Oerlinghausen — einst und jetzt

Oerlinghausen von Süden, Ansichtskarte

Auf Grund eines lippischen Landesgesetzes vom 27. April 1926 wurden der damaligen Dorfgemeinde Oerlinghausen die Stadtrechte verliehen. Die Urkunde des Landespräsidiums zeigt durch ihre schlichte äußere Gestaltung, daß damals nach Krieg und Inflation noch wirtschaftliche Not herrschte. Unterschrieben wurde die Urkunde von Heinrich Drake, Max Staercke und Friedrich Geise.

Als die Nachricht von der Verleihung der Stadtrechte eintraf, da verkündeten „Böllerschüsse“ vom Tönsberg das freudige Ereignis. Zum 1. Bürgermeister wurde August Reuter gewählt. Er war seit 1919 der Ortsvorsteher der Dorfgemeinde gewesen und hatte sich als solcher sehr bewährt. Bürgermeister August Reuter und sein Stellvertreter, Albert Schütte, haben viel für die junge Stadt geleistet. Sie waren unermüdlich tätig für das Wohl der Bevölkerung, bis sie 1933 von den Nationalsozialisten in unwürdiger Weise aus ihren Ämtern entlassen wurden. Beide verließen verbittert mit ihren Familien die geliebte Heimatstadt: August Reuter zog nach Brackwede, später nach Münster, und Albert Schütte wählte Heidenoldendorf als neue Heimat. Nach 12 schweren Jahren erlebten sie dann den Tag der Genugtuung. Beide wurden zu Bürgermeistern gewählt: Albert Schütte in seiner Wahlheimat Heidenoldendorf und August Reuter in seiner Heimatstadt Oerlinghausen. Unter den Ratsherren von 1918 bis 1933 muß ich noch besonders Richard Müller und Fritz Husemann sen. erwähnen. Sie haben auch viel dazu beigetragen, daß Oerlinghausen die Stadtrechte erhielt.

Wenn wir Oerlinghauser nun am 27. April 1976 unsere Jubiläumsfeier beginnen, dann werden sicherlich manche Bürger der ältesten lippischen Städte lächeln und denken: Was sind schon 50 Jahre, unsere Stadt ist über 700 Jahre alt!

Doch wir Bergstädter sind ganz zufrieden mit unserm „Goldenen Jubiläum“; denn in diesem turbulenten 20. Jahrhundert sind schon manche Stadtrechte verliehen und — wieder entzogen worden! (Beispiel: Sennestadt)

Als jüngste lippische Stadt wollen wir dankbar unser 50jähriges Stadtjubiläum bescheiden feiern. Zwar haben wir kein eigens erbautes stolzes Rathaus. Doch findet die z. Z. in mehreren Häusern unter gebrachte Stadtverwaltung demnächst ihr Domizil in der 1887 erbauten alten Volksschule.

Erster Bürgermeister Aug. Reuter.

Erster Bürgermeister Aug. Reuter.

Der alte massive Bau ist ein typisches Oerlinghauser Gebäude aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. In dieser Zeit wurden die meisten Häuser der Bergstadt des billigen Transports wegen aus Oerlinghauser Natursteinen gebaut: dem Muschelkalk der nördlichen Kette (Bruchsteine) und dem Sandstein des Tönsbergs. Selbst der Mörtel wurde aus einheimischem Material hergestellt: dem Plänerkalk der südlichen Kette und dem Sand der Senne. Wieviel Arbeitskräfte waren damals allein nötig zum Brechen und Behauen der Natursteine! Das feste Gebäude hat erst viele Jahrzehnte der Volksschule, dann dem Gymnasium gedient und wird nach entsprechender Renovierung und Erweiterung von der Stadtverwaltung benutzt werden. Die Bürgermeister der Nachkriegszeit: Heinrich Kramer, Heinrich Schildmann, Konrad Dreckshage und Erich Diekhof haben mit ihren Ratsherren und der Verwaltung immer für das öffentliche Wohl gesorgt. Sie haben z. B. viele Straßen und moderne Schulen gebaut; aber den Bau eines eigenen Rathauses haben sie bescheiden dauernd zurückgestellt. Die Jugend wird in modernen Gebäuden unterrichtet, und die Stadtväter benutzen das fast hundertjährige Schulgebäude als Rathaus! Das in dieser Feststellung liegende Lob für die Bürgermeister, Stadträte und Verwaltung muß einmal öffentlich ausgesprochen werden! Hoffentlich erkennt die Jugend das an!

Wenn nun der allseits gewünschte Konjunkturaufstieg kommt, dann wird auch eines Tages mit staatlichen Zuschüssen ein neues Rathaus gebaut werden können. Im Rahmen der Stadtplanung ist als Standort des neuen Rathauses die frühere Heißenbergsche Fabrik an der Hermannstraße vorgesehen. Hoffen wir, daß die dafür nötige Wirtschaftsblüte bald kommt!

Mit der Schaffung des gut geplanten Schulzentrums haben sich Rat und Verwaltung ein Denkmal gesetzt.

Über die große Bedeutung des Schulzentrums für Schulwesen, Kultur und Sport ist in dem Heft „Schulzentrum 1975″ eingehend berichtet worden.

Alte Schule —vorläufiges Rathaus

Wir freuen uns, daß nun auch die großen heimatlichen lippischen Vereinigungen im Jubiläumsjahr unsere Bergstadt besuchen und die Aula benutzen können. Der „Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe“ (gegründet 1835!) wird zum Schluß der Jubiläumsfeier, am 8. Mai, in Oerlinghausen seine Jahreshauptversammlung halten. Nach einer Besichtigung der Wallanlagen auf dem Tönsberg unter Führung des Archäologen Dr. Hohenschwert wird nachmittags in der Aula der Konstanzer Soziologe Prof. Dr. Horst Baier sprechen über das Thema: „Marianne und Max Weber in Oerlinghausen“. Dieser öffentliche Vortrag wird bestimmt auch viele Interessierte von Bielefeld, Detmold, Lemgo und anderen Orten in unsere Bergstadt locken. Der „Lippische Heimatbund“, der über 4000 Mitglieder zählt, wird am 26. Juni seine Jahreshauptversammlung in Oerlinghausen durchführen. Wir hoffen, daß auch dann die neue Aula wieder gefüllt sein wird. Wir Bergstädter danken dem „Lippischen Heimatbund“ noch heute für das Kommen im Jahr 1968 kurz vor der Gebietsreform. Mit der damaligen Jahreshauptversammlung und dem Artikel von Prof. Dr. Gorki über „Oerlinghausen, Vorort Bielefelds oder Kern einer entwicklungskräftigen lippischen Großgemeinde“ wurde dokumentiert: „Auch hier ist Lippe! Hier gelten die Punktionen!“1Als 1947 der lippische Landespräsident Drake mit dem Ministerpräsidenten Dr. Amelunxen über den Anschluß Lippes an NRW verhandelte, wurde in den „Punktationen“ festgelegt, daß bei Gebietsreformen Lippes Grenzen nicht angetastet werden sollten.

Durch die Gebietsreform am 31. Dezember 1968 wurden die Gemeinden Oerlinghausen, Helpup und Lipperreihe zur „neuen Stadt“ Oerlinghausen zusammengeschlossen.

Das Luftbildzeigt im Vordergrund Lipperreihe, oben rechts Oerlinghausen-Süd und im Hintergrund Alt-Oerlinghausen an der Südseite des Tönsbergs. Der nördliche Teil der Altstadt und Helpup sind durch den Teutoburger Wald verdeckt.) Da es z. Z. keine Luftaufnahme gibt, die das gesamte Stadtbild zeigt, füge ich eine Kartenskizze bei.

