Lippische Feldpostbriefe 1914 – 1916

Feldpostkarte von 1915

 

Diese Briefe wurden im Lippischen Dorfkalender 1937 veröffentlicht.

 

Vlotho, 1. August 1914 Liebe Mutter!

Die Würfel sind gefallen. Eine schwerwiegende Entscheidung, aber doch eine Erlösung. Endlich weiß man doch, wie es steht. Es ist mobil, aber doch kein Krieg. Vielleicht kommt es doch noch nicht zum Äußersten. Sollt es aber doch eintreffen, so wird der Herr uns schon zum Siege helfen. Liebe Mutter, laß den Mut nicht sinken. Nicht jede Kugel trifft; man muß jedoch auf alles gefaßt sein. Aber, Mutter, es ist ja eine Ehrenpflicht fürs Vaterland zu kämpfen. Suche Trost und Mut bei Gott, er wird uns schon beschützen. Deinen lieben Brief soeben erhalten. Ich habe mich sehr gefreut und sage herzlichen Dank. Leider kann ich nicht mehr kommen. Ich fahre morgen früh ab. Auf diese Weise wird uns der Abschied auch weniger schwer.

Ich fahre zunächst nach Düsseldorf; übernehme dort Montag einen Transport und fahre dann weiter nach Diedenhofen (Lothringen) zum Inf. Reg. 135, dem ich eingereiht werde. Meine nähere Adresse gebe ich von dort bald- möglichst auf.

Meine Sachen lasse ich hier in der treuen Obhut meiner Wirtin zurück. Eine Einschreibesendung mit Quittungen, Akten, etc. schicke ich morgen nach dort, legt sie bitte uneröffnet fort. Die schmutzige Wäsche packe ich ebenfalls ein, sie wird dann in etwa 8 Tagen, wenn der Verkehr wieder geregelter ist, nach dort gesandt.

Laßt auch mal bald wieder von euch hören, wo die einzelnen geblieben sind. Willi braucht doch wohl nicht mit.

Seid alle recht herzlich gegrüßt und lebt wohl auf gesundes Wiedersehen. Übermittele auch bitte den anderen gelegentlich meine Grüße. Ich bin in großer Eile und komme daher nicht mehr dazu.

In Treue August

Teure Mutter!

Morgen früh, Donnerstag, zwischen 4 und ½ 5 Uhr werden wir Sylbach passieren. Über das: „Wohin“ ist uns nichts bestimmtes mitgeteilt. Vermutlich hat man uns zur Erstürmung von Antwerpen ausersehen. Ein heißer Kampf wird uns alle bevorstehen. Viel Blut wird es kosten werden. Aber verzage nicht! Suche Hilfe dort oben! Sei stolz darauf, das es vier von deinen Söhnen vergönnt ist, ihr Leben einzusetzen für Kaiser, Fürst und Vaterland. Der Herr der Heerscharen wird gewiß den Sieg an unsere Fahnen heften. Das Paket er- halten, vielen Dank! Grüße nochmal alle Verwandten und Bekannten! Meine genaue Adresse nächstens. Zum Schluß möchte ich Dich noch einmal an jene Worte Sr. Majestät erinnern:

“Nun geht in die Kirche, kniet nieder vor Eurem Gott, und betet für unser tapferes Heer!“

Dann kann der Sieg nicht ausbleiben und Gott wird uns vier Brüder gesund zurück.

In Treue Friedrich

Grüße auch an die Kollegen in Schötmar

Lüttich, 15. August 1916
Liebe Mutter und Geschwister
Wenn euch dieser Brief erreicht, bin ich nicht mehr unter den Lebenden.

Ihr könnt Euch damit trösten, daß ich mein Leben dem Vaterland geopfert habe, im weiteren Sinne auch für Euch. Hoffentlich ist aber zu unserem Vorteile dies Opfer gebracht und das noch anderen. „Gott verläßt keinen Deutschen“, ist ein altes Sprichwort, das sich schon oft bewahrheitet hat. Möge er uns auch dieses Mal beistehen an allen Orten.

In mancher Beziehung haben wir Strafe verdient, unser Leben war zu wolllüstig. Das vertrauen zu Gott schwand von Tag zu Tag in unserem Vater- lande. Es mußte niemand mehr, was er wollte. Sehr viel zu schreiben ist doch zwecklos, ich wünsche Euch nur das Beste. Wenn wir uns hier nicht wiedersehen, dann sehen wir uns hoffentlich wieder über den Trümmern der Welt als erneute Geschöpfe. Mit herzlichen Grüßen und Wünschen verbleibe ich euer Heinrich

Rouvron, den 16. September 1914. Liebe Mutter,

Annas Karte vom 18. 8. erhalten, besten Dank. Briefe habe ich bis jetzt noch nicht erhalten. Sonst geht es mir noch immer gut, was ich auch von Euch und meinen Brüdern erwarte.

Meinen Brief von Peronne werdet Ihr wohl erhalten haben. Wir sind seit Sonnabend wieder beim Regiment und liegen hier in befestigter Stellung seit 5 Tagen, um erst unsere Verstärkungen abzuwarten. Die Franzosen sind voll- ständig eingeschlossen, versuchen aber überall durchzubrechen.

Die Schlacht dauert schon 5 Tage, unsere Kompanie, es ist 1 Uhr mittags, befindet sich im Deckungsgraben, und da schreibe ich Euch diesen Brief. Wir sind nun schon 5 Tage andauernd im Gefecht, der kritischste Tag war aber Montag. 3 Gruppen von unserer Kompanie bekamen den Auftrag, einen Strohdiemen1Schober oder Hocke in Brand zu setzen, der sich vor unserer Stellung befand. 1 Sergant, 2 Unteroffiziere, 24 Mann. Als wir uns dem Diemen auf 30 Schritte genähert haben, sehen wir, daß er besetzt ist, Wie versuchen ihn sie zu umzingeln, die Franzosen gehen zurück! Ich gebe mein Gewehr ab, setze ihn in Brand, als uns aber die Franzosen, etwa 1 Kompanie, mit einem derartigen Hagel von Geschossen überschütten, daß wir natürlich alle liefen, was wir konnten, dabei schossen die Franzosen aus 50 Meter Entfernung. Kaum sind wir 400 Meter zurück gerannt, als uns eine Maschinen-Gewehr-Kompanie von uns auch noch von vorn beschießt; die glaubten nämlich, daß die Franzosen angriffen. So mußten wir dann die übrigen 500 Meter im Feuer von vorn und hinten zurücklegen. Das wir dabei nicht mehr als 7 Tote, bzw. Verwundete hatten, kann man nur als eine Fügung Gottes betrachten. Der eine Unteroffizier, ein Lehrer ist gefallen. Jeder der dabei war, kann nur seinem Schöpfer danken, daß er heute noch lebt.

Sonst hatten wir diese Tage ziemlich Verluste, ich hatte von meiner Korporalschaft nur noch von 24 Mann die hälfte.

Vergangene Nacht lagen wir im vordersten Schützengraben, es regnete die ganze Nacht, die Franzosen machten wieder einen Angriff, wurden aber zurückgeschlagen.

Sonst geht es mir noch gut. Schickt mir bitte, wenn ihr könnt, 2 wollene Hemden, 2 wollene Unterhosen, 1 Wams, 3 Paar Strümpfe und bitte etwas Tabak. Hoffentlich kommt es an. Für alles besten Dank.

Mit der Hoffnung, daß wir uns glücklich und gesund wiedersehen, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen an alle.

Euer treuer Sohn Albert.

  1. September 1914

Soeben wohl sämtliche Postsachen erhalten, habe mich riesig darüber gefreut, es waren 8 Teile, außer von Euch, von Großmutter, Lulu, meinem Vertreter in Grauwinkel und mehreren Teilen von Schönwald; wie gesagt, ich habe mich riesig über alles gefreut.

Wir sind noch immer in Stellung, wollten gestern abend angreifen; es ist aber nichts davon geworden, sind also heute, Donnerstag, noch hier. Hoffentlich kann ich heute die Postsachen abgeben und erhaltet Ihr alles. Das es Onkel so schlecht geht, tut mir wirklich leid; daß Willi zu Hause bleibt, ist ja nur gut, es wäre für Lieschen ja gar zu schrecklich.

Nochmals für alles besten Dank, schreibt bitte gleich wieder. Nochmals allen einen herzlichen Gruß und hoffentlich ein frohes Wiedersehen.

Albert

Department Somme, 4.9.14 Liebe Mutter!

