Leben und Leiden der Juden in Lippe

Holocaust-Mahnmal in Berlin, 2006. By K. Weisser (Self-photographed) [CC BY-SA 2.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Zum Gedenken des 50. Jahrestages der Synagogenbrände in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938

1. Die früheren Zustände
Einer der führenden Männer aus der letzten jüdischen Gemeinde in Detmold war der Berufsschullehrer Dipl.-Volkswirt Moritz Rülf. Wegen des wackeren Einsatzes in seiner Gemeinde hatte er schon vor 1933 gehässige Angriffe von Deutschnationalen und Nationalsozialisten zu erleiden. Nach der Machtergreifung wird Rülf aus dem Schuldienst entfernt und vorübergehend in Schutzhaft genommen. Später muß er Detmold verlassen und übernimmt in Köln die Leitung eines jüdischen Altenheims, mit dessen Insassen er dann deportiert und umgebracht wird. Im lippischen Kalender 1933 hat Moritz Rülf als Erster eine „Geschichte der Juden in Lippe“ geschrieben. Juden galten im gesamten „Christlichen Abendland“ als Feinde Jesu Christi, den sie gekreuzigt hätten. In Wirklichkeit haben die Römer ihn gekreuzigt. Aber Feinde Jesu Christi sind auch Feinde der Christen. Diese Feinde will man mit Gewalt zum christlichen Glauben bekehren. Da sie aber ihrem Gottesglauben treu bleiben, sind sie bis ins 19. Jahrhundert hinein ungeheuerlichen Verfolgungen und Schikanen ausgesetzt. Rülf schreibt in seiner Geschichte über das Schicksal der Juden:
„Die rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Lage der jüdischen Bevölkerung in Lippe war im Kleinen ein Spiegelbild der fast gleichgelagerten Verhältnisse in anderen deutschen Staaten…. Fast jedes öffentliche Unglück schrieb man den Juden zu. Sie sollten die Pest hereingebracht, die Brunnen vergiftet, Christenkinder abgeschlachtet, Hostien geschändet, Wähnsinn von Königen bewirkt haben, an ihrem Osterfest Christenblut trinken und dergleichen mehr. Diese Anschuldigungen waren oft Grund zu maßlosen Pogromen, Venreibungen und Todesstrafen. Keine Ruhe
war den Beschuldigten gegönnt, der Willkür von Fürst und Volk blieben sie preisgegeben.“ In lippischen Dörfern und Städten lebten nachweislichjuden vom 14. Jahrhunden an. Sie konnten nur mit teuer erkauften Geleit- oder Schutzbriefen des Kaisers oder später der Landesherren sich in Deutschland niederlassen. Außer Trödelhandel und Pfand- und Geldverleih, später auch Handel mit Gold und Silber, sowie mit kostbaren Stoffen, bei denen den christlichen Kaufleuten das Risiko zu groß war, war ihnen keine andere Erwerbstätigkeit gestattet. Aber gerade die Geldgeschäfte riefen oft genug Mißgunst und Haß in der Bevölkerung hervor. Wenn es auch in Lippe wahrscheinlich vor der Nazizeit zu keinem Mord an Juden kam, so hat Rülf im übrigen die Geschicke der Juden hierorts zutreffend beschrieben. Der älteste Schutzbriet für Juden in Lippe ist von dem damaligen Edelherren zur Lippe mit Datum vom 2. Februar 1500 für zwei Juden „Bernt und Symon, Vater und Sohn“ nebst Familienangehörigen ausgestellt. Im Jahre 1552 bekam ein Salzuflener Jude manens Isaak einen Schutzbrief. Dieser Isaak war ein geistvoller Mensch, ein tüchtiger und strebsamer Kaufmann, der es durch umfangreiche Geschäfte zu beträchtlichem Reichtum brachte Graf Simon VI. (1563 – 1613) war ihm gewogen, schätzte seinen Rat und seine Tatkraft. Isaak schloß mit dem Grafen mehrere Verträge und erwarb das Aufenthaltsrecht in Lippe auch für Verwandte So kamen nach und nach 30 jüdische Familien ins Land, die sich auf die Orte Salzuflen, Schötmar, Hörn, Blomberg, Brake, Alverdissen, Barntrup, Lipperode und Lemgo verteilten.
Als Simon VI. 1613 starb, war sein Land stark verschuldet. Dies schrieb man den Juden zu. Der seit langem schwelende Neid der „christlichen“ Geschäftsleute entlud sich nun gegen Isaak und seinen Sohn. Sie saßen 26 Wochen im Detmolder Gefängnis, wurden mehrfach mißhandelt, sogar zum Tode verurteilt, was aber durch Intervention von außen wieder aufgehoben wurde. Am 5. April 1614 mußten sie Lippe verlassen. Schon am 17. Februar dieses Jahres hatte das hochnotpeinliche Halsgericht in Salzuflen alle Juden zur Austreibung aus dem Lande unter Einbehaltung ihrer Güter verurteilt. Nur in Lemgo konnten offenbar einzelne bleiben. Außerdem zogen im Dreißigjährigen Krieg Einige trotz aller üblen Erfahrungen wieder nach Lippe zurück.
1655 gab es 10 jüdische Familien in Lippe, 1697 wurden 198 jüdische Personen gezählt, 1742 wurde in der Exterstraße in Detmold die erste Synagoge errichtet, die bis 1907 benutzt wurde. (In diesem Jahr konnte die Synagoge in der Lortzingstraße eingeweiht werden.) Erst die Fürstin Pauline (1802 -1820) hob eine Reihe demütigender Sondergesetze gegen die Juden auf, wie z. B. den Leibzoll, unverhältnismäßig hohe Steuern und Abgaben, Einschränkungen in den Erwerbsmöglichkeiten usw. Aber erst 1858 erging das Gesetz „die Feststellung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnisse, der gottesdienstlichen Einrichtungen und des Schulwesens der Juden“ betreffend. Es brachte nach achtzehnjährigen schwierigen Verhandlungen zwar noch keine volle Gleichstellung der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern, aber doch einen guten Schritt in dieser Richtung. Von bestimmten Berufen, wie dem Richterstand, der Mitarbeit im Staatsdienst usw., blieben sie weiterhin ausgeschlossen. Nachdem durch die Gesetzgebung des deutschen Kaiserreiches nach 1871 die Bestimmungen von 1858 außer Kraft gesetzt waren, beschloß der lippische Landtag am 13. März 1879 das Gesetz „die Gemeinde-, Kultus- und Schulangelegenheiten der Israeliten betreffend“. Dadurch kam es zu einem Synagogenverband, der dann 1924 durch Landtagsbeschluß in den „Landesverband der Synagogengemeinde“ umgewandelt wurde und den Rang einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes erhielt.