Als Oerlinghausen 1926 Stadt wurde, hatte es etwa 3000 Einwohner. Bis zum 2. Weltkrieg (1939) wuchs die Zahl auf 3600. Im Jahre 1945 war die Einwohnerzahl dann trotz der Kriegsverluste durch die vielen Vertriebenen und Evakuierten auf 4500 gewachsen. Viele Vertriebene sind in unserem Stadtgebiet geblieben. Ihnen zu Ehren sind einige Straßen nach ihren Heimatorten benannt worden: Breslauer-, Heidersdorfer-, Glatzer-, Danziger- und Königsberger Straße. Manche Vertriebene sind aus Schlesien. Ich schätze die Vertriebenen und anderen Neubürger als positiven Zuwachs sehr. Mir ist ein schlesisches Ehepaar bekannt, welches unseren Teutoburger Wald besser kennt als die meisten Alt-Oerlinghauser! Ein Schlesier sagte mir:

„Der Teutoburger Wald ist ein Riesengebirge en miniature. Darum fühle ich mich hier so wohl. Ein Glück, daß ich nicht in die Norddeutsche Tiefebene geraten bin!“

Dann stieg die Bevölkerungszahl des Stadtgebiets wesentlich durch die Gründung der Südstadt.

Großgemeinde Oerlimghausen.

Großgemeinde Oerlinghausen. 

Nach dem Krieg war dort fast nur der Hof Sültemeier mit Acker- und Weideland und vor allem mit großen Heideflächen und Kiefernwald. Die Südstadt konnte nur entstehen, weil der frühere Bürgermeister Heinrich Kramer den befreundeten Verbandsvorsteher des Lippischen Landesverbandes, Heinrich Drake, gewinnen konnte für den Verkauf der Domäne Dahlhausen. Oerlinghausen benutzte dann das erworbene Dahlhausen als Tauschobjekt für den Sültemeierschen Heidehof (1960).

Die Südstadt wurde von dem Aachener Prof. Dr. Kühn geplant. Es ist ein moderner Stadtteil geworden, ganz ohne Schornsteine! Jedes Haus muß an das Fernheizwerk angeschlossen werden! Ein vorbildlicher Umweltschutz! Durch die landschaftlich schöne Lage wurden auch viele Bewohner aus dem Raum Bielefeld nach hier und nach Alt-Oerlinghausen gelockt. Audi der große graphische Betrieb Gundlach kam aus Bielefeld und baute in dem Gewerbebezirk dieses neuen Stadtteils — ohne Schornstein!

Die neueste Bevölkerungszählung ergab für Alt-Oerlinghausen 6100 Einwohner, für die Südstadt 2900 Einwohner. Rechnen wir die 1000 Einwohner der Nato-Siedlung dazu, dann hat Oerlinghausen-Süd schon fast die Zahl 4000 erreicht.

Der Ortsteil Helpup hat heute 3700 Einwohner. Die politische Dorfgemeinde Helpup wurde erst 1957 gegründet. Sie wurde gebildet aus den Gemeinden Makkenbruch, Währentrup und einem Teil von Wellentrup.

Die Kirchengemeinde Helpup war schon 1906 von der Mutterkirche Oerlinghausen abgezweigt worden. Der Name Helpup stammt von der Besitzerfamilie des „Alten Kruges“. Jedem Benutzer der Bundesstraße 66 fällt das prachtvolle Fachwerkgebäude auf. Der Gründer dieser bekannten Wirtschaft war der Landwirt Vogelsang. Er hatte viele Pferde, die den Fuhrleuten Vorspann leisten mußten, wenn sie auf der steilen Oerlinghauser Paßstraße den Teutoburger Wald überqueren wollten. Dann riefen die Knechte dem Wirt plattdeutsch zu: „Help up!“ Und davon hat der „Krüger“ dann im Laufe der Zeit den Namen Helpup bekommen. Die Großmutter des vor 5 Jahren verstorbenen Wirts, Karl Waldhecker, war noch eine geborene Helpup. Übrigens hat auch der Bahnhof bei seiner Gründung 1903 schon den Namen Helpup erhalten, obwohl es damals noch keine Gemeinde mit diesem Namen gab. Die politische Gemeinde Helpup hat seit ihrer Gründung eine gute Entwicklung gezeigt. Die letzten Bürgermeister der Dorfgemeinde, Heißenberg, Mellies und Berkemeier, haben mit ihren Gemeinderäten und der Verwaltung viel erreicht. Sie haben viele Straßen, eine große Schule, eine Turnhalle und ein Hallenbad gebaut. Der unvergessene Oberkreisdirektor von Lemgo, Dr. Rabus, hatte bei einer Gelegenheit gesagt: „Die erste Dorfgemeinde des Kreises Lemgo, die den Bau eines Hallenbades wagt, bekommt vom Kreis 300 000,— DM“. Der damalige Bürgermeister Berkemeier griff schnell zu und bekam die Summe für das Helpuper Hallenbad.

Hallenbad.

So brachte Helpup in die Ehe ein Hallenbad und Oerlinghausen ein heizbares Freibad: eine wunderbare Ergänzung!

Seit 1960 feiert Helpup alle zwei Jahre ein Dorffest. Der damalige Rat der Gemeinde Helpup hat dieses Fest ins Leben gerufen, um die Zugehörigkeit zwischen den Ortsteilen zu fördern und zu festigen. 1974 wurde der Festzug von der berühmten Dinkelsbühler Trachtenkapelle angeführt. Das war ein farbenfrohes Bild. Besonders gefielen die geschmückten originellen Wagen. In diesem Jahr ist das Dorffest vom 11.—14. Juni. Das Fest findet solch großen Anklang, daß auch viele Bürger der anderen Stadtteile dabei sein werden. Solche Tradition soll man aufrechterhalten. Aber auch innerhalb des Stadtteils Helpup hat eine Gruppe noch eine besondere Tradition: das sind die „I-Berger“. Dieser Ortsteil Währentrup nennt sich stolz „Dorf an der Sonne“. Die Häuser am Iberg liegen auch wirklich sehr schön mit dem Blick nach Süden zur mittleren Kette des Teutoburger Waldes.

Ja, die Währentruper wollen sich in diesem Sommer sogar am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden!“ beteiligen. Solch eine Initiative der Bürger in den einzelnen Ortsteilen ist unbedingt zu begrüßen.

Luftbild „Alter Krug

Luftbild „Alter Krug“ und Ev. Kirche Helpup.

Der Stadtteil Helpup liegt verkehrstechnisch viel günstiger als Alt-Oerlinghausen. Zwei wichtige Verkehrsadern führen hindurch: die Bahn Bielefeld-Lage und die Bundesstraße 66. Darum hat Helpup sicherlich eine gute wirtschaftliche Zukunft.

Die andere Gemeinde, die am 31. Dezember 1968 mit Oerlinghausen und Helpup zusammengeschlossen wurde, ist Lipperreihe. Es handelt sich um eine alte Sennesiedlung an der Schopke (Schopbeke = Schafbach), oft auch Menkebach, Dalbke oder Dalke genannt. Der verstorbene Lehrer Paul Stecker hat die Entwicklung der Gemeinde Lipperreihe sehr schön dargestellt in einem 1968 von der damaligen Dorfgemeinde herausgegebenen Heft „Aus der Geschichte unseres Dorfes“. Danach sind die ersten Höfe schon im 16. Jahrhundert gegründet worden. Der obere Teil der sandigen Senne am Rande des Teutoburger Waldes ist sehr trocken und bestand früher aus einer großen Heidefläche, die nur zur Hude für Kühe, Schafe und Ziegen benutzt wurde (daher die Namen Triftweg und Hudeweg). Gern brachten natürlich auch Imker ihre Bienen zur Zeit der Heideblüte in die Senne, um den begehrten Heidehonig zu bekommen.