Hoffentlich geht es Euch allen, wie mir, noch immer gut. Ich weiß nicht, ob Ihr inzwischen die Karte, die ich an Anna geschrieben habe, erhalten habt; ich selber habe von Euch noch keine Nachricht erhalten; hoffentlich bekommt Ihr aber den Brief, den ich jetzt schreibe. Was macht Ihr denn alle? Es ist doch eine traurige Zeit; gestern las ich eine deutsche Zeitung, in der stand, daß bei Euch der Landsturm einberufen wäre, man sieht doch daraus, wie ernst die Sache ist.

Willy ist doch sicher auch fort und da habt Ihr doch keinen einzigen von uns zu Hause. Wie glücklich habe ich mich doch in Granwinkel gefühlt, wer hätte glauben können, daß alles so schnell kommen könnte.

Meine Briefe aus Deutschland werdet Ihr doch sicherlich erhalten haben und so will ich Euch kurz das andere schreiben.

Nach überschreiten der belgischen Grenze bot sich einem ein geradezu trauriger Anblick, verbrannte Dörfer, verwüstete Felder, links und rechts der Straße gefallene Pferde und Gräber. Die Truppen vor uns müssen doch geradezu einen sehr schwierigen Stand gehabt haben. Als wir in einer Stadt Belgiens, Tougres, die Stadt hat wohl 30 000 Einwohner, in Quartier lagen, es war am 18. August, erhielten wir am Abend plötzlich, als Zapfenstreich geblasen wurde, ein heftiges Feuer aus fast sämtlichen Häusern. Von unserer Kompanie wurde nur der Leutnant, der dicht bei mir stand, leicht verwundet. Die Folge davon war, daß am anderen Tage die Stadt in Brand gesteckt wurde.

Am darauf folgenden Freitag lagen wir in Löwen (Leuven), 22. August. Ihr werdet wohl gelesen haben, daß auch in dieser Stadt ein Überfall auf unsere Truppen stattgefunden hat, so daß einige Tage darauf auch diese Stadt in Flammen aufging.

Dann sind wir in Brüssel in Quartier gewesen und haben am Sonntag vor acht Tagen die französische Grenze überschritten. Wenn wir auch in dieser Zeit nicht im Gefecht gewesen sind, so hatten wir doch immer sehr anstrengende Märsche, wir haben bis letzten Sonntag nur einen einzigen Ruhetag gehabt.

Am Mittwoch, den 26. August, sind wir zum ersten Mal im Gefecht gewesen und zwar gegen Engländer. Wir hatten von unserer Kompanie einen Toten und 3 Verwundete. Unsere Kompanie hatte an diesem Tage einen sehr schweren Stand, wir waren im fürchterlichen Artillerie- und Maschinengewehrfeuer, und wenn ich noch daran denke, muß ich mich immer noch wundern, daß wir nicht mehr Verluste gehabt haben.

Am Abend waren wir so weit vorgerückt, daß unsere Kompanie und die Maschinengewehr-Kompanie mitten mitten in der feindlichen Linie waren, und hätte ich nicht geglaubt, daß einer von uns am Leben geblieben wäre. Die anderen Tage bis Sonntag waren wir nicht im Gefecht.

Wir hatten vorige Woche überhaupt sehr anstrengende Tage, weite Märsche und wenig zu essen; es sind Tage gewesen, wo wir uns von Obst und Möhren ernährt haben; doch es geht alles. Seit vorigem Sonntag sind wir nun hier und werden wahrscheinlich Morgen, Sonnabend, fortmachen, da das Munitions-Depot dann verladen wird. Diese Woche, haben wir es sehr gut gehabt; unser erster Zug liegt in einem sehr großen Hause, alle drei Tage ging auf Wache und ich habe diese Woche zum ersten MaL seit drei Wochen wie- der im Bett geschlafen. Was man vorige Woche an Nahrung nicht gehabt hat, daß hat man diese Woche dreifach nachgeholt. Heute mittag hatten wir uns zu vieren ein schönes Huhn gebraten, dasuns tadellos geschmeckt hat.

Mit Wäsche bin ich auch noch immer versehen; ich hatte damals 2 Hem- den, 2 Unterhosen, 6 Paar Strümpfe und 6 Taschentücher mitgenommen, die ich diese Tage alle gewaschen habe. Wohin es morgen geht, wissen wir noch nicht; so gut, wie wir es diese Tage gehabt haben, werden wir es wohl nicht wieder bekommen. Doch man nimmt alle Strapazen gern auf sich, mit der Hoffnung, daß Gott uns den Sieg verleihen möge.

Heute Nachmittag sind hier auch noch eine Schwadron Garde-Ulanen angekommen, da sich hier in der Gegend noch eine halbe Schwadron Engländer herumtreiben soll.

Mit Geld bin ich noch etwas versorgt, man hat diese Woche allerdings viel gebrauchen können, und da unsere Kompanie hier nur allein liegt, haben wir schon seit 14 Tagen keine Löhnung bekommen. Sonst geht es mir sehr gut und wollen wir hoffen, daß wir uns alle glücklich und gesund wiedersehen werden.

Nun will ich aber schließen. Seid alle nochmals herzlichst gegrüßt, insbesondere Ihr, meine lieben Eltern, von

Eurem treuen Sohn Albert

F o u r n e s , 28. November 1914.

. . . . Im übrigen geht es mir noch soweit gut, und ich kann Gott nicht genug danken dafür. — Wie oft habe ich deutlich seine Nähe spüren können, wenn im dichten Kugelregen das Herz verzagen wollte. Jedermann gab Er neuen Mut und neue Zuversicht. Seit einiger Zeit belagern wir hier nur unsere Schützengräben, liegen stellenweise knapp 70 Meter voneinander. Wir können deutlich die Engländer sprechen hören. Von Zeit zu Zeit wagen sie einen Ausfall, der jedoch jedesmal blutig zurückgeschlagen wird. Merkwürdig ist, daß die Herren Engländer selber nicht vorgehen, sondern ihre Schwarzen, die Kolonialtruppen vorschicken. Wie wird doch das Land verwüstet, und den armen Franzosen die Städte und Dörfer ohne Grund von den Engländern zerstört und in Brand geschossen. Wahrlich, ein großer Segen, daß die Kriegsgreuel sich nicht in unserm schönen Vaterlande abspielen. Wohl fordert der Krieg ungeheuere Opfer an Gut und Blut, doch ist der Einsatz des Zieles wert. Nach allem, was man hört, kann mit einem baldigen Ende des blutigen Krieges gerechnet werden« Zu wünschen wäre es, daß der Lenker der Schlachten droben sein Halt, bis hierher und nicht weiter, sprechen würde. In Seiner, Hand liegt es allein. Er weiß auch, ob ich die Heimat wiedersehe oder nicht. Doch ich fühl mich geborgen in seinen Armen. Wie dankbar bin ich, daß ich früher schon die Segnungen einer christlichen Erziehung in Schule und Haus und später im Verein genießen durfte. Nun will ich schließen, hoffen auf ein glückliches Wiedersehn. Viele Grüße an Ihre Lieben und an die Lieben im Verein.

Mit herzlichem Gruß

Ihr W. R.

Totenfeier in Laon.

8. Dez. 1914 . . . Die Totenfeier war so ergreifend, die Eindrücke so tief, daß sie schwerlich wieder Verwischt werden können. Eingeleitet wurde die Feier durch den Hauptgottesdienst in der Martinikirche, wo Divisionspfarrer Heintzel über die Worte sprach: Leben wir, so leben wir dem Herrn usw. Tiefen Eindruck machte die Predigt auf unsere blassen, ernsten Krieger, die sich in großen Scharen eingefunden hatten. Ich beobachtete, wie einige Offiziere öfters mit dem Kopfe zustimmend nickten, an Stellen, die das Herz besonders zu treffen schienen. Statt der quietschenden Orgel hatten wir am Totensonntag wundervolle Militärmusik zur Begleitung des Gesanges. Es war alles so feierlich, so ernst. Fast war einem zu Mute, als weilten die Geister der Verstorbenen in unserer Mitte. Es war so wunderbar, so ergreifend, die ganze Stimmung! Hier und da sah man einen Landwehrmann sich die Augen wischen und der ganze Jammer dieses schrecklichen Krieges trat einem dann ganz lebhaft vor die Augen. Ach, ich kann es nicht alles in Worte fassen, man muß es selbst erlebt haben. Nach Beendigung des Gottesdienstes in der Kirche ging alles zu den Massengräbern, die sich seit unserm Hierherkommen sehr vermehrt haben. Härten Sie sehen können, lieber Herr Pastor, wie schön die Gräber geschmückt waren! Sie werden sich ein Bild davon machen können, da Sie den Friedhof damals im vollen Blumen Schmuck gesehen haben.

