Klötterjönken und seine Sippe

„Schickt juck, de Christkindken komt!“

Mit diesem Ruf, schreckhaft erregt und freudig zugleich, flüchteten wir Kinder, klabaster, klabaster — dem Hause zu, immer am Heiligabend nach der „Lichterkirche“, denn das war der „Christkindken“ Zeit in Langenholzhausen vor dem ersten Weltkriege. Und dann standen sie, der ganze „Tropp“, fünf bis zehn, manchmal noch mehr, es gab im Dorfe verschiedene Tropps nach Nachbarschaften, auf der Deele oder in der Stube, alle unkenntlich, maskiert, aus der Konfektion von Kaufmann Hermsmeier, Busch, Kuhlmeier oder eigener Bastelwerkstatt, rotbäckig, mit langen weißen oder schwarzen Bärten aus Watte, Flachs, Hede oder Roßschweif, einen Strick um des Vaters umgekehrt angezogene Joppe oder das Hemd, trampelten, solcher Vorstellung ungewohnt, nervös in den Holzschuhen oder Vaters viel zu großen Stiefeln, den Sack auf dem Nacken oder den Brotbeutel oder sonst was um den Hals, mit dem Besen oder Knüttel bedrohlich auftrumpfend. Das größte Christkindken fragte mit verstellter,‘ hochgeschraubter Stimme: „Es hei denn auk jüm- mer fliedig un ornlick wesen?“ Dann, auf das „jau“ der Mutter: „Bete mal!“ Unter der erhobenen Fitzerrute, halb ängstlich, halb belustigt, an den Leib der Mutter gedrückt, die Hände artig gefaltet, beteten wir Verschüchterten.

„Liebes Christkindlein,
gib mir was aufs Tellerlein,
ich will auch immer artig sein.
Liebes Christkind, mach mich fromm,
daß ich in den Himmel komm.“

Oder aus dem Stegreifzwang des Augenblicks: „Ich bin klein, mein Herz mach rein . . .“ und empfingen unser Teil, ein paar Stückchen Keks, Äpfel, Wal- und Haselnüsse. Ungleich mehr ließen die Christkindchen aus Mutters Hand in ihre aufgeknüpften Säcke gleiten. Oma wollte von all dem nichts wissen. „Socke aulen, darken Töge, de häw wui froier nich kennt. Aulet Bäddelvolk!“

Backmodeln. (Mit freundl, Genehmigung
des Landesmuseums)

Auch heute (1950) gibt es die „Christkindchen“ durchaus noch nicht in allen Orten, in Bega und Humfeld beispielsweise erst seit vier Jahren. Der Atlas der deutschen Volkskunde verzeichnet um 1930 fünf Orte (Blatt 62), etwa ein Zehntel der damaligen Wirklichkeit. Sie ziehen auch schon vor Heiligabend um, in Heiligenkirchen am Weihnacht.ssonntag. Man kennt sie entlang dem Osning bis Osnabrück und rheinhinauf, östlich bis weit ins Hannoversche und Schlesien, weserab bis Nienburg. Die Senne ist Südgrenze.

Kläsken und Nikoläuse

In Großmutters Jugendzeit, auch heute noch hin und wieder, nennt man sie „Kläs- chen“. Der Atlas merkt nur siebenPunkte an. Ihre Termine sind Heiligabend, die ganze vorweihnachtliche Zeit, bevorzugt die zweite Hälfte, ganz besonders aber der Nikolaustag oder dessen Vorabend, der 6. (und 5.) Dezember. In den Städten, etwa der Landeshauptstadt, macht er immer noch seine mehr privaten als öffentlichen Hausbesuche, nun natürlich unter hochdeutschem Namen, und, trotz der Vermummung im langen Mantel, Bart, Schlapphut oder Pelzmütze und trotz der drohend erhobenen, unaussterblichen Rute, viel gutmütiger ausschauend als „Kläsken“, sein Vorfahr, der plattdeutsche Nikolaus. Die Lemgoer oder Horner Kläsken, Abgesandte der dortigen gleichnamigen Märkte im Schatten der alten Nikolaikirchen, zogen schätzend auf die Dörfer, die Lemgoer bis Lüerdissen, Entrup, Lieme, Trophagen, Lütte, Dörentrup.

