Lemgoer Strohsemmel

Lemgoer Strohsemmeln von Meffert

Es ist ein besonderes Merkmal der deutschen Bäckerei, daß sie außerordentlich viele Brotsorten und Gebäcke anbietet. Nahezu jede Stadt und jeder Bezirk hat insbesondere beim Kleingebäck Spezialitäten, die zum Teil auf eine lange Geschichte zurückblicken können und die zum Teil auch nur an bestimmten Tagen des Jahres hergestellt werden.
In ihrer geschichtlichen Entwicklung gehen diese Gebäckspezialitäten in vielen Fällen auf die sogenannten Gebildbrote in der Vorzeit zurück, also auf Opferbrote, die den Göttern bei den großen Festen des Jahres und bei besonderen Anlässen an Stelle des früheren Blutopfers dargebracht wurden. Häufig haben sich daher diese Gebildbrote aus Tierformen entwickelt. Daneben aber findet man auch die verschiedenste sonstige Formgestaltung.
Unsere Anstalt hat sich seit etwa zwanzig Jahren bemüht, diese zahlreichen deutschen Gebäcke zu sammeln, und wir fanden bisher etwa 1200 verschiedene Gebäcke. Durch eine geeignete Präparierung gelingt es, die Gebäcke für eine ständige Ausstellung haltbar zu machen. Darüber hinaus haben wir die einzelnen Rezepte gesammelt.
In unserer lippischen Heimat ist das bekannteste Spezialgebäck die Lemgoer Strohsemmel, die nicht nur in Lemgo selbst, sondern auch darüber hinaus in anderen Städten des Landes hergestellt wird, und besonders hat sich die Lemgoer Strohsemmelbäckerei Kracht seit vielen Jahren um die laufende Herstellung bemüht.
Wenn die Überlieferung richtig ist, so wurde das Rezept für die Lemgoer Strohsemmel von einem Soldaten und Bäckergesellen in dem napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland mitgebracht.
Die Strohsemmel hat zwei besondere Merkmale, einmal wird der Teig gekocht, und weiterhin erfolgt das Abbacken auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches.

Lemgoer Strohsemmel 2

Es ist unklar, ob die Strohsemmel eine Erfindung während des Feldzuges von dem Soldaten ist oder ob er dieses Rezept in Rußland vorfand. Jedenfalls wissen wir, daß das Kochen von Teigen in Rußland üblich ist, aber das Abbacken auf Stroh ist ausschließlich bei der Lemgoer Strohsemmel üblich und bei anderen Gebäcken nicht bekannt. 1813 kam dieser Bäckergeselle, dessen Name im übrigen nicht erhalten ist, von seiner Gesellenwanderschaft in die Stadt Horn. Das Rezept wurde sehr geheimgehalten, jedoch gelang es einem klugen Lemgoer Bäckermeister, das Herstellungsrecht zu erwerben und die Strohsemmel in Lemgo einzuführen. Aus früheren Rechnungsbüchem kann man entnehmen, daß sich die Strohsemmel bereits um 1820 in stärkerem Maße in Lemgo eingeführt hatte. Darüber hinaus wurden die Märkte der Umgebung beschickt und vor allen Dingen auch Fürstenhöfe in aller Welt. In stattlichen Blechdosen verpackt, gelangte die Lemgoer Strohsemmel in alle Erdteile und wurde damit ein berühmtes Gebäck. Bisweilen erfolgten Rückfragen nach dem Rezept der Lemgoer Strohsemmel; es ist beispielsweise noch ein Brief erhalten vom Anhaitischen Hof. Aber die Herstellungsweise wurde von den Lem- goer Bäckermeistern geheimgehalten.

Zu der Herstellung im einzelnen ist zu bemerken, daß ein geringer Zusatz an Fett und Zucker erfolgt, etwa 3 % auf Mehl gerechnet, und das rundgewirkte Teigstück wird mit einem Rollholz plattgedrückt und mit einem Kamm gestippt. Nach kurzer Gärung wird das Teigstück in kochendes Wasser geworfen, und durch diesen Kochprozeß bleibt es lange frisch.
Damit das gekochte Teigstück auf der Herdplatte nicht festbrennt, setzt man es auf vorbereitete, parallel gelegte Strohhalme. Das Gebäck hat auf der Unterseite keine Kruste. Die Strohhalme lassen sich nach dem Backen ohne weiteres entfernen. Insbesondere durch die lange Frischhaltung hat sich die Lemgoer Strohsemmel so beliebt gemacht. Man verzehrt sie im übrigen mit Butter, bisweilen aber auch mit Mettwurst und Schinken.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1951 – Von VON PROF. DR. PELSHENKE Zentralanstalt für Getreideverarbeitung, Detmold

Verein Alt Lemgo – Gelbe Hefte
Rezept für Strohsemmeln (www.chefkoch.de)
Strohsemmelfest in Lemgo