Hünengrab. Steinzeicbnung von Paul Ricken. click to einlagre

Hünengrab. Steinzeicbnung von Paul Ricken.

So wie der Maler Ricken es gezeichnet hat, so sah man vor 50 Jahren zwischen Bartholdskrug und Menkhauser Berg ein einsames Hünengrab in der weiten Heidelandschaft liegen. Heute — liegt das Hünengrab unscheinbar eingepfercht hinter dem häßlichen Drahtzaun eines Wochenendhauses.

Die Schopke ist für die Sennehöfe ein lebenspendender Bach! Dies ist der einzige Wasserlauf, dem es gelingt, auch im Sommer die mittlere und südliche Kette des Teutoburger Waldes zu durchfließen und sein Ziel, die Ems, zu erreichen. Alle anderen Bäche des Teutoburger Waldes (z. B. der Schnakenbach am Tönsberg) versickern im Plänerkalk der Südkette oder im Sand er Senne. Die Schopke hatte damals so viel Wasser, daß sie den kargen Senneboden fruchtbar machen konnte. Darum siedelten sich am Rande der Schopke die „Heidjer“ an. Ja, man hat sogar die wasserreiche Schopke geteilt (heutige Wasserscheide am Hellweg), so daß nun an zwei Wasserläufen Siedlungen entstehen konnten. Die Höfe an dem östlichen Wasserarm nannte man „Lippske Ruige“, daher der heutige Name Lipperreihe. Natürlich hat es um die beiden Wasserläufe oft Streit gegeben; denn es handelte sich ja um die Lebensadern des Heidedorfes. Der Name des Bauern Kindsgrab erscheint im Jahre 1558 als Kinsgraff. Der Hof Jakobskrüger am Hellweg ist ab 1668 nachweisbar. Der bekannte Pollmannskrug ist schon seit 255 Jahren im Besitz der Familie Pollmann.

Er liegt an dem östlichen Wasserarm nahe der Schule und wird von vielen Wanderern aus Bielefeld und Oerlinghausen geschätzt.

Ebenfalls gern besucht wird der Bartholdskrug. Er liegt am alten Senne-Hellweg. 1713 baute Cord Henrich Grote das stattliche Fachwerkhaus und erhielt 1721 für diese Stätte die „Kruggerechtsame“.

Bartholdskrug.

Bartholdskrug.

Seine Nachkommen besaßen diesen Krug bis 1946. Da starb die Familie aus. Heute ist Frau Neuwöhner Besitzerin. Seit vielen Jahrhunderten bildet die Schopke die Grenze zwischen Lippe und Ravensberg. Man nannte die an der Wasserscheide gelegene Zollschranke „Ravensberger Zollbrett“. Cord Henrich Grote war sehr geschäftstüchtig. Er war zugleich Krüger und „Herrschaftlicher Zolleinnehmer“ (für die lippischen Grafen). Stecker schreibt: „Seine Glanzzeit erlebte der Krug, als der Verkehr nach Ravensberg durch scharfe Zollsperren zum Erliegen kam. Nun wurde er bald zu einem beliebten Schmuggelkrug, von dem die Schmuggler jenseits der Grenze bei Nacht und Nebel die kostbaren Kolonialwaren ins Preußische trugen. Dies Schmuggelgut wurde auf der Weser aufwärts von Bremen nach Erder — dem lipp. Hafen — gebracht und von dort durch das Lipperland bis in die Senne verfrachtet, um dann heimlich über die Grenze geschafft zu werden.“ Es werden heute noch viele Schmuggler-Geschichten schmunzelnd erzählt.

1842 wurde Lipperreihe selbständig. Bis dahin gehörte es („Senne“ genannt) zur Dorfgemeinde Oerlinghausen. 1890 baute Lipperreihe eine eigene Schule. Vor 50 Jahren zählte das Dorf erst 458 Einwohner. Der Aufschwung kam nach dem 2. Weltkrieg, als die Industrie ihren Einzug in das Heidedorf hielt: Hanning (Elektromotore), Endres (modische Kleider), Bitexa (Textilveredelung) usw. Als das Ev. Johanneswerk in den 20er Jahren das große Grundstück für den Jugendhof „Heidequell“ am Segelflugplatz kaufte, kostete ein Quadratmeter 5 Pfennig. Im nächsten Jahr sollte noch ein großes benachbartes Grundstück dazugekauft werden. Aber man überlegte jetzt lange, ob man den Kauf tätigen sollte; denn der Preis war um 20 % gestiegen, er betrug nun 6 Pfennig!

Durch die Industrialisierung hat sich Lipperreihe wirtschaftlich gut entwickelt. Es sind schöne Wohnsiedlungen entstanden. Die neue Schule und Turnhalle wirken sehr modern.

Seit 1961 hat Lipperreihe auch eine Kirche. Die Gemeinde bildet mit Oerlinghausen-Süd den III. Pfarrbezirk der Ev.-ref. Kirchengemeinde Oerlinghausen. Die Einwohnerzahl des heutigen Stadtteils Lipperreihe ist auf 2300 gestiegen. Die letzten Bürgermeister des Sennedorfes, Pollmann sen., Prante und Heidbrink, und ihre Gemeinderäte können stolz auf diese Entwicklung sein.

Die bisher genannten Einwohnerzahlen der einzelnen Stadtteile zeigen folgendes Ergebnis:

Ergebnis Stand 1976
Alt- Oerlinghausen: 6100 Einwohner
Oerlinghausen-Süd: 2100 Einwohner + + Nato Siedlung: 1000 Einwohner
Helpup: 3700 Einwohner
Lipperreihe: 2300 Einwohner
zusammen: 15000 Einwohner + Nato Siedlung: 1000 Einwohner

In den 50 Jahren ihres Bestehens ist also die Stadt Oerlinghausen von 3000 E. auf 15 000 E., auf das 5fache gewachsen! Als Alt-Oerlinghauser muß ich gestehen, daß ich 1926 solch eine gute Entwicklung nicht für möglich gehalten hätte. Darum habe ich die Faktoren, die diese Entwicklung förderten, bewußt zuerst behandelt: die Vertriebenen, Oerlinghausen-Süd, Helpup und Lipperreihe. Die Zahl der Neubürger ist sehr groß. Aber zu meiner Freude fühlen sich viele Neubürger schon als Oerlinghauser, und ich bin sicher, daß die Kinder später unsere Bergstadt gern als ihre Heimat bezeichnen werden. Sie haben die herrlichen Berge, Wälder und Täler unserer schönen Stadt in ihrer Freizeit erlebt und werden sie nie vergessen. Aber von der Geschichte der „Heimatstadt“ wissen sie natürlich nur sehr wenig. Darum will ich zum Schluß von der geschichtlichen Entwicklung der Altstadt berichten.

Das Gebiet unserer Bergstadt ist schon seit Jahrtausenden besiedelt. Das ist von Schulrat Schwanold und Rektor Diekmann in vielen Sohriften nachgewiesen. Beide Heimatforscher haben im hiesigen Raum durch zahlreiche Grabungen festgestellt, daß unser Gebiet schon in der Steinzeit und in der Bronzezeit besiedelt war. Unsere größte frühgeschichtliche Stätte ist ohne Zweifel die gewaltige Wallanlage auf dem Tönsberg.

Die Wallanlagen auf dem Tönsberg.

