Leopoldshöhe — einst

Luftbild vom Marktplatz Leopoldshöhe. By Leopold070 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Leopoldshöhe — eine stolze Zeit für eine junge Kirchengemeinde, aber auch für einen schönen lippischen Ort, dessen Entwicklung mit einer Kirche und zwei, drei Häusern begann, und der inzwischen ein stattlicher Ortsteil einer modernen Großgemeinde geworden ist. Das sollte Anlaß sein, eine kleine Rückschau in die Vergangenheit zu tun.

Es besteht gar kein Zweifel, daß in unserer Gemeinde Germanen gewohnt haben; Funde in Krentrup und Greste weisen darauf hin. Ob in Leopoldshöhe selbst eine germanische Siedlung war, bleibt dagegen offen.

Verfolgt man die Entstehung der umliegenden kleineren Orte, so kann man auf Grund deren Namen in etwa angeben, wann sie entstanden sind. Die ältesten Orte sind sicherlich die Orte, deren Namen mit der Endung „trup“ gekennzeichnet sind, wie Krentrup — früher Crenentrup — oder Eckendorf, das früher Ykamanninc-thorp hieß. Sie dürften zwischen 400 und 900 n. Chr. entstanden sein. Bis zum 9. Jahrhundert sind auch die Dörfer mit den Endungen „dissen“ und „hausen“ entstanden, wie Evenhausen, Ehrdissen, Bechter-dissen, Döldissen und Hovedissen. Zwischen 1200 und 1300 kam es zu den systematischen Bauernsiedlungen in den „hagen“-Dörfern mit ihren typischen reihenförmigen Hofanordnungen. So zu sehen in Krentruperhagen, Rosenhagen, Nienhagen und Bexterhagen. Jüngeren Datums dürften dagegen Schuckenbaum und Schuckenhof sein. Sie leiten sich von der Familie Schuckmann auf dem Meierhof zu Schuckenhausen, jetzt Pehle, ab. Der Name Heipke stammt von dem kleinen Flüßchen Heibeke, die in Leopoldshöhe entspringt, an Hovedissen vorbeifließt und in Heipke in die Werre mündet. Um 1800 entstanden im Rahmen der Aufteilung der Gemeinheiten, meist an den äußeren Rändern der Bauernsiedlungen, die sog. Heidedörfer, auf denen vorwiegend kleinere Hausstätten angesiedelt wurden, wie die Hakenheide, Evenhauser Holz, Heipker Heide und Sudheide.

Wir nähern uns nun dem Zeitpunkt der Kirchengründung in Leopoldshöhe. Die Kirche wurde etwa in der Mitte zwischen Schötmar und Oerlinghausen geplant. Die Ländereien, die diesem Kirchort zugeordnet wurden, stammten im nordwestlichen Teil vom Landwirt Gellhaus vom Vorwerk in Hovedissen und im nordöstlichen Teil und damit östlich der Hovedisser Straße vom Rittergut Hovedissen. Wie die alte Dorfkarte von Hovedissen zeigt, stammt der Marktplatz und die westliche Seite der Herforder Straße ebenfalls von Hovedissen und hatte die Bezeichnung „Aufm Dreckshagen“, die südöstlichen Teile jedoch vom Meier zu Krentrup und die südwestlichen Gebiete vom Landwirt Reue zu Evenhausen

Die Gründung der Kirche und des Ortes Leopoldshöhe erfolgte auf Grund einer besonderen Aktivität der hiesigen Bevölkerung. Die Kirchwege nach Schötmar und Oerlinghausen waren zu weit und mühsam, man wollte eine eigene Kirche in der Nähe haben. Heute würde man dies eine Bürgerinitiative nennen. Man darf annehmen, daß die folgenden Mitglieder der ersten Baukommission die entscheidenden Männer waren:

 

    1. Kolon Renotto, Schuckenbaum,
    2. Landwirt Gellhaus, Hovedissen,
    3. Landwirt Müller, Heipke,
    4. Landwirt Meier zu Krentrup,
    5. Landwirt Pankoke, Krentruperhagen,
    6. Landwirt Hameier, Krentruperhagen,
    7. Landwirt Niehage, Nienhagen,
    8. Landwirt Brand, Ehrdissen,
    9. Landwirt Reue, Evenhausen,
    10. Landwirt Lüking, Evenhausen,
    11. Pächter Cronemeyer, Gut Hovedissen,
    12. Pächter Asemissen, Schackenburg,
    13. Saatzüchter W. v. Borries, Eckendorf.