Jetzt waren viele Tannen angepflanzt und am Eingang ein schönes, schlichtes Portal errichtet, das oben über das Eiserne Kreuz und darunter die Inschrift trägt:

»Wer den Tod im heißen Kampfe fand, Ruht auch in fremder Erde im Heimatland.“

In jeder Ecke des Portals waren 2 sich kreuzende Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett aufgestellt Auf seiner Fahnenstange wehte groß die deutsche Fahne. Ein aufgeworfener Sandhügel, ebenfalls mit Tannen umpflanzt, diente als Kanzel. Eine unzählige Menschenmenge hatte sich bei den Gräbern eingefunden, deutsches Militär, Sanitäter und Schwestern, hier und da auch ein Franzose. Nach dem gemeinsamen Gesang: ,,Jesus meine Zuversicht« hielt Herr Divisionspfarrer hier abermals eine ergreifende Predigt. Text: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ Darauf spielte die Militärmusik so wunderbar innig und schön das Lied „Wie sie so sanft ruhn.“ O, wie berührte uns das Lied! Es war uns, als klängen Engelsstimmen an unser Ohr. Und dazwischen brüllten die Kanonen, daß uns die Erde unter den Füßen erbebte, und hoch am Himmel in unendlicher, blauer Ferne flog ein deutscher Flieger geräuschlos dahin, als wollte er von der blutgetränkten Erde unsere Sehnsucht himmelswärts ziehen. War das ein Augenblick, so hehr und schön! An den Gräbern ein wunderbarer Friede, und doch auch wieder das Grauen des Krieges so nahe! Ja unvergeßlich wird uns dies alles bleiben.

Am Schluß der Feier spielte die Musik noch das Lied: „Ich hatt einen Kameraden.“ Auch den Eindruck von diesem Liede werde ich in meinem Leben nicht wieder vergessen. Es hat für mich einen ganz neuen Inhalt bekommen, seit ich es an »den Massengrabern gefallener Krieger in Feindesland singen hörte. Wie ein Choral ist mirs erklungen an dieser geweihten Stätte, und als es zu Ende gespielt und gesungen, war es mit meiner Fassung geschehen. Besonders der Vers „Kann Dir die Hand nicht geben“ ging meinem Herzen so nahe. So manches Bild zog an meiner Seele vorüber. Man sah den Bruder vor sich und so manchen braven Soldaten, abschiednehmend vom geliebten Freund und Kameraden. Und vor uns standen so viele junge blühende Menschen, bei denen man auch den Vers anwenden konnte: „Ach wie bald, ach wie bald schwindet Schönheit und Gestalt; Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen, morgen in das kühle Grab.“

Das war der Totensonntag bei den Massengräbern in Laon. Könnte manche Mutter in der Heimat es nur einmal sehen, wie das Andenken des gefallenen Sohnes geehrt wird, es würde vielleicht den Schmerz etwas lindern. Auch eine Schwester vom Badischen Roten Kreuz haben wir hier auf dem Massenfriedhof in der Reihe der Offizsiersgräber zur Ruhe gebettet. Sie war eine von meinen Pflegebefohlenen. Ein besonders schwerer Typhusfall infolge Ansteckung in der Pflege lag vor. Mit allen Ehren unter großer Beteiligung hoher und höchster Offiziere haben wir unsere Mitschwester neben 2 tödlich verunglückte Fliegeroffiziere gebettet . . . .[

Beerst, 15. Dezember 1914.

. . . In der letzten Zeit haben wir es nicht so besonders schwer gehabt. Seit Dirmuidens

Fall haben wir fast ausschließlich Vorpostendienst verrichten müssen, zwei Tage im Schützengraben, sechs Tage hinter der Front es ist also nicht so schlimm. Augenblicklich liegen wir etwa 3 Kilometer nordöstlich von Dixmuisden in Ruhe, ungefähr 200 Meter vor unserem Gehöft schlagen die Granaten ein, die unserer Artillerie gelten, O, wenn die Feinde ahnen, daß wir hier wären, sie würden uns bald ausräuchern. Vor uns, wohin man blickt, Wasser und immer wieder Wasser, und dazwischen verschossene niedergebrannte Gehöfte. Welch Unglück und Elend hat das englische Krämervolk über das arme Belgien gebracht! Die blühenden Städte: Termonde, Dirmuidew Nieuwport, was ist von ihnen übriggeblieben? Trümmerhaufen, weiter nichts. Die fruchtbaren Aecker am Ufer der Yser, unüberschreitbare Morastflächen, auf Jahre hinaus unbetretbar. Es ist unmöglich, auch nur annähernd zu beschreiben, was wir hier gesehen haben und noch täglich sehen müssen. Ueber die belgische Bevölkerung können wir, mit einigen Ausnahmen, nicht klagen. Teilweise sind wir Von ihr aufgenommen, wie es sin der Heimat nicht besser geschehen kann. Freilich im Anfang machten uns sogar Franktireurs zu schaffen. — Wann wird endlich Friede werden? Und was wird er uns Deutschen bringen? Wird er uns und unserem Volke das bringen, was alle Christen ersehnen? Oder wird es im alten Schlendrian der Genußsucht und des Ichlebens weitergehen? Ich kann die Worte nicht vergessen, die Sie mir bei meinem letzten Besuche in L. sagten: ,,Besser ein besiegtes Volk, als ein sieches!“

Brief eines Wehrmannes an seine Frau

  1. Um was wir daheim beten sollen.

Frankreich, den 13. 4. 1915. “ . . . Nun, all Ihr Lieben in der Heimat, betet nicht, daß ich gesund wieder heimkehre, sondern betet, daß dies viele Blutvergießen nicht umsonst sei für unser Vaterland, sondern daß es nach dem Kriege in alter Kraft und Stärke weiter blühe, und daß ich als frommer und pflichttreuer Soldat erfunden werde. Man muß ja Vieles entbehren in Feindeslande. Aber was hat unser Heiland entbehren und gelitten aus dem Hügel Golgatha. Aber Jesus hat gesagt: „Dein Wille geschehe!“ und mit diesem Wort ziehe auch ich in den Krieg. Aber wir Deutschen müssen auch an das Wort denken: „Führe uns nicht in Versuchung!“ denn dieselbe ist groß im Feindesland. Deshalb gebe Gott, daß nachher jeder Mann seiner Frau und jeder Jüngling seiner Braut mit reinem Herzen und gutem Gewissen ins Auge schauen kann . . .“

Teren, den 20. 1. 1915. “ . . . Zuerst will ich Ihnen danken für die Predigt und das Buch „Wir sind die Kraft“. Es ist jedenfalls eine Freude, wenn von Hause, egal von wem, ein Brief, Karte oder Paket kommt. Die größte Freud ist doch immer, wenn man von seinem Heimatpastor eine Predigt liest. Wir waren bis jetzt in den ganzen sechs Monaten zweimal zur Kirche und kommen an Kaisers Geburtstage zum Feüdgottesdienst, wenn wir nicht gerade auf Wache sind. Mir will scheinen, daß die katholischen Mannschaften in der Weise besser daran sind. Die haben hier überall Kirchen, und unsere fehlen hier ganz. Aber trotzdem kann man doch zu seinem Gott beten. Und je länger dies dauert, desto mehr sieht man selbst, wie schlecht daß man eigentlich war und noch ist, und daß unser Herrgott, wenn unser deutsches Volk erhalten werden sollte, mit solch einer Maßregel eingreifen mußte. Wir sind bis jetzt noch immer hier in D. gewesen und haben von dem eigentlichen Kriege noch nichts weiter gesehen als die Verwundeten Dies anzusehen ist schon ein Jammer genug. Und doch ist schon mancher auf einen ganz anderen Weg gekommen. Es mag auch das sein, daß mit eiserner Strenge auf Alkoholenthaltsamkeit gehalten wird und dadurch schon Viele Menschen vor den Folgen des Alkohols betreffs Trunkenheit, Unzucht mit ihren ekelhaften Folgen bewahrt werden. Wenn man Zahlen liest, wie viel Familien in dieser Weise zerstört, die Gefängnisse, Krüppelheime und Irrenanstalten bevölkert werden, dann mußte der Krieg kommen mit seinen Schrecken, und dann geht es vielen von uns wie dem Zollner, der sprach: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Wenn man jede dritte Nacht auf Wache steht, kommen einem wunderbare Gedanken, und muß man Gott immer wieder bitten, daß man an den guten Vorsätzen nicht irre wird. Denn hier lauert an jeder Ecke die Sünde, nur ekelhafter wie zu Haus. Aber bis jetzt ist in dieser Weise mein Gewissen noch rein; und Gott wird mir helfen, daß es rein bleibt. Vielleicht schicken Sie mir bald wieder eine Predigt. Sie machen mir eine Freude . . .“

  1. 12. 1915 „. . . Im Besitz Ihres Weihnachtsgrußes mit seinem wertvollen Inhalt erlaube ich mir Ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen und schließe gleichzeitig die Bitte um mehr an. Der Krieg wertet alles um. Das merkt man am besten an sich selbst. Gebe Gott, daß wir Weihnachten 1916 bei unsern Lieben sein können. Ein Spaß ist der Krieg so wie so nicht, und erst recht zur Winterzeit! Man ist mitunter zum Sterben lustig . . . „

Frankreich, 27. Dezember 1914.