Die Wallanlagen auf dem Tönsberg. Die Bedeutung der Ziffern: 1 im Südosten: Terrassen (nach Dr. Hohenschwert), 1 im Westen: Vorwälle, 2 Hauptwälle, 3 Querwall, 4 Grube, 5 Warte, 6 Herrenhaus, 7 Hünenkapelle, 8 Westtor, 9 Südtor, 10 Quelle, 11 Schnakenbach (nach H. Diekmann). H ist der Hermannsweg.

Sie ist etwa 500 Meter lang und 150 Meter breit. Prof. Schuchhard hat hier in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gegraben. Seit dieser Zeit sprach man in Oerlinghausen immer vom „Sachsenlager“. Dann stellten Prof. Dr. Reinerth, Rektor Diekmann u. a. auf Grund ihrer Forschungen fest, daß die „Volksburg“ oder „Fliehburg“ schon zur Zeit der Germanen bestanden hatte. In den letzten Jahren hat nun Dr. Hohenschwert wiederholt durch Ausgrabungen die ganze Anlage untersucht. Er hat uns Oerlinghausern schon mehrere Diavorträge gehalten und über den Erfolg seiner Forschungen berichtet. Im vergangenen Jahr konnten wir auch mit dem „Verkehrs- und Verschönerungsverein“ die instruktive Ausstellung „Germanen am Rande der antiken Welt“ im Landesmuseum besuchen. Das interessanteste Ergebnis für uns ist Hohenschwerts Entdeckung, daß am Südosthang des Tönsbergs unterhalb des Hauptwalls besiedelte Terrassen waren. Wir hatten bis dahin immer angenommen, das wären nur kleine Schutzwälle vor dem Hauptwall gewesen. Durch neue wissenschaftliche Methoden der Altersforschung konnte Dr. Hohenschwert feststellen, daß diese Terrassen in der La-Tene-Zeit (Eisenzeit) seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. über längere Zeit besiedelt waren. Er nimmt an, daß die günstige Siedlung (hochgelegen, Südhang, Quellwasser) an einer wichtigen frühgeschichtlichen Straße lag. Diese führte von der Senne durch die Wistinghauser Schlucht um das Ostende des Tönsbergs ins Haferbachtal. Wir erwarten mit Interesse das Erscheinen des von Dr. Hohenschwert angekündigten Buches, um Näheres über die Forschungsergebnisse zu erfahren.

Im Laufe der Zeit ist diese Besiedlung am Osthang des Tönsbergs ganz zurückgegangen. Dort ist heute nur Wald! Auch die erwähnte frühgeschichtliche Straße hat ihre damalige große Bedeutung verloren und ist heute in ihrer wesentlichen Linienführung nur noch ein Forstweg des Gutes Wistinghausen, der nicht dem öffentlichen Verkehr dient. Das alles wird Dr. Hohenschwert sicherlich reizen; denn in solch einem unbesiedelten Gebiet haben die Archäologen mehr Aussicht auf Erfolg als in dicht besiedelten Orten, wo die frühgeschichtlichen Spuren zum größten Teil vernichtet sind.

Im Gegensatz zu dieser ganz verschwundenen Siedlung hat sich die Besiedlung am Westhang des Tönsbergs fortlaufend entwickelt. Die dortige Paßstraße hat als Hauptader der Siedlung Oerlinghausen immer eine große Rolle gespielt.

Germanengehöft. Foto: H. Diekmann.

Germanengehöft. Foto: H. Diekmann.

Das von Prof. Dr. Reinerth und Rektor Diekmann 1961 zum zweitenmal errichtete Freilichtmuseum „Germanengehöft“ zeigte eine Siedlung aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Dieses Gehöft lag auch in der Nähe der westlichen Paßstraße. Das Freilichtmuseum war ein gutes Anschauungsobjekt über das Leben der Germanen und wurde viel besucht. Leider ist es 1974 durch einen Brand zerstört worden. Hoffentlich wird es bald wieder aufgebaut.

Die erste urkundliche Erwähnung Oerlinghausens datiert vom 25. Mai 1036. Der bedeutende Paderborner Bischof Meinwerk schenkte damals dem Kloster Busdorf das Gut Barkhausen mit mehreren Vorwerken. Als eins dieser Vorwerke (Hof) wird „Orlinchusen“ erwähnt. So konnten wir 1936 unsere 900-Jahrfeier festlich begehen. Selbstverständlich muß die Siedlung schon vorher bestanden haben. Ihren Namen hat sie vermutlich schon in sächsischer Zeit erhalten; denn die meisten Ortsnamen mit der Endung -hausen sind Gründungen aus der Sachsenzeit. Die Paßstraße war an der Westnase des Tönsbergs sehr steil. Über der höchsten Stelle lag wahrscheinlich eine Burg, die später verschwunden ist. Die heutige Flurbezeichnung „Burghagen“ deutet noch auf den Platz (siehe Zeichnung).

 

 

Für die Entstehung des Namens „Oerlinghausen“ gibt es nun folgende Hypothese: Der Herr der Burg war der Graf, der „Oerl“ (gleichlautend mit dem englischen Wort earl = Graf). Seine Nachkommen waren die „Oerlinge“. Daraus entstand dann der Name Oerlinghausen. Es ist eine Vermutung, die aber bei mehreren Heimatforschern auftaucht. Selbstverständlich gibt es auch noch andere Erklärungen, auf die ich aber nicht eingehen kann.

Daß der Paß noch im 20. Jahrhundert eine verhängnisvolle Rolle spielte, muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Als die Amerikaner 1945 zum Teutoburger Wald vorrückten, wurde am Karfreitag die Autobahnbrücke bei Lämershagen gesprengt. Die Folge davon war ein mehrtägiger Kampf um den Oerlinghauser Paß. Viele Häuser wurden zerstört, und leider mußten über 70 zum Teil sehr junge Soldaten und einige Zivilisten ihr Leben lassen in einem aussichtslosen Kampf kurz vor dem Ende des Krieges. Eine furchtbare Tragik! Der Paß, der sich im großen Bogen um den Tönsberg zieht, hat also fast 2000 Jahre für die Siedlung eine große (positive und negative) Rolle gespielt. Er hat Alt-Oerlinghausen auch die charakteristische Form eines Hufeisens gegeben.

Nun wieder zurück zu der Erklärung unserer Namen. Über die Entstehung des Wortes „Tönsberg“ gibt es folgende Annahme: die Hünenkapelle in den Wallanlagen war eine Wallfahrtskirche, die dem heiligen Antonius geweiht war.

Die hochdeutsche Form für Antonius heißt Anton, die plattdeutsche Tons. Der Vorname Tons war in vielen Familien unserer Gegend gebräuchlich. Danach hat also der Schutzpatron der Hünenkapelle mit seinem plattdeutschen Namen unserem Hausberg den Namen „Tönsberg“ gegeben. Mehr über die Kapelle zu sagen, verbietet mir der Platzmangel.

Alt-Oerlinghausen. Lithographie von Emil Zeiß um 1860.

Alt-Oerlinghausen. Lithographie von Emil Zeiß um 1860.

Während wir von der Hünenkapelle nur wenig wissen, haben wir von der jetzigen ev.-ref. Kirche am Westhang viel urkundliches Material. Sie wird zuerst als Kirche Orlinchusen1203 erwähnt. Reuter: „Eine Urkunde aus dem Jahr 1225 besagt, daß Oerlinghausen auch Sitz eines Archidiakonats war. Der Archidiakon war ein hoher Beamter des Bischofs, meistens sein direkter Vertreter. Wenn man

Ev. Kirche (Alexanderkirche).

Ev. Kirche (Alexanderkirche).

