Lippische Märchen und Sagen

   Der Mäher in der Mühlenwiese
Zwischen dem Burggraben in Detmold und der Werre lag in früherer Zeit eine Wiese, welche die Mühlenwiese hieß. An hundert Bauern der Umgebung waren verpflichtet, im Sommer je einen oder mehrere Mäher für die Mahd der Wiese zu stellen. Einst sah der Graf von seinem Schlosse aus den Mähern zu und bemerkte einen, der mit großer Wucht seine Sense schwang. Er ging zu ihm hin und sagte zu ihm.- “Das Mähen macht dir wohl großes Vergnügen, dass du so kräftig durch das Gras fegst.” – “,Durchaus nicht”, entgegnete der Mann, .es ist bloß die Wut, dass ich hinten aus dem Amt Lage hierher kommen und den ganzen Tag in der Ritze stehen und mich quälen muss.” Da sah der Graf den Mäher erstaunt an und fragte, ob er wohl an einem Tage vom Burggraben bis zur Werre einen Weg durch die Wiese mähen könne. Der Bauer sah sich die Länge der Wiese an und sagte bedächtig: “Es ist allerdings ein schweres Stück, aber wenn es sein muss, wollte ich es wohl angehen.” “Nun, das soll ein Wort sein”, sagte der Graf. “In diesem Jahre geht es nun nicht mehr, aber wenn du im nächsten Jahr es fertigbringst, so sollst du mit Kind und Kindeskindern für ewige Zeiten von allen Herrendiensten in der Mühlenwiese befreit sein.” “Und wenn ich den Tod davon haben sollte”, sagte der Bauer, “so will ich es doch unternehmen, dass wenigstens meine Nachkommen diese Last los sind.” – Im anderen Sommer stellte er sich zur Zeit der Mahd in der Wiese ein. Bevor er sein Tagewerk begann, sah er still vor sich nieder und sprach ein kurzes Gebet. Dann fasste er seine Sense fest, und nieder fiel Schwaden auf Schwaden unter seinem Hieb. Oft ging sein Blick die Wiese entlang zur Werre hin. Die Sonne stieg höher, der Schweiß tropfte ihm von der Stirn, aber er achtete es nicht: “Bis zur Werre hin und dann nicht wieder auf dieser Wiese, du nicht und deine Kinder nicht!” Kurz war seine Mittagsrast, schon fühlte er seine Arme ermüden, und die Sonne senkte sich schon über den Pinneichen. Schneller flog die Sense im Bogen, näher und näher kam auch das Ende. Nun nahm er die letzte Kraft zusammen, und jetzt fielen die letzten letzten Halme am Flussufer der Werre. Ermattet sank der Mäher auf das Gras, auf seine Schwaden. Noch einmal schlug er die Augen auf und flüsterte: “Gott sei Dank, das war das letzte Mal.’ Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.
   Der Königsberg und Heiligenkirchen
In der Nähe von Detmold liegt der Königsberg mit seinem breiten, fast kahlen Rücken. Über ihn führte eine alte Heerstraße vom Rhein her durchs Senneland ins Wesergebiet. König Karl der Große hat unserm Berg den Namen gegeben. Denn er hat hier im Jahre 783 n. Chr. eine Schlacht geschlagen und - fast verloren. So erzählt wenigstens die Sage. Die Geschichte allerdings weiß nur zu berichten, dass Karl der Große die Sachsen, unsere Vorfahren, 783 bei Theotmalli, dem heutigen Detmold, geschlagen hat. Doch, warum sollen wir nicht lauschen auf das, was die Sage raunt. Sie erzählt, dass Karl jene Schlacht vom Königsberg aus geleitet habe. Die Sachsen, welche aufs äußerste erbittert waren, weil Karl ein Jahr zuvor 4500 ihrer Brüder bei Verden hatte hinrichten lassen, kämpften wie die Löwen. In höchster Not gelobte der König den Heiligen eine Kirche, wenn sie ihm den Sieg verleihen würden. Und, o Wunder! Die wankenden Reihen der Franken kamen zum Stehen, die Sachsen aber wurden blutig geschlagen und in die Waldberge zurückgetrieben. Karl hielt Wort und ließ den Heiligen das versprochene Kirchlein gleich am Fuße des Berges errichten. Der Heiligen Kirche wurde es genannt. Noch heute liegt es da, umgeben von einem schmucken Dörfchen, von blumigen Wiesen und einem Kranze grüner Berge. Steige auch du dem alten Königsberge einmal auf den Rücken und schaue hinab ins liebliche Tal der Berlebecke und auf das alte Kirchlein zu deinen Füßen. Vielleicht hörst auch du etwas raunen vom Leiden und Heldentum ferner Zeiten.
   Der Wunderbrunnen von Blomberg

