Leben an einer großen Straße

Bilder aus 2000 Jahren westlippischer Landesentwicklung

Das Buch „Auf den Spuren der Menschen im lippischen Westen” enthält den Versuch, das Überkommene in Landschaft und Siedlung nach der Entstehung zuordnen und über­schaubar zu machen. Die gestaltenden Kräfte, die das bewirkten, wurden in der Untersu­chung nicht gesondert dargestellt. Auf 6 Druckbogen war dafür kein Platz. Die Einbin­dung des Überkommenen in die überregiona­len Kräfte möchte ich in Umrissen hier nachholen.

Natürlich ist das Land an der großen Straße — von Niedermarsberg über Paderborn bis Verden — keine selbständige Geschichtsland­ schaft, aber das würde der ganze Kreis Lippe auch nicht sein. Die entscheidenden Einflüsse sind immer von außen gekommen. Ich werde die Bilder aus der Vergangenheit aufzwei Schienen: Heimat und Welt und Öko­nomie und Ökologie aneinanderreihen.

Mächtige Kastanienbäume säumen die Hofeinfahrt des historischen Meterhohes zu Krentrup. Zur 600jährigen Wiederkehr der ersten Erwähnung des Namens Krentrup findet hier eine Jubiläumsfeier statt. Foto: Dieter Hunke

Mächtige Kastanienbäume säumen die Hofeinfahrt des historischen Meterhohes zu Krentrup. Zur 600jährigen Wiederkehr der ersten Erwähnung des Namens Krentrup findet hier eine Jubiläumsfeier statt. Foto: Dieter Hunke

Zwischen Heimat und Welt

Erstes Bild: Als die Römer kamen

Der schriftlich bezeugte Anfang einer historischen Intervention liegt in der Cheruskerzeit. Wie dieser Raum im einzelnen in dieser Auseinandersetzung hineingezogen wurde, wissen wir nicht. Immerhin wird aus unserer Zusammenstellung  sichtbar, auf welchen Wegen die Römer versucht haben, den Arminius in die Zange zu nehmen. Die Tabelle nennt den Lippeweg vom Niederrhein an die mittlere Weser und den Anmarsches von Mainz, in denen der Weg durch die lippischen Pässe ein Teilstück ist, und den Abschnitt am Sandford östlich Minden und den Wasserweg über Weser und Ems. Wir können die Schlacht bei Idistaviso zwischen Minden und Bückeburg und die Schlacht am Agrivarierwall bei Stolzenau an der Weser lokalisieren (vgl. C. Schuchardt: Die Burg im Wandel der Weltgeschichte, S. 146). Wir kennen auch das Lager von Anreppen an der Lippe bei Delbrück, das 1968 ausgegraben wurde, einen festen Punkt an der Lippestraße, die A. von Hofmann „den großen historischen Wegweiser in das mittlere Wesergebiet” nennt. Hänichen (Wie siegten die Germanen am Teutoburger Wald?) glaubt außerdem, in Minden einen römischen Etappenort an der Weser, in Rehme einen Umschlaghafen für die Umladung von großen Flußkähnen auf kleine Kähne und in Aspe das Ende der Wasserstraße erkannt zu haben.1Seit Ende der 1980er Jahre werden in Kalkriese Ausgrabungen vorgenommen, die den Ort im Osnabrücker Land als Favoriten für den Ort der Varusschlacht machten. Neuste Berichte erhoben jedoch Zweifel an der Auffassung, ein Teil der Schlacht habe in Kalkriese stattgefunden.

Das klingt wenig glaubhaft, aber Hans Schmidt (Lippische Wald- und Siedlungsgeschichte) hat festgestellt, daß Werre und Weser und selbst die Retlage noch „vor 100 und mehr Jahren”, also Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, für gewaltige Mengen Holz als Abfahrtstraßen dienten. Er erwähnt Stau- und Flutwerke 1620 in Detmold, bei Heisundern
und Heerse. „Die Floßfahrt von Detmold bis Herford dauerte 3 Tage”.

Es ist auch zu bedenken, daß die allgemeine Absenkung des Wasserspiegels um viele Meter den Flüssen und Bächen einen völlig veränderten Charakter gegeben hat. Schmidt meint, daß allein im 17. und 18. Jahrhundert, „den Jahrhunderten der großen Waldverwüstungen”, ein Wasserverlust von 30 – 40% eingetreten sei. Auch die Drainage, die Mitte des 19. Jh. von Lippe ausging, hat den Wasserhaushalt entscheidend geschwächt.