Mit diesem Landtagsbeschluß von 1924 war für die Juden ein sehr trauriges Kapitel beendet. Aber neun Jahre später sollte eine neue Schreckenszeit für sie beginnen.Befremden, Ablehnung und Feindschaft begleitet die Juden von den Anfängen ihrer Geschichte an. Der antike vorchristliche Judenhaß entzündete sich stets an ihrem Glauben. Ihr strenger Monotheismus, ihre bildlose Gottesverehrung, die Wochen- und Sabbatordnung, Beschneidung Speiseregeln usw. waren ständiger Anlaß zur Ablehnung.

Auch der weit über ein Jahrtausend wirksame Judenhaß der Christen ist gegen ihr zähes Festhalten an ihrem Glauben gerichtet. Taufe und Übertritt zum Christentum beenden diese Feindschaft sofort und erbringen völlige Eingliederung in die Gesellschaft. Aber mit dem Antisemitismus erhebt sich eine ganz andere Form der Judenfeindschaft, die sich im 19. und 20. Jahrhundert herausbildet. Darwins Theorien vom Überleben der Tüchtigsten im Kampf ums Dasein werden ungebrochen auf das Verhältnis von Menschenrassen übertragen. Man teilt ein in „edle“ und „minderwertige“ Rassen, die Arier stehen an der Spitze Die Folge ist die Unterdrückung Andersfarbiger, besonders der Neger. Daraus resultiert die Apartheid in Südafrika. Der Unfug, der aus diesem Boden gestampften Rassenideologie der Nazis qualifizierten die Juden zur minderwertigsten und für die anderen verderblichsten Rasse ab. Auch der getaufte Jude bleibt ein „ansteckungsgefährlicher Bazillus“. Zweifellos bot der lange Judenhaß den Christen den Nährboden für diesen entsetzlichen und todbringenden Wahnsinn.
Die Juden sind keine Rasse, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Allein ihre Bibel (unser AT.) hat sie in Jahrtausenden zusammengehalten. Menschen aus allen Rassen und Völkern haben sich ihnen angeschlossen und können sich ihnen anschließen.

