Karl Junker und das Junkerhaus

Das Junkerhaus in einem Meer von Margeriten. Lippe2Web

Einen der seltsamsten Bewohner Lemgos, den Maler Karl Junker, lernten wir schon kennen, als wir noch Kinder waren. Er saß damals oft im Schloßhof neben der Böttcherstube mit seiner Zeichenmappe auf den Knien und malte den Schloßturm.
Ein großer schwarzer Schlapphut bedeckte sein finsteres Gesicht mit den sonderbar scheuen Augen, und um den ganzen Mann war eine Welt von Einsamkeit, die sogar wir respektierten. Es ging die Sage, daß er als junger Mann Mitarbeiter des Bayernkönigs an dessen Schlössern gewesen war, aber das war wohl nicht nachzuprüfen, wie alles, was sich an Legenden um den seltsamen, geistesgestörten Mann gebildet hatte.
Die Jahre standen wohl still für ihn, und er lebte ohne jeden Zeitbegriff einsam da draußen vor den Toren der Stadt in seinem Hause, das er sich in jahrelanger Mühe, ohne fremde Hilfe, selbst gebaut hatte. Es war fast nur aus Holz gerfertigt, und innen hatte die irre Phantasie des Erbauers alle nur erdenklichen grotesken Formen geschnitzt und angebracht, so dass wirklich seinesgleichen nirgends zu finden war.Als wir dann älter geworden waren und uns mit Junker immerhin befreundet fühlten – so dass wir ihm, wenn er im Schlosshof saß und malte, zuweilen eine Flasche Bier bringen durften -, fanden wir es immer höchst lustig, jedem unserer Gäste das Junkerhaus zu zeigen, das längst als eine Sehenswürdigkeit unseres Städtchens galt.

Portrait Junkers im Alter von etwa 20 Jahren. Foto: Museum Junkerhaus, Lemgo

„Wenn wir dann unten im Atelier angeklopft hatten und Junker mit seinem dunklen Segantinikopf aus einem Spalt der Tür geschaut hatte, winkte er uns zu und übernahm meistens die Führung durch das Haus. Gefielen ihm aber die Gäste nicht, oder mochte er sich sonst nicht bei Stimmung fühlen, Besuche zu empfangen, bedeutete er uns mit einer ruhigen Geste, allein durchs Haus zu gehen. Das war uns entschieden das liebste; denn wenn er mit uns ging, jagte er uns im Eiltempo treppauf und treppab, sagte nur zur Erklärung dann und wann: „Hier ist das Trinkzimmer!“ oder „Hier schlafen die Kinder!“, war aber sichtlich erleichtert, wenn er zum Schluss seinen Obolus eingenommen hatte und uns wieder los war. Schnellstens kehrte er in sein Atelier zurück, in dem eine Fülle von expressionistisch gemalten, furchterregenden Bildnissen und Landschaften hing. Er war dann glücklich, wenn er seine Mal- und Schnitzarbeiten wieder aufnehmen konnte, die ihm nie einen Pfennig einbrachten.
Längst war er über die Jahre hinaus, in denen er sich eine Frau hätte nehmen können, aber sein Sinn blieb dennoch immer darauf gerichtet, sein Haus für eine vollzählige Familie bereit zu halten. Für größere Kinder standen Betten, für ein Jüngstes eine Wiege bereit – alles in so unheimlich kranken Formen gearbeitet und verziert, dass es sogar unsere leichten Herzen zuweilen schauerlich berührte.
Aber noch manche Jahre mussten vergehen, bis wir die Tragik dieses entgleisten Künstlerlebens auch nur in etwa verstehen lernten. Mein Freund Ludwig M. aus Leipzig und Hugo B., die von uns in das Junkerhaus geführt wurden, sahen dieses Haus und seinen Herrn mit anderen als Alltagsaugen an. Sie waren so bewegt von der Stärke dieses treuen, wenn auch gänzlich abwegigen Willens zum Leben und von der unendlichen Einsamkeit, in der der kranke Mann – rührend genügsam, aber doch in einer durchaus gewollten, ja trotzigen Abgeschlossenheit – dahinlebte, dass auch uns dieser Besuch im altbekannten Junkerhaus wie ein Erlebnis ganz neuer Art berührte.

Im September 2004 ist das Museum Junkerhaus eröffnet worden. Vorausgegangen ist die umfassende Instandsetzungs- und Restaurierungsmaßnahme des Junkerhauses. Sie wurde von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung finanziert und in enger Kooperation mit dem Verein Alt Lemgo und der Stadt Lemgo durchgeführt.

Quelle: „Mein altes Schloß“ von Margarete Roser-Kirchhof


Ein Kapitel Ihres Buches „Mein altes Schloß – Jugendjahre im Lipperland“ (Seite 190) hat Margarete Roser-Kirchhof dem Lemgoer Sonderling Karl Junker gewidmet. M. Roser-Kirchhof war Tochter des damaligen fürstl. lippischen Regierungsrats August Kirchhof auf Schloß Brake, damals Sitz des Verwaltungsamtes Brake.


Webseite des Junkerhauses