Danach scheint es nicht unmöglich, daß die Römer die Weser bis in die Werre hinein befahren konnten.
Unabhängig von diesen Feststellungen ist uns die Erinnerung an den Cheruskerfürsten geblieben, an „eine Kolossalgestalt”, in römischen Diensten bewährt, der lateinischen Sprache mächtig, mit dem Ritterrang ausgezeichnet” — die „auf der geschichtlichen Bühne als eine bäuerliche Urkraft von Überlebensgroße” erscheint. (Pörtner: Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit, S. 17). Er ist „ohne Zweifel der Befreier Germaniens”.

12 v. Chrl Beginn des Germanenkrieges unter Drusus. Expedition zur See längs der Nordsee­ küste. Friesen und Chauken unterwerfen sich
 11 v. Chr Zweiter Feldzug des Drusus vom Niederrhein gegen Sugambrer und Cherusker.  Römische Legionen an der Mittelweser.
9. v. Chr. Feldzug von Mainz gegen Chatten, Sueben und Cherusker. Siegesdenkmal an der Elbe. Drusus stürzt vom Pferd und stirbt.
 8 – 7 v. Chr.  Tiberius erreicht vom Niederrhein (Vetera) aus die Elbe.
5  n. Chr  Die römische Flotte fährt von der Nordsee aus in Weser und Elbe.  Tiberius zieht auf dem Hessenweg nach Norden. Germanien scheint überwunden.
6 n. Chr  Varus übernimmt den Oberbefehl in Germanien.
9 n. Chr.  Die Germanen vernichten die 3 römischen Legionen im Teutoburger Wald.
15 n. Chr.  Germanicus fällt in das Land der Chatten und Cherusker ein und bestattet die Gebei­ne der im Jahre 9 gefallenen römischen Legionen.
16 n. Chr. Germanicus besiegt Arminius bei Idistaviso und am Angrivarierwall. Tiberius ruft den Germanicus ab und gibt die Eroberung Germaniens auf.
31 n. Chr. Arminius wird von seinen Verwandten umgebracht.

Gustav Engel, der Bielefelder Historiker, schreibt dazu: „Befreit hat Armin sein Land von der Herrschaft der Römer, verschlossen aber hat er es einer hohen Kultur. Während in Gallien und Britannien an Mosel, Rhein und Donau hinter dem Limes südlich des Mainz Städte entstanden, neues Leben pulsierte, Han­del und Wandel in den langen Friedensjahren der pax Augustana blühte, blieb der Norden noch 700 Jahre lang wie in völliger Geschichtslosigkeit einer rätselhaften dunklen Statik, ver­sunken” (Landesburg und Landesherrschaft an Osning, Wiehen und Weser, S. 23). So ver­ schieden fallen geschichtliche Urteile aus. Das ist —so scheint mir —allerdings nur einer der vielen Aspekte in bezug auf das Begriffspaar Heimat und Welt; denn Heimat und Welt sind wahrscheinlich keine unbedingten Gegensät­ze, sondern Tendenzen im Einzel- und Völker­ leben, und erst im Grau zwischen ihnen liegt die Realität der geschichtlichen Entwicklung.

Angemerkt werden muß noch, daß die sog. germanischen Wallburgen wie die Grotenburg, das Tönsberglager, die Hünenburg bei Bielefeld und die Brunsburg bei Höxter nach archäologischem Urteil wesentlich älter sind als die römisch-germanischen Auseinanderset­ zungen. Sie stammen aus der vorrömischen Eisenzeit.

In unmittelbarer Nähe der Werreniederungen liegt, wo noch vor wenigen Jahren die Wiesen und Weiden für die Kühe des Höner Hofes waren, der Heipker See. Durch Sandabbau wurde eine kleine Seenplatte geschaffen. Naturschutzexperten sind sich einig, daß dieses ökologisch sehr wertvolle Rest-Auewaldgebiet nicht zu ersetzen ist. Hermann Höner gilt der besondere Dank, daß er bis heute dieses Refugium geschützt hat. Foto: D. Hunke

In unmittelbarer Nähe der Werreniederungen liegt, wo noch vor wenigen Jahren die Wiesen und Weiden für die Kühe des Höner Hofes waren, der Heipker See. Durch Sandabbau wurde eine kleine Seenplatte geschaffen. Naturschutzexperten sind sich einig, daß dieses ökologisch sehr wertvolle Rest-Auewaldgebiet nicht zu ersetzen ist.  Hermann Höner gilt der besondere Dank, daß er bis heute dieses Refugium geschützt hat. Foto: D. Hunke

Hohenschwert setzt die Entstehung des Tönsberglagers auf etwa 700 v. Chr. an.
In der Cheruskerzeit sind nach meiner Auf­fassung die Siedlungen auf -ithi, -mar und -loh entstanden. Ans Ende der Cheruskerzeit ver­legte ich in Übereinstimmung mit Pittelkow die -trup-Orte, während Brand sie für alten­ grisch und damit jünger hält. Nach ihm gehö­ren sie in die Zeit der sächsischen Landnahme.

