Landbriefträger um die Jahrhundertwende

Mit der einspännigen Postkutsche auf den verzweigten Kursen „Haustenbeck“ und „Horn“

Noch bis in die vierziger Jahre des 19. jahrhunderts nahm wöchentlich zweimal eine Estafette1Unter Estafetten oder auch „Stafetten“, versteht man in der Postgeschichte die Eilzustellung durch Postreiter, welche Briefe oder Waren für einen Absender in schnellster Gangart vom Aufgabe- zum Bestimmungsort entlang eines Postkurses brachten. (Wickipedia) mit einem Felleisen voll Briefen ihren Weg von Frankfurt am Main nach Detmold, Bückeburg und Hannover. An der lippischen Landesgrenze erreichte sie dabei das Dorf Schlangen. Drei Hauptstraßen durchzogen um jene Zeit unser Lipperland: von Minden über Lemgo, Detmold, Hörn, Schlangen nach Paderborn; von Rinteln über Blomberg und Schwalenberg nach Höxter und Kassel und über Barntrup nach Bad Pyrmont und Hameln. Einen alten Postweg kennt man auch heute noch von der Landeshauptstadt weiter über die Gauseköte bei Berlebeck, als Waldweg am Rande der Senne entlang, nach Paderborn. Eine andere Postlinie ging ehemals von Detmold über den sogenannten „Reuterpfad“ nach Hartröhren, durch die Senne nach Lippstadt und weiter dem Rhein zu.

Im Jahre 1845 schloß dann das Land Lippe mit dem Fürsten von Thurn und Taxis einen Vertrag. Es vermehrten sich die Poststationen im Lande. Dabei wurde auch Schlangen mit einer Postkollektion berücksichtigt, die mit dem „Kurs Haustenbeck“ und dem „Kurs Horn“ zuerst dem Kaufmann Karl Wehren und dann dem Schuhmacher Conrad Benkelberg übertragen wurde. Bei letzterem suchte um 1897 ein Bauernsohn aus der Heide, Carl Renne aus Haustenbeck, als Knecht um Arbeit nach. Er hatte inzwischen seiner Militärdienstpflicht bei den 55ern in Bielefeld genügt und hatte, wie in Lippe in jenen Jahren üblich, auch schon das harte Los des Zieglers und Wanderarbeiters kennengelernt. Diesem jungen Manne übertrug man am 1. Oktober 1898 die fahrende Landbriefträgerstelle von Schlangen nach Haustenbeck, wobei sich die einspännige „Kleine Post“ um 6.30 Uhr ab Gasthof „Zur Post“ in Bewegung setzte und bei Zrücklegung von 18 km bereits um 9.15 Uhr wieder zurück sein mußte.

Briefbeförderung mit der Thurn-und Taxis-Fahrpost 1852

Beginnend mit der gleichen Zeit lief in Richtung Horn der „Kurs über die Egge“, wo in Kohlstädt der Poststellenleiter Branding und seine Nachfolger fürsorgliche Betreuer waren. Über die Höhe der Egge lief der Kurs weiter zu den Externsteinen. Hier hielt Gastronom Ulrich bereits die Post der Externsteinebesucher gebündelt bereit. Grüße wurden ausgetauscht. Doch längere Pause gab es nicht, denn pünktlich um 8 Uhr hatte man mit dem Einspänner in Hörn einzutreffen.

Gegen 8 Uhr „startete“ im lüttgen Horn, das schon seit 1774 als Mittelpunkt des postalischen Verkehrs galt, ein „großer Bruder“, die zweispännige Postkutsche, mit dem Kurs nach Bad Lippspringe. Diese wurde um 9.20 Uhr in Schlangen erwartet. Inzwischen lief um 11 Uhr eine weitere Postkutsche ein. Sie kam von Paderborn und hatte als Endziel Kohlstädt und zurück. Um 12.30 Uhr wurde wieder der weitverzweigte Kurs Haustenbeck gefahren, wobei zwei Briefträger die Briefe auszutragen hatten. Nachmittags lief außerdem noch ein großer Kurs Lippspringe — Hörn und Kohlstädt — Paderborn.

Carl Renne war inzwischen „fürstlicher Oberbriefträger“ geworden. Von 67 Jahren der von der Post befahrenen Strecke zu den Bewohnern diesseits und jenseits der Egge war er 14 Jahre „Fahrer von Bock und Sattel“ und geschätzt bei Land und Leuten. Interessant waren seine Erlebnisse auf den monatlich wechselnden Kursen in den Richtungen Haustenbeck und Horn. Das Schönste war doch immer die Fahrt über die Egge, wo noch das Wild auf großer Freifläche ganz nahe an der alten Brabanter Handels- und Heerstraße anzutreffen war.

Obwohl Carl Renne als guter „Hornist“ vom Militär entlassen worden war, blies er nicht das „Tari-tara“ des Posthorns. Das oblag seinem Kollegen von der „Großen Post“. Doch einige gern erzählende Reisende führte er immer mit sich, die teils von weither kamen. Häufig waren es auch Versicherungsagenten, die an der „anderen Seite“ des Teutoburger Waldes geschäftlich zu tun hatten oder ein Gendarm, der sein Gefährt benutzte . . .

Längst ist die schöne Zeit dahin. Der 31. März 1912 brachte das Ende der Personenpost über die Egge. Bereits 1916 von der OPD mit dem Lippischen Verdienstkreuz ausgezeichnet, wurde Carl Renne am 1. Juli 1919 als verdienter „Oberbriefträger“ pensioniert. Er fühlte sich aber noch äußerst rüstig und übernahm hernach noch die Postagentenstelle in Schlangen, trat 1936 ganz aus dem Postdienst aus und widmete sich seiner Gast- und kleinen Landwirtschaft bis zum Jahre 1952, die er dann seinen Nachkommen übertrug.

In seinem Lebenslauf, den er am 12. Januar 1954 in Schlangen niederschrieb und dem Chronisten überließ, finden wir noch einmal alles das verzeichnet, was ihn am Lebensabend bewegte. Gestorben Anfang September 1961, galt er als einer der letzten Postillione im Kurs diesseits und jenseits der Egge.

Quelle: Heimatland Lippe, November 1973 – Von Walter Möller