2. Die Greuel von 1938
Das Verhältnis der lippischen Bevölkerung zu den Juden war vor 1933 im allgemeinen gut. Aber mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 31. Januar dieses Jahres verschlechterte sich die Lage der Juden schlagartig. Von Anfang an kam es zu Übergriffen gegen einzelne Personen und zu Mißhandlungen. Die Wochenzeitung „Der Stürmer“, die in allen

Felix Fechenbach mit seiner Familie, etwa 1 Jahr vor seiner Ermordung.

Felix Fechenbach mit seiner Familie, etwa 1 Jahr vor seiner Ermordung.

Dörfern und Städten in einigen Schaukästen ausgehängt wurde, brachte laufend unglaublichste Hetzartikel mit entsprechenden Karikaturen. Bürger, die mit Juden Umgang hatten oder Geschäfte machten, wurden in den Stürmer-Kästen angeprangert. Die Tageszeitungen beteiligten sich eifrig an der Diffamierung jüdischer Privatpersonen und Geschäfte, auch in Lippe Am 1. April 1933 wurde ein eintägiger Boykott gegen alle jüdischen Geschäfte durchgeführt, wobei SA-Leute vor den Läden postiert waren. Am 7. August 1933 wurde der jüdische Redakteur des lippischen „Volksblattes“ Felix Feebenbach nach monatelanger „Schutzhaft“ im Wald bei Scherfede ermordet. Er hatte mit viel Klugheit und Mut den lippischen Arbeitern in ihrem Kampf gegen den braunen Terror beigestanden und hatte es abgelehnt, sein Leben durch Flucht zu retten. Liest man seine Briefe aus der Haft, die 1987 im Andreas Haller-Verlag in Passau erschienen sind, so erfährt man, welch ein bedeutender und wertvoller Mensch da umgebracht wurde. Nach diesem Mord wußte jeder Lipper, soweit er überhaupt noch urteilsfähig war, welchen Weg es nehmen mußte Das Jahr 1934 mit dem Röhm-Putsch und seinen vielen Morden auch an Unbeteiligten brachte weitere „Aufklärung“, und schließlich wurden dann im September 1935 durch die „Nürnberger Gesetze“ die Juden um ihre bürgerlichen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechte gebracht. Diese Unrechtsgesetze beraubten die Juden ihrer Existenzgrundlage Später mußten die Frauen zu ihrem Vornamen den Namen „Sarah“ hinzufügen, was zu deutsch „Fürstin“ bedeutet. Das war aber den braunen Barbaren wohl unbekannt. Die Männer bekamen zusätzlich den weiteren Vornamen „Israel“. Das bedeutet „Gottesstreiter“ – eine nachdenkliche Sache! Es ist unmöglich, auch nur annähernd die Grausamkeiten zu schildern, denen auch in Lippe die jüdischen Mitbürger ausgesetzt waren. Es bleibt unbegreiflich, wie es Hitler gelingen konnte, seinen krankhaften Haß auf die Juden durch eine gezielte und unaufhörliche Propaganda dem gesamten deutschen Volke einzuhämmern. Nur so konnte es nach dem 10. November 1938 geschehen, daß nicht ein allgemeiner Aufstand den gesetzlich verordneten Verbrechen ein Ende bereitete Aber auch das Ausland blieb so gut wie tatenlos und verhielt sich weithin kaltherzig und gleichgültig gegen die verfolgten und gefährdeten Juden.
