Kreuzsteine und Steinkreuze in Lippe

Kreuzsteinnest bei Bühren, Samtgemeinde Dransfeld, Landkreis Göttingen, Niedersachsen. 10 Kreuzsteine aus dem Hoch- und Spätmittelalter mit unterschiedlichen Kreuzformen und Techniken, 1955 als Gruppe zusammengestellt. By Jan Stubenitzky (Dehio) (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Der Kreuzstein von Heiligenkirchen

Er steht unweit der Schule in einer Gartenmauer, an dem Wege, der nach dem Schling hinanführt. Eine schlichte Sandsteinplatte, 1,3 m hoch, 0,8 breit und 0,2 dick. 1924/25 ist die Kurve vor der Schule verbreitert, der Stein mitsamt der Mauer versetzt. Dietrich Rosenstock hat ihn 1946, als er sich aus der Mauer gelöst, wiederaufgerichtet und mit Draht verklammert. Die Platte ist hier und da beschädigt, das Relief verwittert, der Sockel des Kreuzes kaum noch zu ertasten.

Einige Alte in Heiligenkirchen nennen ihn den „Tollsteun“. Im Zeitalter der hundert Zollschranken soll hier der Zoll erhoben sein. Ich hörte ihn auch schon den „Poststein“ nennen. Einst führte hier die alte Poststraße Paderborn—Gauseköte vorbei, und man meint, der Stein möchte wohl mit der Post der Thurn und Taxis zu tun gehabt haben. Aber beides sind Deutungen ohne Gegenbeispiele.

August Klöpping hat von alten Leuten so erzählen hören:

„An den Steun es mol ne Frubbe anbunnen wesen. De Hänne hadden seu Öhr met ner Keen ümme den Steun anannerschloten. Dat Frubbensminske schall irgendwat iutfreeten hebben. Dor sind Luie herkumen, de hät se iutfisset (ausgeehrt). Seu hät froget: „Worümme fatst diu den Steun jümmer ümme? De Frubbe hät jeoe Moine teon beusen Speel maket, hät lachet un seggt: „Man mot doch wat ümme de Hand hebben.‘“

Hier handelt es sich offenbar um eine Verwechslung. Unweit des Kreuzsteins, gegenüber dem alten Wendschen Hofe, stand einst der Schandpfahl des Dorfes, an den man die Delinquenten mit Handschellen fesselte, um sie dem allgemeinen Spott preiszugeben. Vermutlich hat man das Schandpfahlgeschehen auf den Kreuzstein übertragen, ein Vorgang, der im Bereich des Volkskundlichen häufig ist.

Nach dem Stil seiner Gestaltung gehört das Steinmal dem hohen Mittelalter an. Das Kreuz im Bogenfeld ist ein sogenanntes gotisches Nasenkreuz von 98 cm Höhe, dessen Querbalken 60 cm breit ist. Unter den über 200 allein in Niedersachsen noch ermittelten Steinkreuzen ähnlicher Art sind ein Viertel solche Nasenkreuze. Eormverwandte der näheren Nachbarschaft finden sich in Ottenstein, Stadtoldendorf, Schafoldendorf, Aerzen, Diedersen und, fast formgleich, zu Hemmendorf am Ith. Unser Heiligenkirchener Beispiel dürfte als spätgotisch anzusetzen sein.

Wahrscheinlich handelt es sich um einen sogenannten „Sühnestein“. Im Mittelalter, urkundlich erweisbar schon seit dem 13. Iahrhundert, waren Mörder und Totschläger gehalten, an den Orten ihrer Untat als Sühne ein Kreuz zu errichten. Nur wenige tragen Jahreszahlen und verzeichnen auch weder Mörder noch Gemordeten. Immer wieder begegnen wir ihnen an den alten Helwegen. Hier geschahen Überfall und Raubmord am häufigsten. Die erwähnte Poststraße Paderborn—Detmold war Teilstrecke des uralten Fernweges vom Rhein über die Gauseköte weserabwärts. Die Falkenburg, wahrscheinlich auch die beiden Hünenringe, waren Straßenburgen in diesem Sinne.