Vor alter Zeit lebte in dem Städtchen Blomberg eine Witwe, die sehr reich war, jedoch mit dem Segen an Geld und Gut, der durch den Tod ihres Mannes über sie gekommen war, keineswegs zufrieden war. Trotz der äußerlich so glücklichen Verhältnisse, in denen sie lebte, blickte sie mit Neid und Missgunst auf ihre Nachbarn, die teils durch anhaltenden Fleiß, teils durch irgendeine Erbschaft ihr Vermögen vermehrt hatten. Nun besaß diese Frau auch einen Kaufmannsladen, aber weil sie zu knapp das Gewicht gab, auch die Käufer überforderte, blieben die Kunden nach und nach weg. Es fiel ihr aber nicht ein, daran zu denken, dass sie an dem Rückgang des Geschäftes selbst schuld sein könnte. Sie lebte in dem Glauben, dass ihre Nachbarn, welche ähnliche Geschäfte hatten, ihr die Kundschaft auf unerlaubte Weise weglockten. Nun wohnte wenige Häuser von dem ihren eine wackere Frau, gleichfalls Witwe, die auch einen Kramladen unterhielt und ihre Kunden redlich bediente, auch mildtätig war und den armen Leuten schon manchmal ein Stück Zeug aus Barmherzigkeit ohne Bezahlung überließ. So ruhte Segen auf ihrem Hausstand, und sie wurde von Jahr zu Jahr wohlhabender. Die ungerechte und geizige Witwe trat nun eines Tages in den Laden der biederen Frau und fragte sie mit neiderfüllten Blicken, wie man es anfinge, täglich reicher zu werden bei dem Kleinkram, mit dem sie handele, ob denn das wohl mit rechten Dingen zuginge? Die brave Frau lächelte schelmisch, und meinte, man muss einen Gott im Kasten haben, mit der Arbeit allein wär's nicht getan. Die geizige Witwe mochte das wohl nicht richtig verstanden haben, und sie beschloss sich einen Gott nach ihrer Meinung zu beschaffen. Weil sie aber kein Geld dafür auslegen wollte, um sich den vermeintlichen Gott zu kaufen, rannte sie einmal heimlich zur Kirche und entwendete in einem unbewachten Augenblick, was ihr als der Gott erschien, den man in die Geldtruhe legte. Sie lief in tiefster Mitternachtsstunde - und es war gerade Weihnachtszeit, wo des Abends spät noch Gottesdienst abgehalten wird - in die Kirche, ließ sich einschließen und stahl die Hostie aus der Monstranz und schlich damit, vor Kälte bebend, vielleicht auch vor Angst, als die Kirche wieder geöffnet wurde, nach Hause. Sie legte die Hostie in die Geldtruhe und meinte, dass sie nun wohl für immer geborgen und reich bliebe.