Zweites Bild:

Sachsen und Franken im Mittelweserraum 

Geschichtlich interessant wurde unser Raum abermals, als die Sachsen ihn nach dem 5. Jahrhundert zum sächsischen Herrschafts­ land machten.
Die Sachsen waren ursprünglich Nachfolger der Chauken an der Küste. Südlich von ihnen siedelten die Langobarden: südlich der Elbe zwischen Este bis zur Jeetze und nördlich der Elbe bis nach Lübeck. Die Langobarden nah­men keinen Einfluß auf die Cherusker, sie zo­gen nach Südosten ab, erscheinen 450 in Niederösterreich und Mähren, 527 in Panno­nien, werden dort arianische Christen, und zie­hen 568 nach Italien. Über ihren Weg sind wir bestens unterrichtet (vgl. Horst Ailer: Die Lan­gobarden in Niederösterreich. In: Germanen, Awaren, Slawen in Niederösterreich. Wien 1977; Joachim Werner: Die Langobarden in Pannonien. München 1962; Amelio Tagliaferri: I Longobardit, Milano 1969).
Dafür haben die Nachbarn der Langobar­den, die Sachsen, das Cheruskerland vom 5. Jh. an in Besitz genommen. Aber von ihnen wis­ sen wir nur sehr wenig, das meiste außerdem aus fränkischen Quellen.

772 Karl dringt von Süden in Sachsen ein, erobert die Eresburg, zerstört die Irminsul, kommt bis zur Weser.
775 Erster großer fränkischer Feldzug vom Niederrhein aus über Hohensyburg, Eresburg, Höxter bis Braunschweig. Karl kehrt über die Straße am Nordrand des Mittelgebirges zurück und zwingt die Engem bei Bückeburg und die Westfalen bei Lübbecke zur Unterwerfung — Karl in Rehme — Karl kehrt zum Niederrhein zurück.
776 Gegenschlag der Sachsen: Rückeroberung der Eresburg, im Herbst neuer Feld­ zug Karls vom  Süden her und Wiedereroberung der Eresburg. Karl erreicht die Lippequellen.
777 Reichsversammlung in Paderborn.
779 Neuer Feldzug Karls von der Lippemündung aus bis Porta.
780 Feldzug Karls von Süden zur Eresburg, weiter über die Weser bis zur Elbe. Nieder­werfung der Ostfalen, der Bevölkerung im Bardengau und der nördlich der Elbe wohnenden Sachsen.
782 Reichsversammlung in Paderborn. Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung, d. h.  Eingliederung Sachsens in das Fränkische Reich. Schlacht am Süntel mit der Vernichtung eines  fränkischen Heeres, Blutbad in Verden.
783 Schlacht bei Detmold — Rückkehr Karls nach Paderborn.
784/785 Karl bleibt im Emmertal und auf der Eresburg (Schuchardt meint, daß Karl in die­sem Winter  den großen Umschwung seiner Politik vollzogen hat, indem er das Land zwischen Weser und Elbe den Sachsen zur Besetzung mit eigenen Gaugra­fen überließ und mit ihnen die Ausführung vereinbarte).
822 Reichsversammlung in Paderborn unter Kaiser Ludwig.
Wir haben in Erinnerung, daß in den Zeiten der Völkerwanderung und damit auch in der sächsischen Eroberung, ganze Völker gewandert seien. Anscheinend aber war das nicht der Fall. Die wandernden Völker sollen nach moderner wissenschaftlicher Erkenntnis „kriegerische Verbände” gewesen sein, in denen Männer aus ganz verschiedenen „Stämmen, Heerhaufen, Banden” zusammen wanderten, eroberten und kämpften. Hauck schreibt: „In der Überlieferung werden sie nacheinander als Sachsen und als ethnisch buntscheckige dänisch-jütisch-britannische Gruppe genannt” (Karl Hauck: Das Wissen Widukinds von Corvey von der Neubildung des sächsischen Stammes. In: Ostwestfälisch-Weserbergländische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde, S. 11). Herwig Wolfram (Die Völkerbewegungen im niederösterreichischen Raum des 1. Jahrtausends. In: Germanen, Awaren, Slawen, in Niederösterreich. Wien 1977) nennt solche Gruppen „politischrechtliche Einheiten, das ,Volk in Waffen’”. „Die Gleichung Volk =Heer stellt das Leben auf”. Er wendet sich gegen die Annahme, „daß Gens, Genus, Natio Abstammungsgemeinschaften seien”. Nach ihm waren barbarische Völkerschaften stets ethnisch gemischt, „sie sind niemals bloße Abstammungsgemeinschaften, sondern viel eher Aktionsgemeinschaften”. „Die Stammesbildung ist keine Sache des Blutes, sondern der Verfassung”. In die sächsische Landnahme fällt nach meiner Auffassung die Gründung der -hausen-Orte. Als Karl d. Gr. die fränkische Regierung übernahm, waren die Sachsen selbständig. „Karl d. Gr. stellte die sächsischen Heerschaften vor die Alternative: Untergang oder Annahme des Christentums” (Hauck S. 12). Der 30jährige Sachsenkrieg ist, wenn man ihn charakterisieren will, ein Religionskrieg und ein Burgenkrieg gewesen, der in den ersten 12 Jahren vorwiegend in unserem Raum um die große Straße ablief. Und wiederum spielen die alten Verbindungswege: die Lippe-Straße, später der Helweg, und die Straße von Frankfurt nach Stade eine besondere Rolle. Sie bildeten das Fundament der fränkischen Operationen. Die Eresburg, Hohensyburg, die Sachsenburg bei Höxter, die Lippequellen, Rehme, Salzuflen, Detmold und Osnabrück werden genannt. Paderborn wird zweimal Sitz der ränkischen Reichsversammlung, 822 noch einmal unter Kaiser Ludwig.