 

Nach Aufstellung eines Gutachtens des Lehrers Lüdeking aus Evenhausen im Jahre 1835 führten weitere Eingaben des Rentmeisters Cronemeyer aus Hovedissen schließlich dazu, daß 1848 das lippische Konsistorium den Bau einer Kirche in der Gegend von Hovedissen zustimmte. Am 21.5.1850 wurde in Anwesenheit des Fürsten Leopold IL, der bei dieser Gelegenheit der neuen Gemeinde den Namen Leopoldshöhe „verlieh“, der Grundstein zu der Kirche gelegt, die dann am 12. Oktober 1851 geweiht wurde.

Auch die ersten Häuser entstanden in dieser Zeit, wie z. B. der alte Krug. Wie die Abbildungen zeigen, standen um 1861 etwa 10 Häuser in Leopoldshöhe, 1880 bereits schon etwa 40. Die Menschen, die sich hier ansiedelten, kamen aus allen Teilen Deutschlands, was aus den verschiedenen Dialekten zu entnehmen war. Die meisten übernahmen aber schnell die lippische Mundart. Lediglich einige, besonders die aus Sachsen, haben ihre Heimatsprache noch lange behalten. Die meisten waren Handwerker oder Gewerbetreibende.

Der Ort Leopoldshöhe hätte sicher eine schnellere Entwicklung genommen, wenn die damaligen Wegeverhältnisse besser gewesen wären; denn sämtliche Geräte und Materialien der Handwerks- und Gewerbebetriebe mußten unter großen Entbehrungen von Heepen oder Schötmar geholt werden. Aus diesem Grunde erfolgten seit 1870 mehrere Eingaben zur Verbesserung von Post und Wegen, jedoch ohne Erfolg. Als um 1880 weitere neue Siedler nach Leopoldshöhe zogen, kam der Wunsch nach besseren Verbindungen erneut auf. Diesmal schrieb man im Jahr 1888 direkt an den Postminister v. Stephan in Form eines originellen Gedichtes:

„Ach, lieber Stephan, großer Mann, o höre uns’re Klagen an: Wir sind hier in Bedrängnis sehr, das Leben wird uns gar zu schwer. Die Post die kommt von Bielefeld so langsam wie’s dem Gaul gefällt! und ist sie endlich auf der Höh, dann rufen wir: „O Jemine!“

Es ist vollbracht, sie ist jetzt oben, nun wollen wir den Herrgott loben! Lahm ist der Gaul, ein Karren das Gefährt, vom Rütteln schmerzt der Kopf uns sehr. ‘ne Post von Bielefeld nach Lage, die ist, so hört man alle Tage, notwendig wie das liebe Brot, sie lebe und der liebe Gott. Eventuell an Gottes statt, der, welcher’s größte Posthorn hat, der allen Posten Postmeister ein Doktor ist und Stephan heißt er.”

Kurz darauf kam die Antwort aus dem Ministerium, wie folgt:

„Den Ruf von Ach und Jemine, ihr Herren mein aus Leopoldshöhe, empfing ich richtig und sodann stellt ich sofort Recherchen an. Durch diese hab ich nun erfahren, daß ihr besaßt schon einen Wagen, der täglich zweimal fuhr im Trab, die Höh hinauf, die Höh herab nach dort und dann nach Bielefeld für ein gering Personengeld. Doch fuhr der Kasten meist allein, und dieses brachte Geld nicht ein. Ein Bote bringt Euch nun die Sachen, dieser tut sich bequemer machen und fährt mit einem Karren hin, so liegt da kein Vergehen drin. Wollt ihr nun fahren, liebe Herren, so gönn ich Euch dies recht gern! Schafft Euch nur einen Haudrer an, gewiß wird sich recht freun der Mann. Doch kaiserlich! Ihr lieben Herrn, ich täte dieses wohl recht gern. Doch streicht der Reichstag wo er kann, wo soll das Geld ich nehmen dann? Empfangt drum meinen besten Gruß, und geht bescheiden nur zu Fuß.“
Dr. Stephan.

Es gab dann zwar bald wieder einen Reisewagen, die Wege waren aber nach wie vor sehr schlecht. So wird erzählt, daß der Sattler Hammer dem Kutscher auf sächsisch zurief, als dieser ihn aufforderte, doch mit der Kutsche nach Heepen zu fahren, er hätte diesmal keine Zeit und wolle lieber zu Fuß gehen, das sei schneller. Ein weiterer Nachteil für die weitere Entwicklung Leopoldshöhes war die Tatsache, daß um 1900 die Eisenbahn von Bielefeld nach Lage nicht über Leopoldshöhe, sondern über Asemissen geführt wurde. Erst ab 1920 wurden die Straßen wesentlich verbessert und ein geregelter Busverkehr eingerichtet. Von da an konnten die Leopoldshöher auch in Heepen und Bielefeld Arbeit finden. Auch erste Fabriken, wie die Firma Linneweber, siedelten sich nun an und schufen damit Arbeitsplätze am Ort.

