Kanonen auf Schloss Brake gerichtet

Kupferstich vom Schloss Brake in Lemgo, Kreis Lippe, Deutschland. Kupferstich von 1663/1665 Im Auftrag des Grafen Hermann Adolph zur Lippe (1616-1666) gestochene Vedute.

Kanonen auf Schloß Brake gerichtet

Lemgo/Brake. Die Rebellion der Lemgoer Bürger gegen den Landesherrn Simon. Graf und Edler zur Lippe, weitet sich aus.
Nachdem in den vergangenen Tagen die Stadtwälle erhöht und verstärkt und Barrikaden errichtet wurden, sind jetzt alle Tore und Türme mit städtischen Milizen besetzt. Die Rebellen habe alle verfügbaren Geschütze auf die Wälle gerollt. Fünf Kartauen (von Experten als stärkste Kanonen eingestuft) sind auf das gräfliche Residenzschloss Brake vor den Toren der Stadt gerichtet. Auch die Fahnen wurden bereits gehisst. Es heißt, der Graf habe sein Turmgemach verlassen und mit seiner Familie in einem hinteren Schloßflügel Schutz gesucht.

Städtische Milizen belagern Schloss Brake.

Lemgoer Schützen bringen ihre Kanonen in Stellung.

Schon seit längerem gibt es in Lemgo massiven Widerstand gegen Graf Simon. Am Morgen des 3. September 1609 schlugen Rebellen bei Simonstreuen Ratsherren die Hausfenster ein. Sie plünderten die Vorratskammer des Kämmerers Budde und stahlen fünf Tonnen gepökelte Heringe. Aufständische Bürger versammelten sich vor dem Rathaus und forderten unter Pfeifen und Trommeln die Freilassung aller Gefangenen. Als der Magistrat sich weigerte, stürmte die Masse das Gefängnis, plünderte die Waffenkammer des Rathauses und setzte den Magistrat ab. Die Sturmglocken wurden geläutet und die Stadttore verschlossen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, soll Bürgermeister Wippermann die Flucht gelungen sein.

Die Aufständischen konnten aber vier Mitglieder der Ritterschaft abfangen, die als Boten des Grafen gekommen waren. Mit Morddrohungen wurden sie gezwungen, Graf Simon von einem Militärischen Eingreifen abzuhalten. Der Menge gelang es außerdem, den Status Neuwahl in Ketten zu legen.
Als man ihm Folter androhte, verriet er das Versteck des Syndikus Niebecker. Dieser wurde als Stadtverräter auf den Markt geschleppt. Die aufgebrachten Bürger forderten, er solle sich auf ihre Seite schlagen und darauf einen Schwur leisten. Als Niebecker sich weigerte, wurde er blutig geschlagen. Er konnte sich schließlich aber durch eine kleine Geheimtür in ein Versteck retten, in dem er eine Woche lang aushielt. Bis heute dauern die Unruhen an; Verhandlungsgespräche sind nicht geplant. Wie aus jüngsten Stellungnahmen eines Offiziers der Lemgoer Stadtmiliz und de Grafen Simon hervorgeht, muss mit einer längeren Belagerung der Stadt und dem Ausbruch eines heftigen Kampfes gerechnet werden.

Kommentar:
Welches Verhältnis hat Simon VI. zum oppositionellen und privilegierten Lemgo, das sich in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht eine gewisse Selbstständigkeit und Verhandlungsfähigkeit gesichert hat, ohne eine freie und unmittelbare Reichsstadt zu sein? Lemgo ist schließlich ein überregional bedeutender Gewerbe-, Handels- und Finanzplatz.

Bekannt ist, dass sich Simon nach seinem Regierungsantritt 1579 dem Einfluss des Bremer Superintendenten Christoph Pezel öffnete. Pezel war von Luthers Lehre abgerückt und hatte die Anschauungen Philipp Melanchthons noch weiter zur Lehre Calvins hin entwickelt. Der Landesherr bekannte sich erst 1605 öffentlich in einem Gottesdienst in der Detmolder Kirche mit seinen Räten, Hofbeamten und der Dienerschaft zum reformierten Glauben.

Er nahm, durch die lippische Kirchenordnung bestätigt, weiterhin in Anspruch, auch kirchliches Oberhaupt aller Untertanen zu sein. Simon wagte zwar nicht, die lutherische Kirchenordnung von 1571 ausser Kraft zu setzen; aber eine von seinem Generalsuperintendenten Heinrich Dreckmeier ausgearbeitete Kirchenordnung weitete seine Befugnisse aus. es ist kein Wunder, dass das autoritäre Vorgehen des Grafen besonders in Lemgo heftigen Widerstand erregt.

Aber eigentlich geht es um das Streben der Stadt nach Selbständigkeit. Konfession gilt auch als politisches Bekenntnis. Die Frage der Konfession ist eng verbunden mit der Herrschaft des Landesherrn. Simon stellt seinem Staat größere Aufgaben als seine Vorgänger. Er versucht, die Staatsgewalt auszubauen, seine Kontroll- und Zugriffsmöglichkeiten auszuweiten und die Verwaltung zu konzentrieren. Er bestimmt die Preise für Korn, Vieh, Butter und Wolle.

Nicht die Kaufmannschaft als tonangebenden Gruppe, als soziale Elite fürchtet den Bruch mit dem Grafen Simon. Es sind die kleinen Leute Lemgos, die weitergehende Forderungen nach Unabhängigkeit stellen. Denn die letzten beißen bekanntlich immer die Hunde.

Bericht aus der Extra Ordinari Zeitung – Nr. 34 („Museumszeitung“ des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake von 1993)