Engel nennt das Jahr 800 „eine Zäsur so tief, wie sie das Land nicht wieder erlebt hat”. Die Inbesitznahme der sächsischen Höfe, die Schenkung an die Klöster, die Kirchengründungen werden in meinem Buch ausführlich dargestellt. Es muß hinzugefügt werden, daß die fränkische Herrschaft durch die Steigerung der grundherrschaftlichen Lasten und die Einführung einer neuen Kirchenabgabe in Höhe einer 10%igen Bruttoabgabe eine Insgesamtsteigerung „auf das Vierfache” von dem bedeutete, „was die altsächsischen Edelinge aus den Bauern herausgeholt hatten” (Krawinkel: Grundherrschaft S. 111).

Drittes Bild:

Mehr Platz durch Städte

Kurz vor 1300 erscheint in unserem Raum die Stadt.
Ipsen hat ermittelt, daß „der Bevölkerungsaufbau der industriellen Ballung. . . unter dem Gesetz des doppelten Stellenwertes (steht). Jede neue Stelle, die durch ihre Leistung Unterhaltsmittel von außerhalb beschafft, gibt in der modernen Großstadt einer zweiten Stelle Nahrung aufgrund von Ansprüchen oder Diensten für die erste. . . Wenn sich die Industriebeschäftigung verdoppelt, gab sie vierfachen Menschen Raum, stieg jene auf das Dreifache, ernährte sie 6 mal soviel Einwohner wie ehedem — kurzum: ihr Fassungsvermögen stieg mit dem industriellen Aufbau nicht nur im gleichen Schritt, sondern im doppelten Ausmaß” (Ipsen: Bevölkerungslehre).

Das gilt natürlich für die Städte in unserem Raum in zitierter Form nicht; denn hier ist keine Großstadt entstanden, es hat sich auch keine Industrieballung entwickelt. Aber der Vorgang ist vergleichbar, weil insbesondere auf diese Weise durch Fernverbindungen Aufträge von außerhalb beschafft wurden. Nach Martin Kuhlmann zählten in unserem Gebiet die drei Städte 1488 6700 Einwohner, mehr als die Hälfte der Gesamteinwohnerzahl des nordwestlippischen Flachlandes, d. h. 1250 Familien fanden nunmehr ihre Existenz in Handel und Gewerbe, die in etwa die Zahl der imganzen Land vorhandenen Kolonate erreichte.

Es ist anzunehmen, daß ein beträchtlicher Teil der Bewohner des platten Landes durch die Einschaltung der Städte in die Vermittlung des Absatzes ihren Nahrungsspielraum gefun­den hat.