Oerlinghausen bzw. seine Kirche oben an dem alten, wichtigen Gebirgspaß für geeignet und würdig hielt, Sitz eines Archidiakonats, also Repräsentantin der bischöflichen Gewalt zu sein, so muß diese Kirche — so darf man wohl sagen — schon damals alt und angesehen gewesen sein“.
Aber schon kurz darauf (1231) wurde der Sitz des Archidiakonats nach Lemgo verlegt, wahrscheinlich, weil Lemgo eine verkehrsgünstigere Lage hatte und befestigte Stadt war, im Gegensatz zu dem ungeschützten Gebirgsdorf an der Grenze. Die Oerlinghauser Kirche ist eine der ältesten des Landes. Gerlach und Reuter vermuten, daß sie schon im 9. Jahrhundert entstanden ist. Sie war dem heiligen Alexander geweiht, dessen Reliquien 851 von Rom nach Wildeshausen überführt wurden. Damals entstanden im norddeutschen Raum viele Alexanderkirchen.

Nach Dr. Gaul ist die Vorgängerin der jetzigen Kirche im spätromanischen Stil 1230—1240 gebaut worden. Nach einem Brand wurde sie dann unter teilweiser Benutzung der alten Mauern 1511 bis 1514 wieder aufgebaut. Diese jetzige große Hallenkirche ist nach Dehio „neben den Klosterkirchen in Falkenhagen und Blomberg der bedeutendste und letzte spätgotische Sakralbau in Lippe; reizvoll am Hang gelegen“.

Im Turm hängt noch eine Bronzeglocke aus dem Jahre 1547. Es ist eine der seltenen Glocken mit einer Inschrift in der Sprache unserer Vorfahren, plattdeutsch:

Sanderus hete ick,
De Levendigen rope ick,
De Doden beschrie ick,
Dem Donder sture ick,
Johann Ahus goet mick.
Anno Domini MCCCCCXLVII21547

V. D. M. J. E.
Alexander (der Schutzparton) heiße ich,
die Lebenden rufe ich,
die Toten beschreie (beklage) ich,
den Donner steure ich,
Johann Ahus goß mich.
Jahr des Herrn 1547
Gottes Wort bleibet in Ewigkeit.

Die Oerlinghauser Kirche war die Go-kirche des großen Havergaues. Nach einer mir vorliegenden Karte war Oerlinghausen kurz vor der Reformation am Ausgang des Mittelalters räumlich die größte Pfarre der Diözese Paderborn. Zu ihr gehörten Orte aus 4 Ländern: aus der Grafschaft Lippe: Mackenbruch, Währentrup, Kachtenhausen, Asemissen, Bechterdissen, Hovedissen (Leopoldshöhe), aus der Grafschaft Ravensberg: Senne II (Sennestadt), Lämershagen, Gräfinghagen, Ubbedissen, aus der Grafschaft Rietberg: Liemke, aus dem Hochstift Paderborn: Stukenbrock.

Oerlinghausen hatte also kirchlich eine überörtliche Bedeutung. Die vielen auswärtigen Kirchgänger bildeten sicher einen großen Wirtschaftsfaktor.

Um das Kapitel „Kirche in Oerlinghausen“ zu beenden, muß ich noch kurz auf die weitere Entwicklung hinweisen. Lippe war seit der Reformation ganz evangelisch (lutherisch) geworden. Durch den Grafen Simon VI wurde das Land (außer Lemgo) dann 1605 ev.-reformiert. So war Alt-Oerlinghausen bis zum 1. Weltkrieg fast ganz ev.-reformiert. Erst nach dem Krieg wurde die katholische Kapelle an der Steinbruchstraße gebaut, geschmückt mit Relieffiguren von Berthold Müller-Oerlinghausen. Der erste Seelsorger in der kleinen katholischen Gemeinde war der Pater Kilian Kirchhoff. Durch die vielen Zugezogenen nach dem 2. Weltkrieg stieg die Zahl der Katholiken auf über 2300 in der Großgemeinde. 1955 wurde die St. Michael-Kirche durch den damaligen Weihebischof Dr. Hengsbach (jetzt Bischof in Essen) konsekriert.

Kath. St. Michael-Kirche.

Kath. St. Michael-Kirche.

In der neuen Südstadt waren sich die zwei Konfessionen einig in der Namengebung ihrer Gemeindezentren. Beide benannten ihre Häuser nach Theologen, die von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden: Dietrich Bonhoeffer und Kilian Kirchhoff.

Nun zurück zur geschichtlichen Entwicklung Alt-Oerlinghausens. Die vielen Kirchgänger von dem flachen Lande kauften also in dem Kirchdorf Oerlinghausen ihren Bedarf. Außerdem brachten die Paßstraßenbenutzer einiges Geld in den Grenzort. Darum siedelten sich Schmiede, Wagenbauer, andere Handwerker, Krüger und Krämerläden an. Aber ein 3. Faktor spielte auch noch eine wirtschaftliche Rolle in dem so ungünstig gelegenen Ort: Oerlinghausen war Sitz eines Vogts. Dieser gräfliche Beamte leitete die Vogtei Oerlinghausen, das war ein Unterbezirk des großen Amtes Detmold. Später wurde aus dieser Vogtei dann das Amt Oerlinghausen. Daß Behörden wirtschaftlich immer eine gewisse Rolle spielen, sehen wir noch heute an unserem Amtsgericht. So hatte er Ort kirchlich und verwaltungsmäßig immer eine große Bedeutung; aber die ungünstige Lage hemmte eine größere wirtschaftliche Entwicklung. So war und blieb Oerlinghausen jahrhundertelang ein großes Kirchdorf.

In der mittelalterlichen, agrarwirtschaft-lichen Zeit konnten in dem Gebirgsdorf neben dem erwähnten Hof (des Klosters Busdorf) keine anderen Höfe entstehen; denn das fruchtbare Land um Oerlinghausen besaßen die drei großen Güter Barkhausen, Menkhausen und Wistinghausen. Erst als „Brachtshof“ (wahrscheinlich das ursprüngliche „Vorwerk“) 1752 aufgelöst wurde, konnte der Landhunger der meisten Dorfbewohner etwas befriedigt werden. Sie betrieben auf den steilen Abhängen mühsam ihren Ackerbau und zogen Schweine, Ziegen und Kühe auf. Weil das aber zum Leben nicht reichte, beschäftigten sie sich hauptsächlich mit Flachsspinnen und mit der Leinenweberei. Aber sie wurden in ihrem Grenzort durch die vielen Kriegsnöte vom 15.—18. Jahrhundert sehr oft um ihr mühsam Erspartes gebracht. Weil Oerlinghausen nur ein bescheidenes Dorf war, suchen wir vergeblich nach Bildern von Merian oder van Lennep. Darum müssen wir uns mit einem Bild des „Kantors Voß von 1780″ bescheiden.

Alt-Oerlinghausen. Zeichnung angeblich von Kantor Voß um 1780.

Alt-Oerlinghausen. Zeichnung angeblich von Kantor Voß um 1780.

Für alte Oerlinghauser ist das Bild sehr interessant. Wenn sie genau hinsehen, stellen sie fest, daß die Jahreszahl 1780 nicht stimmen kann; denn das jetzt renovierte Pfarrhaus von 1823 ist auf dem Bilde schon vorhanden. Die Zeichnung kann also frühestens 1823 entstanden sein. Viel später dürfen wir das Bild auch nicht datieren; denn im Pfarrgarten sind noch keine hohen Bäume zu sehen. Nun — wenn auch Jahreszahl und Perspektive nicht stimmen: wir freuen uns doch sehr über das Bild, welches uns zeigt, wie Oerlinghausen vor 150 Jahren ausgesehen hat.