Sehr bald aber wurde der Kirchenraub entdeckt. Es wurde fast überall Haussuchung vorgenommen, und zuletzt kam man auch zu der Täterin. Eine entsetzliche Angst befiel die Frau. Rasch nahm sie die Hostie wieder aus dem Kasten und lief in den Hof zu ihrem Brunnen und warf das Heiligtum da hinein. Zu ihrem großen Schrecken musste sie jedoch die Wahrnehmung machen, dass es nicht untertauchte, sondern fortwährend oben auf dem Wasser schwamm. Nun kamen Mönche suchend in ihr Haus, durchstöberten es bis zum Hahnebalken. Endlich gingen sie auch in den Hof und fanden auf dem Wasser des Brunnens, was sie suchten. Darüber erstaunten sie sehr und fragten die Besitzerin, wie die Hostie wohl dahingekommen sein möchte. Da sagte sie achselzuckend und mit Unschuldsmiene: "Gott weiß es." Da sie aber bei aller Beherrschung sehr blass aussah und zitterte, so warf man doch Verdacht auf sie, nahm sie gefangen und mit ihr den Knecht und die Magd, welche sie des Diebstahls bezichtigt hatte. Alle drei mussten sich einem strengen Verhör unterziehen. Die beiden Dienstboten leugneten standhaft, auch, als sie auf die Folter gebracht wurden. Gott gab ihnen die Stärke, um diese entsetzliche Pein siegreich zu bestehen. Nun wurde auch die wirkliche Diebin gefoltert. Diese leugnete anfangs zwar auch, doch schon bei der dritten Folter verließ sie die Kraft, und sie gestand weinend ihre große Sünde ein. Daraufhin wurde sie als Kirchenräuberin, und weil sie unschuldige Menschen in Gefahr und Not gebracht hatte, zum Feuertod verurteilt, bald danach unter großem Zulauf der Bürgerschaft öffentlich verbrannt. Das Geld und Gut, das sie hinterließ, fiel zur Hälfte der Kirche zu, zur Hälfte bekam es der Knecht und die Magd, als Entschädigung für die erlittenen Schmerzen, die sie unschuldig auf der Folter ausgestanden hatten.

Diese beiden Menschen reichten sich nach geraumer Zeit die Hand zum Ehebündnis und führten den Laden der verbrannten Witwe nun für eigene Rechnung weiter. Weil sie beide fromm und fleißig waren, also den wahren Gott im Hause hatten, gedieh ihr Handel vorzüglich, und aus zwei blutarm gewesenen Menschen wurden die wohlhabendsten und geachtetsten Bürger von Blomberg.

Das Wasser des Brunnens auf ihrem Hof, in dem die geweihte Hostie geschwommen war, sollte bald in der ganzen Gegend berühmt werden. Seine Wunderkraft wurde auf folgende Weise entdeckt:

Eines Morgens litt die junge Frau an heftigen Zahnschmerzen, und ihre Wange war dick geschwollen. Trotzdem ging sie, wie gewöhnlich, an den Brunnen, schöpfte Wasser und wusch sich ihr Antlitz. Unmittelbar darauf verloren sich die Zahnschmerzen, die Geschwulst ging zurück, und sie konnte sich frisch an ihre Hausarbeit begeben. Sie erzählte das sogleich ihrem Mann. Der jedoch dachte an die Hostie und äußerte, dass diese das Wasser wahrscheinlich wundertätig gemacht habe. Um sich zu überzeugen, rief er einen lahmen Bettler zu sich herein, der eben hinkend an der Haustür vorbeikam. Den ließ er zum Brunnen gehen und hieß ihn sein lahmes Bein mit dem Brunnenwasser waschen. Der tat's. Und siehe da, die Lahmheit verließ ihn, und nach einigen Tagen konnte er auf beiden Beinen ganz gut laufen.

Diese Wunderkur ließ den Hausherrn zu den Mönchen des naheliegenden Klosters gehen, und dort erzählte er, wie das Wasser seines Brunnens mit heiliger Wunderkraft versehen sei. Nun kam der Abt selbst und prüfte die Heilkraft des Wassers an mehreren kranken Brüdern des Klosters. Auch hier bewährte sie sich. Nun erschall der Ruf des Brunnens durch die ganze Stadt und von dieser durch das Lipperland und noch weiter darüber hinaus. Sieche und Kranke strömten aus nah und fern herbei und wurden, da sie gläubig waren, schnell geheilt. Das Kloster aber wurde reich durch die vielen Spenden, die Genesende aus dankbarem Herzen auf dem Altar niederlegten.