Viertes Bild:

Der 2. Religionskrieg 1618 — 1648 

Auf den Spuren der Menschen im
Lippischen Westen

Der 30jähr. Krieg war ein folgenschwerer Eingriff in das deutsche Volks- und Staatsleben. Ich beschränke mich auf die bevölkerungspolitischen Ereignisse. G. Franz: Der 30jährige Krieg und das deutsche Volk. 1940, 1961 3. Aufl.) hat die Bevölkerungsverluste zuverlässig aufgezeichnet. „Der Schrecken aller Schrecken hat Mecklenburg getroffen. Hier sind ⅘ aller Einwohner beseitigt. Das ist ein Unmaß der Zerstörung bis in den Grund des Daseins, so daß die alten oder zeitgemäßen Strukturen seither nie wieder hergestellt werden konnten”. Auch Alt-Württemberg (im mittleren Neckarland) verlor ⅔ seiner Bewohner.

In unserem Gebiet sank die Zahl der Einwohner im nordwestlippischen Flachland von 15 056(1616) auf 8 889 (1648), im Teutoburger Wald und in der Senne von 1475 (1616) auf 769 (1648).

„Lemgo büßte nicht weniger als 69 % seiner Einwohner ein, und auch in Salzuflen und Detmold betrug die Abnahme mehr als 50 v. H. Die Kriegsverluste der Stadt Lemgo sollten 1 081 936 Taler betragen haben. Von 1075 Häusern waren 467 verbrannt oder abgebrochen” (Martin Kuhlmann, S. 41). „Unter den Dörfern hatten nur Ehrentrup und Grastrup-Hölsen ähnlich schwere Verluste erlitten.”

Ökonomische und ökologische Fakten

Nach dem 30jährigen Kriege bestimmen ökonomische Kräfte und in ihrer Folge ökologische Fakten den Entwicklungstrend.

D. E. C. Eversley (Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft. In: Bevölkerungsgeschichte. Köln 1972) schreibt: „Für jede bestimmte Menschengruppe erweisen sich die Umstände, die wir ’ökonomisch’ nennen, eindeutig als die  wichtigsten. In diesem Zusammenhang können Klima, Bodenmorphologie, Flora und Fauna sowie Bodenschätze aller Art unter dem ökologischen Oberbegriff subsumiert werden, da alle diese Faktoren die Möglichkeit wirtschaftlicher Aktivität beeinflussen”.
Ökologie ist die Wissenschaft von den Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt, zum Boden, Klima und anderen Lebewesen. Es gibt keine ökonomische Frage ohne ökologische Aspekte, umgekehrt gilt dasselbe. Es gibt auch kein Wirtschaftssystem, in welchem ökologische Fragen ohne Schwierigkeiten gelöst werden könnten.

Fünftes Bild:

Das Land wird eng

Der lippische Westen war ursprünglich ein Agrarraum. Er hat viele Entwicklungsstufen durchlaufen. Tabelle 3 gibt eine Übersicht über die Hofstellen in ganz Lippe. Wir unterscheiden drei Gruppen: Vollbetriebe (Vollmeier, Halbmeier, Großkötter), Minderbetriebe (Mittelkötter, Kleinkötter, Straßenkötter, Hoppenplöcker) und Einlieger, das sind landlose Leute.

Entwicklung der Hofstellen von 1100 – 1900
Hofgrößen 1100 1590 Ackerlandanteil 1782 1852 1888
Vollbetriebe
Vollmeier 519 42,2 % 135 137
Halbmeier 422 23,9 %  520 373
Gr0ßkötter 434 18,1 % 1446 540
Kolonate insgesamt 1200 1475 84,2 % 2101 2000 1060
Minderbetriebe
Mittelkötter }  1922 15,1 %  3571 5514  8227
Kleinkötter
Straßenkötter
Hoppenplöcker
 3500  8045

Die Zusammenstellung läßt folgendes erkennen:

  1. Die Vollbauernbetriebe haben sich in der Zahl von 1100 an bis in das 19. Jh. kaum geändert; jedoch ist die Zahl der Vollmeier beträchtlich kleiner geworden.
  2. Die landwirtschaftlichen Minderbetriebe haben sich von 1922 (im Jahre 1590) auf über 8000 (im Jahre 1887) vermehrt. Das Land war eng geworden.
  3. Die Einlieger wuchsen von rd. 3000 im Jahre 1782 auf über 8000 im Jahre 1887.
Die Leibzucht des Meier zu Krentrup

