Kinder, die des Teufels sind

»Das Kind im Hexenglauben«, Holzschnitt aus Francesco-Maria Guazzos »Compendium maleficarum«, Mailand 1626.

Die Hexenjustiz ist, aufs Ganze gesehen, von einer grauenhaften Einförmigkeit in allen Teilen Deutschlands. Als eine der Besonderheiten in den lippischen Prozessen aber verzeichnen wir die ungewöhnlich verhängnisvolle Rolle, welche die Kinder dabei gespielt haben.

Wie dem Kinde die Welt des Seins und Scheins unentwirrbar durcheinander geht, wie es das Märchen als eine Wirklichkeit hinnimmt und dem Wunder kritiklos gegenübersteht, so mußte auch das Zauber- und Hexen wesen seine Vorstellungsweise auf das stärkste beeindrucken, und das um so mehr, da auch die Erwachsenen täglich von der Zauberei als von einer selbstverständlichen Wirklichkeit sprachen. Die Eltern bezeichneten ihren Kindern gewisse Frauen als Hexen und warnten sie vor dem Umgang mit ihnen. Sie fanden nichts dabei, die Kinder zu der öffentlichen Tagung des „Hochnotpeinlichen Halsgerichts“, zur Wasserprobe und zu dem grausigen Schauspiel der Hinrichtungen durch Feuer oder Schwert mitzunehmen. Die Beschwörungsformeln und Vorgänge beim Teufelsbunde und der Teufelsbuhlschaft waren den Kindern ganz geläufig. Die Bekenntnisse der Gefolterten erfuhren die Kinder so gut wie die Erwachsenen.

Prahlerei unter ihresgleichen und der kindisch boshafte Reiz, von den Erwachsenen wichtig genommen zu werden, wohl gar eine über Tod und Leben entscheidende Rolle zu spielen, dazu die Gelegenheit, sich für erhaltene Züchtigung zu rächen, verführten die Jugendlichen zur Angeberei und Verleumdung, ja zur Selbstbezichtigung, bei der sie nicht Hals und Kragen, sondern höchstens eine Tracht Prügel riskierten.

Das alles ist für uns verständlich. Unverständlich dagegen ist uns das Verhalten der Erwachsenen. Jene Untersuchungsrichter, Rechtsgelehrten, Räte und Pfarrer bekunden eine erschütternde Ahnungslosigkeit vom Wesen der Kindesseele.

Im Jahre 1630 lassen sich die würdigen Bürgermeister und Räte der Stadt Lemgo von der achtjährigen Lisabeth Diekmeyer die albernsten Märchen aufbinden, vernehmen daraufhin zahlreiche Kinder und Erwachsene und setzen darüber seitenlange Protokolle auf. Die Rintelner Juristen ersuchen darauf, das Kind „mit Ruten zu hauen, durch die Geistlichen ihrer Sünde zu erinnern und in den fürnehmsten Hauptstücken christlicher Lehre eine Zeit zu unterweisen und den Eltern zurückzugeben“ — vermutlich waren bei der Achtjährigen die Ruten von durchschlagenderer Wirkung als die fürnehmsten Hauptstücke.

Furchtbarste Folgen hatte das Geschwätz jenes sechsjährigen Katrinchens, das in Lemgo die Hexenverfolgung von 1653 auslöste, die 38 Opfer forderte.

Eine Besonderheit kindlicher Teufelei war, wie es scheint, die Kunst „Mäuse zu machen“. Alles Ungeziefer kam ja vom Teufel. Es störte unsre Vorväter anscheinend nicht, daß damit dem göttlichen Schöpfungsakt ein teuflischer zur Seite gestellt wurde. Wie tief waren Laien und Geistliche gesunken gegenüber der hohen Erkenntnis jenes Bischofs Agobard — eines Germanen, wie der Name zeigt —, der den Glauben an die Wettermacherei der Hexen bekämpfte und verkündete, „Gott ist nicht nur der Schöpfer, sondern der Vater aller Dinge. Alle Naturereignisse haben ihren Grund in der göttlichen Weltregierung“. Er schalt die Geistlichen, welche „die Dummheit der armseligen Menschen dergestalt mißbrauchen, daß man jetzt unter Christen an Albernheiten glaubt, die in früheren Zeiten niemals ein Heide sich aufbinden ließ“.