Diese „Kläuse“ sind eine weitverzweigte Sippe. Ein Hamelner Vetter ist der „Puppenklaus“, ein Schaumburgischer Gesippe der „Klaus-Klump“. Zwischen Holzminden und Hess.-Oldendorf, weserentlang, beschmiert der „Ascheklaus“ die unartigen Kinder mit Asche. Im Kläschenumzug der Kinder von 1930 in Steinbrüntorf, einst zum Kirchspiel Talle gehörig, ging einer als Ziegenbock mit Hörnern. Insgesamt eine sehr bunte Gesellschaft, meist alte Männer mit Bart und in Pelzmänteln, zu den gleichen Terminen umziehend wie die späteren Christkindchen und in etwa den nämlichen Räumen. Die Senne, zugleich Konfessionsgrenze, trennt die westdeutsche katholische Vetternschaft ab, die den Klaus als Bischof mit Mantel, Mütze und sonstigen Symbolen ausstattet, sein Erscheinen auf den Kalendertag beschränkt  und, den Heiligencharakter betönend, ihn immer „Sanktus“ nennt, „Sunne-Klas“, „Saniklaus“ usw.

„Toif, de Klötter j önken schall di halen!“

Es gab in Lippe früher noch einen älteren „Klösken“, den im mittleren und südöstlichen Landesteil sogenannten „Klötterjönken“, merkwürdigerweise der seitherigen Volksumforschung, auch den Atlasbearbeitern und sogar Karl Wehrhan entgangen. Er zog nicht vor, sondern nach Weihnachten um, am Silvesterabend: immer klirrte, „klötterte“, die Holzkette hinterher, seine akustische Kennmarke, die ihn in die mytische Nachbarschaft des berüchtigten „Welthundes“ stellt, des Kinder- und Erwachsenenschrecks, des Tierdämonen. In sechs Orten zwischen Detmold und Horn (Holzhausen, Remmighausen, Hornoldendorf, Mosebeck, Brockhausen, Niewald) lebte er bis zum ersten Weltkrieg in dieser Gestalt noch: Zwei Jungkerle stellten, hintereinanderstehend und -gehend, ein Schimmelpferd dar. Der Vordere neigte den Kopf, der Hintermann legte, sich herabbückend, die Arme auf des Vorderen Schultern, ein Laken wurde über beide gezogen, hinten ein Roßschweif angehängt, daran die Holzkette, vorn ein Roßhaupt, das beim Schreiten nickte, anmotiert (vgl. Abbildung). Oft saß ein Reiter oben drauf, wie einer der üblichen Klösken ausgestattet, mit Schlapphut, Kapuze und langem Bart. Maskierte liefen, laut mit Peitschend knallend, nebenan. Es folgte der ebenfalls maskierte, schreiende, pfeifende, johlende Troß, be- sackt und bepackt, einige schwangen ausgehöhlte, mit Augen, Nase und Mund (hineingeschnitzt!) versehene, durch hineingestellte Kerzen von innen erleuchtete Runkeln, was dem Zug ein. gar unheimliches Aussehen gab. Dieses und ähnliches verbietet wohl die lippische Fastenverfügung von 1684 unter „Auskleidung des unbändigen Gesindels am Christfest“.

„Schimmelklösken“, in Pommern „Klapperbock“ genannt, gab es zerstreut in ganz Niederdeutschland, die nächsten Gesippen in Braunschweig bei Holzminden. Doch sind nur die lippischen dem Silvestertermin verpflichtet. In ihre Nähe gehört vielleicht der Schimmel, der bei der Kürung der Neujahrskönigin im Ober- weserischen herumgeführt wurde, von Peitschenklappern begleitet. Für südöstliche Zusammenhänge spricht auch, daß der Nordteil des Landes den „Klötterjönken“ nicht kennt, der Westen ihn nicht unter diesem Namen (s. Kartenbild). Vielleicht auch die in den südöstlichen Sennedörfern Schlangen, Kohlstädt und Oesterholz noch erinnerte Sitte der Neujahrsbeschenkung: Mit Sprüchen versehene Herzen, Äpfel und Nüsse und anderes wurden, wie sonst zu Heiligabend, an der Jahreswende ausgetauscht.

„Man schall den Duiwel nich an deWand molen!“

Die Vorstellung des Lakenschimmels ist in älterer Zeit auch benützt, um seine lieben Mitmenschen zu nachtschlafender Zeit an verkehrsreichen Wegen in Angst und Schrecken zu versetzen. So am Wege zur Grotenburg. (Wilhelm Grote, Ziegler, 79 J., Hiddesen.) Die Vorstellung des unheimlichen Schimmels selbst reicht in unvordenkliche Zeiten zurück, wie ja überhaupt der Glaube an Tierdämonen. Storms Schimmelreiter! In der Erinnerung der lippischen Alten reitet noch an einem halbhundert Orten der Totenschimmel, mit Reiter oder unberitten:

„Os eck nau’n lütken Jungen was, hat iuse Oellervadder mui faken dorvan verteilt. Hei schall ganz dicke wesen soin, un ganz swart, un wenn hei rien (geritten) es, het hei de Tögel met beiden Armen inne Höchte haulen. De Luie sind bange darvör wesen. De Schimmelkerl konn jagen ober de ganze Senne, wer weut we woit, aber hei reit jümmer bleos nachts. Woi Kinner, eck auk, hät’n faken anne Wand molt, met Kroide, wecke hat dor- öber lachet. De Oellern hat seggt, dat solln woi nich deon. Worümme nich, dat het se nich seggt. Nahhers häbbe eck jümmer heiert: ,Man schall den Duiwel nich anne Wand malen, süss kümmt hei un halt eunen.“ (H. W., 78 J., Maurer, Schlangen.)