Die Leibzucht des Meier zu Krentrup

Instruktiv sind für unser Gebiet Angaben des Oerlinghauser Amtmanns Heldman, der in einem Vortrag von 25.6.1845 die Kleinkötter mit den Einliegern verglich: „Diese Beschäftigung (Spinnen und Weben) — sagte er —  ernährt nicht allein die Einlieger, sondern ebenso auch die kleinen Colonen, welche nur dadurch von jene sich unterscheiden, daß sie das Haus, welches sie bewohnen, und einige Scheffelsaat Land, die sie benutzen, ihr Eigentum nennen, während die Einlieber dasselbe von anderen Grundbesitzern in Miete nehmen müssen”. Interessant ist die Bevölkerungsübersicht für das Amt Oerlinghausen. Heldmann zählt  81 Landwirte, davon 4 eximierte Güter, mit 82 Einliegerfamilien, 77 größere Colonate mit 402 Einliegerfamilien,  334 Grundbesitzer, „welche eine andere Beschäftigung als Ackerbau treiben” mit 616 Einliegerfamilien 415 Landbesitzer insgesamt mit 1100Einliegerfamilien.

Dazu kommen 54 Leibzüchter. Nach dieser Rechnung kamen damals also auf 415 landwirtschaftliche Betriebe 1100 Einliegerfamilien.

Sechstes Bild:

Die Garnnahrung

Wir haben gesehen, daß die Landwirtschaft nicht in der Lage war, die Spannungen im Agrarsystem zu lösen. Im Gegenteil, der Nahrungsspielraum wurde so eng, daß Hunger und Armut zunehmend zum persönlichen und gesellschaftlichen Problem wurden. Es ist die Zeit, in der das Leinengewerbe das wirtschaftliche Geschehen bestimmte.

Spinnen und Weben von Flachs sind in unserem Raum sicher uralt. Das gilt für Lippe sowohl wie für Ravensberg und wesentliche Teile Nordwestdeutschlands. H. J. Seeger (Westfalens Handel und Gewerbe vom 9. bis zu Beginn des 14. Jh. — Berlin 1926) bringt eine Karte über die Verbreitung der Leinwandwerker  auf dem platten Lande, und v. Reden (Der Leinwand- und Garnhandel Norddeutschlands. Hannover 1838) schreibt, daß „von den kleineren Staaten Norddeutschlands.. . das Fürstentum Lippe für das Leinengewerbe am wichtigsten ist”. Der Export von Leinen aus Lippe betrug im Jahr 1782 rund 600000 Reichstaler und war bis zur Mitte des 19. Jh. der wichtigste Posten in der lippischen Zahlungsbilanz. Damals begann das Leinengewerbe zu kriseln. Nach Tiemann (Das lippische Gewerbe. Detmold 1929) ist das Jahr 1838 der „Höhepunkt der letzten Blüte des Leinengewerbes”.

Es gibt eine umfangreiche Literatur darüber, warum das Leinengewerbe in Lippe zugrunde gegangen ist. Zu Recht hat Tiemann darauf hingewiesen, daß Ravensberg und Lippe um die Wende vom 18. zum 19. Jh. auf gleicher Entwicklungsstufe standen. „Während aber heute — schreibt er 1928 — Bielefeld führender
Leinenproduzent ist, weiß kaum noch jemand, daß Lippe überhaupt einmal als namhafter Konkurrent in Frage gekommen ist”.

Ich kann diesen Problemen hier nicht nachgehen, aber sie sind von großer Bedeutung.

Siebentes Bild:

Die Wanderarbeit verhindert die Katastrophe

1791 verzeichnet die Statistik 541 Wanderarbeiter, 1901 waren es 15 000 — 18,8% der gesamten männlichen Bevölkerung des Landes.

Paul Wendiggensen (Beiträge zur Wirtschaftsgeographie. Hannover 1931) schreibt, daß noch 1923 „mehr als ⅕ der Gesamteinwohnerzahl — 35 000 Menschen — durch die Wanderarbeit ihre Existenzmöglichkeit erhielten. Ich meine, daß der Niederbruch des Garnsystems, wenn die Wanderarbeit ihn nicht überbrückt hätte, die zusätzliche Auswanderung von ¼ der lippischen Menschen erzwungen hätte.

Als in England, in Schlesien und im Ruhrgebiet die ersten Maschinen aufgebaut wurden, die Koksöfen entstanden und die Stunde der Großindustrie kam, als die Großstädte mit ihren Steinmassen aus der europäischen Landschaft emporwuchsen, formten die Lipper als Facharbeiter die Ziegelsteine. Ziegler und Lipper waren damals Synonima. Das blieb so bis zum Ende des 1.Weltkrieges, als die verspätete Vergewerblichung des Lipperlandes begann.