Im Herbst 1938 geriet ein in Paris lebender junger Jude namens Herschel Grünspan in besinnungslose Verzweiflung, als er erfuhr, daß seine Eltern mit einer Anzahl anderer Juden, die Vorjahren nach Deutschland eingewandert waren, von den Nazis in Züge gepackt und an die deutsch-polnische Grenze abgeschoben worden waren. Dort wurden sie im Niemandsland ausgeladen und im naß-kalten Herbstwetter ihrem Schicksal überlassen. Daraufhin ging der junge Herschel Grünspan in die deutsche Botschaft und erschoß dort den ihm wahrscheinlich aus bestimmten Zirkeln bekannten Botschaftssekretät Ernst vom Rath. Das war für die Nazis ein nicht unwillkommener Anlaß zu einem Verbrechen bisher unbekannten Ausmaßes: in ganz Deutschland wurden die Synagogen niedergebrannt oder eingerissen, jüdische Geschäfte wurden zerstört, Wohnungen demoliert, zahlreiche Juden mißhandelt und etwa 20.000 verhaftet bzw. in Konzentrationslager gebracht. Das Alles wurde der „kochenden Volksseele“ zugeschrieben, war aber sorgfältig geplant und wie sich genau belegen läßt, von oben befohlen.
Am 9. November 1938 erging aus Berlin – Gestapo II ein eiliges und geheimes Fernschreiben unter der Nummer 234 404 an alle Stapo-Stellen und Stapo-Leitstellen. Darin werden 1.) in „kürzester Frist in ganz Deutschland stattfindende Aktionen gegen Juden“ angekündigt, die nicht gestört werden dürfen, 2.) vorhandenes Archivmaterial aus den Synagogen sei sicherzustellen, 3.) die Festnahme von 20. bis 30.000 „vor allem vermögender Juden“ sei vorzubereiten, 4.) gegen Juden, bei denen Waffen gefunden würden, seien schärfste Maßnahmen zu ergreifen. Für die Aktion ständen Verfügungstruppen der SS bereit.
Die „kochende Volksseele“ der nun bereits benebelten Deutschen funktionierte genau nach diesen verbrecherischen Anweisungen. Göring, weithin als relativ harmlos angesehen, aber immerhin der Initiator der ersten Konzentrationslager, machte den zynischen Vorschlag, die Juden hätten für die angerichteten Verwüstungen einen „Schadenersatz“ in Höhe von einer Milliarde zu zahlen. Diese Summe wurde ihnen tatsächlich abgepreßt.
Über die Vorgänge in Lippe berichtete die Kreisleitung am 12. November 1938 „vertraulich“ an die Gauleitung in Münster. Es erscheint uns angebracht, dieses Dokument hier im Wortlaut folgen zu lassen:
„…Gegen 12 1/2 Uhr nachts bewegte sich ein größerer Zug von Partei- und Volksgenossen durch die Straßen der Stadt Detmold, welche Schmährufe auf die Juden ausstießen. Im Anschluß hieran wurden die jüdischen Geschäfte vollkommen demoliert. Es handelt sich um die Geschäfte der Juden Rosenbaum, Vogelhuth und das Geschäft des Halbjuden Baer… Gegen 1 Uhr nachts brach in der Synagoge in Detmold Feuer aus. Das Gebäude ist bis auf die Umfassungsmauern niedergebrannt… Auch in Lemgo ist es in der gleichen Nach zu erheblichen Ausschreitungen gekommen. In Mitleidenschaft gezogen wurde das Geschäft des Juden Katzenstein. Außerdem wurden in den Privatwohnungen der Juden Lenzberg und Frenkel Fensterscheiben zertrümmert. Die Synagoge ist ebenfalls ausgebrannt.
In Alverdissen wurden in der Wohnung des Juden Arensberg die Fensterscheiben zertrümmert und auch die Einrichtung zum Teil demoliert. (Anmerkung der Verfasser: Die Zerstörung dieser Wohnungseinrichtung mußte abgebrochen werden, weil der Bauer Ernst Bödeker in dem Haus erschien und dem SA-Truppführer, der die Aktion leitete, erklärte, wenn dieser Wahnsinn nicht sofort aufhöre, werde er ihn verprügeln. Da der Truppführer, übrigens ein mittlerer Beamter des Amtsgerichtes, genau wußte, daß es sich hier nicht um eine leere Drohung handelte, wurde die weitere Verwüstung unterlassen.)

Karla Frenkel als junges Mädchen in einem Sanatoriumsaufenthalt nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager.

Karla Frenkel als junges Mädchen in einem Sanatoriumsaufenthalt nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager.