. . . Ich will Dir in erster Linie schreiben, wie sich die Weihnachtstage verlebt habe. Am hl. Abend rückte unser Bataillon um 6 Uhr mit geschmücktem Weihnachtsbaum in den Schützengraben. Vor dem Ausrücken sangen wir noch einige schöne Weihnachtslieder. Vom herrlichen Frostwetter begünstigt, verlebten wir die Tage folgendermaßen: Am hl. Abend wurde der Weihnachtsbaum in der Dunkelheit bis auf kurze Entfernung von dem feindlichen Schützengraben aufgestellt. Es war ein wunderschöner Baum. Die Kerzen waren elektrisch. Er wurde dann, als alles ruhig war, von unserem Schützengraben her eingeschaltet. Es war eine Pracht, denselben aus der Ferne zu beobachten. Ich war ungefähr 500 Meter davon entfernt. Dann stimmten wir einige Weihnachtslieder an, welche auf unserer ganzen Linie widerhallten. Das war ein feierlicher Akt, so, wie sich ihn in meinem Leben noch nicht erlebt habe. Es war alles mäuschenstill, es fiel kein Schuß, kein Lüftchen bewegte sich. Ich kann Dir das garnicht so beschreiben, wie ich wohl möchte; es war richtig himmlisch. Du mußt Dir mal denken, mitten im Felde unter freiem Himmel beim Mondschein und Sternenfunkeln ein Christbaum, welcher von allen Seiten, von Freund und Feind beobachtet wird, eine Menge von mehreren Tausend, ist das nicht wundervoll? Dies wiederholte sich am ersten und zweiten Weihnachtsabend in gleicher Weise. Es war gerade, als ob Friede sei. Ich werde den Anblick wohl nicht wieder in meinem Leben vergessen. Und was geschah am ersten Weihnachtsmorgen? Es war etwas, was einzig und allein dastehen wird. Rechts neben uns liegt das Regiment . . . Von hier aus haben sich einige von unserer Seite mit einigen von der feindlichen Seite verständigt und sich zugerufen: „Nicht schießen!“ Sie sind dann ohne Waffen aufeinander losgegangen und haben sich mit Händedruck begrüßt und fröhliche Weihnachten gewünscht. Als dies die anderen sahen, blieb keiner im Graben. Die Franzosen liefen uns alle entgegen.

Dies war ein wunderschönes Bild, wie die Rothosen zwischen uns herumliefen. Wir waren in dieser Zeit, als seien wir Brüder. Einige von uns wollen sogar im französischen Schützengraben gewesen sein. Auf unserer Seite sind sie aber militärischer Geheimnisse wegen nicht weiter, als bis vor den Drahtverhau gekommen. Interessant waren nun die Einzelheiten, welche sich abspielten. Es waren einige unter uns, welche französisch sprachen. Diese haben sich dann mit den Franzosen über dies und das unterhalten. Es sind meist alles alte Landwehrleute, welche wir vor uns haben. Sie erzählen, daß sie verheiratet wären und gern Frieden haben möchten. Auch haben wir sie gefragt, warum sie immer so viel schössen sie sagten dann, es seien einige Rekruten von 17 — 18 Jahren unter ihnen die machten das immer. Auch erzählten sie, daß sie in letzter Zeit schon 4 mal einen Angriff machen sollten. Sie seien aber wicht aus dem Graben herausgegangen. Wir sangen dann: ,,Stille Nacht“. Danach sangen auch die Franzosen einige Lieder. Einige von uns tanzten mit den Franzosen. Es war einfach zu schön. Ich kann die Einzelheiten gar nicht schildern. Dies alles dauerte wohl so eine Stunde. Dann verabschiedeten wir uns und gingen alle friedlich in unsere Stellungen zurück. Es fiel dann fast den ganzen Tag kein Schuß. Das ist doch ein Erlebnis, welches wohl fast allein in der Welt steht.

Der 13. Oktober 1915

Salome, den 16. 10. 1915. Meine Lieben! Da ich mich jetzt etwas erholt habe, will ich Euch auch einmal ein Briefchen schreiben. Auf der Karte, die ich Euch Vor einigen Tagen geschrieben habe, habe ich Euch ja schon von der englischen Angriffsvorbereitung geschrieben. Am 13. d. Mts., des mittags von 1—3 Uhr, erhielten wir auch so furchtbares Trommelfeuer, unsere ganzen Gräben waren eingeschossen und Punkt 3 Uhr hörte die Artillerie auf, und schon lagen die Engländer vor uns. Da haben wir gekämpft wie die Löwen. Haufenweise kamen sie auf uns losgestiirmt. Wir hatten keine Drahtverhaue, nichts mehr, alles war zerschossen. Da wir von dem furchtbaren Trommelfeuer aber so furchtbare Verluste gehabt hatten, und wir zu schwach waren, waren sie bei unserer zweiten Kompagnie, wo F. D. bei ist, in den Graben gedrungen, und die haben müssen auch zurück. Und immer bekamen die Engländer noch von hinten Verstärkung Unsere Maschinengewehre waren zerschossen, sodaß wir uns nur durch unsere Gewehre retten konnten. Und die Engländer fielen wie Äpfel von den Bäumen, und unsere Gewehrläufe waren fast weiß. Da ich auch im Handgranatenwersen, oder, wie ihr sagt, Bombenwerfen ausgebildet bin, griff ich zuletzt mit zu den gefährlichen Dingern, und so kam es zu einem sehr heißen Nahkampf. Haufenweise hatten wir sie zuletzt vor uns liegen. Und der Kampf dauerte die ganze Nacht hindurch fort und den andern Tag nochmals. Es war schrecklich. Ich kann es Euch garnicht so beschreiben. Man war ganz taub, und ich konnte nichts mehr hören.

Wie Ihr vielleicht wohl wißt, sind und müssen die Handgranatenwerfer immer vor. Wenn sie uns auch oft ganz zu Leibe kamen, kriegten wir sie doch immer wieder zurück, und haben sie zuletzt aus dem Graben wieder herausgeworfen. Nur unsere schreckliche Waffe, die Handgranaten haben uns den Sieg gebracht, trotz unserer großen Verluste. Es war ganz furchtbar, das Schreien und Jammern der Verwundeten, aber unsre Gegner hatten die doppelten Verluste und noch mehr. Wir danken Gott, Idaß wir den Sieg errungen haben.

Wir haben sehr schwere Tage gehabt. Tag und Nacht haben wir gekämpft. Es tut mir sehr leid, mein Tournister ist von hundert Kugeln durchlöchert. Meine schöne Wäsche, alle meine schönen Strümpfe sind kurz und klein. Ich danke dem lieben Gott aber, daß er mir mein Leben bewahrt hat, und daß mich keine Kugel hat treffen können. Diese Tage schicke ich Heinrich eine Uhr, Taschenmesser usw. als Andenken von den Engländern, an die Schlacht vom 13. Oktober 1915. Ihr werdet es schon in der Zeitung auch lesen. Ob F. D. noch lebt, weiß ich nicht. Ich glaube es nicht. Der Rest unserer Kompagnien mußte heute morgen antreten. Die 2. Kompagnie zählte wohl noch 31 Mann von 200, und da war F. D. nicht bei. Ob er verwundet oder gefangen ist, ich weiß es nicht. Ich schreibe es Euch dieser Tage, wir müssen jetzt erst wieder Ersatz haben. Wir kriegen jetzt schon den 4. Ersatz. Ich kann dem lieben Gott nicht genug danken, daß ich habe können bis jetzt noch immer alles mtitmachen, unid vielleicht wird er mich auch weiterhin gesund erhalten. Heute bekamen wir von unserm Major, dem Oberstleutnant und dem General eine lobende Anerkennung für unsere große Tapferkeit. Wir wissen aber so, was wirgeleistet haben . . .

