Kindheit und Schule

Salzuflen war um die Jahrhundertwende noch eine kleine Ackerbürgerstadt. Meine Eltern bewohnten damals die schöne Besitzung „Krecken aufm Häuschen“ an der Wenkenstraße, wo sich heute das Vinzenzheim befindet. „Über dem Häuschen“ bedeutet über dem Torwärterhäuschen am Heßkamper Tor.

Es fanden sich bei solchen Gelegenheiten die Nachbarskinder zusammen.“ Eine ganze Generation in Matrosenanzügen – ob Jungen oder Mädchen. Dazu bei den Jungen der kurze Stoppelhaarschnitt und bei den Mädchen eine Schleife im Haar und Zöpfe. Beim Spielen kam die praktische Schürze dazu.

Drei große Linden standen vor dem großen Hause, ein alter Brunnen, der nicht mehr benutzt wurde, lag an der Straßenpforte. Unser Garten grenzte an die alte Stadtmauer, die sich an der Dammstraße entlangzog. Über die Salze führte von unserem Garten eine kleine Holzbrücke mit abschließbarem Tor, durch das mein Vater jeden Morgen zu seiner Fabrik am Werler Weg ging. Bis zum Törchen durfte ich ihn begleiten. Vor dieser Brücke lag eine Wiese mit einer Weißdornhecke, und in die schmale Salze ragte ein hölzerner Steg. Hier wurde die Wäsche gewaschen, und wir Kinder sollten den Steg eigentlich nicht betreten. Aber es war zu verlok-kend, vom Steg in die Salze zu schauen und den Forellen nachzublicken, die in dem Flüßchen vorbeihuschten.
Hier machte ich zum zweiten Male Bekanntschaft mit dem Wasser. Ich mußte mich wohl zu weit über den Steg gebeugt haben. Plumps! lag ich drin, und war – wie alle echten Salzufler Kinder – diesmal mit Salze-Wasser getauft. Wenn der Müller Karl Kunze nicht gewesen wäre, der vom nahen Mühlenteich-Wehr die spielenden Kinder auf der städtischen Bleiche beobachtete, und auch meinen Plumps und das Hilferufen der alten Mutter Windel, die hinter mir Wäsche zum Trocknen aufhing, gehört hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Opfer der Salze geworden. Kunze fischte mich jedenfalls heraus, und ich fand mich nachher im Bette wieder, wo meine Mutter voller Sorgen bei dem kleinen Ausreißer saß, wartend, bis meine Lebensgeister zurückkehrten.
Unser Garten war groß, zumindest dünkte er uns Kindern unendlich weit. Da war das Gebüsch an der Stadtmauer, da war die „Lurke“, ein mit Obstbäumen bepflanzter Wiesenhang, der sich bis zur Salze hinzog. Man konnte im Garten so schön „Kriegen und Verstecken“ spielen. Es fanden sich bei solchen Gelegenheiten die Nachbarskinder zusammen. Die „Kleinen“ durften sich an den Spielen nur als „Pottläufer“ beteiligen, sie hatten kein Schlagrecht. Wenn die Mutter zum Abendessen rief, war Schluß. Gehorsam saßen wir in der Kinderstube, aßen unsere „Butters“ und dann gings ins Bett.
Dann kam der große Tag, an dem ich zur Schule mußte. Meine Mutter brachte mich zur Aufnahme. Der Weg durch die Turmstraße war nicht weit. In der alten Schule gegenüber dem Katzenturm wurden wir angemeldet und eingestellt. Bonbontüten, wie heute, gab es damals noch nicht. Mein erster Lehrer war Herr Hollmannn, im zweiten und dritten Schuljahr war es Lehrer Imker. Hier kam ich mit meinem späteren Freund Gustav Begemann zusammen. In der „Roten Schule“ waren die Klassenzimmer. Der Kantor der Schulleiter war Kerkhof. Er bewohnte das Haus neben dem Katzenturm. Ich erinnere mich noch an die anderen Lehrer, wie den gestrengen Schierenberg, Küster Rehme und Linnenbecker. Besonders der letztere war ein tüchtiger Erzieher, vor dem wir alle Respekt hatten. Er war es auch, der uns später in den Wintermonaten in der alten Schule Unterricht im Schnitzen gab. Hier habe ich das Basteln gelernt und konnte zu Weihnachten meiner Mutter stolz den ersten Kaffeekannen-Untersatz oder ein Schlüsselbrett schenken.