Am Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich die wirtschaftliche Lage. In Oerlinghausen und seiner Umgebung wurde besonders feines Leinen hergestellt im Gegensatz zum übrigen Land, wo grobes Leinen gewebt wurde. Im Amt Oerlinghausen standen im Jahre 17S8 fast 300 Webstühle. Leinenhändler, „Hopster“ genannt, kauften das Leinen auf und zogen damit durch ganz Deutschland. Der reiche Leinenhändler Tölke beschäftigte nun mehrere „Hopster“ und ließ sein aufgekauftes Leinen in Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen und anderen bedeutenden Handelsplätzen vertreiben. Er beschickte Messen und Märkte in Leipzig, Braunschweig und Frankfurt. Ja, er belieferte sogar Italien. Der Umsatz des Leinenhändlers Tölke betrug am Ende des 18. Jahrhunderts 100 000 Taler! Es kamen noch andere reiche Leinenhändler dazu, und eine große Bleiche zur Veredlung des Leinens wurde gegründet (unterhalb des Kalkofens).

Hatte Oerlinghausen im Jahre 1769 nur 655 Einwohner, so stieg die Zahl durch diese Wirtschaftsblüte bis 1845 auf 1722. In dieser Zeit (Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts) wurde die Hauptstraße zwischen der Kirche und dem Stadthotel gebaut. Vorher waren dort große Sandsteinbrüche. Durch diesen Straßenbau wurde der steile Paß entschärft; denn die Tönsbergstraße war für die Pferde eine Schinderei.

Als das von England herübergekommene mechanische Verfahren auch in deutschen Fabriken Eingang fand, wurden viele Spinner und Weber in Oerlinghausen brotlos. Einige wanderten aus nach Amerika, andere wurden Ziegler. 1886 betrug die Bevölkerungszahl erst 1710 Einwohner.

Aber dank der Tatkraft des Geheimrats Carl Weber (aus Bielefeld) blühte der Leinenhandel wieder auf. Er verkaufte nur das feinste Leinen und beschäftigte dadurch viele Hunderte von Handwebern in Oerlinghausen und den umliegenden Orten. Seine Enkelin Marianne (Gattin von Max Weber) wurde 1870 in Oerlinghausen geboren als Tochter des Arztes Dr. Schnitger (aus Lemgo). Marianne und Max Weber wurden 1893 in der Dorfkirche getraut. Die Hochzeitsgäste werden gestaunt haben über den schönen Bergpark, der in einem bekannten Gartenbuch als einer der schönsten Privatgärten Deutschlands bezeichnet wurde. Der Geheimrat Carl Weber d. Alt. hatte in seinem Sohn Carl Weber d. Jung, und seinem Schwiegersohn Bruno Müller tüchtige Nachfolger. Die Firma Carl Weber & Co. wuchs dann besonders, als 1903 die 3. Generation, die Söhne Bruno Müllers, die große mechanische Weberei bauten. Mit den Zweigbetrieben hatte die Firma zeitweise weit über tausend Beschäftigte. Diese „Weberei“ gab damals in Oerlinghausen den Ton an: die ganze Bevölkerung stellte ihre Uhren nach der lauten „Fabrikpfeife“. Diese „Dampfkesselpfeife“ hörte man im ganzen Dorf, sogar jenseits des Tönsbergs. Sie zeigte Beginn und Ende der Arbeitszeit in der Weberei an. Die meisten Oerlinghauser waren als Angestellte, Weber oder Näherinnen in „der Fabrik“ tätig. In dieser Blütezeit der Leinenindustrie stieg die Einwohnerzahl des Dorfes bis 1905 auf 2620 Einwohner. Außerdem blühte damals in Oerlinghausen die Zigarrenindustrie, die aber eigenartigerweise nach dem 1. Weltkrieg ganz verschwand. Sie wurde von der Möbelindustrie ersetzt. Nachdem neuerdings die Leinenindustrie nicht mehr die führende Rolle spielt, wollen wir hoffen, daß sich zu der vorhandenen Industrie noch andere Werke ansiedeln. Dadurch könnte die große Zahl der Pendler nach Bielefeld kleiner werden.

Schopkebad.

Schopkebad.

So war allmählich aus dem kleinen Dorf eine Industriegemeinde geworden mit städtischem Charakter. Schon die alten Vorsteher Freitag und Reuter (Vater des Bürgermeisters) hatten versucht, die Stadtrechte zu erlangen. Der 1. Versuch wurde 1888 gemacht. Im Stadtarchiv liegt noch die Abschrift einer seitenlangen Eingabe, die von dem jungen Rechtsanwalt Asemissen ausgearbeitet war. Aber alle Eingaben wurden abgelehnt. Doch die Bewohner ließen sich nicht entmutigen. Sie schafften vieles in Eigeninitiative. So schufen auf eigene Kosten 4 Bürger (Freitag, Weeke, Sprenger und Nagel) mit dem alten Wöstenfeld (Dettmer) auf dessen Grundstück das schöne Schopkebad.

Es war um die Jahrhundertwende das einzige Freibad weit und breit. Auch viele Auswärtige kamen ins schöne Schopketal, um in dem idyllischen Waldbad, das nur von Quellwasser gespeist wurde, zu baden. Um 1900 schrieb ein Mitbürger, Hans Paradies:

„ . . . und ich trank in deinen Quellen,
Schopketal, mich satt,
tauchte mich in deine Wellen,
liebes Schopkebad.
Und ich brachte mit nach Hause
frische Jugendkraft.
Oerlinghausen! Schopkezauber!
Das habt ihr geschafft!“

Das Schopkebad war ein Eldorado für uns Kinder. Dort konnten wir früh das Schwimmen lernen. Die Jahreskarte für Schüler kostete nur 75 Pfennig. Nach dem Baden kauften wir uns in dem kleinen Gasthäuschen für 5 Pfennig „Wiener Wurst“, eine Spezialität von Onkel Nagel (aus aufgeweichten alten Brötchen mit viel Korinthen, verschiedenen Gewürzen und dickem Zuckerguß gebacken).

Sehr schön gelegen waren auch die beiden öffentlichen Waschanstalten in der Schopke und in der Hellkuhle. Die Frauen fuhren die Wäsche mit der Schiebkarre oder trugen sie in einer „Molle“ auf dem durch ein Kissen geschützten Kopf ins Tal. Sehr schwer war der Rücktransport der noch nassen Wäsche bergaufwärts. Das frische Quellwasser kam aus dem Felsen und floß durch die beiden großen hintereinander liegenden Wasserbecken. Dort wurde die Wäsche gewaschen und gespült. Wenn wir Kinder dort vorbeigingen, hörten wir das laute Schnattern der Wäscherinnen. Warum die   Oerlinghauser aber boshaft die Waschanstalt in der Schopke den „Reichstag“ und die kleinere Waschanstalt in der Hellkuhle den „Landtag“ nannten, das verstanden wir noch nicht. Dafür wußten wir aber genau, daß der Storch die Jungen aus der Schopke und die Mädchen aus der Hellkuhle holte; denn das hatten wir von Tante Sieweke (der Hebamme) gehört, und die mußte es ja wissen.

Hotel „Stadt Bremen

Hotel „Stadt Bremen“.

Der Weg der Wäscherinnen, der Pastorenweg, war übrigens eine herrliche Rodelbahn. Wir rodelten damals fast überall, am liebsten auf den steilen Straßen. So sausten unsere Schlitten die steile Tönsbergstraße hinunter über die Hauptstraße in die Ziegenstraße (Niedernstraße). Oder wir rodelten die Twete zwischen Apotheke und Reuter hinunter über die Hauptstraße zwischen Theopold (Hunecke) und Schmidt bis vor Kortekamp (Schauder). Ein Junge mußte auf der Hauptstraße Wache halten und laut „Haaalt!“ rufen, wenn ein Kutscher mit Peitschenknall das Nahen seines Fuhrwerks ankündigte. Gewöhnlich war es Hellkamp, der mit seinem Pferde-Omnibus den Personenverkehr zwischen Bahnhof und Hotel „Stadt Bremen“ besorgte. Dann wurde das Rodeln nur kurz unterbrochen. Aber wenn der aufpassende Junge rief: „Mottenfritze!“, dann türmten wir in alle Richtungen; denn der Gendarm Graf war für uns Kinder eine Respektsperson.