(Für seine Leistung in diesem Kampfe bekam der Schreiber das Eiserne Kreuz).

Kettwig a. d. Ruhr, 18. Juni 1915.

Mein lieber Herr Pastor

Endlich kann ich doch mal meinem Versprechen nachkommen, und Ihnen einen Brief schreiben, obwohl es mir noch schwer fällt, da ich noch im Bett liege. Lieber Herr Pastor, zunächst bedanke ich mich auch für die lieben Sonntagsblätter, die Sie mir immer pünktlich zugehen ließen, in welchen ich immer ganz genau die Verluste meiner heimatlichen Kameraden sehen konnte. Es hat ja schon manches Opfer gekostet, aber der liebe Gott hat es gewollt und wird uns auch einen endgültigen Sieg geben, damit nicht das Vaterland und seine Söhne umsonst geblutet und Unsere Waffen nicht umsonst appelliert haben: das gebe der liebe Gott! Nun lieber Herr Pastor wissen Sie auch bereits von meiner Karte, die ich Ihnen aus dem Feldlazarett schrieb, daß ich schwer verwundet bin, und habe mehrere Verwundungen am Kopf und Hand und einen Lungenschuß. Bin aber auf sehr guter Besserung, und bitte Sie lieber Herr Pastor, nach Möglichkeit meine liebe Mutter zu trösten, da ich aus Ihrem heutigen Briefe ersehen habe, daß Sie sich besonders große Sorgen macht, zumal mein jüngster Bruder nun auch fort ist. Meine Verwundung bekam ich im Nahkampf mit Engländern am zweiten Pfingstmorgen um 1/2 3 Uhr in der blutigen Stellung bei Labassee inmitten meines alten aktiven 7. Armeekorps. Obwohl wir uns als verloren aufgaben, haben wir aber tapfer standgehalten und haben somit den Gegner zurückgehalten, denn in allen Stürmen in aller Not, wird Er dich beschirmen, der treue Gott.

Ich habe als junger Wanderbursche meine Heimat verlassen für die nächste Zukunft und hatte mir eine neue Heimat gesucht, wo ich mir ein trautes Heim gründen wollte, und somit hat mich auch mein Lippisches Heimatland vergessen, da ich bei vielen westfälischen Regimentern die Fürstlich Lippischen Verdienstabzeichen gesehen habe. Mit fester Zuversicht wollen wir dem lieben Gott unsere Zukunft in die Hand geben, und sollte der Kampf um unser geliebtes Vaterland noch nicht beendet sein, dann ziehen wir nochmals kampfesmutig ins Feld. Denn wir Deutschen sind mutig, und ist der Kampf auch noch so blutig, mutig ziehen wir ins Gefecht, ja wir Deutschen haben Recht.

Nun muß ich schließen und einer guten Besserung entgegensehend, und im festen Vertrauen auf unsere Siege verbleibe ich stets, Ihr dankbarer

Wilhelm D.

,,Feldlazarett 3. — 28. 9. 15.

Liebe Frau! Mit betendem Herzen ergreife ich die Feder, um Dir mal wieder etliche Worte zukommen zu lassen. Liebe Luise, mit offenem Herzen muß ich erkennen, wie treu mich der Vater im Himmel beschützt hat. Schreckliche Tage haben wir erlebt. Wir wurden am 24. 9. abgelöst im Graben und sollten etliche Tage in Ruhe. Das 2. Bataillon mußte uns ablösen. Aber kaum waren wir in Ruhe angekommen und von allem Granatfeuer waren wir in tiefen Schlummer geraten, da plötzlich wurden wir alamiert und mußten zum Sturm vor, denn die Engländer hatten unsere Stellung angegriffen Und zwar mit solch einer Übermacht, daß, die uns abgelöst hatten, zurückmußten. Die Engländer und Neger waren schon durchgebrochen und hatten Gräben vor uns erobert. Aber wie wir das gewahr wurden, sind wir mit frohem Gesang vor den Feind gezogen. Wir schwärmten schon vor dem Feinde aus, es ging nur mit Handgranaten Um 10 Uhr morgens gingen wir vor, um 2 Uhr mittags hatten wir unsere Gräben wieder. Die Engländer ließen an 2000 Tote zurück und die andern haben wir gefangen genommen. Uns kommt der Engländer sobald nicht wieder.

Liebe Luise, nun ging der Tag soweit vorüber. Am andern Morgen, wie es so ziemlich helle war, wollten wir die englischen Verwundeten vor unseren Drahtverhauen wegholen sie taten uns leid, weil sie so jammerten. Als wir sie alle weggeholt hatten, entdeckten wir noch einen englischen Hauptmann 100 Meter vor unserer Front, nicht weit vom englischen Graben, der auch schwer verwundet war und rief! Kameraden, holt mich! Die Engländer störten sich nicht daran. Da sind wir 4 Mann noch mal vorgeschlichen. Schon hatten wir den Hauptmann in einer Zeltbahn liegen und wollten ihn mitnehmen, da wollte er nicht mit und schrie den Engländern zu. Ich wollte ihm den Mund noch zuhalten, aber es war zu spät, denn die Engländer hatten es gehört und gaben Schnellfeuer auf uns ab. Ich sprang sofort in ein Granatloch, und 2 Mann legten sich sofort hin. Aber der 4. Mann war schon getroffen, ein Querschläger hatte ihm das linke Bein abgeschlagen und schrie: Kameraden helft mir! Die anderen beiden wollten nicht, weil es zu gefährlich war, aber ich konnte es nicht länger anhören, habe vorher erst noch an Euch Lieben gedacht und habe aus tiefem Herzen gebetet und sprang vor, nahm ihn auf den Rücken und wollte ihn in ein tiefes Grantloch legen, aber ich bekam solch ein Feuer! den ersten Schuß habe ich durchs Gesäß gekriegt, der zweite kam mir an den Arm, aber ich hatte den Kameraden noch immer und behielt die Kraft bis ich im Granatloch war. Da legte ich ihn hin und verband ihn erst trotz meiner Schmezen. Mein Zeug hatten sie ganz kaputt geschossen, aber ich hatte doch nur den einen Schuß bekommen. Nun hörten die Engländer nicht auf mit Feuern, und einer von uns mußte zurück und Meldung bringen, damit die unseren nicht schossen, sonst waren wir alle verloren. So bin ich denn vorgekrochen, als wenn ich mich in die Erde drücken wollte, 100 Meter. Unser Leutnant und meine Kameraden hatten schon gesehen, was passiert war und riefen: tiefer! und zitterten alle vor Angst, daß ich gesehen würde. Ich bin richtig im Graben wieder angekommen wo meinem Leutnant und Kameraden die Tränen in die Augen kamen, wie ich wieder da war. Jetzt liege ich im Lazarett, aber meine Schmerzen sind nicht groß, denn es ist nur eine Fleischwunde.

Aber, meine Lieben, kniet nieder und betet mit tiefem Herzen zu Gott; der hat mich beschützt. Im Streite zur Seite hat Gott uns gestanden, er wollte, es sollte das Recht siegreich fein. Laß diesen Brief meine Angehörigen lesen, auch Deine Angehörigen. Denn ich darf nicht so viel schreiben. Ich muß mich erst mal ausruhen, ich habe in 4 Tagen keinen Schlaf gekriegt und 2 Tage sind wir beinahe ohne Essen gewesen, was nicht schmecken wollte bei dem Sturm. Ja, Ihr Lieben, wie lebt Ihr daheim doch glücklich und darum vergeßt das Beten nicht. Nun lebt alle wohl auf baldiges Wiedersehen Dazu helfe Gott.

Es grüßt herzlich Dein treuer Fritz.“

Sargowice, 31. 10.15.

Liebe Eltern! Ich teile Euch mit, daß mich so nun doch einmal das Unglück getroffen hat. Emma wird es ja wohl gesagt haben, aber macht Euch keine Sorgen, es ist nicht so schlimm, es ist gerade an der linken Kniescheibe, es tut mir furchtbar leid, daß ich auf einmal muß so liegen. Aber trotz des Unglückshabe ich noch Glück gehabt, denn es hat schauderhaft hergegangen, wie Ihr ja aus der Zeitung gelesen habt. Die Oesterreicher waren ja zurückgeschlagen 3 Bataillone wurden gefangen, und 1 Regiment vernichtet.

