jugend wurde noch viel von den alten Zeiten erzählt, so von den Streitigkeiten zwischen den lippischen und braunschweigischen Grafen. Von der Weser kamen 2 000 Söldner heran, setzten Falkenhagen heran, setzten Falkenhagen in Brand und zogen mit einer Kanone nach Rischenau. Die Männer und die Burg­besatzung leisteten Widerstand, aber durch die zerschossenen Tore drangen die Feinde ein. Zwei Tage plünderten sie, bis nichts Brauch­bares mehr vorhanden war, dann zogen sie ab. Sie ließen aber eine Besatzung zurück mit der Kriegskasse und einem eisernen Kasten mit den erbeuteten Gold- und Silbersachen. Ein Korporal von der Besatzung, der aus der Umgegend stammte, hat aber den Kasten des Nachts an der Burgmauer vergraben. Da soll er noch irgendwo liegen; denn der Mann wurde auf dem Rückwege vom Gewitter überrascht und vom Blitz erschlagen. Den eisernen Kasten aber hat noch keiner wieder­gefunden.

Ich werde zu gegebener Zeit mit meinem Freund, der hierherum als Wünschelruten­gänger bekannt ist, mal an die Mauer gehn: „Inner Obentuit, wennt duister es un keuner suit, do willt wui bui der Euken den grauten Schatz nau soiken“.

Kapitelsaal und evangelisch-reformierte Klosterkirche Falkenhagen, Ostseite

In meinen vier letzten Schuljahren war ich Kuhhirte bei dem größten Hofbesitzer des Dorfes. Er war Nachkomme eines Soldaten, der im lippischen Kontingent unter Napoleon in Spanien gekämpft hatte. Damals sind nicht viele wieder zurückgekommen. Dieser Rischenauer aber kam zurück und hat sich sogar seine Frau aus Spanien mitgebracht. Auf dem Hofe war ich Kuhhirte und hatte mit unserer Kuh zusammen 12 Kuhteile — so sagte man damals — zu hüten. Ich mußte aufpassen, daß meine Kühe nicht die angrenzenden Wiesen und Kleefelder abfraßen und daß sich keine Kuh am Klee zu dick fraß. Das war meinem Vorgänger mal passiert, und die Kuh hatte notgeschlachtet werden müssen.

In der Erntezeit gab es viel Schweiß und Durst bei den Schnittern, Mägden und Tage­löhnerinnen, und der Durst wurde dann mit viel Cichorienkaffee gelöscht. Beim Einfahren des Erntehahns wurde der Leiterwagen man knapp beladen, damit das ganze Gesinde, alle Tagelöhnerinnen und vor allem auch die Großmagd mit dem Erntekranz noch Platz darauf hatten. In der großen Gesindestube und dem offenen Nebenraum standen dann auf langen gedeckten Tischen Platenkuchen, belegte Brote und Bohnenkaffee. Torten mit Schlagsahne waren damals noch böhmische Dörfer. Schnaps und Bier wurde eingeschenkt, und die Großmagd hielt eine Ansprache. Für jeden vom Gesinde hatte sie einen gut aus­gedachten kurzen, aber passenden Reimsatz über seine oder ihre guten oder kritischen Eigenschaften und ihre Beziehungen zum andern Geschlecht. Manchmal spielte dann noch ein Knecht auf der Ziehharmonika.

Für den Jahrmarkt hatten wir Jungen durch das Sammeln und den Verkauf von Lumpen und altem Eisen uns einige Groschen zusam­mengespart. Der Rischenauer Kram- und Vieh­markt wurde im Herbst abgehalten mit einer Verlosung. Im Vergleich zum heutigen war der Markt damals viel attraktiver. Aus der ganzen Umgegend strömten Besucher herbei. Die ersten Ziegler waren zurückgekehrt, die Straßen waren gedrängt voll von Menschen. Lustig war es dann, wenn der Gewinnausrufer den Losbesitzern die Nummern der Gewinnlose zurief. Dann hieß es etwa: „Nr. 55 eine Reinigungsmaschine“! Der freudige Gewinner fragte dann wohl: „Wo steht denn die Ma­schine“? — „Du kannst sie gleich mitnehmen“! bekam er dann zur Antwort, und ihm wurde — eine Kleiderbürste überreicht. So erging es auch dem, der einen Selbstbinder gewonnen hatte. Die ersten Erntemaschinen waren damals schon im Betrieb, und einer stand auch in der nahen Scheune. Aber verlost wurde er nicht, man gab dem Gewinner einen langen Schlips, den er sich selbst binden konnte. Ich aber konnte von meinen ersparten Groschen ein paarmal auf dem Karussell fahren und stolz und kühn auf einem glänzenden Schimmel reiten.

Eine interessante Figur in unserm Dorf war der Nachtwächter. Er war zugleich auch Schweinehirt und Gemeindediener. Damals, so um 1900, gab es zwar weniger Verbrecher als heute, aber hin und wieder trieb sich doch scheues Gesindel in den Dörfern herum, Zigeu­ner kampierten draußen vor dem Dorf, es brach auch wohl mal Feuer aus. Darum machte der Nachtwächter alle Stunde in der Nacht einen Rundgang durchs Dorf und stieß dabei ab und zu auch in sein Hörn. Abwech­selnd mußte dem Nachtwächter aus jedem Haus ein Begleiter gestellt werden. Auch ich habe mit meiner Mutter zusammen dem Nacht­wächter die Begleitung gestellt. Nach dem Rundgang ging es dann zurück in die warme Stube, und da erzählte uns dann der Nacht­wächter allerlei aus alten Zeiten. Man sagte von ihm, er hätte den sechsten Sinn und hätte in der Nacht schon öfter einen Leichenzug vorausgesehen.

Der Nachtwächter von Rischenau war auch der Hochzeitsbitter. Mit bekränztem Zylinder, mit Fahne und Hörn marschierte er durchs Dorf, viele Kinder marschierten hinter ihm drein. Vor jedem Haus trug er in humorvol­lem Reim die Einladung zur lustigen Hochzeit vor. „Damit das Brautpaar soll lange leben, wird’s saftigen Braten, Bier und Branntwein geben. Zwei Fuder Wein stehn auch noch am Ufer am Rhein, es wird eine lustige Hochzeit sein!“ So habe ich seinen Spruch noch im Gedächtnis. Im Hause der Braut versammelte man sich. Meist gab es dann erst Kaffee und Kuchen, dann stellte sich vor der Tür der Hochzeitszug zum Marsch zur Kirche auf. Das war von uns aus ein Weg von 20 Minuten. Die Brautkalesche fuhr voran, die Musik und Burschen und Mädchen dahinter. Über die Straße war ein Seil gespannt, ein Beisitzer auf dem Kutschbock warf in weitem Bogen Kupfer- und Nickelmünzen in die Menge. Dann war die Bahn frei zum Traualtar, zu dem die Brautleute unter Glockengeläut herein­zogen. Nach der Rückkehr standen die damp­fenden Schüsseln schon auf dem Tisch. Ein Redner wünschte dem Brautpaar im Namen aller Gäste viel Glück und Segen. Nachdem die Mahlzeit vorüber war, bei der der dicke Reis auf keinen Fall gefehlt hatte, wurde Platz geschafft, und die Musik spielte zum Tanze auf. Nach den Ehrentänzen wurden auch die alten Achttourigen-Tänze und Quadrillen vor­geführt, und nach einem späten Vesperbrot wurde bis zur Nacht getanzt. Meist hatte sich das junge Paar schon früh verdrückt.
Quelle: Heimatland Lippe: März 1970 – von August Schmidt, Lothe