Umziehende Gestalten der weihnachtlichen Zeit

„In Holzhausen bei Horn ist noch die Redensart bekannt: „Man schall twisken Woihnachen un Noijohr, in den Twölften, keinen Pleog up’n Feile stöhn laten, süss kümmt dat Schimmelpeerd un nimmt’n met, un denn wesst annert Johr nicks up’n Feile.“ (Luise K., 79 J., Holzhausen.)

Letzter Nachklang, scheint mir, liegt vor in dem bekannten, im ganzen Weserland noch gebeteten Heiligabendspruch:

„Christkindken, kumm in iuse Hius,
Schütt de vullen Tasken iut,
Sett den Schimmel (Esel) unnem Disk,
Dat hei Hei (Heu) un Haber frißt.
Hei un Haber mag hei nich.
Zuckerplätzken kriegt hei nich.“

Ein merkwürdiger Schimmel eigentlich, der nicht Heu und Hafer mag. Aber er ist ja auch ein mystisches Pferd, nun freilich beruhigt, abgehalftert, unter „den Tisch gestellt“. Wie freundlich und gutmütig erscheint doch auch der „Knecht Rupprecht“, der ihn führt, so ganz anders, als die furchterregende Sippschaft der älteren Weihnachtsumzieher:      Von den

Kindern fest geglaubt, ihnen jedoch unsichtbar, legt der Knecht Rupprecht in der Heiligen Nacht die Geschenke in die Holz – und Lederschuh oder die Teller auf dem Fenstersimsen. Der Knecht-Rupprecht- Brauch ist seit dem ersten Weltkrieg besonders durch die Vorführungen in den Vereinen und Schulen im Anschluß an das oft vorgetragene Stormsche Gedicht „Von drauß’ vom Walde komm ich her ..“ populär geworden. In den achtziger Jahren stellte auch das Gesinde noch Teller, „Becken“, und Holzschuhe vor das Fenster. In der erwähnten Fastnachtsverfü- güng von 1684 wird auf den „Mißbrauch in Umtrag und Setzung der Becken am Christfest durch das Gesinde“ hingewiesen. Heute „trägt“ niemand mehr „um“, nun setzen eigentlich nur noch die Kleinen. Seitdem hat sich, die Sitte also gewandelt.

„Zuckerplätsken kriegt heu nich !“

Bodenständig erscheinen auch die älteren, einfachen Gaben, die der Klaus und seine Gesippen im Sacke tragen, Äpfel, Nüsse, auch die mancherlei Gebäckformen der weihnachtlichen Zeit, von den Alten „Christkindken“ und „Klause“, allgemein auch „Woihnachtskerle“, „Woih- nachtsmännken“ oder, ganz farblos, einfach „Stutenkerle“ genannt. Sie sind bis letzthin aus der freien Hand in Teig ausgezogen, oft überellengroß. Augen, Nase, Mund sowie Knöpfe wurden mit Korinthen oder Rosinen angedeutet, Einzelheiten der Bekleidung hier und da in rotem oder weißem Zuckerguß. (Siehe Abbildung.)

Seit den achtziger Jahren allgemein, hier früher, da später, aber immer von den Städten her (genannt wurden mir Bremen, Hannover, Hameln und Bielefeld) und über die Oberschicht, als „gesunkenes Kulturgut“, sind Blechformen in Gebrauch gekommen, gleichzeitig oder vorher hölzerne Backmodelle mit gereihten, eingravierten Mustern, die allerlei Getier darstellen: Vögel, Schweine, Hirsche, Rehe, Hunde, die dem heidnischen, Fische, die dem christlichen Bereich eignen. Menschliches (Männer und Frauen, Reiter, wohl der „Schimmelreiter“), Mythologisches (Zwerge), Mathematisch-Symbolisches (Rauten, Sterne, Kringel) und Herzen. Man legte das alles auf den Teller oder hing es an den Weihnachtsbaum, seit es ihn gab.