Die Russen machten an einem Tage 20 Angriffe und immer in 8—9 Kolonnen hintereinander und sehr dicke Reihen, es war kaum zum Aushalten, die Artillerie hat drein gefeuert, daß die Fetzen in den Lüften herum flogen, als alle Infanterie alle war, wurde sämtliche Kavallerie eingesetzt und es kam zur ersten heißen Attacke. Als unser Reg. v. Wedel als 4. attackierte, wurde es etwas leichter, aber grauenhaft war es anzusehen, die Russen liefen ohne Ohren, welche ohne Augen, einer mit zerspaltenem Schädel herum, also sehr schrecklich. Es lagen Tote der sämtlichen Verbündeten Oesterreicher, Deutsche, Russen und sogar Franzosen — alles durcheinander, wir haben geschlagen, was wir konnten, als wir keine Lanzen mehr hatten, haben wir mit aufgepflanztem Seitengewehr attackiert, vom Pferde geschossen, das die Heide wackelte, aber es war noch nicht zu zwingen und wurde auch noch das Landwehr-Kav.-Regt. eingesetzt und dahinter unsere Division Inf. welche gerade angelangt war, da gab es aber Luft, die haben dann schrecklich gewütet.

Ach liebe Eltern! Ich habe müssen alles im Stich lassen, mein schönes Pferd wurde tot geschossen. Ich habe mir die Wäsche schnell gerettet und die Hosenträger, alles andere mußte ich in Stich lassen und bin nun geflüchtet, ohne Waffen, ohne alles. Die Lanze war kaputt, der Karabiner von den Granatsplittern durchgespaltet und einen Degen hatte ich nicht mehr. Was sollte ich machen? Was uns in den Weg kam, wurde niedergemacht, also so etwas habe ich im ganzen Krieg noch nicht erlebt, noch vieles darf man nicht schreiben, ich habe Gott gedankt und war sehr zufrieden. Die Toten bedeckten das Schlachtfeld Mann an Mann. Die Geschütze haben 800 Schuß herausgefeuert, der Erdboden war immer am Dröhnen, es war anders nichts zu sehen, als ein schwarzer Wolkendampf. Die deutsche und österreichische Artillerie haben so lange gestanden, bis die Russen vor den Rohren standen und dann gings los ins Handgemenge. Unsere Infanterie ist mit Messern und Dolchen darauf losgegangen und haben gestochen was kam. Denn es waren meistens Franzosen und Engländer, aber in russischer Uniform. Unser Rgt. liegt in der Stadt Baranowice, denn dort ist keine Ordnung unter den Zivilisten, welche ja auch alle Soldaten sind. Das schöne Winterguartier war schnell zu Ende. Es tut mir doch wirklich leid, daß ich nicht mehr kann mitmachen, denn man ist bei dieser Schlacht geworden wie ein Stein, Es wird wohl nicht mehr so lange dauern, dann werde ich wieder gut sein.

Ich liege in Sargowice im Bürgerguartier, meine Verpflegung ist ganz gut, ich liege ganz allein im Hause eines jungen Fräulein, welches hier im Hause ist, die wartet mich auf, als wäre ich zu Hause. Ich habe ihr schon viel Deutsch gelernt, und sie spricht auch viel deutsch. Die weiß nicht, was sie an mir tun soll, aber ich bekomme wenig Essen und hauptsächlich schicke sofort 50 Zigaretten ab, die 200 Stück sind mir ja verloren gegangen und ein paar Kerzen. Meine Adresse bleibt so, denn der Sanitäter kommt jeden Morgen und bringt unsere Post mit, weil doch die halbe Esk. hier liegt. Sobald ich aber eine andere Adresse bekomme, schreibe ich Nachricht.

Nun lebt wohl, auf Wiedersehen, laß auch Emma vielmals grüßen, sie soll sich freuen aufs Wiedersehen. Mit Vielen Grüßen. Willi

Gruß an alle.

Sehr geehrter Herr Pastor!

Erst heute komme ich dazu, Ihnen werter Herr Pastor, einige Zeilen aus Feindesland zu senden. Zunächst danke ich Ihnen herzlichst für freundlich gesandte Sonntagsblätter und Büchlein. Es ist für uns Krieger immer eine besondere Freude, wenn wir etwas aus der lieben Heimat bekommen; und besonders freut man sich doch über derartige liebe Grüße, wie sie uns die Kirche übermittelt. Gern liest man jetzt in oder nach Stunden ernster Not und Gefahr das Sonntagsblättchen, stellt es doch oft das Gleichgewicht wieder »in uns her, und man sucht Trost, den man in solchen Stunden gebrauchen kann. Der Krieg mit seinen vielen Schrecknissen bringt manchen Kameraden wieder auf den rechten Weg. Wolle der liebe Gott nur bald für uns einen siegreichen Frieden herstellen, das ist ein sehnlicher Wunsch vieler Kameraden.

Sodann danke ich auch noch für die gespendeten Zigarren, immerhin hat man auch mal Mußestunden, in denen man ein Pfeifchen oder eine Zigarre nicht Verschmäht

Wenn sich nun noch etwas über unsere Stellung sage, so tue ich es, weil auch Sie, geehrter Herr Pastor, sicherlich dafür großes Interesse haben. Wir liegen vor der Festung Verdun in einem gut ausgebauten Schützengaben, eigentlich ist es hier Ziemlich still, doch müssen wir mit einen Durchbruchsversuch seitens der Franzosen rechnen. Daher ist große Vorsicht und Aufmerksamkeit geboten. Aber alle, sowie wir hier draußen sind, wissen wir, daß wir für unsere Lieben daheim zu kämpfen haben und werden alle echten deutschen Männer ihre volle Schuldigkeit und Pflicht tun. Davon sind wir überzeugt, daß der liebe Gott unserer gerechten Sache den endgültigen Sieg verleihen wird. Zum Schlusse verbleibe mit herzlichen Größen, Ihr

H. L.

Breostowica Wielka, 9. 9. 1915.

Heute bin ich mal endlich wieder an die große Bagage gekommen, an die impe de menta — aber die eigentlichen impedimenta sind doch die Russen mit ihren schrecklichen Wegeverhältnissen, den verwüsteten Feldern und verödeten, niedergebrannten Dörfern — und das tut wohl; man ergänzt seine Vorräte an allem Notwendigen und man findet Briefe, die einem ins Gewissen gehen wie der Ihrige Vom 19. 6. Ich weiß, wie ungeheuer vielbeschäftigt Sie sind, und doch haben Sie mir Ihren Gruß geschickt. Sie haben ohne Zweifel von mir einen Brief wieder erwartet, und ich habe, das dürfen Sie mir glauben, bei jeder Sonntagssendung Ihrer und Ihrer Familie gedacht mit inniger Rührung und großem Dankgefühl, aber zum Schreiben bin ich nicht gekommen. Da fiel mir heute Ihr lieber Brief in die Hände, und sofort sitze ich und schreibe.

Gott tut Großes an uns und mit uns; wir sind aufgefahren mit Flügeln wie die Adler, wir sind gelaufen und nicht müde geworden, wir wandern und werden wandern, ohne matt zu werden. Das Letzte, das Durchhalten, ist das Größte. Begeisterung ist keine Heringsware, der Ansturm, der Elan der ersten Kriegswochen konnte es nicht schaffen, aber die entschlossene, geduldige, tatkräftige, unverzagte, gottvertrauende Ausdauer, verbunden mit der lückenlos geschlossenen Größe unseres Volkes wird es vollbringen — freilich muß der Herrgott seinen Segen auch ferner dazu geben. Wohl legt er uns Lasten auf, immer schwerer, aber siehe! Wie leicht hat er uns die Italienische Last bisher gemacht!

Deutschlands Jugend wird in grausiger Todesernte gemäht, aber sie stirbt im Herrn, und das Blut der Märtyrer wird wie immer der Same des Gottesvolkes sein. Und das sind wir und wollen wir sein jetzt und immerdar. Freilich — Engel sind wir nicht, wollens auch nicht sein, dürfens nicht sein. Wer wie wir als Volk dazu gesetzt ist, mit Motten und Teufels zu kämpfen, der darf den von den Vorvätern überkommenen Tropfen Wildheit und Kampfeslust in unserem Blut, um dessen willen sie uns Hunnen schimpfen, nicht schmähen; denn der ist auch Gottes Wille und Kraft. Aber wo blieben wir, wenn wir keine Kraft darüber hinaus von Gott bekämen? Darum müssen die deutschen Herzen zu Gott schlagen, wenn die Fäuste den Feind treffen, und die Fühlung mit dem großen himmlischen Generalstab behalten; dann wird es auch weiter gut gehen.