In Bösingfeld wurden die Fensterscheiben des Juden Frankenstein und die Räumlichkeiten, soweit sie für die Lederhandlung des Juden benutzt wurden, zertrümmert. Außerdem wurde die Einrichtung der Synagoge vollkommen demoliert; ein Brand ist hier nicht ausgebrochen. (Anm. d. Verf.: das hätte nämlich die Nachbarhäuser gefährdet.)
In Bad Salzuflen befinden sich keine offenen jüdischen Ladengeschäfte Die empörte Volksmenge hat dort die Privatwohnungen der Juden Obermeyer, Hamlet und Berhausen erheblich zerstört. Die Einrichtung der Synagoge ist auch hier vollkommen zertrümmert; ein Brand ist hier nicht ausgebrochen.
In Lage ist das einzige sich noch dort befindliche Geschäft des Felljuden Worthauer zerstön. Die Synagoge in Lage ist vor kurzer Zeit in den Besitz der Stadt übergegangen.
Ebendso sind in den Onen Oerlinghausen, Schwalenberg und Barntrup, in denen sich je ein Judengeschäft befand, Ausschreitungen vorgekommen und die Einrichtungen der Geschäfte
zenrümmen worden. In Schötmar sind die Schaufenster der drei jüdischen Geschäfte zertrümmert. Die Ladeneinrichtungen sind nicht beschädigt. Außerdem wurden Fensterscheiben in Privatwohnungen von zwei Juden demoliert. Die Synagoge ist in Brand geraten und innen vollständig ausgebrannt.
In der Stadt Hörn sind drei jüdische Geschäfte vollkommen demoliert. Die Inneneinrichtung der Synagoge ist ebenfalls zertrümmert. Als das Geschäft des Juden Hirschfeld zerstön wurde, kam die 82jährige Jüdin Hirschfeld die Treppe aus ihrem oberen Schlafzimmer herunter, wahrscheinlich infolge des Lärms. Auf der Treppe ist sie ausgerutscht, so daß sie sich erhebliche Verletzungen zugezogen hat. Es wurde sofon ärztliche Hilfe herbeigeholt. Der Arzt ordnete die Überführung in das Landeskrankenhaus an. An den erlittenen Verletzungen ist sie am anderen Tag gestorben. Ich betone ausdrücklich, daß es sich hier um einen Unfall handelt und daß irgendwelche Gewaltmaßnahmen gegenüber der Jüdin nicht angewandt sind.

In Silixen sind in drei jüdischen Geschäften, es handelt sich um Viehhändler namens Katz, die Wohnungen zum Teil zertrümmert.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 und am 10. November vormittags sind alle namhaften Juden und zum Teil auch Jüdinnen in Schutzhaft genommen. Die Letzteren sind zum Teil wieder freigelassen. Inzwischen wurden aus dem Kreisgebiet Lippe 45 Juden einem KZ überwiesen.“
Eine gute Woche nach den Verbrechen hatte die Gestapo-Stelle Bielefeld einen Fragebogen verschickt, um genaue Übersicht über das Geschehene zu bekommen und die Schadenshöhe festzustellen. „Der Bürgermeister der Ortspolizeibehörde der Landeshauptstadt Detmold“ schickt den ausgefüllten Fragebogen am 18. November 1938 zurück. Er enthält genauere Angaben als der oben zitierte Bericht der Kreisleitung. Die angerichteten Schäden werden in geschätzten Zahlen angegeben. Am Ende wird festgestellt: „Bei der Bevölkerung in Detmold sind die Maßnahmen verstanden und werden auch gebilligt. Die durchgeführte Aktion hat hier wahre Befriedigung hervorgerufen. Abfällige Äußerungen sind nicht bekannt geworden.

