Kindtaufe in der Senne um 1860

Es ist Regel, daß das Kind von drei oder vier Gevattern oder Gevatterinnen zur Taufe gehalten wird. Die Taufe selbst wird am Ende des Gottesdienstes vor versammelter Gemeinde vorgenommen. Nur ausnahmsweise kommt es bei unseren Mobilitäten vor, daß sie die Taufe im Eltemhause wünschen. Da alljährlich etwa 50 Kinder zur Taufe gebracht werden und für jedes durchschnittlich drei Gevattern genommen . werden, so läßt sich annehmen, daß pro anno 150 Personen unseres Dorfes und der Nachbarschaft die Ehre haben, Gevatter zu stehen. Bei der Wahl derselben bleibt man lange nicht in der Verwandtschaft, sondern wendet sich auch (ich meine hier die Einlieger) meist an die Wohlhabenden unter den Kolonen. Auf solche Weise war es denn auch möglich, daß vor einigen Jahren aus der vier Personen zählenden Haushaltung des Vorstehers Böger an sieben Sonntagen auf der Reihe einer in der Kirche als Gevatter stehen mußte, dann der eine, dann der andere. So kommen denn auch Fälle vor, daß einer gar nicht mehr weiß, für welche Kinder er alle Gevatter ist. Die meisten Kinder werden schon auf den 8. Tag getauft, weil bei vielen Leuten unseres Dorfes der Aberglaube herrscht, daß man, ehe das Kind getauft, nicht die Lampe verlöschen lassen dürfe. Ist die Taufe in der Kirche vorbei, so begeben sich die Gevattern nebst Hebamme und samt der Frau, die das Kind zur Kirche getragen hat, nach dem Leppelmeierschen oder Holzkämperschen Kaufmannshause, um sich da der alten Gewohnheit gemäß, einige Glas süßen Branntwein oder Grog geben zu lassen, je nach dem Stand des Vermögens oder des Luxus. Von da gehen die Gevattern in den meisten Fällen erst nach Hause, um nachmittags gegen 2 Uhr zur eigentlichen Kindtaufe (die meisten verstehen unter Kindtaufe den Kindtaufschmaus) sich wieder einzufinden. Wie geht es denn nun auf so-’nem Feste bei unseren Kolonisten eigentlich zu?

Mutter mit Täufling um 1910

Einmal bin ich als wirklicher Gast bei solchem Tauffeste gewesen, und ein anderes Mal kam ich so zufällig darauf zu gehen. Jene Kindtaufe war bei einem Kolonus. Da traf ich außer etlichen Verwandten die Gevattern mit ihren Frauen und wenigstens einem ihrer Kinder. Die Gesellschaft zählte in Summa 12 bis 15 Personen. Jedem Eintretendem wurde, nachdem er die Glückwünsche an die Eltern ausgerichtet und das Kind besehen und gelobt und die Ähnlichkeit desselben mit Vater oder Mutter klargelegt hatte, ein Schnaps, sogenannter Mutterbranntwein (süßes Zeug mit wenig Geist), verabreicht. Die Gäste waren endlich alle versammelt, und dann ging es ans Kaffeetrinken. (Die Wöchnerin spielte größtenteils den Aufwärter, obgleich das Kind erst 8 Tage alt war). Ein paar Tische waren aneinandergerückt, und ringsherum auf frischen Kiefernbrettern, gestützt von etlichen Stühlen, saßen wir Gäste. Der Kaffee war nicht unrecht. Man aß Weißbrot dazu, das aber in gar zu kleine vierkantige Stücke geschnitten war und auf einigen Tellern auf dem Tisch herumstand. Diese Stückchen, jedes ein ordnungsmäßiger Happen, waren mir ganz verdrießlich. Sie wurden mir, trotz meinem Abwehren, und trotz dem Mangel an Eßlust, gleich den übrigen Gästen in die Ober- und Untertassen gelegt. Wie nun diese weiche Masse wieder herauskriegen und zum Munde führen, da die Teelöffel fehlten? Die übrige Gesellschaft gebrauchte ihre Finger, und man entwickelte dabei eine rühmliche Fingerfertigkeit. Ich hatte so etwas seit meiner frühesten Kindheit nicht mehr praktiziert und deshalb wieder verlernt. Darum gebrauchte ich die doch ziemlich kleine Obertasse als Teelöffel. Mit ihr wurde das geweichte Weißbrot in der Untertasse zerteilt und dann zu dem vorher aber etwas breit- gezogenen und weitgeöffneten Munde geführt. Jede Mutter hatte ihr Kind neben sich oder auf dem Schoße. Der eine schwitzte noch mehr als der andere, denn einmal war es recht warm in der Stube, und zum anderen tat man sich auch recht was zugute, denn die Gevattern wollten auch etwas für ihr Geld haben. Nach beendigtem Kaffee rauchte jeder seinen eigenen Tabak, daneben wurde teils- gemeinsam, teils- gruppenweise über die verschiedensten Dinge Gespräche geführt, soweit der Gesichtskreis der Gesellschaft reichte. Nachdem nun das Kaffeegeschirr vollständig beiseite geschafft war, kam die Branntweinflasche auf den Tisch. Das Rundschenken aus demselben Glase übernimmt bei solchen Gelegenheiten der höchste Verwandte oder der Nachbar. Mitunter bleibt die Gesellschaft bis- tief in den Abend beisammen, je nachdem Trinker oder Nichttrinker, Bescheidene oder Unbescheidene zugegen sind, so daß am Ende noch Wurst und Butter und Brot aufgetischt werden muß.

Man will auch was für sein Geld haben, denkt mancher, denn der Gevatterdienst kommt ihm etwa auf 1 Reichssilber, meist noch darüber. Jeder Gevatter muß einmal dem Pastor drei Mariengroschen und dem Küster zwei zahlen, und zum anderen fordert es die Sitte, zur Kindtaufe einen Korb mitzunehmen oder schon vorher hinzu- schicken oder nach Verlauf von 8 oder 14 Tagen hinzubringen. In nur wenigen Fällen geschieht es nicht. Dieser Korb gilt eigentlich für die Wöchnerin. In solch einen Korb gehört: Kaffee, Zucker, Gebäck und süßer Branntwein im Gesamtwert von 20 bis 30 Silbergroschen. Wird der Korb (in Gesellschaft von Mann, Frau und wenigstens einem Kinde) nach 8 oder 14 Tagen hingebracht, so nennt man ihn die „Ansprache“. An solch einem Tag gibt es noch einmal eine kleine Kindtaufe. Solche Ansprachen werden aber nicht nur von den Gevattern hingebracht, sondern von allen nächsten Verwandten. Doch sind dergleichen Geschenke nur eine Schuld, die bei gleichen Anlässen in der anderen Familie wieder abgetragen werden müssen. Diese Sitte hat sich im Laufe der Jahre je mehr und mehr eingebürgert und dürfte jetzt vielleicht ihren Kulminationspunkt erreicht haben. Bei unseren Einliegern geht es gewöhnlich viel simpler zu. Das von seiten der Gevattern dem Täufling Kleidungsstücke geschenkt werden, kommt hier nur ausnahmsweise vor. Die Bademutter bekommt gesetzlich von jedem Gevatter vier Neuegroschen, und es werden merkwürdigerweise die Gebühren für Pastor, Küster und Hebamme nach beendigter Taufhandlung in Summa auf dem Altar niedergelegt.

Quelle: Küstermann, Chronik von Augustdorf I, S. 145 ff. Um 1860.