Die lippischen Auswanderer des vorigen Jahrhunderts nahmen sie als weitergepflegte, liebe Erinnerung an die alte Heimat mit in ihre Fremde. Miss Lois Meier, Commercial Artist, Waukon in Iowa, deren Großvater, Langenholzhauser, um 1870 beim dritten großen Aufbruch mit dabei war, berichtet mir unter dem 26. Dezember 1948: „Jeder backt riesige Platten von Plätzchen in der Form von Tieren, Vögeln, Glocken, Herzen, Strümpfen und Weihnachtsbäumen. Diese werden mit buntem Zuckerguß versehen und unter den Freunden und Nachbarn ausgetauscht. Oft werden auch leckere Rollen, flockige Pasteten, ein Kuchen oder Kaffeekuchen zu Freunden und Nachbarn gebracht. Wir erhielten z. B. zwei Hühner, Eingemachtes, Marmelade, Äpfel, gemischte Früchte, selbstgemachte Bonbons (jeder macht zu Weihnachten Bonbons) und Nüsse sowie Gebäck von fünf verschiedenen Familien. Wir gaben ihnen einige von den gebackenen Sachen, die wir gemacht hatten.“

Santa Claus in USA: „Spirit of Christmas“.

Farmer Emil Berkemeyer, [livicon name=“sign-in“ htmltag=“span“ size=“15″ color=“#3a7cba“ hovercolor=“#196CA7″ animate=“true“ loop=“false“ eventtype=“hover“ onparent=“false“ duration=“500″ iteration=“2″ link=“http://like.lippe-owl.de/die-berkemeyers/“ target=“_blank“]dessen Urgroßvater um 1850 mit dem zweiten großen Strom von Augustdorf aus nach Missouri aufbrach, schreibt mir aus Pershing, einem zerstreut liegenden Farmerdorf, am 9. Januar 1949:

„Ich weiß nicht, ob die Kleidung dieselbe ist, sie kleiden sich in Röcken und dergleichen. Du sagst, wie ein ,Christkindken“. Well, hier ist es mehr in Röcken, wie Loren in der Schule hatte (talarartiger Umhang), bloß in anderen Farben. In allen Geschäftsplätzen und Schulen ist gewöhnlich, was sie einen ,Santa Claus“ nennen, meist ein dicker Mann, in Rot gekleidet, mit einem großen weißen Bart.“

Miss Lois Meier (Waukon, Kreisstadt von etwa 4000 Einwohnern, von Lippern besiedelt) ergänzt:

„Kinder werden zu Weihnachten sehr fleißig im Lernen und betragen sich auch wirklich gut, weil sonst Santa Claus sie vielleicht nicht gern hätte und keine Spielsachen brächte. Santa Claus ist ein fetter, nur vorgestellter ,Elf“, der ein mit acht Renntieren bespanntes Fahrzeug (cutter) fährt, mit Spielzeug darin für gute Jungen und Mädchen. Er ist immer in Leuchtendrot mit Weiß besetzt gekleidet und trägt Schaftstiefel (knee boots). Sein Zuhause wird am Nordpol vermutet. Er besitzt 49 (7X7) beschornsteinte Fabriken mit grünröckigen Heinzelmännchen (brownies) bevölkert, die ihm bei der Herstellung von Spielsachen das ganze Jahr hindurch helfen. Während der Weihnachtszeit ist es nicht ungewöhnlich, daß man, die Tür öffnend, Santa Claus darvorstehend begegnet (gewöhnlich ein Nachbar oder Freund mit einer Gabe, scherzhalber so angezogen). Santa Claus erscheint immer wieder in den Straßen, Kaufhäusern und Gesellschaften. Die Amerikaner nennen ihn den Geist der Weihnacht (Spirit of Christmas), die Freude der Weihnachtszeit, der sie mit Liebe und Lachen (love and laughter) erfüllt und mit dem Verlangen, zu schenken. Die Leute von norwegischer Abstammung tun noch ein weiteres, sie feiern bis zum 20. Januar. Abends ziehen sie alte Kostüme an, tragen Masken und gehen in die Häuser von Nachbarn und Freunden, lassen sie raten, wer sie sind. Das nennen sie ,Weihnachtsnarretei“ (Christmas fooling).“

Das ist nun schon ein kompletter Ansichtskartenklaus, rotmantelig wie die jüngsten Weihnachtsmänner in unseren Schulen und Vereinen aller Schattierungen, übervölkisch geschaut, erlebt, aber immer noch in alter Weise freundlichernst und liebevoll und erzieherisch bestimmt, von der Art, wie ihn, nun schon seit langen Jahren, Herr Melchior im Lippischen Landestheater allweihnachtlich so unnachahmlich-meisterhaft darstellt, ihn, den Nikolaus, der, wie die Fachsprache sagt, „synkretistischen“ Spätstufe, den Völker- und rassenverbindenden, den Konfessionen und die Kontinente überspannenden Geist der „Liebe und des Lachens“, ihn, den „Santa Claus, den Spirit of Christmas“, die Freude der Weihnacht.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1950 – Von Dr.  A. Meier-Böke