Nachteilige Auswirkungen sind demnach hier nicht zu befürchten.“
Wie wenig diese Darstellung von der Zustimmung der Bevölkerung den Tatsachen entspricht, erhellt sich aus einem interessanten Bericht der Bielefelder Stapo-Stelle mit der Nr. II B2-2861/38 vom 26. 11. 1938:
„Die Aktion vom 10. 11. 38 hat sich auf die Stimmung der Bevölkerung im Allgemeinen recht ungünstig ausgewirkt. Die Zerstörung der Synagogen wird zwar nur von kirchlichen Kreisen, sowohl der evangelischen wie der katholischen Seite mißbilligt. Ebenso hat das Zerschlagen der Fensterscheiben in jüdischen Geschäften und Privatwohnungen nicht allgemein Anstoß erregt. Offen kritisiert wird dagegen in allen Kreisen der Bevölkerung, vor allem aber in der Arbeiterschaft, die Vernichtung der Sachwerte, für die besonders der Arbeiter kein Verständnis hat. Es werden immer wieder Vergleiche gezogen zwischen den Sparmaßnahmen und Sammlungen von Abfällen und dergleichen im Rahmen des Vier jahresplanes und der mutwilligen Zerstörung von Vermögenswerten…“ Es wird dann weiter ausgeführt, daß in der Bevölkerung selbstverständlich bekannt gewesen sei, daß die Durchführung der Aktion in den Händen der Partei lag. Dem Ansehen der Bewegung habe es sehr geschadet, daß an vielen Stellen Jugendliche bei der Durchführung beteiligt wurden und schulpflichtige Kinder beim Einschlagen von Fensterscheiben und sogar beim Anlegen von Bränden eingesetzt wurden. Entgegen den Berichten in der Presse habe die Bevölkerung kaum bei der Aktion mitgemacht. Die in den Zeitungen behauptete Empörung der Menschen wirke lächerlich, da allgemein die organisierte Durchführung der Aktion bekannt sei. Dieser Bericht macht deutlich, daß gut zwei Wochen nach den Greueln der Abscheu in der Bevölkerung nicht mehr zu übersehen war. Doch irgendwelche Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen zu den betroffenen Juden auf der einen oder gegenüber den Nazis auf der anderen Seite hatte das in jenen Tagen nicht. Dazu war das gesamte öffentliche Leben zu erregt: die ganze Entwicklung trieb nun merklich auf den lange geplanten Krieg zu. Nachdem dieser am 1. September 1939 begonnen und das praktisch wehrlose polnische Volk durch den schändlichen Verbrecherpakt zwischen Hitler und Stalin seiner politischen Existenz beraubt worden war, hatte Hitler endlich freie Hand, die Vernichtung des deutschen und später auch des europäischen Judentums zu betreiben. Was dann mitten im Krieg an den Juden und auch an Systemgegnern aus Deutschland und anderen europäischen Völkern geschehen ist, kann und muß hier nicht mehr geschildert werden.

Unter den 6 Millionen Ermordeter waren auch jüdische Menschen aus Lippe. Von diesen Opfern sei noch einer namentlich erwähnt. Im ersten Weltkrieg war der aus Schlesien stammende Rittergutsbesitzer Prof. Dr. Julius Friedrich Epstein als Chef des Zivilkabinetts in Lippe tätig. Er wurde 1915 in den lippischen Adel aufgenommen und erhielt die Bezeichnung Exzellenz. Kurz vor seiner Abdankung erhob ihn noch der letzte lippische Fürst Leopold TV in den Freiherrenstand. Alles als Dank für die hervorragenden Verdienste dieses Mannes. Sein einziges Kind, eine Tochter, verstarb 1922. Er verzog nach Berlin. Von dort wurde der „jüngste“ Freiherr Deutschlands als Greis nach Theresienstadt deportiert und dort erbarmungslos umgebracht.

„Die Juden werden nie, sie können nie vergessen, was ihnen angetan wurde; die Deutschen dürfen nie vergessen, was von Menschen ihrer Volkszugehörigkeit in diesen schamreichen Jahren geschah.