   Der Meier zu Hiddesen und der Zwerg

Der Meier zu Hiddesen war einmal auf dem Felde, da sah er einen Zwerg an der Hecke stehen und eine Wanne voll Gold neben ihm, das in der Sonne glänzte. Er entsetzte sich zunächst, als er das seltsame Männchen mit seinen Schätzen erblickte, aber schnell fasste er sich ein Herz, ging zu ihm und sagte: "Du guter, reicher Mann, meine Taschen sind ganz leer, gib mir doch von deinem Reichtum etwas ab!" - "Deine Bitte soll dir gewährt sein", sagte der Zwerg, und schon streckte der Meier seine Hände nach dem glänzenden Gold aus, da fuhr der Zwerg fort: "Aber wende dich doch erst einmal um und siehe, Hiddesen brennt!" Erschreckt ließ der Meier die Hände sinken, und als er sich umwandte, da - klipp und klapp, versank der Schatz in die Erde hinein. - Hiddesen brannte nicht, und der Meier sah sich von dem Kleinen gründlich angeführt; dafür rief ihm dieser nach: "Wer etwas erreichen will, darf sich nicht umsehen, sondern muss den rechten Augenblick ergreifen!"

   Hornsche Bürgertreue

Graf Simon zur Lippe, so erzählt die Sage, war ein edler Mann und ein guter Regent und wurde deshalb von seinen Untertanen geehrt und geliebt. Einst fiel ein Feind in sein Land, schlug seine Soldaten und nahm den Grafen gefangen. Er schleppte ihn in die feste Burg Ottenstein an der Weser und warf ihn in einen tiefen, dunklen Turm, wo weder Sonne noch Mond hinschien. Da machten die Bürger von Horn sich auf, um ihren Herrn aus der Gefangenschaft zu befreien. Mit Lanzen und Beilen, Schwertern und Äxten bewaffnet, zogen sie vor die feindliche Feste, vertrieben die Wachen, schlugen die Tore ein und drangen in die Burg. Da fand man den Kerker, in dem der Graf schmachtete, durch eine Eisentür verschlossen; aber ein Schmied zerschlug sie mit einem Eisenhammer, und so wurde der Graf befreit. Er umarmte den Hauptmann und drückte seinen Rettern die Hände. Froh zogen die Bürger wieder nach Hause; eine Glocke, die sie erbeutet hatten, wurde im Rathausturme aufgehängt. Sie erinnerte die späteren Geschlechter an die edle Tat der Täter, bis sie in einem großem Brande zerstört wurde. Bis auf den heutigen Tag aber führen die Hornschen Schützen die Schwerter und die Rüstungen, die damals erbeutet wurden, bei jedem Schützenfest in ihrem Zuge mit.

   Das Brunnenmessen

Die Mossenberger wollten einmal einen Brunnen messen und wussten nicht, wie sie das anfangen sollten. Zuletzt machte einer den Vorschlag: Wir nehmen einen Wiesenbaum und legen ihn über den Brunnen, dann hängen wir uns alle daran, indem einer die Füße des anderen fasst." Das taten sie dann auch. Aber dem obersten, der mit seinen Händen an dem Wiesenbaum hing und die anderen tragen musste, wurde die Last zu schwer, und er rief: "Kerls, haltet fest, ich muss erst mal in die Hände spucken!" Als er das nun tat, fielen sie alle in den Brunnen und ertranken.

   Der Köterberg

Vor langer Zeit hütete einmal ein Schäfer auf dem Köterberg friedlich seine Schafe. Als er sich umwandte, stand ein schönes Königsfräulein vor ihm und sprach: "Nimm die Springwurzel und folge mir nach!" Die Springwurzel erhält man dadurch, dass man einem Grünspecht das Nest zukeilt. Sobald der Vogel das bemerkt, fliegt er fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor den Holzkeil, so springt dieser heraus. Macht man nun Lärm, wenn der Specht herankommt, so lässt er die Wurzel erschreckt fallen.