Das erwähnte Hotel „Stadt Bremen“ (Stadthotel) war für die damalige Zeit ein sehr vornehmes Hotel. Dort kehrten viele „Reisende“ (Vertreter) ein, und es wohnten da manche „Sommerfrischler“. Schon vor 1900 gab der „Verschönerungsverein“ einen Bilderprospekt „Oerlinghausen — Sommerfrische im Teutoburger Wald“ heraus. Darauf sieht man noch u. a. die Abbildung der mit Steinen eingefaßten Schnakenbachquelle- Auf der Rückseite des Prospekts sind die Preise des Hotels „Stadt Bremen“ angegeben:

Zimmer mit Bedienung: 7 — 10 M pro Woche.

Volle Pension: 2,50 M — 3,50 M pro Tag.

Table d’hote: 1,25 M.3Speisetafel im Hotel

Gutes Mittagessen aus dem Hotel frei in die Wohnung gebracht: 0,75—1,00 M.

Wir würden heute fragen: Wie konnte der tüchtige Hotelier Kiffe so dicht an die Straße bauen? Nun, als er baute vor 1900, da gab es kaum Autos. Er sorgte traditionsgemäß noch für einen Pferdestall. Die Wörter Garage und Parkplatz kannte er sicher noch nicht! Wenn wir heute den starken Autoverkehr betrachten, dann können wir feststellen, daß in einem Jahrhundert die Entwicklung des Straßenverkehrs rasanter verlief als vorher in Jahrtausenden!

Im übrigen waren die Oerlinghauser sehr für Fortschritt. 1902 gründeten 11 Bürger ein eigenes Elektrizitätswerk! Weil um die Zeit viele Städte noch keine Stromversorgung hatten, waren die Dörfler besonders stolz auf ihr elektrisches Licht. Die hellen Straßenlampen hatten die alten Petroleumlaternen von 1875 abgelöst.

Dorfpumpe 1911. Foto: H. Diekmann.

Dorfpumpe 1911. Foto: H. Diekmann.

Ein schwieriges Problem war für das Gebirgsdorf von jeher die Wasserversorgung. Die privaten Brunnen reichten nicht. So hatte die Gemeinde 4 Dorfpumpen aufgestellt. Aber in heißen Sommern gab es oft große Wassernot. Am schlimmsten war es in dem trockenen Sommer 1911. Morgens um 6.00 Uhr gingen wir dann schon zu der zuständigen Dorfpumpe, die erst um 7.00 Uhr aufgeschlossen wurde. Die ersten bekamen viel, die nächsten wenig und die letzten nichts!

Das Bild zeigt die Dorfpumpe bei der Bäckerei Wedepohl (Hellweg). Durch diese furchtbare Not veranlaßt, wurde im Dorfparlament unter Vorsteher Liekefett der sofortige Bau einer modernen Wasserleitung beschlossen. Im nächsten Jahr war das Werk vollendet. Das war nicht einfach; denn beim Verlegen der Rohre stieß man fast überall auf felsigen Boden. Die Brunnen wurden im Schopketal gebohrt, und der Hochbehälter entstand auf dem Tönsberg hinter der Jugendherberge. Das Wasser war immer von guter Qualität.

Wer über Alt-Oerlinghausen berichtet, der muß auch die Schützengesellschaft erwähnen. Sie besteht seit 1590. Nach alter Tradition wird das Schützenfest in jedem Jahr am 1. Sonntag des Monats Juli gefeiert. Es beginnt am Sonnabend und endet in der Nacht von Montag auf Dienstag. Es ist ein echtes Volksfest.

Eine alte Tradition hat auch das Osterfeuer auf dem Tönsberg [livicon name=“sign-in“ htmltag=“span“ size=“15″ color=“#3a7cba“ hovercolor=“#196CA7″ animate=“true“ loop=“false“ eventtype=“hover“ onparent=“false“ duration=“500″ iteration=“2″ link=“http://lippe2web.eu/osterfeuer/“ target=“_blank“]. Schon lange vor Ostern wird an der Windmühle Holz angefahren.

Am ersten Ostertag wird dann der gewaltige Holzstoß abgebrannt. Bei gutem Wetter sind oft viele Hundert auf dem Tönsberg, nicht nur, um das Schauspiel des großen Feuers zu erleben, sondern auch, um von hier oben die vielen Feuer in der Umgegend zu sehen. In der Ferne erscheinen die Osterfeuer dann wie kleine Sterne.

Windmühle mit Kammweg.

Windmühle mit Kammweg.

Der Windmühlenstumpf ist das Wahrzeichen unserer Bergstadt. Er wird in der Umgegend „Kumpstonne“ genannt. Kumps ist das plattdeutsche Wort für Weißkohl. Gemeint ist also eine Sauerkrauttonne. Die Windmühle wurde 1751 gebaut. Man glaubte, mit dem Höhenwind eine gute Energiequelle zu haben; aber man hatte sich getäuscht. Mehr als einmal sind die Flügel durch den Sturm beschädigt oder ganz abgerissen worden. Außerdem war der schwierige Transport für Korn und Mehl durch Pferde und Esel zu kostspielig. Die günstiger gelegenen Wassermühlen im Schopketal machten scharfe Konkurrenz. Mancher Müller ist dort oben arm geworden. Nach hundert Jahren wurde der Betrieb aufgegeben. Seit 1852 steht nun also der Mühlenstumpf auf der stolzen Höhe und ist zum Wahrzeichen unserer Bergstadt geworden. Wer zum erstenmal die Rathausstraße heraufkommt, bleibt unwillkürlich stehen und staunt über die steile Bergwand mit dem eigenartigen Turm.

Neuerdings kann man die Windmühle auf kürzerem Wege erreichen: über die „Himmelsleiter“ und den „Eselspfad“. Man geht zwischen Apotheke und Reuter durch die Twete (Heckenweg) zur Hermannstraße, dort schreitet man ein paar Meter nach links und sieht dann zwischen zwei Häusern den Anfang der „Himmelsleiter“ (153 Stufen). Anschließend steigt man noch den „Eselspfad“ (82 Stufen) hinauf und erreicht so nach 235 Stufen die Windmühle. Es ist ein herrlicher „Trimm-Dich-Pfad“ für Gesunde. Für Familien mit Kindern im entsprechenden Alter sind die Treppen eine Attraktion! Nachdem man die zum Ausruhen einladenden Bänke benutzt hat, kann man dann den sehr bequemen Kammweg   über   den   Tönsberg   bis   zur  Hünenkapelle wandern (3 km). Mit seinen vielen Aussichtspunkten ist dieser Weg der schönste Wanderweg in — Oerlinghausen.

Außer diesem Kammweg sind noch 60 km andere Wanderstrecken in unserem Stadtgebiet mit Wegezeichen versehen, und zwar macht das seit Jahrzehnten die Familie Gustav Roolf! Der verstorbene Vater hat das Hobby auf seinen Sohn vererbt.