Das sagte der spanische Bischof im Jahre 832. Im Jahre 1652 aber konnte ein dummer Junge von neun Jahren, Johann Görbeier aus Hillentrup, eine christliche Justiz in Bewegung setzen durch die kecke Behauptung, er könne „Mäuse machen“ und damit den Feldern Schaden zufügen. Und im Jahre 1654 richteten sämtliche Einwohner Wöbbels eine Eingabe an den Landdrosten, weil der vierzehnjährige Levin Köster sich gerühmt hatte, -er könne „wehrwülfen“. Der Teufel brächte ihm einen Gürtel, dann würde er ein Wolf. Auch könne er Mäuse machen aus Erdkluten.

Ähnlich rühmte sich die vierzehnjährige Anna Catharina Schlepper aus Spork (1663), die im Verhör die schmutzigste Phantasie bekundete, sie könne hexen, „auch Ratzen und Mäuse machen“. Daraus wurde dann eine große Geschichte gemacht und ein dickes Aktenbündel voll geschrieben. Es wird nicht berichtet, was mit ihr geschah. Vielleicht schaffte man sie in das Detmolder „Gasthaus“, wo bereits eine große Schar verführter Teufelskinder untergebracht war.

Die Detmolder Hexenkinder Wir erinnern uns an den Lemgoer Schullehrer Hermann Beschoren, dem man im Jahre 1654 durch die Folter das Geständnis abgepreßt hatte, er habe 17 Knaben und Mädchen von neun bis vierzehn Jahren zum Teufelsbunde verführt. Die Kinder hatten das selber behauptet. Er war auf dieses Zeugnis hin geköpft worden.

Was sollte nun mit diesen Kindern geschehen?

Die Frage ging insonderheit die Geistlichkeit an. Der Superintendent Nagel in Bega gab den verständigen Rat, die Kinder den Eltern zurückzugeben, damit sie fleißig zum Gebet und Kirchgang angehalten würden. Bei erneuten Anfechtungen müsse man den Geistlichen zu Rate ziehen und das übrige Gott befehlen. Anders der Pastor Plesmann an der Johanniskirche zu Lemgo. Er war so fest von der Macht des Satans überzeugt und also auch von der Ohnmacht der göttlichen Gnade und der kirchlichen Gnadenmittel, daß er die Kinder für unrettbar verloren hielt und sie nach erfolgter frommer Unterweisung „durch den allergelindesten Tod aus diesem Leben zur ewigen Herrlichkeit befördern“ wollte. Er setzte dabei unbefangen voraus, daß die Eltern der Todgeweihten inzwischen „gern zu ihrem Unterhalt steuern würden“.

Ob der kleingläubige Gottesmann wohl auch dann, wenn sein eignes Kind unter den Verführten gewesen wäre, für dessen gelinde Beförderung zur ewigen Herrlichkeit gestimmt hätte?

Das Konsistorium beschloß, die Kinder in dem Armen- oder Gasthause der Stadt Detmold unterzubringen und gemeinsam durch den Schulmeister Henrich Henckhausen beaufsichtigen und unterweisen zu lassen. Dem Manne wurde dafür eine jährliche Entschädigung von 40 Talern bewilligt.

Wie aber sollte man Kost und Unterhalt für die Kinder beschaffen? Vor allen hätten, meinte man, die Eltern beizusteuern. Überdies wurden im ganzen Lande Gebete angeordnet und eine Kollekte veranstaltet. Dabei kamen in acht Jahren 119 Taler zusammen — ein mageres Ergebnis. Außerdem stiftete der Meier zu Falkenhagen eine Kuh und drei Schweine, Hafer und Gerste.