 Der Schäfer ließ seine Schafe allein und folgte der Königstochter nach. Sie führte ihn durch eine Höhle in den Berg hinein. Kamen sie zu einer Tür, so musste er die Wurzel vorhalten, und alsbald sprang die Tür krachend auf. So kamen sie bis mitten in den Berg. Da war ringsum in Körben Gold und Silber aufgehäuft, und die Königstochter sprach zu dem Schäfer: "Nimm dir, so viel du willst!" Er griff in die Körbe und füllte seine Taschen. Als er nun reich beladen wieder fortgehen wollte, sprach sie zu ihm: .Vergiss aber das Beste nicht!"' Er meinte nicht anders, als wären das die Schätze, und glaubte sich gut versorgt zu haben. Aber es war die Springwurzel, die er auf einen Tisch gelegt hatte. Als er nun ohne die Wurzel hinaustrat, schlug das Tor mit lautem Schall nahe hinter ihm zu, so dass es ihn fast an der Hacke verwundet hätte. Die großen Reichtümer brachte er glücklich nach Hause, aber den Eingang konnte er nicht wiederfinden.

   Im seligen Winkel

Ein Blomberger Stadtteil heißt im seligen Winkel. Woher stammt dieser merkwürdige und schöne Name? Eine gar unselige Tat bildet den Anfang der Geschichte des "seligen Winkels". Eine arme Frau, Adelheid mit Namen, wollte das Glück an ihr Haus bannen, indem sie eine Hostie stahl und bei sich aufbewahrte. Doch der Diebstahl wurde entdeckt, und die unglückliche Adelheid warf die Hostie in einen Brunnen. Mit dem Leben musste sie ihre Freveltat büßen. Der Brunnen aber war von Stund ein Wunderbrunnen. Eine alte Frau, die hineinfiel, kam als junges Mädchen wieder heraus, Kranke, die von dem Wasser tranken oder auch in badeten, wurden gesund, mit welcher Seuche sie auch behaftet waren. 

 So wurde denn der Brunnen ein Wallfahrtsort, ein "seliger Winkel", der vielen Glück brachte. Eine Kapelle wurde über ihm errichtet, und selbst der Papst in Rom kümmerte sich um ihn. Reiche Gaben ließen auch die Pilger zurück. Aus ihnen konnte bald ein Kloster errichtet werden. Rasch blühte es auf, verfiel aber später ebenso schnell wieder. Aber bis auf den heutigen Tag steht noch die alte Klosterkirche "im seligen Winkel".

   Die Haferstraße in Lemgo

Als der Münstersche Bischof Bernhard von Galen im Jahre 1675 Lemgo belagerte und seine Soldaten die feste Stadt nicht erobern konnten, wurden die Lemgoer übermütig, und um den Bischof zu ärgern, schickten sie einen Ochsen hinaus in das Lager der Feinde, der zwischen den Hörnern eine Tafel mit der Inschrift trug:

So wenig der Ochse kann lernen das Singen, kann Bernhard von Galen Stadt Lemgo bezwingen.

Darüber ergrimmte der Bischof und schwur, dass er die Stadt zerstören und dem Erdboden gleichmachen und an ihrer Stätte Hafer säen werde. Nur zu bald ereilte die Lemgoer die Strafe für ihren Übermut. Die Feinde leiteten das Wasser der Bega ab und schlossen die Stadt so ein, dass keine Nahrungsmittel mehr hineingebracht werden konnten. Da entstand eine Hungersnot in der Stadt, und sie musste sich dem Bischof ergeben. Bürgermeister und Rat erschienen im Armensündergewande vor ihm und flehten um Gnade. Der Bischof ließ sich rühren und verzichtete auf die angedrohte Rache. Um aber seinen Schwur zu halten, ließ er das Pflaster in der Straße der Stadt aufreißen und mit Hafer besäen. Diese Straße heißt noch heute die Haferstraße.