Aber ich will nicht nur die Fußgänger ansprechen, sondern auch die Autofahrer. Für sie sind 6 Rundwanderwege auf Oer-linghauser Gebiet angelegt mit günstigen Parkplätzen. Und außerdem sorgt die Entlastungsstraße (auf dem Titelbild unten) dafür, daß die Autos nicht mehr durch die schmale Hauptstraße fahren müssen. Sie können durch die Zeppelin-und Robert-Koch-Straße den Tönsberg umfahren und leicht zum Segelflugplatz in der Senne gelangen. Es ist der größte Segelflugplatz in der Bundesrepublik. Voriges Jahr wurden dort über 50 000 Starts gezählt. Es ist eine Freude, die vielen Segelflugzeuge lautlos am Himmel gleiten zu sehen. Wer Glück hat, kann auch einen Rundflug machen und aus luftiger Höhe sehen, wie schön unser Oerlinghausen liegt — im Teutoburger Wald und in der Sennelandschaft!

Nachtrag:

Durch Streichungen sind die eigentlichen 50 Jahre des Jubiläums zu kurz gekommen. Ich bringe darum hier eine gedrängte Zusammenstellung der städtischen Ereignisse in den Amtszeiten der Bürgermeister von 1926—1976:

(1926—1933)

Bürgermeister August Reuter: Stadtwerdung 1926 Einführung der Müllabfuhr 1926 Ausbau des Marktplatzes 1927/28 Bebauung der Marienstraße 1927 Bebauung von Boksiek, Grüte, Lehmstich 1927—1929 Bau der Jugendherberge 1928 Bau der städtischen Kanalisation 1930 Anlage des 1. Segelfluggeländes Einweihung des Ehrenmals auf dem Tönsberg 1930

(1933—1945)

Bürgermeister Friedrich M ö 11 er : Bau des Freibades 1936 Ausbau des Segelflugplatzes 900-Jahr-Feier 1936 Übernahme der „Gehobenen Privatschule“ als „Städtische Oberschule“ 1936 Errichtung des „Germanengehöfts“ 1937 Kriegsnotjahre 1939—1945 Zusammenbruch: Osterkämpfe um den Paß 1945

(1945—1946)

Bürgermeister August Reuter:

Besatzung (nacheinander) durch Amerikaner, Norweger und Engländer ab Ostern 1945

Unterbringung und Betreuung der Vertriebenen

Beseitigung von Kriegsschäden 1945 bis 1946

(1946—1965)

Bürgermeister Heinrich Kramer:

Wiederaufbau, Betreuung der Vertriebenen ab 1946

Schulanbau (8 Klassenräume) 1948/49 Gründung des Progymnasiums 1949 Förderung von Wohnsiedlungen (1950—1963)

Gründung der Volkshochschule 1951 Förderung von Industrieansiedlungen Ausbau des neuen Segelflugplatzes 1951 Bau der Hauptschule mit Turnhalle 1958 Erwerb der Domäne Dahlhausen als Tauschobjekt 1959 für den Hof Sültemeier

Gründung von Oerlinghausen-Süd 1960 Errichtung der „Fröbelschule“ 1962 Umwandlung des Progymnasiums in eine Vollanstalt 1964 Ausbau des Städtischen Freibades 1965

(1965—1969)

Bürgermeister Heinrich Schildmann: Ankauf des Grütegeländes 1966 Neubauplanung eines Gymnasiums 1966 Förderung des Wohnungsbaues Ausbau des 1. Teils der Entlastungsstraße (Robert-Koch-Straße) 1968 Bildung der Großgemeinde 1969

(1969—1975)

Bürgermeister Konrad Dreckshage: Förderung von Industrieansiedlung in Oerlinghausen-Süd 1969 Aufstellung von Bebauungsplänen 1969—1974

Erdgasversorgung Oerlinghausen 1972 Ausbau des 2. Teils der Entlastungsstraße (Zeppelinstraße mit Damm) 1972

Erhaltung der Wistinghauser Senne als Erholungsgebiet 1974

Bau des Schulzentrums 1972— 1975

(ab 1975)
Bürgermeister Erich Diekhof:

Vollendung des Schulzentrums 1975

Ausbau der Lämershagener Straße bis zur Grenze 1975/76

Planung der Stadtkernsanierung 1975/76

Pachtung des Weberschen Parks 1976

50-Jahr-Feier der Stadt Oerlinghausen 1976

Die Öffnung des Weberschen Parks war ein Höhepunkt der Jubiläumsfeier. Bei der Parkbeleuchtung glaubte man sich in einen Kurort versetzt! Hunderte nahmen schon die Gelegenheit wahr, den sehenswerten Bergpark mit seinen exotischen Bäumen zu besuchen. Oerlinghausen ist um ein Schmuckstück reicher geworden.

Zum Schluß möchte ich noch auf das Schulzentrum eingehen. Dieser Gebäudekomplex hat eine große Bedeutung für das kulturelle und sportliche Leben der Großgemeinde Oerlinghausen.

Im Schulzentrum Oerlinghausen. Foto: Burkamp

Im Schulzentrum Oerlinghausen. Foto: Burkamp

Seit über 25 Jahren ist Oberstudienrat Kastner unermüdlich für das Musikleben in der Stadt Oerlinghausen tätig gewesen. Mit vielen Konzerten hat er die Bevölkerung erfreut trotz der oft ungünstigen Raumverhältnisse. Endlich hat er nun im Schulzentrum die entsprechenden Räume für eine wertvolle musikpädagogische Tätigkeit. Die Konzerte, welche Herr Kastner mit dem Orchester der Volkshochschule und des Gymnasiums jetzt in der neuen Aula gab, waren ein großer Erfolg. Hoffentlich findet er die notwendigen Helfer, damit in Zukunft „das neue Schulzentrum zu einem Zentrum musikalischer Betätigung wird.“

In diesem Zusammenhang sei auch an das Konzert aller Gesangvereine der Großgemeinde erinnert. Die große Aula war ganz gefüllt. Bürger aus allen Stadtteilen gaben sich hier ein Stelldichein!

Die Volkshochschule wird durch das neue Weiterbildungsgesetz großen Auftrieb erhalten. Der Leiter, Oberstudienrat Knapp, wird es sehr begrüßen, daß ihm hierbei nun die neuen Räume des Schulzentrums zur Verfügung stehen. Die vorbildliche Altenbetreuung (im Rahmen der Volkshochschule) durch Herrn Liebing (getrennt in Oerlinghausen und Helpup) kann jetzt bei besonderen Gelegenheiten auch in der Aula zusammengefaßt werden. Ebenso können das Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt ihre nach alter Tradition gemeinsame Altenfeier nun in der Aula würdig stattfinden lassen.

Auch der Sport wird durch das Schulzentrum weiteren Auftrieb bekommen. 17 Jahre hat sich der jetzige Schulrat Könemann um die Entwicklung des Sports in Oerlinghausen verdient gemacht. Endlich hat er als Vorsitzender des TSV nun durch die große Sporthalle und die noch entstehenden Außensportanlagen die Möglichkeit, das Sportleben in unserer Stadt noch mehr zu fördern.

Wenn ich jetzt noch die Theaterabende erwähne, dann sind damit bei weitem nicht alle Möglichkeiten aufgezählt, die das Schulzentrum zu einem echten Bürgerzentrum werden lassen. Möge durch die eifrige Benutzung dieses Schulzentrums ein Gemeinschaftsgeist entstehen, der die Alt-und Neubürger zusammenwachsen läßt zu einer blühenden Großgemeinde Oerlinghausen!

Bruno Hunke: Heimatland Lippe 05/1976

Quellen:
August Reuter „Manuskript über Oerlinghauser Kapitel“. Paul Stecker „Aus der Geschichte unseres Dorfes“. Oerlinghauser Stadtarchiv. A.W.Peter   „Lippe — eine Heimat- und Landeskunde“. Kittel: „Geschichte des Landes Lippe“.