Ein Beispiel für viele bietet der Aufbau Hamburgs. Im „Landkreis Stade” (Bremen 1951) ist zu lesen: „Die Entwicklung der Kehliger Ziegeleien beginnt im wesentlichen erst vor 100 Jahren mit dem Ausbau Hamburgs zur Großstadt und zum Welthandelshafen. Der erste Abschnitt der Gründung von Ziegeleien
umfaßt die Zeit von 1842—50, anschließend an den großen Brand in Hamburg, und geht parallel mit dem Ausbau der Küstenschiffahrt, welche den Transport nach Hamburg übernahm.

Es handelte sich bei der Ziegelherstellung vorwiegend noch um Handbetrieb. Im Frühjahr zogen die Ziegler, meist Lipper, ins Kehliger Gebiet und blieben hier bis zur Beendigung der Kampagne. Von 1871—78 schloß sich die zweite Hochkonjunktur an; die Zahl der Ziegeleien stieg auf 188, in denen 1700 Lipper arbeiteten.
Süd-Kehdingen erhielt das Gesicht der Industrielandschaft, in welcher die Schornsteine der Ziegeleien und die ausgedehnten Trockenschuppen sowie die langen Reihen der Steinewer, in den Binnengewässern gleichwertig neben den Weiden und Wiesen der Landwirtschaft standen. . . Schon von 1888 an setzte die dritte Aufschwungperiode an, als Hamburg in das Reichszollgebiet eingezogen wurde und sein Ausbau zur Weltstadt einen ungeheuren Baustoffbedarf hervorrief, nicht zuletzt durch den Ausbau der Hafenbecken und die Schaffung des Freihafens. Die Zahl der Lipper wird in dieser Zeit auf 2000 bis 2500 geschätzt.”

Ich bin sicher: Wenn die Steine reden könnten, würden sie von den Lippern zeugen wie die Pyramiden von den Ägyptern.Achtes Bild:

Reminiszenzen

Im Hintergrund von Bild 6 und 7 sind noch einige umwälzende Veränderungen in der Landschaft zu erwähnen. Es ist die Zeit, in der in den 20er Jahren des 19. Jh. in Deutschland die großen Industriegebiete Sachsen und das Ruhrgebiet entstehen. Diese Entwicklung mit den Erscheinungen der Menschen- und Wirtschaftsballung ist an Lippe völlig vorbeigegangen. Aber sie hinterließ trotzdem im Lande deutliche Spuren:

In einer urkundlich bezeugten Sage wird ein Meyer zu Krentrup als der Fischereimeister Widukinds, des Anführers der Sachsen und Gegners Karls des Großen, genannt. Damit würden die bis zu sieben Fischteiche auf dem Hlof einen Sinn erhalten. Bei der Suche nach Belegen für diesen Sachverhalt hat Rektor Diekmann (Oerlinghausen) granitene Netzbeschwerer mit Rillen an dem noch vorhandenen Hofteich gefunden. Foto: Dieter Hunke

In einer urkundlich bezeugten Sage wird ein Meyer zu Krentrup als der Fischereimeister Widukinds, des Anführers
der Sachsen und Gegners Karls des Großen, genannt. Damit würden die bis zu sieben Fischteiche auf dem Hlof
einen Sinn erhalten. Bei der Suche nach Belegen für diesen Sachverhalt hat Rektor Diekmann (Oerlinghausen)
granitene Netzbeschwerer mit Rillen an dem noch vorhandenen Hofteich gefunden. Foto: Dieter Hunke

— Die landwirtschaftliche Revolution an der Wende des 18./19. Jh. benötigte die Brache nicht mehr, die Gemeinheiten wurden aufgeteilt, Nebenwohnplätze entstanden, und das ganze Gebiet bekam das Gesicht einer unverkennbaren Streusiedlung.
— 1847 wurde die Eisenbahn von Köln nach Minden gebaut. Sie wurde die Achse des Verdichtungsgebietes Wiedenbrück-Minden mit Bielefeld und Herford als zentralen Punkten. Westlippe entwickelte sich zu einem Teil dieses Verdichtungsgebietes. In meinem Buch kann man Einzelheitennachlesen.
Aber da ist dann da noch etwas, das Beachtung und Nachdenken verlangt:

—  Oskar Asemissen druckt in seinem Buch „Kleinstädte und Kleinstaaten auf industriellen und gewerblichen Gebieten” (Bielefeld 1885) die Begründung eines Urteils ab, das heute ergangen sein könnte; aber es stammt aus der Zeit vor über 100Jahren.
In der Begründung heißt es: „Alle Fabriken und Maschinen der Welt können nicht einem einzigen Fischlein Gesundheit und Leben wiedergeben, und es darf daher auch nicht die Gefahr entstehen, daß diese Güter bedroht werden”.