   Der Zwerg Anton

Bei Alverdissen liegt ein kleiner Busch, der hieß früher die Helle, aber jetzt heißt er Küsterbusch, in dem haben einst unter einem Stein Zwerge gewohnt. Da ist auch einmal ein Mann gewesen, der sollte zweihundert Taler bezahlen, die er sich geliehen hatte, und konnte es nicht. Da ist er traurig hinausgegangen. Und wie er so geht, steht auf einmal ein Zwerg vor ihm, der fragt, was ihm denn fehle. Da erzählte er ihm alles, und der Zwerg sagte, er solle nur mitkommen. Darauf sind sie zum Stein in der Helle gegangen, und der Zwerg ist darin verschwunden, aber bald nachher ist er mit zweihundert Talern wieder herausgekommen; die hat er dem Manne gegeben und hat gesagt: "Ich leihe sie dir; aber übers Jahr auf Tag und Stunde muss ich sie wiederhaben. Dann komm nur her und rufe: „Anton, so komme ich und nehme sie dir ab." Der Mann ist vergnügt nach Hause gegangen und hat sich nach Jahresfrist auch zur rechten Zeit wieder eingefunden. Aber eine ganze Weile hat er vergeblich gerufen. Endlich ist ein anderer Zwerg aus dem Stein gekommen, der hat ihm gesagt: "Anton ist tot. Geh nur ruhig heim und behalte das Geld!"

   Der Bonstapel

Als höchster Berg des lippischen Nordens erhebt sich an der Grenze des Landes bei Talle der Bonstapel. Sein hoher Kegel ragt auffällig aus der Umgebung hervor. Man sieht von ihm weit ins Land, im Süden bis zum Osning, im Norden bis zum Wesergebirge mit der Porta. An seinem Fuße liegt der Ort Röntorf. Von der Entstehung des Berges erzählt die Sage: Vorzeiten wollte der Teufel aus dem Lippischen und dem Ravensbergischen Lande einen Fischteich machen. Der Herr des Himmels hatte es ihm gestattet unter der Bedingung, dass er das Werk in einer Nacht, von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei, vollende. Er unternahm es. Im Süden türmte er Berg an Berg zur langen Kette des Osning. Im Norden warf er die Weserberge auf, um die Weser aufzustauen. Das Werk war nahezu vollendet. Nur die Weserscharte, die Porta, musste noch ausgefüllt werden. Müde von der schweren Arbeit schleppte der Teufel die Erdmassen auf seinem Rücken, um noch vor Tagesanbruch das letzte Loch zu stopfen. Allein, als er gerade an Klocken Hofe in Röntorf vorbei durch die Luft fuhr, krähte der Hahn - und im Zorn über das Misslingen warf er seine Last dort zur Erde; da liegt sie noch, und das ist der Bonstapel.

   Der Brunnen zu Sternberg

Am nördlichen Rande des Begatales ragt die Burg Stemberg aus dem Grün des Waldes hervor, der alte Sitz der früheren Grafen von Sternberg. Dort befindet sich ein Brunnen, der über fünfzig Meter tief ist, und dessen Eimer durch ein großes Tretrad aufgezogen und niedergelassen wird. Ein mühevolles Werk war es, den Schacht des Brunnens durch das Felsgestein so tief zu graben. Die Sage schreibt den Brunnenbau zwei Rittern zu, die von dem Grafen von Sternberg nach langer, blutiger Fehde besiegt worden waren. In dem dunklen, schaurigen Burgverlies hielt er sie gefangen. Schon hatten sie alle Hoffnung aufgegeben, wieder befreit zu werden, da meldete ihnen der Kerkermeister eines Tages, dass er ihnen kein Wasser zum Trunke reichen könne. Die Quellen an den Abhängen des Berges seien in der Hitze des Sommers versiegt, die Brunnen in der Umgebung ausgetrocknet und die gräfliche Familie sei selber furch den Wassermangel in große Not gebracht. Sofort ließen die Gefangenen dem Grafen melden, dass sie bereit seien, mit eigener Hand einen Brunnen auf dem Burghof zu graben, so tief, dass es ihm niemals an Wasser fehlen werde, wenn er ihnen nach vollbrachtem Werke die Freiheit schenke. Der Burgherr willigte ein.