Ein andermal fuhren wir mit Leiterwagen, die mit Sitzbänken und Birkengrün ausgerüstet waren, über Wüsten nach Wehrendorf.“ – Am Bornhaus auf dem Wege von Salzuflen nach der Loose. Um 1900. Nicht nur für Schulklassen, auch für Vereine oder Familien war ein derartiger Ausflug ein großartiges Erlebnis.

Während der Schulpausen spielten wir unter den hohen Kastanien an der Kirche. Als dort einmal Erdarbeiten vorgenommen wurden, kamen Knochen und Schädel zum Vorschein, die wir mit Schaudern betrachteten. Früher war der Friedhof rings um die Kirche angelegt und erst später zur Rudolf-Brandes-Allee verlagert worden. Die Gegend an der Roten Schule und dem Katzenturm hieß damals noch „Hinter dem Kirchhof“.
In jene ersten Schuljahre fiel die Zeit des Burenkrieges 1902/03 und des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05. Wir verstanden die Gründe dieser Kriege nicht. Unsere Sympathien waren immer auf Seiten der Schwächeren. Bunte Kriegsblätter und Kriegsbilder mit stürmenden Soldaten, platzenden Granaten aus feuernden Kanonen und brennenden Dörfern waren begehrte Kungelobjekte. Wir ahnten damals noch nicht, daß unserer Generation noch zwei schreck liehe Kriege bevorstanden, an denen die meisten von uns aktiv teilnehmen sollten.
Im zweiten Schuljahr machte Lehrer Imker mit uns den ersten Ausflug in die nähere Umgebung der Stadt: nach Bergkirchen. An einem herrlichen Sommermorgen zogen wir los, nur mit einem Butterbrot in der Tasche, über den Vierenberg und den Hollenstein zu jenem trauten Kirchlein hinter dem Berge. Auf dem Friedhof machten wir Halt, aßen unser Butterbrot, und dann gings singend zur Schule zurück.
Im dritten Volksschuljahr durften wir den ersten größeren Ausflug machen: Zum Hermannsdenkmal! Eisenbahnlahrt bis Detmold und dann in die alte gelbrote Elektrische bis Hiddesen. Jeder hatte seine Botanisiertrommel umhängen, vollgestopft mit Butterbroten und einem kleinen Fläschchen Himbeersaft. 10 Pfennig, höchstens 20 Pfennig war unser Taschengeld, dafür kauften wir uns Brause und eine Römerflöte. Für unsere Lehrer mag die Rückfahrt ein schöner Ohrenschmaus gewesen sein.
Ein andermal fuhren wir mit Leiterwagen, die mit Sitzbänken und Birkengrün ausgerüstet waren, über Wüsten nach Wehrendorf. Bis Vlotho an die Weser, wie wir insgeheim gehofft hatten, reichte es nicht, es stand ja nur ein Nachmittag zur Verfügung. Aber dafür haben wir gesungen, und der Kutscher knallte mit der Peitsche dazu.
Später kam dann die Realschule. Es war ein stolzes Gefühl, die erste blaue Schülermütze zu tragen. Direktor Blank hielt auf Ordnung und allen meinen Lehrern wie Kayser, Polen, Gedicke, Lukas, Bothe, Haun, Ellenberger bin ich heute noch dankbar. Besonders Vather Polen hatte es mir angetan, er brachte uns die ersten Kenntnisse der Heimatkunde bei und machte Radtouren mit uns, die bis Paderborn führten.
Das Schulgeld wurde jedes Vierteljahr entrichtet und klassenweise zogen wir nach der Stadtkasse und bezahlten bei Herrn Rentmeister Schelper mit blanken Gold- und Silberstücken.

Dr. Robert Krecke —Jahrgang 1897 – erzählt aus seiner Jugend in seiner Vaterstadt Salzuflen.