Kreuzstein, Mauer gegenüber der Schule in Heiligenkirchen. Höhe = 1,23 m, Breite 0,79 m, Dicke = 0,21 m, Kreuzstamm 89 cm. Arme 60 cm, Steinrand 9 cm.

Vielleicht handelt es sich aber auch um ein Dokument der alten Rechtspflege. Es gibt ähnliche Beispiele. Zwischen Heiligenkirchen und Wantrup gibt es einen alten ,.Thieplatz“. Vielleicht aber auch — eine letzte Möglichkeit — entstammt das Steindokument dem besonderen sakralen Bereich, den der Ortsname Heiligenkirchen noch andeutet.

Kreuzstein am Hurn

Er hebt sich aus der übermoosten Walderde, oben vor dem Hurn, unter halbwüchsigen Buchen, da, wo der neue Waldweg, ansteigend, den Dreh nach rechts herum macht. Eine braunviolette Sandsteinplatte, deren Kopf wie ein Ring gestaltet ist. Der Standort am Nordhang der Schlucht, die nördlich der Flur „Alt-Blomberg“ hinanzieht, ist nicht der ursprüngliche. Pastor Thelemann, der Blomberger Heimatforscher, hat ihn von Alt-Blomberg nach dort verbringen lassen. Mit Marktgerechtigkeit, wie sein Verbringer vermutet, wird das Steinkreuz wohl kaum zu tun gehabt haben. Ob mit der alten Burg, und was, ist ein großes Fragezeichen. Vermutungen lassen sich überhaupt nur aus dem Vergleich hernehmen. Der Stein trägt weder Zahl noch Zeichen. Die Akten schweigen.

Es gibt in Niedersachsen Dutzende ähnlich gestalteter Steinkreuze, auch weit darüber hinaus, bis zum Schwarzen Meer hinunter. Sie sind eine gesamteuropäische Angelegenheit. Die nächsten formverwandten stehen auf dem „Schott“ bei Hameln, oberhalb der alten Straße nach Holtensen, unweit der mittelalterlichen Landwehr. Zwei Ringkreuze nebeneinander. Es  heißt, zwei Brüder hätten sich an der Stelle eines Mädchens wegen, das beide gleich lieb gehabt, zu Tode gebracht. Die gleiche Sage rankt um den „Wolfsstein“ bei Aerzen, dessen Gestaltung eine ungefähre Datierung zuläßt. Vom Streit zweier Brüder bei solchen Steinen ist häufig die Rede. Mal sind es zwei Knechte oder zwei Bauern, die sich gegenseitig mit der Pflugschar töten. Dann wieder zwei Schäfer, Schneider, Kesselschmiede oder Junker, mit jeweils berufsentsprechenden Mordinstrumenten, die hier und da auch eingemeißelt sind. Der Grundton all der Geschichten um solche Steine ist tief pessimistisch, leiderfahren. Mörder und Totschläger waren einst gehalten, ihre Untat durch die Stiftung eines hölzernen oder steinernen Kreuzes zu sühnen. Meist finden sie sich in der Nähe der alten Fernstraßen, wie auch der von Alt-Blomberg, der an dem Wege stand, der nach Hameln lief.

Das Steinkreuz von Horn

Meist übersehen, selten einmal beachtet, kaum einmal näher betrachtet, steht ein graues Steinkreuz vor den Toren der Stadt Horn, nördlich vor der Moorlage, kurz vor dem Bahnübergang nach Vahlhausen, neben dem Kilometerstein. Es ragt nur 90 cm auf, sein Mittelbalken ist 26 cm breit und 24 dick. Der südliche, linke Arm ist abgebrochen, die Narbe noch sichtbar. Das Kreuz steht quer zur Straßenrichtung.

Am Abbruch, vor der Kreuzmitte, schräggestellt, ist ein Wappenschild erhaben aufgemeißelt. Der Schild mißt 27 x 24 cm. Das Wappenfeld zeigt zwei harkenartige Gebilde, das obere läßt noch 5, das untere 3 Zinken erkennen. Man könnte auch an Eggen denken. Der Schild der Westseite ist leer.