An Bord S. M. S. . . ., 8. Sept. 1915.

. . . . Ihren lieben Brief mit Zeitschriften und Nachrichten aus der Heimat habe ich erhalten und drängt es mich, Ihnen meinen aufrichtigen Dank für Ihre Mühe, die Sie sich damit geben, zu sagen. Mit besonderer Aufmerksamkeit habe ich das beigefügte Blatt „Mit Herz und Hand“ gelesen. Wenn wir auch nicht in Feindesland sind, so ist doch auch hier gerade in dieser Hinsicht Aufklärung und Warnung notwendig, weil das Großstadtelend auch im eigenen Vaterlande stellenweise recht üppige Blüten zeigt. Es heißt Betrübnis erwecken, wen man solches in dieser Zeit sagen muß, aber wirklich bestehende Tatsachen verheimlichen zu wollen, wäre doch Selbstbetrug. Aber woher kommt es? Obwohl dieser Krieg eine gewaltige Belastungsprobe für das deutsche Volk ist, so haben doch alle diese Last noch nicht zu spüren bekommen. Sie wissen nicht, daß Krieg ist, es sei denn, daß mit den Glocken von den Türmen der Stadt verkündet wird, wenn unsre Braven da draußen in Rußland oder wo es sonst ist, eine Festung gestürmt haben. Und ob dann daran gedacht wird, daß wirklich Krieg ist? Ich möchte es noch bezweifeln. Nun möchte ich Ihnen wohl gerne etwas schreiben von der Nordseewacht, die wir zu halten bestimmt sind, aber leider darf ich das nicht tun; ich würde damit gegen die militärischen Gesetze verstoßen, und diese sind im Krieg besonders streng und unerbittlich. Es geht uns allen hier auf und an der Nordsee aber noch sehr gut, und wir warten auch sehnsüchtig darauf, daß der Englander kommt. Dieses Warten ist allerdings recht langweilig und stumpfsinnig, aber es läßt sich nichts dagegen machen. Es schmerzt, wenn man sehen muß, wie unsre Landtruppen von Erfolg zu Erfolg, von Sieg zu Sieg schreiten; wenn dort, so man könnte sagen, unsre Väter an der Front stehen und kämpfen, während wir hier, alles junges Blut, aktives Personal, so tatenlos zusehen müssen. Doch es hilft nichts, wenn man sich auch selbst einen Nichtstuer schimpft, wir müssen aushalten, und jeder an dem Platze, wohin man ihn gestellt hat und wo er seine militärischen Fähigkeiten verwenden kann. Doch unsere Stunde wird auch noch schlagen. Und daß wir hoffentlich alles nachholen können, wir von der Marine unsern Kameraden im Osten und Westen uns ebenbürtig erzeigen: Sieg oder Seemannstod

Nun will ich hoffen, daß ich Ihnen mit meinen Zeilen nicht lästig gefallen bin und verbleibe Ihr

G. R., Obermatrose.[/vc_column_text]

In der Krankenstube zu Solboda am Sonntag, 31. Okt. 1915.

Geehrter Herr Pastor!

Für Ihre bisher gesandten Sonntagsblätter hiermit herzlichsten Dank. Hoffentlich geht es Ihnen noch gut, daß Sie Ihr schweres Amt verwalten können. Ich befinde mich seit 14 Tagen in einer Krankenstube zu Solboda am Riemen. Habe an der rechten Hand einen schlimmen Daumen, infolgedessen mußte der Arzt den Nagel abnehmen. Denke in einigen Tagen entlassen zu werden.

Es ist heute Sonntag, und das Wort Sonntag klingt so heimatlich. In der lieben Heimat wurden die Sonntage öfters fast garnicht beachtet, aber hier vor dem Feinde, wo Sonntag oder Montag alles einerlei ist, würden doch viele Kameraden gerne mal einen Sonntag, wie in der Heimat feiern. Gott im Himmel wolle geben, daß uns dieses bald wieder möglich ist, und wir das öfter Versäumte noch nachholen können. . . .

Sehr gewaltige Anstrengungen Und Entbehrungen sind an uns Landstürmer gestellt worden. In den Monaten August und September gabs keine Ruhe des Nachts so wenig wie am Tage. Es gab nur das eine, den Feind verfolgen und angreifen. Aber Gott war mit uns. Es ist mir öfters recht schwer geworden, aber ich habe zu Gott im Himmel gebetet im heißen Kugelregen, daß er mich beschütze, und auf dem Marsche, wo meine Kraft versagen wollte, um Kraft zum Durchhalten. Der liebe Gott hat mich bis zu dieser Stunde in seinen Schutz genommen, und will auch weiter das Beten, um meiner Familie in der Heimat.

Herzlichen Gruß auf ein baldiges Wiedersehen hoffend, sendet

Ihr Fr. Sch.

„]Unterstand , 23. November 1916.

Hochverehrter Herr Pastor

Ihre liebe Sendung ist in meinen Besitz gekommen. Herzlichen Dank dafür. Das Buch wird schon eifrig gelesen und erfüllt seinen Zweck, die mitunter sehr mißmutigen und niedergeschlagenen Gemüter aufzuheitern, vollkommen. Das tut mitunter auch sehr not, denn der trüben Stunden sind gar viele. „Verzage nicht, du Häuflein klein“ – könnte man anstimmen Und dann wieder kommen Stunden, da man freudig der Zukunft entgegensteht und mit aller Zuversicht dem Ende und vollem Siege dieses uns aufgedrungenen Kampfes entgegenharrt. Aber da hilft nicht allein das Lesen solch guten Büchleins, nein, andere, bessere Sachen helfen dabei. Ein solches Ereignis war die Abendmahlsfeier in voriger Woche. Es war etwa 1 Stunde weit zu marschieren, bis zu dem Orte, woselbst die Feier stattfinden sollte. Offen gestanden, ganz freudig wurde der Marsch gerade nicht angetreten. Das lange Warten im Graben, der weite Weg, der bevorstand, brachten dieses mit sich. Die meisten der Kameraden, auch ich, hatten sich freiwillig gemeldet. Doch allmählich erheiterte sich das Gemüt, wozu die Wanderung durch Gottes Natur das ihrige tat. Nach kurzem Warten erschien der Geistliche, die Kameraden durch kräftigen Händedruck begrüßend. Der Herr Pastor ist ein geborener Ostpreuße und amtiert in Minden i. W. Nach einleitendem Gesange (Aus tiefer Not schrei ich zu Dir) legte der Seelsorger das Wort Gottes (Sei getreu bis in den Tod-. . .) in kurzen, aber ergreifenden Worten dar, die Gedanken der Menschen erläuternd. Daran schloß sich die eigentliche Feier, und im Gebet zu Gott um weitere Kraft und auch um Schutz für uns und unsere Lieben daheim, bildete den Ausgang. Froh und sichtlich neugestärkt, so ganz anders, erfolgte der Rückmarsch zum Graben, zur Stellung, die sich bei dem Dorfe (5 — 6 Häuser) — Wolhnien — hinzieht. Iwan (der Russe) liegt etwa 3—400 Meter ab, schießt wenig mit Gewehrmunition, schickt dafür aber des öfteren — täglich vormittags von 11— 1 Uhr dicke Brocken (12 cm, 15 cm) herüber. Ein solches Ding schlug vor einigen Tagen etwa 6 Meter von meinem Stand an unserem Grabenrand ein und riß ein großes Loch. Die schirmende Hand des Höchsten hat mich vor Ungemach bewahrt, ihm gebührt die Ehre. Der Graben ist mit Kalkboden angelegt und — wehe, wenn es regnet. Der Maurer braucht keinen Kalk anzurühren fertig ist der fußtiefe Brei und man muß darauf achten, daß man seine Stiefel mitbekommt. Neben den kleinen Tierchen beleben auch Mäuse in großer Zahl unsere niedrigen, engen Unterstände. Überall sitzt das Viehzeug dabei, und unser Brot baumelt deshalb am Bindfaden angebandelt, unter der Decke. Es sieht aus, als hätten sie Feldgrauen eine Unmenge Schinken hierselbst ausgestachelt. Da sind wir denn einenteils froh, daß wir dies e gastlichien Stätten bald verlassen sollen. Jeder Tag kann die Marschordre bringen. Wohin? Wer weiß es. Aber wo es auch seit Getreu wollen wir unsere Pflicht tun, bis unser Herrgott die Stunde des Friedens schlagen läßt. Möge dieselbe recht nabe ein. Mit diesem Wunsche schließe ich und verbleibe unter herzlichen Grüßen

Ihr ergebener Fr. B;

Fortschigy — Wald, am 9. 11. l916.