 Freudig begannen die beiden das saure Werk. Von der Frühe des Morgens bis zum Schein des Abendsterns, in Frost und Hitze arbeiteten sie sich durch das harte Gestein. Wenn der Schweiß von der Stirn träufelte und die Hände matt werden wollten, so hielt sie die Hoffnung aufrecht, und sie verzagten nicht. Jahre vergingen, tiefer und tiefer wurde er Brunnenschacht; noch aber zeigte sich von dem Felsenquell keine Spur. Da, an einem lieblichen Frühlingsmorgen, wurden sie noch einmal hinabgelassen in den dunklen Schlund. Gewaltige Hammerschläge .dröhnten aus der Tiefe; ein lautes Freudengeschrei folgte nach. Das erste Wasser sprudelte aus dem Felsen hervor und begann den Brunnen zu füllen. Schnell wurden die Ritter wieder emporgezogen. Die Sonne leuchtete ihnen so freundlich entgegen, im schönsten Frühlingsglanze breitete sich die Welt vor ihren Blicken aus. Die Bande, die immer noch ihren Füße gefesselt hielten, wurden gelöst; mit dem Rufe: "Freiheit! Freiheit!" stürzten sie sich einander in die Arme und - sanken leblos zu Boden. Das Übermaß der Freude hatte sie getötet.

   Das Abendläuten in Salzuflen

Auf dem alten Mauerturme am Schliepsteiner Tore in Salzuflen hing eine Glocke, die jeden Abend um neun Uhr geläutet wurde. Freundlich und hell klangen ihre Schläge über die Stadt und ihre Umgebung, als wollten sie alle, die noch draußen waren, hereinrufen zur Ruhe der Nacht. Von dieser Glocke erzählt die Sage folgende Geschichte:

Vor vielen Jahren hatten sich einmal zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, welche Beeren suchen wollten, im Walde verirrt. Trotz allen Suchens konnten sie den Heimweg nicht finden. Sie gingen hierhin und dorthin, krochen durch das dichte Gebüsch, bergauf und bergab, aber sie kamen nur immer weiter in den Wald hinein und wussten zuletzt nicht mehr, wo sie waren.

 Zudem wurde es allmählich dunkel, die Nacht brach herein, und sie konnten in dem finsteren Walde nichts mehr sehen. Da sagten sie zueinander: "Wir müssen aufhören mit Suchen und die Nacht hier im Walde bleiben." Sie dachten an wilde Tiere und allerlei Unwetter, das kommen könnte, auch an ihre Eltern, die nun nicht wussten, was ihnen begegnet sei. Mit Furcht und Angst im Herzen setzten sie sich am Fuße eines Baumes nieder, drängten sich nahe aneinander und falteten ihre Hände zum Beten. Sie riefen zu Gott um Schutz und Hilfe in der dunklen Nacht und in ihrer Einsamkeit. Schon fielen ihre Augenlider vor Ermüdung zu, als sie in der Ferne den Ton einer Glocke hörten. "Das sind die Glocken unserer Stadt", sagten sie freudig überrascht, "wir wollen ihrem Schalle nachgehen, dann kommen wir vielleicht auf den rechten Weg, der uns nach Hause führt." Sie machten sich auf und kamen bald aus dem Walde heraus auf ein freies Feld. Da sahen sie in der Dunkelheit den hellen Streifen eines Weges und Lichter in der Ferne. Schnellen Schrittes eilten sie darauf zu, und glücklich gelangten sie in die Stadt zu ihren Eltern. Diese waren in großer Besorgnis gewesen und freuten sich nun sehr, dass sie ihre Kinder gesund wieder hatten. Sie ließen eine Glocke auf dem Schliepsteiner Turme aufhängen, setzten eine Geldsumme aus und bestimmten, dass an jedem Abend um neun Uhr die Glocke geläutet würde.