Theodor Heuß

3. Zeichen der Hoffnung
Hitlers verbissene und mörderische Parole „Mein Kampf gegen den Sinai“ zielte nicht nur auf die Auslöschung des Judentums. Nach siegreich beendetem Krieg sollte auch das Christentum liquidiert werden, da es ja doch „nur ein einziger jüdischer Schwindel“ sei. Was der irrsinnige Feind voller Verachtung aussprach, stimmt: Judentum und Christentum gehören zusammen. Sie haben einen gemeinsamen Ursprung. In der Christenheit war das weithin vergessen oder verleugnet. Gerade aus dem tiefen Erschrecken über den Holocaust1Neben dem Wort Holocaust = Opferung, ist Ha-schoa = Katastrophe ebenso Bezeichnung geworden für die Vernichtungsmaßnahmen wie auch der Name des größten Lagers zur Vergasung „Auschwitz“ in Polen. haben viele Christen sich neu darauf besonnen, daß unser Glaube in der alttestamentlich-jüdischen Tradition verwurzelt ist.
Der Gott im Alten Testament ist kein anderer als der Gott des Neuen Testamentes. Die Juden rufen den Gott als Vater an, als dessen Kinder auch wir Christen uns verstehen. Was für ein Zeichen der Hoffnung, daß nach großer Schuld die Christenheit ihre Identität neu finden durfte!
Das Weiterbestehen des jüdischen Volkes nach dem Kommen Jesu, dem Christus der Juden, den diese aber ablehnen, kann nur als Zeichen unwandelbarer Treue Gottes verstanden werden. Die Juden eine fleischgewordene Erinnerung an den lebendigen Gott!
Nun ist aber neben der Judenheit die sie zahlenmäßig weit übertreffende Christenheit entstanden. Beide sind Glieder des einen Volkes Gottes mit gemeinsamer Aufgabe und gemeinsamer Verantwortung in der Welt.
Auch auf jüdischer Seite hat sich in Zusammenhang mit der großen Katastrophe eine Neubesinnung ergeben. Dies gerade auch durch die Verwirklichung einer Jahrtausende durchgehaltenen Sehnsucht nach Zion. Denn aus zahlreichen jüdischen Ansiedlungen im Lande und nach der Situation von Auschwitz kam es 1948 zur Gründung des Staates Israel. Dieser Staat hat nicht nur politische, sondern auch religiöse Bedeutung und ist für das Judentum Bestätigung seiner Identität.
Als Zeichen der Hoffnung kann, nach allem was geschah, verstanden werden, daß unter den Juden Wille und Bereitschaft bestehen zum Dialog mit uns Christen. So gibt es ein neues Bemühen auf beiden Seiten, sich besser verstehen zu können. Wir wußten ja doch kaum etwas über den jüdischen Gottesdienst, obwohl gerade unsere reformierte Gottesdienstform dem synago-galen Gottesdienst nahesteht. Wie wichtig daher, daß Erwachsene, und auch Jugend- oder Konfirmandenkreise, hin und wieder eine Gelegenheit wahrnehmen, einen Sabbatgottesdienst zu besuchen, wozu für uns nur in Paderborn, Bielefeld, Herford oder Minden eine Möglichkeit besteht. Gute Hinführung zu gottesdienstlicher Musik im Judentum bietet uns das häufigere Auftreten des collegium musicum Judaicum aus Amsterdam mit seinen Darbietungen gottesdienstlicher und volkstümlicher Musikstücke und Lieder aus verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen jüdischen Traditionen.
Hier sei noch eine Aktivität der Kantorei St. Marien in Lemgo erinnert, die unter Kantor Schmidt in Verbindung mit dem jüdischen Oberkantor aus Berlin Lieder und Stücke aus dem Gottesdienst der Synagoge einübte und im Februar ds. Js. in St. Marien auf hebräisch sang.
Weitere Maßnahmen, die hoffen lassen auf Achtung und Anerkennung der Juden, mögen auch Gedenktafeln an Stätten zerstörter Synagogen oder dort geschaffene Anlagen sein, die zur Besinnung einladen, wie vor der alten Synagoge in Detmold und auch in Lemgo. Dort ist im früheren Haus der Familie Frenkel auch an einen Raum für Ausstellungen gedacht, die Bekanntschaft mit dem Judentum wecken oder fördern können. Erwähnt sei hier noch, daß die Judenfriedhöfe in Lippe wieder in würdigen Zustand gebracht sind und darin erhalten werden.
Mag die Zahl der Gleichgültigen noch so groß sein, und sich sogar in rechten Randgruppen alter Ungeist wieder regen, so scheinen sich doch unter uns die Zeichen zu mehren für ein neues Offensein zwischen Juden und Christen. Das dürfte auch für unser Volk Gewicht und Bedeutung haben. Denn die Bundesrepublik ist noch immer ein überwiegend von Christen bevölkertes Land.