Der Schulmeister hatte ein dornenvolles Amt übernommen. Es war vorauszusehen, daß die an einem Orte zusammengepferchten Jungen und Mädchen, die just in die kritischen Entwicklungs- und Flegeljahre hineinwuchsen, ihrem Aufseher das Leben nicht leichtmachen würden. Hinzu kamen Zwistigkeiten mit den Eltern, die sich sträubten, zur Beköstigung ihrer Kinder beizusteuem. Der Meier zu Lückhausen, von dem zwei Söhne im Gasthaus untergebracht waren, blieb gegen alle Vorstellungen taub und zahlte keinen Pfennig, gewiß in der Hoffnung, seine Kinder um so eher zurückzubekommen. Und in der Tat wurden sie ihm nach zehn Monaten wieder zugestellt.

Die Witwe des Rittmeisters Hoppe bat dringend darum, ihre 13jährige Tochter Margarete Katrine, die als Pflegekind bei Beschoren gewohnt hatte, zurückholen zu dürfen. Sie habe für ihre übrigen Kinder einen Präceptor, der auch die Tochter unterweisen könnte. Ihre Bitte wurde abgelehnt. Denn das Kind war noch keineswegs von ihrer Teufelei kuriert, hatte sie doch jüngst dem Schulmeister berichtet, der Teufel sei in der vergangenen Nacht in Gestalt eines Kalbes vor ihrem Bette erschienen und habe gesagt, sie sei sein und er werde sie in der nächsten Nacht zum Tanze holen. Als sie darauf unter das Bett gekrochen, habe der Teufel gebrüllt wie ein Ochse — wovon allerdings die andern Kinder nichts gehört hatten. Auch hatte eines von den Kindern behauptet, die Hoppe öfter beim Hexentanz gesehen zu haben. Die Kleine wurde also von dem Schulmeister „zu weiterer Gottesfurcht, als Beten, Singen und andern christlichen Übungen mit allem Fleiß angemahnt“. Erst im Jahre 1659, nach fünfjähriger Zwangserziehung, gelang es der Mutter, ihre Tochter mit Hilfe zweier Universitätsgutachten von Rinteln und Marburg freizubekommen.

Daß bei dieser Internatserziehung trotz Beten, Singen und Katechismuslernen nichts Vernünftiges herauskam, wundert uns nicht. Ein in Horn examinierter Junge behauptete, der Teufel habe ihm Gold gegeben, „was doch niemand finden konnte“. Ein 16jähriges Mädchen aus Salzuflen, das der Magistrat als Zehnjährige nach Detmold abgeschoben hatte, weil es hexen gelernt haben wollte, mußte, nachdem es sechs Jahre Henckhausens Unterricht genossen hatte, wegen erneuter Zauberei und Diebstahls mit Ruten gezüchtigt und aufs neue ins Gasthaus gesteckt werden. Ein übler Bursche war der aus der Verbrecherfamilie Ölschläger stammende lahme 15- jährige Johann Mauritz. Er bezichtigte sich selber des Teufelsbundes und denunzierte Dutzende von Leuten. Er wurde mit einer Kette an einem Bein gefesselt, versuchte die Mauer zu durchbrechen und warf ein Fenster in den Burggraben. Da schlug man ihm den Kopf ab (1669).

Sonst fühlten sich die Kinder aber vor dem Äußersten sicher und machten sich einen teuflischen Spaß daraus, recht viele Detmolder als ihre Tanzgenossen anzuschwärzen. Sie spielten so bei den Detmolder Hexenprozessen eine verhängnisvolle Rolle. Drei von ihnen wurden mit der Alheid Teecklenborg und ihrer Tochter, der Blohmeschen, konfrontiert und sagten ihnen „frei unter die Augen“, sie hätten sie auf dem Hexentanze gesehen. Es kam darüber zu einem heftigen Streit zwischen dem Schulmeister und den Ehemännern der beiden hingerichteten Frauen. In einer Akte des Landesarchivs findet sich eine Liste mit 37 Namen von Kindern Detmolder Bürger, die von den Teufelskindern als Hexengenossen angegeben waren. Man scheint endlich doch den Unfug eingesehen zu haben und strich 31 Namen aus.

Es ist nicht zu verwundern, daß man der verworfenen Rotte das Schlimmste zutraute. Als in der Stadt eine Feuersbrunst ausbrach, gab man sogleich den Teufelskindern die Schuld, und acht von ihnen wurden miteinander hingerichtet.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von Dr. Karl Meier, Lemgo

Send this to a friend