Müller Lückensmeier, 79 Jahre, gab am 6. März 1946 in Gegenwart von Robert Henkel, dem Bildhauer, das folgende über den Armverlust zu Protokoll: „Dat es seo kumen:

Kaiser iut Bellenberg hät sollen met Beime ümmemaken, upper Moorlage. Dat es mitten in’n Winter wesen un düget kault. Kaiser hät an’n Steunernen Kruiz stöhn un up de annern iut Hauern tofft. Kaiser hätt’n schwöre Holtexten upper Schullern hat. Iut Unachtsamkeit, oder we dat denn seo kümmt, hät heu den Aexten fallen laten. Oder weil’n de Arme vor Külle klamm worn sind, ek woit et nicht. Geneog, de Aexten es up das Kruiz fallen. From Steun ober springet we Glas. Kaiser hät dat olles sümst verteilt. Dat es wesen im Winter 1832.“

Robert Henkel selbst hat über die Errichtung des Kreuzes nach einer Alt-Horner Überlieferung noch dies mitgeteilt: „Dor was wol’n Ackersmann, de hadde sick just teon Frohstücken hensett. Do sind Hauern (Hornissen) kumen. De hät de Peere twisken de Beune steken. Dor sind de ganz wild worn. De Knecht hät se nich mehr haulen könnt un es met der Leinen in’n Todder kumen, es henfallen un unner de Eggen teo liggen kumen. Heu es up ganz erbärmlicke Wuise teo Daue kumen.“

Der gleiche Unglücksfall wird von dem Kreuzstein berichtet, der früher an der Straße von Steinheim nach Lothe stand. Auch er war durch eine Wappenharke bzw. Egge gezeichnet und die Worte:

„Ein Jüngling war er, jung und rot, der ist gekommen hier zu Tod …“

Kreuzstein im Hurn bei Blomberg, Standort bis 1940, oberhalb „de aule Blomberg“, ähnlich den Brüdersteinen auf dem „Schott“ bei Hameln.

Sagen dieser Art sind meist jung. Sie deuten, was gegenständlich vor Augen ist. Sie gehören zum sogenannten „ätyologischen“ Typ. Hier soll sie das eggenartige Gebilde erklären. Otto Preuß , der sich in den „Baulichen Altertümern“ mit dem Horner Steinkreuz befaßt, deutet das Zeichen als Wappen der Herren von der Lippe. Sie saßen einst auf dem nahen Küterbrok. Das Kreuz stand bis 1893 „auf dem Gericht“ (nahe der Höhe 215,1). Damals, beim Bau der Altenbekener Bahn, ist der Stein an seinen heutigen Platz gekommen.

„Auf dem Gericht“ tagte einst eine Recht sprechende Behörde unter der Zuständigkeit des genannten Adelsgeschlechts. Nun sind Rechtsprechungen vielfach bei Kreuzsteinen erfolgt. Die ursprüngliche Errichtung zu diesem Zweck ist jedoch nirgends ausgewiesen. An der Moorlage gabeln zwei uralte Helwege. der „Hämelweg“. der über Meinberg nach Hameln, führte und bei den Alten der Dörfer stellenweise noch so heißt, und die Emmertalstraße. Möglicherweise war unser Stein ein ursprünglicher Sühnestein, wie so viele dieser Art, und die so oft an den Fernstraßen stehen. Möglicherweise hat der Gerichtsherr von der Lippe ihn sekundär zum Thingstein erhoben, als er sein Hauswappen einmeißeln ließ.

Das ehemalige Land Lippe hat nur dies eine Steinkreuz. Östlich, weserwärts, und bis zum Harz hin. gibt es viele. Um so mehr Grund, mit diesem einen ehrfürchtig zu verfahren. Man müßte es, wie den Heiligenkirchener Kreuzstein, an ungefährdeter Stelle aufrichten, etwa in eine Mauer einlassen, bei der alten Burg zu Horn, oder, seinem ursprünglichen Standort näher, in dem ehrwürdigen Eichenhain vor der Moorlage. Er hat Anspruch darauf. Auch wenn er kein Sühnekreuz war, kein Thingstein. Er hat Anspruch darauf schon als Dokument alter Volksgläubigkeit, die ihn zeichnete.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1953 – Von Dr. A. Meier-Böke, Detmold

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