Um auf dem eingeschlagenen Weg weiterzukommen, gilt es die bisher praktizierten Begegnungen fortzuführen. Sie fanden statt auf Tagungen und Freizeiten, wurden auch gepflegt durch Vorträge und Aussprachen, auf Treffen bei Kirchentagen und dergleichen mehr. Seit vielen Jahren führt die Evangelische Erwachsenenbildung der Lipp. Landeskirche Vortragsveranstaltungen und Seminarreihen über Juden und mit Juden durch in Stapelage, Detmold, Lemgo, Lage usw. Aus dieser Arbeit hat sich jüngst eine „Christlich-Jüdische Gesellschaft für Lippe“ entwickelt. In der Bundesrepublik gibt es 67 solcher Gesellschaften, die in dem Koordinierungsrat zusammengeschlossen sind und zum Ziel haben, Kontakte zwischen Christen und Juden anzuregen und zu vertiefen. Hoffnungsvolles Zeichen darf uns auch die Beobachtung sein, daß in unserem Raum die Fahrten nach Israel in den letzten Jahren zugenommen haben. Es ist sehr wichtig, das Volk im Land und die Probleme seines Staates kennenzulernen. Darum sind besonders begrüßenswert Aufenthalte von Jugendlichen zum Studium in Jerusalem oder zur Mitarbeit in den Kibbuzim. Diese sind die ursprünglichen Siedlungsformen der Zionisten. So heißen die Siedler, die unter den schrecklichen Eindrücken und Enttäuschungen durch den im vorigen Jahrhundert aufgekommenen Antisemitismus in der Hoffnung auf einen eigenen Staat in das Heilige Land, das damalige Palästina, strebten. Dieser Zionismus hat eine wesentliche Voraussetzung geschaffen für die Staatsgründung. Nach fast 2000 Jahren ist das Judentum, das wir bisher nur in der Zerstreuung unter die Völker, als Diaspora, kannten, mit der Errichtung des Staates Israel auch wieder als politische Größe in seinem alten Zentrum in Erscheinung getreten.
So lebte ja auch das biblische Israel als Gottes Volk in dem ihm von Gott gewiesenen Land. Aber durch Katastrophen in seiner Geschichte, auch schon vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n. Ch. und der folgenden Auflösung des jüdischen Staates, wurden Juden in andere Länder zerstreut. Sie selbst verstanden die Zerstreuung als Absicht Gottes, sie um so mehr zum Zeugendienst in der Welt zu drängen. Auch heute noch lebt die Mehrzahl der Juden in Diaspora. Wir begegnen also nun dem Judentum wieder in seiner zweifachen Gestalt, als Diaspora-Judentum und als Volk im Land. Daher hat auch der Besucherstrom nach Israel seine Wichtigkeit, erst recht, um dem Antisemitismus in seiner neuen Gestalt als AntiZionismus durch die bei solchen Besuchen gewonnene Kenntnis widerstehen zu können. Der Anti-Zionismus bestreitet den Juden das Recht auf staatliche Selbständigkeit und wiederholt die alten Nazi-Anwürfe wie internationale „Wühlarbeit“ und dergleichen.
Zweifellos haben wir als Christen und als Deutsche auch einen Beitrag zur Beilegung des Nahostkonfliktes zu leisten, Mißtrauen überwinden und einen Frieden in Gerechtigkeit erstreben zu helfen.
Übrigens gehört nicht zuletzt zu den Zeichen der Hoffnung in unserer Zeit das bei Christen und Juden erwachte Bewußtsein gemeinsamer Aufgaben und Verantwortung in der Welt. Beide wissen z. B. von ihrem Schöpfungsglauben her, daß der Mensch als Gottes Stellvertreter Fürsorge und Pflege der Welt anvertraut bekommen hat. Ebenso verpflichtet der Glaube, daß der eine Gott die eine Menschheit geschaffen hat, zusammen mit den hier zustimmenden Moslems, zur Solidarität aller Menschen zu mahnen. Allein aus dem gemeinsamen Glauben, daß jeder Mensch vor Gott gleiche Würde hat, dürfte auch die Entfaltung der Menschenrechte denkbar sein.
Die Heilige Schrift, der sich Juden und Christen verpflichtet wissen, betont mit Nachdruck die Zuwendung Gottes zu den Benachteiligten und Entrechteten. Daher hat es Beider Sache zu sein, sich gegen die Herrschaft derer zu wenden, die sich auf Kosten der Schwachen durchsetzen und bereichern. Schließen wir mit einem Gedanken Martin Bubers:

Ein nach der Erneuerung seines Glaubens durch die Wiedergeburt der Person strebendes Israel und eine nach der Erneuerung ihres Glaubens durch die Wiedergeburt der Völker strebende Christenheit hätten einander Ungesagtes zu sagen und eine heute kaum erst vorstellbare Hilfe einander zu leisten.“

 

Quelle: Heimatland Lippe  10/1988 – von H. Bödeker und Karl Fuhr