Lieber Vater und liebe Mutter!

Gestern abend erhielt ich das Paket und auch den Brief von Vater. Ich habe mich sehr über beides gefreut, habt also innigen Dank dafür!

Heute war ich dienstfrei und bin deshalb nach unserer Zentrale nach Polinischitzy gegangen, um mir vom Leutnant einen Tag Urlaub geben zu lassen, weil ich einmal Franz besuchen will, der .15 Kilometer von hier entfernt liegt. Wird das ein freudiges Wiedersehn für uns beide sein! — Auf dem Rückweg nahm ich noch gleich die Post für unsere Meßstelle mit; für mich waren auch zwei Pakete dabei: eins mit Tabak von August und das andere mit Butter und Mettwurst von Auguste „Wer noch Wurst, Brot und Schinken hat“ – der kann lachen. Und ich tue es auch gründlich. Ich habe auch alle Ursache dazu, zumal die lockende Aussicht auf Urlaub nicht mehr fern ist. Ich rechne auf Anfang oder Ende Dezember bestimmt! Ist das nicht famos? Vielleicht glückts sogar, daß ich das schöne Weihnachtsfest endlich einmal wieder mit Euch zusammen feiern kann und nicht zum dritten Male in Feindesland mitten in einsamer russischer Waldwildnis Hoffen wir, daß sich mein Wunsch erfüllt, und ich meinen Urlaub für die Weihnachtszeiit erhasche. Das wäre schön! Möglich ist ja allerdings auch, daß ich schon vorher komme.

Hier an unserem Frontabschnittt ist jetzt wieder dicker Betrieb. Nach längerer Artillerievorbereitung auf beiden Seiten haben unsere Infanteristen heute gestürmt und Höhen zurückerobert, die die Oesterreicher vor ungefähr einem Vierteljahr freigegeben hatten. 3000 Gefangene haben wir dabei gemacht. Hoffentlich bleibt der weitere Erfolg auch nicht aus. — Ihr möchtet nun gerne wissen, worin mein neuer Dienst als Beobachter besteht, ob der Hochstand auf dem Baume schwer zu erklettern ist usw. Über die letzte Frage habe sich herzhaft gelacht und war doch gleichzeitig gerührt über die innige Anteilnahme, die Ihr selbst bei solchen kleinen Nebensächlichkeiten für mich übrig habt. Nun, hört zu, ich will Euch ein wenig davon erzählen:

Also unsere Beobachtungsmeßstelle Nr. 5 liegt einsam und von aller Welt abgeschlossen oben auf einem waldgekrönten Hügel versteckt. Hoch oben zwischen den Spitzen von vier dicht nebeneinander stehenden Kiefernbäumen ist aus den Kuppeln und Ästen ein Stand gebaut, zu dem eine Leiter hinaufführt. Also ganz leicht und bequem zu ersteigen. Nur bei stockfinsterer Nacht muß man ein bißchen aufpassen, daß man nicht fehltritt und etwa herunterpurzelt. Dort oben ist dann das Scherenfernrohr aufgebaut, das meist nur bei Tage benutzt wird. Bei Nacht beobachten wir nur mit dem Richtkreis Dicht vor-und unter uns liegen unsere Schützengräben und dahinter stecken die Russen. Weit, weit können wir durch Glas in das feindliche Landpanorama blicken. Da sehen wir die Russen arbeiten und buddeln, reiten und fahren und exerzieren usw. Unsere Hauptaufgabe ist nun, den Stand feindlicher Batteriestellungen zu ermitteln, auch Reservestellungen Scheinwerfer, Fesselballons, Proviantplätze usw. Die Batterien bekommen wir dadurch heraus, daß wir mit dem Scherenfernrohr oder Richtkreis aufsteigenden Geschützrauch, Mündungsfeuer, Feuerschein und Kanonendonner anschneiden. Die dabei festgestellte Teilzahl wird sofort telefonisch sder Zentrale mitgeteilt. Da nun von 5 anderen Beobachtungsstellen gleichzeitig dasselbe getan wird, ergibt sich in der Planmeßkammer der Zentrale durch den Schnittpunkt der verschiedenen Beobachtungs Visur-Teilzahl Linien der Standort der feindlichen Batterie. Bei schönem Wetter macht das Beobachten und Anschneiden großen spaß. Ab und zu pfeifen natürlich auch mal ein paar Gewehrkugeln einem um die Ohren oder ein paar Granaten sausen fauchend und grunzend vorbei. Doch das ist ja für uns weiter nichts Neues oder Besonderes. Unten am Fuße des Baumstandes befindet , sich ein kleiner bombensicherer Unterstand für den Telefonisten, der die heruntergerufenen Zahlen sofort weiter meldet. Da wir nun ständig beobachten und nur 6 Mann sind, die immer zu zweien Dienst tun, wechseln wir uns natürlich ab. Man beobachtet 2 Stunden und löst sich dann mit dem Telefonisten zwei Stunden ab, setzt sich ans Telefon und geht nach 2 Stunden wieder rauf und so fort. Unser Unterstand für uns 6 Mann liegt 20 Meter Vom Baumhochstand entfernt, das ist ein ganz vorzüglicher, sehr geräumiger und freundlicher Unterstand In einer Ecke sind 8 Betten aus weißem Birkenholz, zu je zwei übereinander gebaut. In der Mitte ist ein großer, langer Tisch, In der anderen Ecke befindet sich ein schöner Kamin-Feuerofen. Und ein Fenster haben wir, daß sogar eine kleine Gardine hat. Allerliebst und nett ist also unser unterirdischer und bombensicherer Wohnraum. Jeden dritten Tag haben immer je 2 Mann Stubendienst, die ausfegen, Wasser holen und Kaffee kochen. Wie schön und geregelt ist hier das Leben im Gegensatz zu den bei uns fliegenden, ruhelosen Mörserbatterien, bei denen man selten am Tage wußte, wo man nachts sein müdes Haupt hinlegen würde. Ich staune jetzt noch darüber, wie ich all die mißlichen Stunden, all das Elend, die Strapazen, die Enttäuschungen und das harte, rauhe und wilde Leben dort zwei Jahre lang habe aushalten können. Und wie verwöhnt bin ich doch früher gewesen, daheim in der zärtlichen Obhut Deiner übergroßen Liebe, Mutter, ach meine liebe Mutter! Der Krieg-, wie hat er mir die Augen aufgetan!

Und wenn ich Dir auch nie ein Wort des Dankes gesagt habe, liebe Mutter, und auch Dir nicht, lieber Vater, für Euer lebenslanges Streben und Opfern, das nur mir, immer nur mir gegolten hat, hier im Kriege habe ich oft, ich, der ich glaubte, so stahlhart geworden zu sein, Tränen heruntergeschluckt in inniger Dankbarkeit und tiefster Rührung. So etwas behalte ich eigentlich nur ganz für mich selbst, in meinem tiefsten Innern, meine heiligsten Gefühle in Worten irgendwie auszudrücken, habe ich mich stets gescheut. Aber heute glitt es mir nun mal so aus der Feder. Und schließlich — es ist auch gut so. — Ja, trotzdem noch immer der Wahnsinn der Vernichtung über diese Erde tobt, wie reich ist sie trotzdem immer noch an Liebe und an Glück. Und wenn ich in trostlosen, schweren Stunden voller Jammer, Entsagung und Schmerz doch nie meinen Halt verloren habe, so war das der Glaube an die Bestimmung alles Menschlichen und der Segen der Liebe der uneigennützigen Elternliebe, der mich aufrecht erhielt. Hoch den Kopf und steif das Genick — so bin ich meinen Weg gezogen und werde ihn weiter ziehen. Und wies drinnen im Herzen aussieht, wißt Ihr lieber Vater und liebe Mutter, ja wohl auch. Jetzt im Kriege vielleicht auch besser, als Vorher!

In der unaussprechlicher Vorfreude an die Urlaubszeit umarmt Euch in Gedanken

Euer lieber Junge

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