—  Richard Tiemann (Das lippische Gewerbe im Lichte der Gewerbepolitik des 19. Jh. Detmold 1929) hat diese Begründung zum Anlaß genommen festzustellen, daß „die Bewirtschaftung des Wassers in Lippe. .. eine verhängnisvolle Rolle (spielte). „Sie kam neben den fehlenden Rottegruben (für die Flachsbearbeitung2Als Flachsrotte, verballhornt auch Flachsröste, Flachsröthe oder Rötelteich, in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen auch Flachskuhle oder Rottekuhlen, wurde eine mit Wasser gefüllte Grube bezeichnet, in dem geerntete Flachshalme (Lein) für mehrere Tage bis Wochen fermentiert („verrottet“, als Verb „rösten“ (faulen machen, rotten lassen)) wurden, um auf diese Weise besser an die Leitbündel zu gelangen, die als Fasern zur Flachsgarn- bzw. Leinenherstellung genutzt wurden.) noch mehr in der mangelnden Versorgung mit Bleichanlagen zum Ausdruck”.—  Kurt Horstmann (Bevölkerungsentwicklung in Minden-Ravensberg, Lippe und Osnabrück im ersten und zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. In: Forsch.- u. Sitzungsberichte Bd. XXX. Hannover 1965) hat sich abermals zu diesem Thema geäußert und festgestellt:

„Stures Festhalten auf Rechten aus dem Regal der Fischzucht und Wassernutzung hatte schon früher die Anlagen von Rottegruben und Bleichen verhindert. Ein
1660 zum Schutze der Fischzucht erlassenes Verbot, Flachsrotten an fließenden Gewässern anzulegen, wurde erst 1846 aufgehoben und stand später der Anlage von Wasserkraftwerken für die Gewerbebetriebe im Wege”. Horstmann hält diese Regelung für eine wichtige Ursache, die die Industrialisierung des Landes verhindert hat.

Natürlich kann man die Ausführungen von Asemissen, Tiemann und Horstmann, mit de­ nen sie das wirtschaftliche Zurückbleiben ge­genüber Ravensberg begründen, unterschied­lich motivieren, politisch etwa als „abweichen­de Auffassungen in der Beurteilung der herr­schenden wirtschaftlichen Lage” oder „der erstrebenswerten Zukunftsentwicklung”, als „Objekt der Besteuerung” (die fürstliche Rentkammer besteuerte jede Maschine zusätzlich und verhinderte damit jede technisch rationel­le Initiative), aber es sind Gründe unverkenn­bar, die wir heute als ökologisch bezeichnen. Die von Asemissen zitierte Urteilsbegründung könnte jedenfalls so gedeutet werden.

Und wenn mich jemand fragt, was gesche­ hen könnte, um die Forderungen der Industrie mit den Forderungen einer vernünftigen Um­weltpolitik in Übereinstimmung zu bringen, dann sage ich, daß die praktische Politik der lippischen Rentkammer im 19. Jh. nicht geeig­net war, diese Übereinstimmung herbeizuführen. Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn man ihr das Recht zur schnellen Entscheidung und zu langfristigen Vertragsabschlüssen gibt.

Ob man Industrie und Umweltpolitik grundsätzlich versöhnen kann? Nach dem Goethewort: „Sie streiten sich um Freiheits­ rechte, genau besehen sind’s Knechte gegen Knechte”, müßte es möglich sein; denn sie die­ nen derselben Aufgabe: dem Überleben der Menschen. Aber noch ist das Ei des Kolumbus nicht gefunden worden. Es ist des Schweißes der Klugen wert, es zu suchen und zu finden.

Ich sage mit dem Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen: „Die Gleichrangigkeit von Arbeit, Wirtschaft und Umwelt bejahe ich. Nur steht man mit diesem Bekenntnis auf dem dünnen Eis der tatsächlichen wirtschafts­ politischen, arbeitsmarktpolitischen und um­ weltpolitischen Lage und der ökologischen Lebensgrundlagen unserer Gesellschaft.”

Quelle: Heimatland Lippe 06/1985 – Von Heinrich Hunke

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