Bis zum 1. Weltkrieg unterstand der Ort Leopoldshöhe verwaltungsmäßig den Bauerschaften Greste und Hovedissen. Da durch Aufgabe und Verkauf einiger Höfe die Bauerschaft Hovedissen stark dezimiert wurde, andererseits in Krentrup-Heipke und Schuckenbaum neue Siedlungen entstanden, wurde die Bauerschaft Hovedissen aufgelöst und in die zwei Gemeinden Krentrup und Schuckenbaum umgewandelt. Das war Anlaß für die Leopoldshöher Bürger, auch auf eine politische Selbständigkeit hinzuwirken, zumal seit 1881 ein Standesamt und eine Postagentur bestanden und 1890 eine Schule eingerichtet worden war.

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Die Gründung der politischen Gemeinde Leopoldshöhe ist ebenfalls einer Bürgerinitiative zu verdanken. Es bildete sich ein Leopoldshöher Bürgerverein, der bereits im Mai 1912 an die Regierung in Detmold eine Bittschrift verfaßte, die 1913 vom Amtmann in Schötmar unterstützt wurde. Aber erst nach dem Weltkrieg, im Januar 1920, kam es zur Einigung aller Beteiligten. Im März erfolgte die Grenzziehung, im August die gesetzliche Grundlage und im Dezember die entscheidende Landtagsverhandlung, in der sich besonders der Abgeordnete Schütte für die Belange Leo-poldshöhes einsetzte. Am 21. Februar 1921, also vor genau 55 Jahren, erfolgte die endgültige Genehmigung.

Die weitere Entwicklung des Dorfes Leopoldshöhe machte nun beachtliche Fortschritte, wobei es nicht immer leicht war, genügend Bauplätze für neue Bürger zu beschaffen, da Leopoldshöhe eine ausgesprochene landarme Gemeinde war. Der Mittelpunkt des Dorflebens war dabei zweifellos der Marktplatz vor der Kirche mit seinen schönen Kastanien, auf dem viele Jahre Aufmärsche, Kirmes, Markt und Ähnliches abgehalten wurde. Zu erwähnen sei schließlich die sehr gelungene Eingliederung der Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, die Gründung einer der ersten westfälischen Dörfergemeinschaftsschulen und schließlich die Bildung der Großgemeinde Leopoldshöhe zum 1. Januar 1969.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß der Ort Leopoldshöhe dank zweier Bürgerinitiativen entstanden ist: der Bürgerinitiative um 1850 zur Errichtung der Kirche in der Gegend von Hovedissen und der Bürgerinitiative des Leopoldshöher Bürgervereins um 1920 mit dem Ziel der Gründung einer politischen Gemeinde. Die Entwicklung des Ortes ist weiter dadurch gekennzeichnet, daß es im Laufe der Zeit immer wieder gelang, Alteingesessene mit neu Hinzugekommenen, sei es Landwirte mit Gewerbetreibenden, Einheimische mit Vertriebenen, zu einer geschlossenen Gemeinde zu vereinen. Diese Dorfgeschichte kann daher auch Vorbild für die Großgemeinde sein. Dazu bedarf es allerdings auch der richtigen inneren Einstellung zu einer Gemeinde, wie sie der Altbürgermeister von Leopoldshöhe, Rudolf Brinkmann, hatte. Daher sei er zum Schluß aus der Broschüre zitiert, die er anläßlich der Festwoche zum 100jährigen Bestehen von Leopoldshöhe 1951 herausgegeben hatte: … „die gesamte Einwohnerschaft muß sich mit Liebe und innerer Herzensbereitschaft der Gemeinschaft gegenüber, in die wir alle gemeinsam hineingestellt sind, verpflichtet fühlen.

Wenn die Familie als die Urzelle alles staatlichen Seins betrachtet werden darf, so ergibt sich daraus, daß eine Gemeinde die nächsthöhere Entwicklungsstufe darstellt. Nur verständnisvolle Liebe und gegenseitige Achtung und Mitarbeit sind als die Voraussetzung dafür anzusehen, daß eine Gemeinde auch wirklich eine Gemeinschaft guter Bürger ist. Aus einer solchen kraftvollen und gesunden Gemeinschaft strömen Kraftimpulse formend zum Ganzen. Daß es so werde, sei unser aller Arbeit Ziel.“

Quelle: Heimatland Lippe 11/1976 – Von Dr. Hardnak Graf v. d. Schulenburg